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Wer oder was sind wir? Dieser Frage geht der Fotograf Bernd Kolb in seiner neuen Fotoausstellung „Brahman“ nach, die am 1. Juni in der Berliner Malzfabrik eröffnet wird. Die Fotoausstellung von Bernd Kolb ist ein visuelles und emotionales Erlebnis zugleich.

Von Bernd Kolb

Die Frage „Wer bin ich?“ ist keineswegs neu, wurde über Jahrtausende hinweg oft gestellt, sehr unterschiedlich beantwortet und prägt stets unser eigenes Selbst-Verständnis. Das Bedeutende an dieser Frage ist für mich, wer sie stellt. Ist es unser Verstandes-Ich, also unsere von allen äußeren Umständen und Erfahrungen geprägte Person, oder ist es unser „wahres Selbst“, das „innere Ich“, von dem in vielen alten Kulturen die Rede ist. Wenn diese Frage heute mit dem „Verstandes-Ich“ gestellt wird, in der Selbst-Identifikation mit dem körperlichen, materiellen, gedachten Ich, kann die Antwort auch nur aus dieser subjektiven Ego-Perspektive kommen. Es erwächst ein selbstoptimierender Individualismus, in einer von Abgrenzung und Wettbewerb geprägten Wissensund Leistungsgesellschaft, deren Wahrnehmung der menschlichen Existenz mit der Geburt beginnt und dem Tod endet. Lebensglück und Zufriedenheit werden über den persönlichen Erfolg definiert, Anerkennung erhalten wir über das, was wir leisten, gemessen an Ertrag und Profit.

Materieller, äußerer Wohlstand scheint wichtiger als unser inneres Wohlgefühl. Das „Eigene“ ist wichtiger als das „Ganze“. Wenn wir den Menschen aber als Teil der (unberührten) Natur, dem einzigen immer gültigen System, verstehen, widerspricht die Idee der Selbstoptimierung des Einzelnen fundamental der Gesetzmäßigkeit des gerechten Ausgleichs. Das elementare Prinzip eines langfristig funktionierenden Öko-Systems ist das Streben nach dem Wohl und dem Wachsen des Ganzen. Gut ist (nur), was allem dient. Das daher mit großer Intelligenz verfolgte Ziel ist das nachhaltige Gleichgewicht. Nur so konnte über Jahrmillionen hinweg die Vielfalt und Fülle der Natur entstehen. Droht dieses Prinzip nun durch das menschliche Ego-System aus dem Gleichgewicht zu geraten, wird die Intelligenz der Natur auch wieder dafür sorgen, dass es zu einer aus Sicht des Ganzen notwendigen Korrektur kommt. Deshalb wird es zur menschlichen Schicksalsfrage, wer und was wir sind.

Der Mensch wird auf seine Rolle als Konsument reduziert

Da wir heute unsere Zukunft mit Krediten finanzieren und sich Konsumenten, Unternehmen und Staaten immer weiter verschulden, brauchen wir in dieser Logik eine Entwicklung, die möglichst kalkulierbar und abgesichert ist. Der „Return on Invest“, die Zukunftsrendite, kommt ja nur dann, wenn sich während der Kreditlaufzeit auch die heute getroffenen Annahmen über die künftige Entwicklung der Gesellschaft („der Märkte“) erfüllen. Das Wachstum wird programmiert. Möglich wird dies durch die neue, digitale Kultur, die den einzelnen Menschen abstrakt als berechenbares Datenprofil begreift. Aus Furcht, wir könnten in einer Entwicklung, die womöglich an ihre Grenzen stößt, die Kontrolle verlieren, bauen wir ein Netz, das Internet, in dem jeder Einzelne und seine sämtlichen digitalen Handlungen registriert, als dynamischer Echtzeit-Datensatz verortet, gespeichert und von Maschinenintelligenz kontrolliert wird.

So wirbt Google schon heute damit, dass dieses System aufgrund der Beobachtung unserer Internet-Nutzung bereits einige Sekunden vor uns selbst weiß, was wir (unser Ego) wollen (werden), um dementsprechend gleich das passende Angebot präsentieren zu können. Damit wir auf den Bestellknopf drücken, wenn unsere Lust am größten ist. Das eigentlich Unfassbare daran ist: Es funktioniert. Ob wir wollen oder nicht, alles wird digital. Personalausweis, Steuererklärung, „autonomes“ Fahren, die drohende Abschaffung des Bargelds und vieles mehr – es gibt kein Entkommen. Wann waren Sie selbst zum letzten Mal einen ganzen Tag lang „offline“? Dies ist die vielleicht größte Kultur-Revolution in der Geschichte der Zivilisation und des darin enthaltenen Menschenbilds. Es ist die tiefgreifendste Manifestation eines Selbst-Verständnisses, das den Menschen auf seine körperliche, materielle Erscheinung, die Person, das Ego reduziert, das lust- oder angst-getrieben nach individualistischer Selbstoptimierung strebt, vollkaskoversichert. Künstliche Intelligenz statt menschliches Mitgefühl, Algorithmen ersetzen den gesundem Menschenverstand, alles wird berechnend.

Selbst-Bewusst-Sein entwickeln

Deshalb ist jetzt der seit Menschgedenken wichtigste, alles entscheidende Moment gekommen, in dem wir uns der Frage danach, wer und was wir sind, stellen müssen. Das Grundlegende für mich ist dabei, dass wir sie Selbstbewusst stellen, befreit aus der einseitigen Sicht unseres Ego-Ichs. Dafür braucht es Klarheit darüber, ob wir unseren Verstand benutzen oder unser Verstand uns. In diesem Satz wird deutlich, dass es offensichtlich zwei Instanzen in uns gibt, unser Ego und unser Selbst – nicht entweder oder, sondern sowohl als auch. Albert Einstein drückte dies in dem 1934 erschienenen Buch „Mein Weltbild“ so aus: „Der wahre Wert des Menschseins ist in erster Linie dadurch bestimmt, in welchem Grad und in welchem Sinn er zur Befreiung vom Ich gelangt ist.“

In vielen alten Kulturen findet sich diese Erkenntnis wieder. Sie wurde nicht durch empirische Forschung gewonnen, sondern durch Praktiken, die es dem Menschen ermöglichen, sein Selbst- Bewusst-Sein zu entwickeln. Das All- Verbundene lässt sich nicht erdenken, wohl aber erfahren. Wir leben heute in einer Zeit, in der wir mehr wissen als jemals zuvor und gleichzeitig, so scheint es, immer weniger verstehen, wie wir eine Politik zum nachhaltigen Wohle des Ganzen gestalten können. Wie finden wir vom Ego- System zurück ins Öko-System? Es wurde mir immer klarer, dass dies keine Frage des Intellekts, sondern vielmehr eine Frage des Bewusstseins ist. Es geht nicht um Wissen, das ja reichlich vorhanden ist, sondern um die Weisheit, mit uns selbst, unseren Mitmenschen und unserer Natur sorgsam und gedeihlich umzugehen. Dies ist für unsere Zukunft existenziell und sicher keine Frage von Gutmenschentum.

Reise zur Weisheit

So brach ich 2012 auf, um die ältesten Weisheitslehren Asiens, die sich mit dem menschlichen Bewusstsein befasst hatten, zu „studieren“ – „THE WISDOM JOURNEY“. Meine Expedition führte mich durch Indonesien, Burma, Kambodscha, Thailand, Nepal und Indien, an die bedeutendsten Quellen alter östlicher Weisheitstraditionen. In der Hoffnung, dort auf jene zu treffen, die noch heute in diesem wahren Selbst- Bewusstsein leben. Ich reiste gründlich vorbereitet und mit großen Erwartungen. Ausgerüstet mit Laptop und Kamera. Ich wollte verstehen und dokumentieren, um diesen Schatz der Menschheit wieder in die Moderne zu bringen. Aber an jedem Versuch, so typisch westlich analytisch verstehen zu wollen, bin ich kläglich gescheitert. Als ich schon aufgeben wollte und meinen Plan über Bord warf, begann das eigentliche Abenteuer. Mir wurde immer klarer: Nicht der Verstand schafft Bewusstsein, sondern das Bewusstsein selbst bestimmt, was wir verstehen wollen und können. Man kann Bewusstsein nicht „erdenken“, man kann es nur durch Erfahrungen entwickeln, die uns Aufschluss darüber geben, wer und was wir sind. Kein Buchwissen wird daher jemals unser Bewusstsein verändern. Bewusstsein ist etwas Inneres, etwas Unaussprechliches, Unbeschreibbares. Dies zu akzeptieren, ohne es greifen zu wollen, war der einzige Weg.

„Sein“ aus dem „Selbst“ heraus

Was ich gelernt habe, war einfach nur DA zu SEIN. Angst- und vorurteilsfreie Begegnungen mit scheinbar fremden Menschen, mit Respekt, geschenktem Vertrauen und bedingungsloser Zuneigung. Verbundenheit jenseits der Äußerlichkeit, Eins-Sein im Innersten. Die Entfaltung des vielleicht größten menschlichen Potenzials: des Mitgefühls, jenseits jedes getrennt gedachten „Ich“ und „Du“, dem Ego. Das Mitgefühl als höchste Form von Intelligenz. Dieselbe Intelligenz der Natur, die alles im Gleichgewicht hält.

Der Mensch hat ein Ego, aber er ist nicht sein Ego, er ist viel mehr als das. Was uns die Weisheitstraditionen lehren, ist das „Sein“ aus dem „Selbst“ heraus, um sich des „Egos“ als unseres mächtigsten, schöpferischsten Werkzeugs zu bedienen und nicht umgekehrt. Deshalb gibt es auch heute noch die täglichen, praktischen „Selbst“-Erfahrungen, denen Zeit und Raum gewidmet wird. So heißt es in der ältesten dokumentierten Weisheitslehre der Welt, den indischen Veden: »Diejenigen, die alle Wesen in sich selbst sehen und sich selbst in allen Wesen sehen, kennen keine Furcht. Diejenigen, die alle Wesen in sich selbst sehen und sich selbst in allen Wesen, kennen kein Leid. Wie kann die Vielfalt des Lebens denjenigen betrügen, der seine Einheit sieht?« (Isha Upanishad).

Die beiden fundamentalen Begriffe der Veden für unser wahres Sein sind ATMAN und BRAHMAN. Die grundlegende Erkenntnis ist die Einheit des Selbst (ATMAN) mit dem Einen (BRAHMAN). Dieses „Eine“ (BRAHMAN) ist das allgegenwärtige, immerwährende, formlose Bewusstsein, der Urgrund allen Seins. Das erfahren wir, einst und heute, im reinen Bewusstsein, jenseits unseres intellektuellen Vorstellungsvermögens, tief in unserem Innersten, weit über unser gedachtes Ego-Ich hinaus. Unsere einzige Begrenzung ist unser Verstand, den wir in unserer heutigen Kultur zum Alleinherrscher auserkoren haben.

Befreit von Vorurteilen und Glaubenssätzen

An dieser Stelle ist es mir wichtig zu betonen, dass ich keiner religiösen Glaubensgemeinschaft angehöre und auch mit keiner sympathisiere. Alle Religionen, die ich kenne, sind menschgemacht und haben für mich in ihrem heutigen, institutionellen Selbstverständnis einen dogmatischen, subjektiven und politischen Charakter. Auf meiner Spurensuche ging es mir ganz pragmatisch um die Entwicklung meines eigenen Bewusstseins und damit meiner Fähigkeiten über meinen Intellekt hinaus. Man muss nicht religiös sein, um zu meditieren und die Praxis der »Innenschau « zu üben.

Es geht dabei weder um Romantik noch um Esoterik – es geht um die wichtige Frage, wer und was wir sind, befreit aus der Limitierung von Vorurteilen und Glaubenssätzen. »Nada Brahma« heißt es in den Veden, »die Welt ist Klang«, und »Klang« meint »Schwingung«. Das »Göttliche« wird also als Schwingung wahrnehmbar. So kam mir die Idee, einmal zu versuchen, diese All-Verbundenheit (BRAHMAN), die berühmte »Wellenlänge «, die aus Frequenz besteht, zu »fotografieren«. Vielleicht war es ja möglich, über die Frequenzmuster von Licht und Farbe (nichts anderes »sehen « wir, wenn wir ein Bild betrachten) hinaus auch diese Resonanz zwischen mir und meinem Gegenüber festzuhalten, wenn sich beide im Zustand des absichtslosen, egobefreiten Seins (ATMAN) befinden.

Wenn die Kamera selbst gar nicht mehr wahrgenommen wird. Wenn ich mein Motiv also nicht mehr »sehe«, sondern »fühle« und umgekehrt auch der andere sich nicht mehr fotografiert fühlt, weil auch er sich in einem inneren Zustand des Eins- Seins befindet. Wenn alles drum herum verschwindet.

Sehen ohne aktiv zu schauen

Aus diesem Experiment heraus sind meine Fotos entstanden. Kein Setting, kein Stativ, kein Kunstlicht, kein Blitz, keine Pose. So tief im Inneren, dass ich manchmal schlicht vergaß, den Auslöser zu drücken. Wenn das anfängliche Betrachten in ein Verbinden mit dem abgebildeten Gegenüber geht, beginnen wir, unser eigenes, wahres Selbst zu fühlen. Der direkteste Weg, die Einheit (BRAHMAN) zu erfahren, ist der Moment, in dem sich die »Zweiheit« auflöst! Wir überlisten unser Gehirn, indem wir das Bild so lange ohne zu blinzeln betrachten, bis es unserem Verstand »langweilig« wird. Genau dann wird es spannend, dann beginnt die Erfahrung, dann »sehen« wir, ohne aktiv zu »schauen«.

Die Bilder in „BRAHMAN“ sind in den Jahren 2015-2016 entstanden, also in der Zeit nach der Veröffentlichung von »ATMAN«. In der Arbeit an BRAHMAN fand ich heraus, dass es einfacher war, sich nur auf das leuchtende Gesicht und weniger auf den Hintergrund einzulassen. Dies entsprach auch genau den realen Situationen, in denen die Bilder entstanden sind. Alles »Äußere« verschwand und fokussierte sich auf mein Gegenüber, wie bei den Vignetten alter Schwarzweiß-Fotografien. Bis sich im reinen Sein alles konkret Visuelle vollends auflöste.

So entwickelte sich intuitiv ein eigener, reduzierter Bildstil, der mittlerweile ganz dem entspricht, was ich selbst beim Fotografieren wahrgenommen habe. Das »Schwarz« stellt das Formlose dar, alles, was leuchtet, ist Geist, der das »Licht«, das »Göttliche« reflektiert, der uns durchdringt und den wir durch urteilloses Einlassen fühlen können. Das wurde für mich zur einfachsten Erklärung auf die Frage, was im Zusammenhang mit Brahman als Bewusstsein gemeint ist. So unterschiedlich die Menschen auf den Bildern auch sind – sie alle leben auf ihre Weise im reinen Bewusstsein ihres Selbst.

Dafür tun sie einiges, aber noch viel wichtiger, sie lassen vieles einfach weg. Sie haben ein Gefühl, wer und was sie sind, sie leben in Verbundenheit und Harmonie mit sich und anderen, sie haben ihren inneren Frieden gefunden. Sie sind sehr klar und frei von Furcht, weil sie sich selbst nicht von Äußerlichkeiten abhängig machen. Sie haben nicht einmal Angst vor dem Tod, weil sie fühlen, dass sie weit mehr sind als ihre körperliche Erscheinung. Sie laden uns ein, ganz tief hineinzuschauen in dieses allverbundene Selbst. So ist dieses Werk entstanden.

Ab 1. Juni 2017 bis voraussichtlich Ende September: Fotoausstellung „Brahman“ in der Malzfabrik
Bessemerstr. 2-14, 12103 Berlin, Mehr Infos auf www.brahman.de

Über den Autor

Avatar of Bernd Kolb

Bernd Kolb gilt nach seiner Karriere als Internetpionier, deutscher Unternehmer des Jahres und Innovations- Vorstand der Deutschen Telekom weltweit als Visionär und Vordenker. Mit Blick auf die großen Herausforderungen unserer globalen Konsumgesellschaft widmet er sich seit einigen Jahren der Suche nach den Quellen der Weisheit, die uns für eine positive und nachhaltige Gestaltung der Zukunft vieles lehren kann. Seine erste Station führte ihn nach Marrakesch, wo er einen traditionellen Stadtpalast mit jahrhundertealten Methoden renovierte und als Hotel zu neuem Leben erweckte. Dort gründete er auch den „Club of Marrakesh“, ein globales, interdisziplinäres Netzwerk von Vor- und Querdenkern. Doch es wurde schnell klar, dass es mit „Denken“ allein nicht getan ist. 2012 brach er auf, um nach alten Weisheitstraditionen in verschiedenen Regionen und Kulturen Asiens zu suchen, bevor wir sie durch den raschen Wandel unserer Zeit womöglich für immer verlieren. Begleitet von seiner Kamera, die am eindrücklichsten erfasste, was mit Worten und statistischen Erhebungen nicht zu beschreiben ist. 2015 erschien bei Herbig sein erstes Buch ATMAN. Seine außergewöhnliche Fotografie lässt den Betrachter den inneren Reichtum des Menschen, unser wahres Selbst, aufs Neue entdecken. Sie ist visuelles und emotionales Erlebnis zugleich.

Mehr Infos

Neues Buch: Bernd Kolb: Brahman – wer oder was sind wir?, Verlag Old Wisdom, 2017





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