Anzeige

Die Notwendigkeit moderner Initiationsriten für Jung und Alt

Ich hatte gerade ein wundervolles Gespräch mit meiner 16-jährigen Tochter. Jedes Mal, wenn wir den „Draht zueinander“ finden, liegt eine dankbare Freude in der Luft.

Eigentlich ist es ganz einfach. Um einen Teenager zu verstehen, muss man ohne Vorurteile lauschen können. Doch wer kann das schon?

Welche Eltern bleiben gelassen, wenn der geliebte Sohn in einem Sarg schläft, am liebsten 23 1/2 Stunden am Tag vor dem Computer verbringt oder sturzbetrunken von der Party heimkehrt?
Wer ist demütig und standfest genug, sich von seinen Kindern präzise und gnadenlos die eigenen Schwächen und Scheinheiligkeiten unter die Nase reiben zu lassen?

Verzweifeln Sie nicht auch, wenn sich Ihr Kind an denselben Irrtümern verletzt, von denen Sie sich in Dutzenden Workshops und Therapiestunden gerade mühsam befreit haben?

Einem Teenager offen zu begegnen, setzt voraus, dass Sie bereit sind, loszulassen und sich für unangenehme Emotionen zu öffnen. Denn Ihr Kind wird Sie ab einem bestimmten Alter mit Ihrer eigenen, ungelebten Wahrheit konfrontieren.

Warum? Weil es der Kreislauf des Lebens so will. Zu einem Zeitpunkt, da wir selbst in der Routine unseres Lebens einzuschlafen drohen, schenken Teenies uns Chaos. Wir können dieses Chaos bekämpfen oder uns davon berühren lassen.

 

Jugendliche sehnen sich nach authentischen Vorbildern

Die meisten Erwachsenen sind mit der Meisterung ihres Alltags bis an die Belastungsgrenze gefordert. Die kreativen Fragen von einst verblassen im Hintergrund angesichts des Berges an Notwendigkeiten. Wen wundert es, dass viele von uns zum Feierabend nur noch ihre Ruhe haben wollen. Wir glauben, genug vom Leben zu wissen, und schlafen ein. Der Preis ist hoch. Wir tauschen Lebendigkeit gegen Sicherheit. Doch Bewusstsein will und muss erwachen und sich entfalten – und zwar bis zum letzten Atemzug. Je mehr wir den Himmelstürmer in uns verleugnen, umso unbequemer wird uns die nachfolgende Generation provozieren.

Teenies spüren unsere Lebenslügen. Sie erkennen mit schlafwandlerischem Instinkt den Unterschied zwischen kontrollierender Macht, basierend auf Schwäche, und inspirierender Kraft, wurzelnd in Reife und Souveränität. Sie sehnen sich nach Vorbildern, die ausstrahlen, was sie in ihrer Lebensphase dringend suchen: Klarheit, Kraft und Integrität.

 

Am Beginn jeder Schöpfung steht Chaos

teens4.jpgSeien wir doch ehrlich: Manchmal sind wir Eltern mit unserem eigenen Leben lange nicht genug im Einklang, um unsere heranwachsenden Kinder überzeugend begleiten zu können. Anstatt an ihnen herumzudoktern, sollten wir uns zuerst selbst ehrlich hinterfragen: Wo bin ich eingeschlafen? Welchen Traum habe ich verraten?

 Am Beginn jeder Schöpfung steht Chaos. Schöpfung friert nicht ein, nur weil wir 40 Jahre alt geworden sind, ein Haus gebaut und uns in einer mehr oder weniger funktionierenden Ehe eingerichtet haben. Vielleicht sind wir etwas taub geworden, doch irgendwo tief in uns pulsiert immer noch die reine Lebenskraft – bereit, das alte Ich sterben zu lassen und immer wieder neu zu staunen.

In spirituell orientierten Kulturen gab es ein natürliches Wissen um diesen ewigen Phoenixprozess. Bestimmte Lebensphasen wie zum Beispiel die Geburt, die Pubertät, die erste Menstruation, die Midlife-Crisis und das Nahen des Todes wurden als essentielle Übergänge in eine neue Bewusstseinsebene respektiert. Diese Abschnitte korrespondieren mit wichtigen psychologischen und spirituellen Entwicklungsstufen. Um diese Übergänge zu meistern und zu vollenden, gab es kraftvolle Initiationsriten, geleitet von den weisesten Frauen und Männern der Gemeinschaft. Sie schufen heilige, geschützte Räume, die es ermöglichten, das alte Selbstverständnis loszulassen, um sich auf einer weiteren Bewusstseinsebene neu zu entdecken. Diese Riten verliefen meist in drei Phasen:
1. die Loslösung vom alten Kontext
2. Herausforderung und Neuorientierung
3. Integration auf der neuen Stufe
Für jeden Abschnitt gab es Rituale, Tests und Lehrmeister. Durch die zunehmende Urbanisierung und die damit einhergehende Materialisierung der Gesellschaft löste sich dieser wertvolle und natürliche Evolutions-Mechanismus auf und hinterließ eine folgenschwere Lücke.

 

Kollektiver Verrat an einer unbequemen Generation

Das Teenagersein ist ohne Zweifel eine der wichtigsten Übergangsphasen unseres Lebens.

Aus Überforderung haben wir die Verantwortung für die Begleitung unserer Jugend an die Schule abgegeben. Dieses System vermittelt jedoch fast ausschließlich mentale Informationen und ist bis jetzt nicht in der Lage, den Reifungsprozess eines jungen Menschen weise zu begleiten. Wie können wir auch von einem gestressten Lehrer, dem vielleicht selbst der Sinn seines Daseins verloren gegangen ist, erwarten, dass er unseren Kindern ein inspirierendes Vorbild ist? Viele überforderte Lehrer halten sich die in ihrer Kraft überschießende „Meute“ gerade so vom Leib. Wie ein Spruch es zynisch zum Ausdruck bringt: „Wir sind die Schüler von heute, die in Schulen von gestern von Lehrern von vorgestern auf Probleme von übermorgen vorbereitet werden.“

teens2.jpg Aus Ermangelung echter Antworten unterdrücken wir unbewusst die hinterfragende Kraft Jugendlicher und erschaffen so notorische Jasager und Rebellen. Aus Angst lehren wir sie, dass Ehrlichkeit, Kreativität und ungebändigte Lebenslust nicht erwünscht sind. Da sie uns zu schmerzhaft an unsere eigenen Grenzen erinnern, begehen wir kollektiv Verrat an dieser unbequemen Generation.
Unbewusst vermitteln wir ihnen die Botschaft, dass ihre Verrücktheit, Leidenschaft und auch ehrlich gezeigten Sinnkrisen nicht erwünscht sind. Leider bietet auch die spirituell-psychologisch aufgeklärte Szene kaum echte Alternativen. Der gute Wille mag etwas ausgeprägter vorhanden sein, doch die Herausforderungen sind dieselben. Zu sehr sind wir mit der eigenen Selbstfindung beschäftigt oder vergessen simpel, dass sich unsere Teenies in einer komplett anderen Lebensphase befinden.

Während wir uns vielleicht im Loslassen der materiellen Welt üben, stürzt sich unser Kind mitten hinein in das Spiel um Beziehungen, Sex, Geld…

Wir mögen uns als Erwachsene vielleicht selbst überzeugen können, wenn wir von Idealen wie Liebe und Ehrlichkeit reden, doch unser Teenie spürt mit feinem Jagd-Instinkt die peinliche Diskrepanz zwischen echter, vom Leben durchwirkter Erfahrung und dem puren Schein. Wenn ich wissen möchte, ob ich gerade doziere oder wahrhaft spreche, brauche ich nur das Gesicht meiner Tochter zu beobachten.

Die Ansicht, Teenies seien spirituell nicht interessiert, ist ein Trugschluss. Nach meiner Erfahrung verfügen sie sehr wohl über eine tiefe, spirituelle Ader, doch sie stehen nicht auf große Worte. Sie lieben es cool und bodenständig. So entwickeln sie ihre eigene Subkultur, um sich von der nicht überzeugenden Erwachsenenwelt abzugrenzen. Die Medien haben dieses Manko erkannt und beuten es schamlos aus. Auch sie haben keine echte Erfüllung zu bieten, doch in ihren Versprechen nach kurzzeitiger Befriedigung durch Alkopops, Videospiele und Klamotten liegt eine enorme Gewinnspanne.

Gibt es Grund zu verzweifeln? Nein, und es ist dringend notwendig, wieder echte Freundschaft mit dieser wertvollen Generation zu schließen. Ein Sprung zurück in die magisch-mythischen Initiationsriten der Vergangenheit ist sicher nicht zeitgemäß. Was wir benötigen, ist ein neues, modernes Kraftfeld der Initiation. Eine regelmäßige Auszeit, in der wir alle unsere Konzepte über das Leben und uns selbst ehrlich überprüfen können. Ein modernes Initiationsseminar sollte uns den Rahmen bieten, uns selbst überraschen zu können. In jedem Menschen, egal wie

alt, verbergen sich noch so viele unerforschte Potentiale. Wir wissen zu wenig, um mit dem Staunen schon aufzuhören. Nur durch regelmäßiges Herausfordern und Hinterfragen können wir in dieser schnelllebigen Zeit ein Leben im Einklang mit unseren innersten Werten führen. Ja, wir brauchen solche Initiationsräume für unsere Kids, doch in allererster Linie für uns selbst.

Hinter jedem
scheinbaren Chaos
verbirgt sich eine
Harmonie höherer
Ordnung,
die wir nur noch
nicht verstanden
haben.

Im allgemeinen Gezeter über den Zustand der Jugend geht oft der wichtigste Aspekt völlig verloren: Wir leben in einer sinnentleerten Gesellschaft. Viele Erwachsene haben sich entweder von Gott abgewandt und in der materiellen Welt verirrt oder vollführen ein unglaubwürdiges Eso-Theater. Das reicht nicht aus, um diese kraftvollen Seelen zur Teilnahme an unserer Gemeinschaft zu bewegen. Wir versuchen, eine scharfgeistige und wache Generation zu motivieren, sich in ein hohles, zukunftsloses Projekt einzubringen und wundern uns, warum die Suizidversuche unter Jugendlichen stetig zunehmen.
Nur wenn wir unsere eigenen Hausaufgaben erledigt haben, können wir unseren Teenies mit natürlicher Autorität und Neugierde gegenübertreten und ihnen unsere Freundschaft anbieten. Wenn wir unser Ur-Vertrauen und einen aufrichtigen geistigen Kontext für unser Leben gefunden haben, werden wir sie als Überbringer des schöpferischen Chaos wirklich schätzen lernen. Dann werden sie ihre Fülle und Kraft gerne mit uns teilen. Wir müssen unsere Kinder nicht belehren, denn sie bringen alles mit, was sie brauchen. Wir können ihnen jedoch dabei helfen, sich selbst besser verstehen und vertrauen zu lernen, indem wir uns selbst in ihnen erkennen.

Über den Autor

Avatar of Veit Lindau

wirkt seit 22 Jahren als Teacher, Speaker und Autor. Er versteht sich als liebevoll-konsequenten Reformer, achtsamen Businesspunk und Freigeist. Er gilt im deutschsprachigen Raum als Experte für eine integrale Selbstverwirklichung des Menschen. Sein gegenwärtiges größtes Projekt ist der Ausbau des humantrust, einer integralen Coachingund Vernetzungsplattform mit mehreren tausend Mitgliedern. Seine Bücher, einige Bestseller („Werde verrückt“, „SeelenGevögelt“, „Heirate dich selbst“, „Liebe Radikal“, „NO Prblem“), sind provokante, liebevolle Weckrufe.

Tägliche Inspirationen findest du auf Facebook und www.veitlindau.com

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*