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Eine klassische Zweierbeziehung…
Was ist denn ein Paar im traditionellen Sinne? Im Grunde doch wohl zwei, die sich finden, verlieben, lieben, mit oder ohne Trauschein gemeinsam durch´s Leben gehen, in guten wie in schlechten Zeiten, und sich eindeutig nach außen als Paar definieren. Und die im günstigsten Falle an diesem Prozess reifen, wachsen, zu einer Einheit verschmelzen, miteinander glücklich sind. Was für ein Anspruch!

… in der heutigen Zeit?

Kenne ich denn Paare, die sich derart aufeinander beziehen? Verblüfft stelle ich fest: Ganz schön viele. Allerdings, normal sind ihre Beziehungen schon von den äußeren Umständen her betrachtet nicht. Bettina und Jonas sind frischgebackene Eltern – und ausgesprochen bisexuell. Anna lebt mit ihrem Ex-Mann und den gemeinsamen Kindern – und pendelt ans andere Stadtende, wo ihr Lebenspartner seinen Sohn erzieht. Joy führt seit ihrer Schicksalsbegegnung mit Doug in einem Tantra-Seminar eine glückliche Fernbeziehung, weil ein Ortswechsel das Aus auf dem Arbeitsmarkt bedeuten würde und beide beruflich erfüllt sind. Birgit folgte ihrer Liebe vor Jahren auf´s Land, baute ein gemeinsames Lebensprojekt auf – mit ihrer Geliebten Charlotte. Eine wirklich „normale“ Zweierbeziehung führen selbst Bilderbuchpaare wie Willi und Bärbel nicht, die sich seit 25 Jahren von Herzen lieben und idyllisch an der Elbe ein quirlig lebendiges Leben mit zwei Töchtern führen. Weil zur „normalen“ Paarbeziehung im herkömmlichen Sinne der Treueanspruch gehört.

Du sollst nicht begehren deines Nachbarn Weib

heißt es in der Bibel. Aber genau das tun wir. Alle. Unterschiedlich oft und lang und intensiv. Wir tun es, weil es zu unserem Menschsein gehört. Paare, die sich aufrichtig und ehrlich aufeinander beziehen, gestehen sich das ein. Und zu einem unterschiedlichen Grad gestehen sie es sich auch zu. Alle Paare aus meinem persönlichen Bekanntenkreis oder aus den vielen Workshops, die einen lebendigen und zufriedenen Eindruck vermitteln, zehren davon: Sie haben das starre Korsett der biblischen Treueforderung zumindest ein wenig gelockert.

Sie gestatten sich, ihre Impulse zu fühlen, sie mit dem Partner zu teilen – und ihnen manches Mal zu folgen. Nicht, dass sie manisch oder zwanghaft jedes süße Zucken nutzen, um der Illusion „Woanders-ist-es-besser-als-da-wo-ich-bin“ nachzugehen. Oder eine innere Leere und Unruhe mit immer neue Kicks zu füllen suchten. Gemeinsam nehmen sie an beglückenden Gefühlen ebenso Anteil wie an bisweilen heftigen Eifersuchts – und Minderwertigkeitsgefühlen.

„Anfangs bin ich fast gestorben, als Beate sich total verliebte und mit dem Typ viel Zeit verbrachte – und mir auch noch beglückt davon erzählen wollte!“ erinnert sich mein Freund Micha an das erste Mal. „Ich habe mich so mies gefühlt als sei ich der letzte Dreck. Aber irgendwo spürte ich, die muss das jetzt machen.“ Heute ist Micha froh, da durchgegangen zu sein. „Mit jedem Schritt, mit jeder Eifersuchtsattacke, bin ich mir mehr begegnet, und wir sind uns nähergekommen.“

Die berühmten roten Knöpfe

Nirgends kann man sich so schön ärgern und toben wie in einer Beziehung. Durch die Nähe und Intimität zu unseren Liebsten verlieren wir die Kontrolle und Beherrschung, mit der wir sonst öffentlich auftreten. Unser Partner drückt alle unseren roten Knöpfe. Unweigerlich steigt so jedes über Jahre weggepackte und aufgestaute Gefühl nach oben: Wut, Ärger, Resignation, Verzweiflung, Gewalt, rasende Eifersucht, Minderwertigkeit, Ohnmacht, – einfach alles, was wir lieber nicht fühlen möchten.

Weil sie sehr unangenehm sind, schreit alles in uns danach, diese Gefühle wieder loszuwerden. Ein probater Weg: Sie blitzschnell auf den Partner abzuwälzen, die Geliebte verantwortlich zu machen und lieber auszurasten und zu brüllen „Ich hasse dich!“. Wenn wir in den Momenten, wenn die als unerträglich empfundenen Gefühle mit voller Wucht herausschießen, nicht ganz wach sind und innehalten, geben wir unweigerlich dem anderen, der bösen Welt die Schuld. „Die dumme Kuh!“

Diese Augenblicke sind Gold wert. Erst mit Abstand und Ehrlichkeit kann ich mir vielleicht eingestehen, dass mein Geliebter immer nur etwas zum Klingen bringt, was schon lange in mir schlummert. Für unser Ego ist es ein schwerer Schritt, Verteidigung und Angriff im Moment des Affektes zu unterlassen und stattdessen nur zu fühlen, was gerade in uns tobt. Fühlen, was so unerträglich scheint und schmerzt.

Die Alchimie der Zweierbeziehung

Alchimie ist Umwandlung von Blei zu Gold, Transformation. Für das Blei könnte der von seinen Ängsten und Konditionierungen beherrschte und dadurch seinen automatischen Re­aktionen ausgelieferte Mensch stehen. Das sind die meisten von uns. Für Gold könnte ein jeder von uns stehen, der die Stimmen seiner Ängste und Vergangenheit beobachtet und nicht mehr den erlernten automatischen Reaktionsmustern folgt – jemand der IST. Das wollen immer mehr.

Eine Beziehung kann besonders hilfreich sein, unseren eigenen alchimistischen Prozeß zu intensivieren und durchzuhalten. Zunächst: Jede Partnerschaft bietet eine Fülle von Anlässen und damit Gelegenheiten, die gesamte Bandbreite und Intensität der eigenen unerwünschten Gefühle zu erleben. Wir können uns also kontinuierlich darin üben, diesen Ge­fühlen zu begegnen, anstatt ihnen auszuweichen und uns z.B. über unsere Partnerin und ihr Verhalten aufzuregen. Darüber hinaus vermittelt die Zuneigung in einer Partnerschaft ein Gefühl von Geborgenheit, was erleichtert, eine gesunde Eigendistanz zu entwickeln. Mir z.B. im Rückblick auf einen Streit einzugestehen, dass mein Partner mir gar nichts „angetan“ hat, sondern ich lediglich durch ein Verhalten oder eine Be­merkung seinerseits in tiefe Panik geraten bin – und mich deshalb auf ihn gestürzt habe, anstatt meiner Angst zu begegnen.
Vor allem: Die Kontinuität der Be­gegnung mit einem geliebten Menschen führt zu einer eigenen Dynamik. Sich immer wieder und immer tiefer einzulassen führt zu wachsender Harmonie und Liebe, sogar zerstrittene Momente und einsichtbringende Versöhnungen lassen uns so weicher, wacher und feiner werden . Das tut einfach gut. Und macht es leichter, die eigenen Zuckungen zu beobachten, die sich im Feuer des Fühlens auflösen können. „Mal ehrlich“ sagt Lilo – „das Beste an meiner Beziehung ist, dass wir immer intimer werden. Und unser Sex wird auch immer schöner dadurch. Das gibt mir oft erst die Kraft, mir meinen Mist anzuschauen und einen Schritt nach vorn zu tun. Das ist wie Balsam, das brauche ich einfach.“ Ein Hohelied auf die Macht der Liebe!

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Eine Antwort

  1. Feuerkind

    Ich habe oft Diskussionen mit meiner Freundin, weil wir unterschiedliche Vorstellungen von Treue haben. Während sie grün vor Eifersucht wird, nur weil er einer anderen Frau hinterher sieht, freue ich mich, weil mein Partner eng mit ner sexy Frau tanzt und sich dadurch atraktiv und begehrenswert fühlt. Es ist für uns beide einfach eine tolle Erfahrung, dass wir uns bewusst dazu entscheiden miteinander unseren gemeinsamen Weg zu gehen, OBWOHL wir andere Möglichkeiten hätten. Wir halten uns beide eben für das beste was uns jemals passieren konnte und das gefährdet auch nicht das körperliche Begehren eines anderen Menschen. Im Gegenteil es befruchtet unsere Beziehung, dass wir uns gegenseitig so viel Vertrauen und Zuneigung schenken können und uns gegenseitig an diesen Erfahrungen beteiligen können.
    Vielleicht führend wir doch eine heilende Beziehung…

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