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Yoga heißt bewusste und achtsame Körperwahr­nehmung – und genau das ist auch eine Grundvoraussetzung, um das Potenzial der eigenen Stimme auszuloten und einzusetzen. Erika Maria Rojo erklärt, wie Yoga effektiv die Gesangspraxis unterstützt.

 

 

Um die Kunst des Gesangs zu erlernen, ist es notwendig, die Fähigkeit von Achtsamkeit auf verschiedenen Ebenen zu entwickeln. Damit können die komplexen Prozesse, die bei der Erzeugung von Klang im Stimmapparat ablaufen, wahrgenommen, gespürt, verstanden und harmonisiert werden. Differenzierte Körperwahrnehmung ist eine grundlegende Qualität, die durch Yoga geschult wird. Zusätzlich werden durch eine achtsame Yogapraxis bestimmte Aspekte erfahrbar, die die Stimmarbeit unterstützen: Wir lernen im Körper präsent zu sein und bekommen ein Gefühl für innere Räume und das Zusammenspiel von Atem und Bewegung, woraus sich ein achtsamer Umgang mit sich selbst entwickelt.

Ein wesentliches Prinzip im Yoga ist der behutsame Umgang mit dem Körper und das Erforschen seiner Möglichkeiten und Grenzen. Dies ist von großer Bedeutung, wenn Sänger in der hohen Lage singen. Denn um einen ausgewogenen, freien Klang in dieser Lage erzeugen zu können, ist es notwendig, ohne forcierten Atem oder körperliche Anspannung zu singen. So kann ein Gefühl von Raum und Leichtigkeit im Körper sowie Tragfähigkeit im Klang entstehen.

Wie entsteht Raum durch die Yogapraxis? Und wie drückt er sich im Gesang aus? Wenn man den Vorgang des Singens tiefer erforscht, zeigt sich, dass Raum als akustischer Ort im Körper nötig ist, um die erzeugten Frequenzen der Klänge übertragen zu können. Dieser Raum beginnt bereits an der Quelle des Klangs: im Inneren des Kehlkopfs. Der Klang als Resultat der Schwingung der Stimmbänder breitet sich dann im Ansatzrohr aus, überträgt sich über den weichen und harten Gaumen in die akus­tischen Räume des Kopfes und wirkt weiter als Schwingung im gesamten Körper.

 

Raum zulassen

Durch Entspannung und Atemwahrnehmung in der Yogapraxis wird der verfügbare Raum im Körper bewusster und kann dadurch besser in die Klangbildung integriert werden. Mit einer Qualität des „Zulassens“ werden Muskeln eingeladen, sich zu entspannen. Die beteiligten Gelenkstrukturen werden durchlässiger und justieren sich neu. So werden die körperlichen Voraussetzungen für die Optimierung des Gesangs geschaffen. Die Phase der Tiefenentspannung in einer Yogastunde schult diesen Prozess durch gezielte Fokussierung auf einzelne Körperteile. Die erworbene Vorstellungskraft vom eigenen Körper wird in der Stimmarbeit genutzt und ermöglicht die aktive Formung des Klangs.

Auch der Kontakt zum natürlichen Atemfluss ist für den Erwerb jeder ganzheitlichen Gesangstechnik notwendig, da er den Mundraum, die Entspannung im Kieferbereich, die Beweglichkeit der Zunge und die Verbindung zur Muskulatur der Diaphragmenkette* spürbar werden lässt. Die bewusste Verbindung mit dem natürlichen Atem wirkt wie ein Kompass, der den Sänger immer wieder zur Quelle des Gesangs zurückführt. Dieser Prozess, der Geduld und Respekt erfordert, ist individuell und geschieht über einen langen Zeitraum. Begeisterung und Freude für den Gesang können neu erblühen.

Ein fortgeschrittenes Stadium, das Sänger entwickeln können, ist die Fähigkeit, während des Singens verschiedene Orte im Körper gleichzeitig zu spüren und bewusst zu nutzen: Der „offene Hals“, bei dem Platz zwischen Stimmbändern, Taschenfalten und Kehldeckel entsteht, die Steuerung von Klang im Mundraum und seine Übertragung in den äußeren Raum. Auch der gesamte Tonus im Körper wird bewusster erlebt. Auf der emotionalen und intellektuellen Ebene kann man sich auf dieser Stufe bewusst auf die Bedeutung von Text und Hintergrund eines gesungenen Liedes konzentrieren. Dies wird unwillkürlich durch die Stimme transportiert und erzeugt eine spezifische Stimmung, die im Lied ausgedrückt wird.

Die Yogapraxis unterstützt das gesamte Wesen des Sängers in seiner Entspannung und Präsenz und kann es ihm ermöglichen, sowohl in der Vorbereitung als auch bei der künstlerischen Vorführung seine erworbenen Gesangstechniken optimal einzusetzen.


*Die verschiedenen Diaphragmen (Zwischenebenen) im Körper, vom Beckenboden über das Zwerchfell bis zum Zungengrund und zum Gaumen werden im Yoga speziell durch die Asanapraxis angesprochen. Entspannung und der Tonus dieser Diaphragmenkette ist für den Ausdruck der Stimme und für ihren Klang notwendig. Diaphragmen haben Reflexzonen im Körper, sie bedingen sich gegenseitig und stellen eine Verbindung zwischen Körperbereichen her. Ihre Flexibilität unterstützt den freien Fluss des Atems im Körper.


Abb: © Jessmine – Fotolia.com

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Über den Autor

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ist BenefitYoga®-Lehrerin WdM/EUYT und Sängerin mit Gesangsstudium an der Manhattan School of Music. Yoga-Ausbildung am Integral Yoga Institute in New York sowie Yogalehrer­Ausbildung im Weg der Mitte. Seit 2006 Dozentin für Musik, Stimmarbeit und Yoga in den Gesundheits- und Ausbildungszentren des Weg der Mitte, Berlin und Kloster Gerode. Mitglied der Gruppe Swaramandala.

Kontakt
Tel.: 030-813 10 40

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