Anzeige

GIM (Guided Imagery and Music) ist eine musikgeleitete Psychotherapie, die gezielt eingesetzt wird, um die innere Welt des Klienten zu erkunden. Ein therapeutisch geschulter Begleiter leitet durch Fragen und Darbietung ausgewählter klassischer Musikstücke den Klienten an, in entspanntem Zustand, Bilder, Vorstellungen, Gefühle und Empfindungen wahrzunehmen und zu verbalisieren. GIM ist eine Gefühlstherapie für Herz und Bauch, mit der man Bereiche des Unbewussten erkunden kann, die mit einer normalen Gesprächstherapie kaum ans Licht gebracht werden können.

 

 

GIM wurde in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts von der Musiktherapeutin und Geigerin Dr. Helen Bonny in den USA entwickelt. Sie stellte fest, dass Musik nicht nur ein Weg ist, unbewussten Konflikten zu begegnen und sie zu bewältigen, sondern dass sie auch heilsame und nährende Erfahrungen auslösen kann, so genannte „peak-experiences“ (Gipfelerfahrungen), wie Abraham Maslow diese nannte. Darunter sind existenziell wichtige Überschreitungen des Alltagsbewusstseins zu verstehen, ur-menschliche Erfahrungen, die ein erhebliches Heilungspotential in sich bergen und in transpersonal-spirituelle Bewusstseinsdimensionen hineinführen.

Eine GIM-Reise dauert zirka eineinhalb bis zwei Stunden. Ein Vorgespräch soll klären, um welches Thema es in der Sitzung gehen soll. Generell werden Probleme und Konflikte aus dem Privat- und Arbeitsleben, Wünsche und Ziele, aber auch Traumgeschehen vorgetragen. Der Therapeut lenkt dabei bereits jetzt die Aufmerksamkeit des Klienten auf denjenigen emotionalen Gehalt des Themas, der für den Klienten die stärkste Bedeutung und Kraft spürbar werden lässt. Auf diesen emotionalen Gehalt hin wird der Fokus des Klienten ausgerichtet.

 

Blick durchs Fenster

In der darauf eingeleiteten Trance können sich wie durch ein geöffnetes Fenster die verschiedensten Manifestationen des Unbewussten zeigen. Typische Merkmale sind eine veränderte Wahrnehmung von Raum und Zeit, eine deutliche Sensibilisierung von Körperwahrnehmungen und Gefühlen sowie eine verstärkte Sinneswahrnehmung.

Die Gehirnwellenfrequenz wechselt vom Beta-Zustand des Tagesbewusstseins in den wesentlich langsameren Alpha-Zustand. Die Aufmerksamkeit des Klienten wird auf die innere Wahrnehmung gelenkt, ohne dass er dabei das normale Wachbewusstsein verliert. Dies ist deshalb wichtig, weil der Klient zum einen seine Wahrnehmungen während der Musik-Imaginationsreise dem Therapeuten unmittelbar mitteilen soll. Zum anderen wird damit auch das generelle Ziel der therapeutischen Arbeit unterstützt, nämlich den Klienten immer mehr zum Herren seines eigenverantwortlichen Handelns werden zu lassen. Dies ist nur dann möglich, wenn der Klient seine Achtsamkeit für seine ganz persönlichen inneren Wahrnehmungen bewusst schulen lernt.

 

 

Bedingungslose Akzeptanz

In der Regel finden Induktion und Musik-Imaginationsreise im Liegen statt.
Der Klient berichtet von seinen inneren Wahrnehmungen, und der Therapeut begleitet ihn non-direktiv, also ohne den Klienten zu lenken. Diese Kunst der Begleitung ist enorm wichtig. Der Therapeut hilft dem Klienten, sich auf das Erlebnis einzulassen, unterstützt die emotionalen Äußerungen, hilft zu vertiefen und ist präsent während schwieriger Situationen. Außerdem protokolliert er das Gesagte. Generell ist es wichtig, dass die Präsenz des Therapeuten während des gesamten therapeutischen Prozesses von Akzeptanz und Empathie getragen wird. Er muss daher ein zutiefst intuitives Gespür für das Erleben des Klienten entwickeln. Denn an genau diesem emotionalen Erleben im Hier und Jetzt sind seine Interventionen im Gespräch ausgerichtet.

Nach dem Ende der Trance soll das Malen eines Mandalas zunächst die Nachschwingungen der Trance nutzen und dem Klienten die Möglichkeit geben, sich intuitiv und spontan auszudrücken. Das Kreisbild bringt meist eine Zusammenfassung des Erlebten in symbolisch verdichteter Form sichtbar zum Ausdruck. Danach ist der Klient eingeladen, das Wahrgenommene und das Mandala im Gespräch zu betrachten und für sich im Zusammenhang mit seinem Alltagserleben zu deuten.

 

 

Die Macht der inneren Bilder

Bereits unsere Sprache macht überdeutlich, dass innere Bilder unser Denken, Fühlen und Handeln bestimmen. So machen wir uns ein Bild von einem Sachverhalt, bekommen in der Schule Bildung vermittelt, suchen uns Vorbilder, orientieren uns an Leitbildern, sprechen von einem Mannsbild oder Weibsbild und bilden uns auf unser Wissen bisweilen einiges ein.

Wir sehen die Welt so, wie es unseren inneren Vorstellungsbildern entspricht. Es gibt kein Leben ohne innere Bilder, und wir leben in einer Orientierung, Ordnung und Sicherheit stiftenden Matrix aus Bildern. Wir erschaffen uns unsere Welt entsprechend unseren Vorstellungen. Da gibt es die das Selbstbild prägenden negativen Vorstellungen und Glaubenssätze mit verheerenden Auswirkungen wie zum Beispiel „Ich bin nicht gut genug“ oder „Das schaffe ich sowieso nicht“ oder „Ich tauge sowieso zu nichts“.
Nur wenn wir uns der Herkunft und der Macht dieser Bilder bewusst werden, können wir auch darüber nachdenken, wie wir es anstellen, dass künftig wir die Bilder und nicht die Bilder uns bestimmen.

 

 

Neurobiologische Veränderungen durch neue innere Bilder

Imagination und Bewusstsein sind wesentliche Begriffe in der imaginativen Psychotherapie. Mit Imagination wird hier die Gesamtheit aller Erlebnisse bezeichnet, die von der Musik ausgelöst werden können. Dabei geht es nicht nur um Bilder im engeren Sinne, sondern um ein breites Spektrum von Wahrnehmungen wie Körperempfindungen, Gefühle und Affekte. Im leicht veränderten Wachbewusstseinszustand (Trance) stellen sich Bewusstseinsströme ein. Die dabei spontan auftretenden Imaginationen können als Manifestationen des Unbewussten eingestuft werden und Ausdruck innerer Konflikte oder Wünsche etc. sein.

Aus der psychotherapeutischen Arbeit kennen wir zur Genüge Klienten, die ohne einen organischen Befund über Kopfschmerzen, Engegefühle im Brustbereich oder den berühmten „Kloß im Hals“ klagen. Bei GIM wird die Achtsamkeit des Klienten gezielt zum Beispiel auf solche Symptome gelenkt. Allein dadurch können Veränderungen im Gehirn angeregt werden, wie eine wissenschaftliche Beobachtung von Patienten mit Phantomschmerzen gezeigt hat.

 

 

Co-Therapeutin Musik

Das Gehirn ist nicht statisch, sondern verändert sich ständig. Es verarbeitet bestimmte Reize immer wieder neu und passt sich dabei den Bedingungen und Gegebenheiten der Umgebung an. Dadurch verändern sich die Stärken der Verbindungen zwischen den Nervenzellen in den betreffenden Bereichen der Gehirnringe. Ganze Strukturen können sich verändern, wenn jemand dauerhaft Musik hört oder spielt. Untersuchungen belegen, dass das Corpus Callosum, das die beiden Gehirnhälften miteinander verbindet, bei professionellen Musikern bis zu 15 Prozent dicker ist. Musik hat eine große Wirkung auf das limbische System, das als Tor zur Emotion bezeichnet werden kann. Im limbischen System liegen die Zentren, die das emotionale Verhalten und dessen Verknüpfung mit vegetativen Organfunktionen steuern. Hier werden alle ankommenden sensorischen Signale, wie zum Beispiel Musik, mit den bereits vorhandenen gespeicherten Informationen verglichen und emotional bewertet. Die neuesten Forschungsergebnisse der Neurobiologie haben nachweislich festgestellt, dass sich die alten belastenden Muster mit neuen positiven Erfahrungsmustern überschreiben lassen. Genau dies ist in der Arbeit mit GIM möglich. Dabei nimmt die klassische Musik die Rolle einer starken Co-Therapeutin ein.

 

 

Warum klassische Musik?

In ihrer Forschungsarbeit kam Helen Bonny zu dem Ergebnis, dass klassische Musik für die Zwecke der therapeutischen Arbeit am besten geeignet ist. Sie dient nicht der Ablenkung oder Entspannung, sondern kann in vielfältiger Weise das Spektrum der menschlichen Seele mit all ihren Untiefen und Facetten hervorragend reflektieren.

Nach Bonny kann Musik während der Imaginationsreise verschiedene Funktionen wahrnehmen.

 

Einige wichtige sind:

  • sie kann Katalysator, Behälter oder Symbol für etwas sein,
  • sie kann in Kontakt bringen mit Gefühlen und (frühkindlichen) Atmosphären, diese spürbar machen, intensivieren oder zu einer kathartischen Entladung führen,
  • sie kann in Kontakt bringen mit dem eigenen Körper und alle Sinne erfahrbar machen,
  • sie kann eine Richtung weisen oder ein Gefühl für Bewegung vermitteln,
  • sie kann Sicherheit und Halt geben sowie Struktur und Ordnung vermitteln,
  • sie kann als Übertragungsobjekt/Projektionsfläche fungieren,
  • sie kann Energie und Kraft spürbar werden lassen,
  • sie kann Heilung, Lösung und Einsicht bringen und
  • sie kann in Kontakt bringen mit dem Vorsprachlichen und dem Unaussprechlichen und Raum geben für Sinnfragen und spirituelle Erfahrungen.

In gewisser Weise ist klassische abendländische Musik künstlerischer Ausdruck für existentiell bedeutsame Erfahrungen des Menschseins und bietet die Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit archetypischen Themen wie zum Beispiel Geburt, Liebe, Trauer, Tod.

Die Musik unterstützt dann die Gefühlsbewegungen des Klienten. Denn ein verknotetes Weinen kann umso besser gelöst werden, wenn der Klient mit dem musikalischen Crescendo und der Intensitätssteigerung mitweinen kann, sozusagen angesteckt wird. Aber Musik bietet zugleich auch den sicheren Raum für das Auffangen der Gefühle, die Musik bleibt nicht beim Schluchzen stehen, sondern wird diese Gestalt schließen – Musik trägt unsere Gefühle durch die notwendige Zeit.

 

Der Fluss der Wahrnehmung und der Fluss der Musik

Auffallend ist, dass Bewusstseinsströme, das heißt, das Fließen der menschlichen Erfahrung in Imaginationen und Träumen, der Musik ähnlich sind, die ebenfalls nur im zeitlichen Fluss zu erleben ist. Musik ist ein fließender Prozess, der ebenfalls in einem fließenden Imaginationsprozess erlebt wird. Die dabei auftauchenden Bilderfolgen sind Bewusstseinsinhalte, die das Unbewusste frei gibt. Musik besitzt das Potenzial, den Imaginationsprozess auszulösen, zu stimulieren, zu strukturieren, zu vertiefen und in der ihr eigenen Dynamik weiterzuentwickeln. Ein bestimmtes Musikstück kann eine vergessene Kindheitserinnerung hervorrufen. Musik kann auch in transpersonale und spirituelle Ebenen der menschlichen Erfahrung hineinführen. Bei der Arbeit mit GIM wird der Klient früher oder später mit solchen Erlebnissen konfrontiert. Dazu gehören perinatale oder pränatale Erlebnisse, Erlebnisse aus dem Reich der Archetypen und des kollektiven Unbewussten und Erfahrungen des Göttlichen und der All-Einheit.

 

 

GIM und das Transpersonale

Die Arbeit mit GIM geht weit hinaus über das Anliegen der klassischen Psychologie und Psychotherapie, bei der es um die Aufarbeitung von Traumata, Aufdeckung von Verdrängtem, Ergründung von Ursachen und Auflösen der Störung geht.

Die transpersonale Dimension macht uns deutlich, dass wir mehr sind als unser Ich-Bewusstsein. Es geht hier um ein Wachstum in Richtung auf eine spirituelle Verwirklichung und Ausrichtung auf eine ganzheitliche Seinswelt des Lebens. In Bereichen des Transpersonalen geht es um die Erfahrung der Nondualität, der Auflösung der Trennung zwischen Subjekt und Objekt, Ich und Welt, Wahrnehmendem und Wahrgenommenem. Transpersonale Erfahrungen haben einen zutiefst heilsamen Charakter, da sie uns zu unserem Zentrum führen, von dem aus wir einen größeren Blickwinkel einnehmen und persönliche Themen aus einer anderen und erweiterten Perspektive wahrnehmen. Wir erleben einen Zustand ohne Begrenzungen, Empfindungen der Weite und der Ausdehnung. Es sind Momente der Zeitlosigkeit und des Still-Werdens. Schließlich geht es um den Kontakt mit dem großen Mysterium und unabhängig von einer religiösen Ausrichtung um eine Haltung der Offenheit, des Mitgefühls und der Liebe.

 

 

Breite Anwendungsmöglichkeiten

Mit GIM ist es möglich, sowohl ressourcenorientiert als auch konfliktzentriert zu arbeiten. Es kann dabei um die Stimulierung des inneren Erlebens und der Selbstheilungskräfte der Psyche gehen, was zum Beispiel in der Krebstherapie bedeutsam ist. Auch für zwanghaft strukturierte Persönlichkeiten oder bei depressiven Störungen kann die Erweiterung des eigenen Erlebnisspektrums wertvoll sein. So können über die Musik die eigenen Ressourcen und positiv besetzte Anteile entdeckt oder „schwierige“ oder Angst-besetzte Gefühle durchgearbeitet werden. Schließlich geht es auch um nährende und heilsame Erfahrungen durch die ästhetische Qualität der Musik wie zum Beispiel Schönheit und Liebe.

Als Beispiel sei hierfür auf Mozarts Ave verum Corpus, KV 618, verwiesen. Chor und Orchester vermitteln tiefste Gefühle. Diese ruhige und durch ihre Spiritualität schlichte Musik integriert allen Schmerz und tröstet. Das Dur gibt Hoffnung und Lösung sowie Halt durch den wiegenden Rhythmus. Es ist höchst spirituelle Nahrung und, wie meine Klienten immer wieder mit gleichem Wortlaut sagen, „ Balsam für die Seele“ und kann tiefste Dankbarkeit auslösen.

Vor allem die Verwendung von vokalen Stücken bringt die Imaginierenden oft in Kontakt mit Menschen oder Beziehungen. So rufen eine weibliche oder männliche Stimme wie zum Beispiel in Mozarts Verspera Solemnes, Laudate Dominum, häufig Imaginationen hervor, die mit der Kindheit und den Eltern zu tun haben und damit die Möglichkeit für eine Arbeit an diesem Themenkomplex bieten.

GIM ist vielfältig einsetzbar und eine sehr effektive Methode der Psychotherapie, Selbsterfahrung und Bewusstseinserweiterung. Sie ermöglicht einen direkten Zugang zu tiefsten Schichten der menschlichen Psyche und macht psychodynamische Verarbeitungsprozesse möglich, die auch in der neueren Hirnforschung ihre Bestätigung finden.

 


 

Vortragsabend:
Die Heilkraft der Klassischen Musik: Guided Imagery and Music ( GIM ) – eine imaginative Psychotherapie mit Musik, Selbsterfahrung mit Musikbeispielen;
Dazu Film: From Inspiration to Transformation
Ort: Lebenskunst e.V., Mehringdamm 32, 10961 Berlin
Zeit: 26. August 2010, 20 Uhr

Info und Kontakt
unter Tel.: 0179 – 972 46 01 oder gim@Klassikmeditation.de
www.Klassikmeditation.de

 


 

Abb: © SSilver – Fotolia.com
Abb 2 : © stormpic – Fotolia.com

Über den Autor

Avatar of Andreas Klaus

ist Jurist, Heilpraktiker für Psychotherapie, Musiktherapeut, Therapeut / Fellow in Guided Imagery and Music (GIM), Therapeut für Katathymes Bilderleben und Traumdeutung. Weiterbildung in Integrativer Körperpsychotherapie, Humanistischer Psychologie und Transpersonaler Psychologie sowie in Archetypischer Medizin bei Dr. Rüdiger Dahlke.

Für Interessierte, die einen Eindruck der tiefgreifenden Erfahrungen bekommen möchten, die mit klassischer Musik möglich sind, bietet der Autor eine regelmäßig stattfindende Klassikmeditation an.
Anmeldungen werden unter gim@klassikmeditation.de erbeten.

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*