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Wir sind nicht, was wir zu sein glauben. Unser wahres Wesen schlummert unerkannt in der Tiefe unter einem Haufen Konditionierungen, Glaubenssätzen und verdrängten Gefühlen. Der Satori-Prozess ist eine einfache und geniale Methode, mit der wir durch sämtliche Schichten unser Abwehr tauchen können, so dass wir jenseits aller Vorstellungen und Identifikationen erkennen: Das bin ich.

Der Satori-Prozess ist eine Weiterentwicklung des Workshops `enlightment intensive´ von Charles Berner. Es geht im Prinzip darum, dass man sich zu zweit gegenüber sitzt und sich mit einem Koan, einer für den Verstand unlösbaren Frage, so lange beschäftigt und immer tiefer gräbt, bis der Verstand am Ende ist und aufgibt. Beispielsweise kann das Koan die Frage sein: Wer bin ich? Es geht darum, sich ständig mit dieser Frage zu beschäftigten – vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Der äußere Rahmen des Workshops: Außer bei den Übungen nicht sprechen, kein Körperkontakt, kein Sex.
Durch die Frage treffen wir auf all die verschiedenen versteckten Ebenen unserer Wahrheit, auf all unsere Widerstände und Glaubenssätze, die vor der tatsächlichen Wahrheit unseres Selbst stehen. Diese Wahrheiten zu erkennen und zu akzeptieren, öffnet immer wieder die nächste Ebene – im günstigsten Fall bis zur Erfahrung des Satori.
Mit jedem Satori löst sich ein Knoten in unserem Leben weitgehend auf. Frei sind wir dann, wenn wir alle Ebenen integriert haben, wenn keine versteckten Neins mehr da sind, denn das Ego – der Grund unseres Leidens – ist nichts anderes als ein großes Nein.
Die Antwort auf die eigene Frage schon vorher zu wissen – beispielsweise aus spirituellen Büchern – ist zwar ganz nett, nützt aber nichts. Es geht ja gerade darum, den „mind“ auszutricksen und jenseits des intellektuellen Horizonts zu gelangen. Dafür müssen wir vorher den ganzen Schrott des Verstandes wegräumen, der uns genau daran hindert. Es geht darum, die Antwort nicht zu verstehen, sondern sie zu sein. Das bezeichnet man als Satori.

Den Verstand weichkochen

Während des Prozesses spult der Verstand Schicht für Schicht seiner Identifikationen ab, die er im Laufe seines Lebens gelernt hat – von den gröbsten Identifikationen wie „Ich bin ein Mann“ bis hin zu neurotischen Ebenen wie beispielsweise „Ich bin der, der immer manipuliert wird“. Unser Gegenüber und die anderen Teilnehmer im Raum halten die Energie und sorgen die ganze Zeit dafür, dass wir bei unserer Frage bleiben. Auch die oben beschriebenen Vereinbarungen sollen helfen, dass wir uns nicht im Kontakt mit anderen verzetteln, sondern in unserem Alleinsein richtiggehend weichgekocht werden. Irgendwann „kollabiert“ der Verstand, weil er nicht mehr weiter weiß und ihm die Argumente, Bilder und Identifikationen ausgehen. In dem Moment sind wir ganz im Hier und Jetzt, ohne Denken, einfach da. Dann kommt der Verstand wieder, sagt „aber…“ und wir wiederholen das Spiel mit einem neuen Koan. Das Ganze geht über mehrere Tage, so dass man wirklich tief eintauchen kann. Dabei lösen sich jede Menge Konzepte auf, die uns einreden, warum wir nicht glücklich und in Frieden im Hier und Jetzt leben. Natürlich sind wir dann noch nicht erleuchtet. Aber das Wunderbare an diesem Prozess ist, dass wir aus eigener Erfahrung unser wahres Wesen kennenlernen können – hinter allen Konditionierungen. Auch wenn die Erfahrung nach Stunden, Tagen oder Wochen vergeht – wir wissen dann. Das, was wir da erkannt haben, hat sich für alle Zeit in uns eingegraben und wird wirklich ein Wegweiser unserer weiteren Entwicklung. Eine unschätzbare Erfahrung. Nicht aus einem Buch, nicht aus dem Munde eines Lehrers, sondern aus erster Hand. Ab jetzt kann uns keiner mehr etwas erzählen.

Das optimale Setting

Der erste Morgen: Gleich bei der ersten Kommunikationsübung kommt mein zentrales Lebensthema an die Oberfläche: das Gefühl, ausgeschlossen und nicht gewollt zu sein, nicht geliebt zu werden. Doch dieses Mal gefolgt von der Erkenntnis, dass das Seminar das optimale Setting für mich darstellt, denn mein normales Grundmuster heißt: „Ich will gewollt und gemocht werden und kann etwas dafür tun, Aufmerksamkeit, Anerkennung und Liebe zu bekommen.“ Durch dieses innerliche Verbiegen vermeide ich das Gefühl von Einsamkeit und Isolation. Doch wenn weder körperliche Berührung erlaubt ist noch Reden, dann ist jeder sowieso allein. Wenn es nicht möglich ist, etwas zu tun, um gemocht zu werden, kann ich entspannen, einfach sein. Ein riesiger Ballast fällt gleich am Anfang von mir ab.

Die wunderbare Leichtigkeit des Seins: Ich bin nichts

Bei der nächsten Runde dann ein Durchbruch in die Leichtigkeit. Ich durchschaue den Witz des Lebens, den Stress, den ich mir mache, obwohl doch alles total einfach ist. Auf einmal erscheint es klar vor meinen Augen: Ich bin absolute Konzeptlosigkeit, definitionslos, Leere, Offenheit, nichts. In diesem Nichts liegt eine totale Freiheit, denn alles darf da sein, nichts ist falsch. Diese totale Konzeptlosigkeit ist Sein, weil da keiner ist, der etwas will. Ich sehe klar, dass ich mein ganzes bisheriges Leben so gelebt habe, dass ich durch mein Verhalten in den anderen eine Reaktion von „ich mag dich, ich will dich“ hervorrufen wollte. Weil ich mich für ein Etwas gehalten habe, eine Identifikation, eine Identität von: „Ich bin der, der nicht gewollt ist, der nicht in Ordnung ist, so wie ich bin.“ Ein einziger Kampf. Doch wenn ich nichts bin, muss ich nichts verteidigen, nichts heilen, ich kann einfach sein, entspannt und offen. Ich verstehe, dass der ganze Lebensstress aus dem Konflikt zwischen dem Nichts und dem Etwas entsteht, bzw. daraus, dass ich dieses Etwas, meine tiefste Identifikation, nicht spüren will (das Gefühl, nicht gewollt zu sein) und dass ich mit allen Mitteln versuche, mich davor zu schützen, abgelehnt zu werden. Das Nichts dagegen will nichts. Es lebt einfach.

Ich bin auch alles

Beim nächsten Mitteilen meiner Gedanken- und Gefühlsebenen erkenne ich, dass das „Ich bin nichts“ nur der eine Teil der Antwort ist. Ich bin auch alles, alles hat Platz in mir, alle Wertungen, es geht nur darum, es einfach sein zu lassen und nichts damit zu machen. Das Leben ist weder gerecht noch ungerecht. Es ist. In dem Moment, in dem ich das realisiere, entspanne ich mich, dann geht alles auf. Das Leben ist dann einfach Erfahrung, Wahrnehmung dessen, was ist. Ich bin der, der es erfährt. Wenn ich die Erfahrungen bewerte, dann trete ich in die Dualität ein und leide. Wenn ich nur bin (wie das gesamte Leben ja auch nur ist), dann ist da einfach Sein. Beispielsweise stelle ich der mir gegenüber sitzenden Frau im Sharing die falsche Frage (sie hat ein anderes Koan), und sie weist mich darauf hin. Ein kurzes Gefühl von Falschsein, Peinlichkeit, eine Verspannung, die man mir wohl ansieht, dann lacht mein Gegenüber und ich kann loslassen. Ja, auch die falsche Frage gehört dazu und bewirkt eine entsprechende Erfahrung. Eine falsche Frage ist kein Fehler, sondern nur eine bestimmte Ausdrucksform des Seins. Sein heißt: Da ist einfach dieses Körper-Geist-Seele-System, das ist, wie es ist, und die Erfahrung des Lebens macht. Und da ist keiner, der eine andere Erfahrung machen will als die, die gerade jetzt und hier geschieht, keiner, der etwas verbessern will, einfach Beobachtung und Wahrnehmung, wie das Leben mit diesem speziellen Körper verbunden ist. Es ist wirklich wie das Anschauen eines Films. Und der Film heißt Leben.

Alles mitteilen: Begegnung mit der Angst

Doch in den nächsten Sharings merke ich, dass es noch irgendwo hängt. Immer noch fühle ich mich abgetrennt und isoliert. Auf einmal geht mir Clares Anweisung „Share all“ durch den Kopf, und plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Der Grund, warum ich keinen Kontakt zu mir selbst habe und auch zu den anderen nicht (was sich in dem Gefühl von Isoliertsein ausdrückt), liegt in meinen Bewertungen über sie, die ich zurückhalte. Weil ich sie nicht ausspreche, signalisiere ich damit mir selbst: Du bist falsch, weil du diese Bewertungen hast. Und zwischen den anderen und mir stehen diese unausgesprochenen Sachen ebenso. Alles mitzuteilen beinhaltet allerdings das Risiko des Ausgeschlossenwerdens. Denn wenn ich allen meine – manchmal sehr abwertenden – Gedanken über sie mitteile, dann kann es sein, dass ich bei der morgigen Verabschiedung alleine da stehe. Nur das nicht. In mir wühlt die Angst. Sämtliche Schutzfunktionen außer Kraft setzen, mich völlig nackt zeigen – ein Gefühl wie Sterben. Aber ich erkenne, dass ich genau da durch muss, denn diese totale Offenheit ist es ja, die ich immer vermeide, weil ich glaube, damit abgelehnt zu werden. Also dann. Alles rauslassen: Ich finde dich zu dick, deine Nase gefällt mir nicht und und und. Zittern, was zurückkommt, und ob ich das Echo ertragen kann.

Totale Präsenz

Doch das Erste, was passiert, ist eine verblüffende Gegenwärtigkeit. Ich merke, dass ich dann, wenn ich jemandem meine abwertenden Gedanken mitgeteilt habe, sehr präsent bin. Ich höre erstmals richtig zu, während mein Gegenüber redet. Der Grund: Normalerweise drücke ich die abwertenden Gedanken weg, doch sie ploppen wie kleine Springteufelchen immer wieder nach oben. Da ich ständig damit beschäftigt bin, mich dem Chaos in meinem Schädel zu widmen, bekomme ich von meinem Gegenüber kaum etwas mit. Habe ich ausgesprochen, was sich in meinen Hirnwindungen dreht, verschwindet es einfach und mein Verstand schaltet auf Ruhemodus um.
Die zweite Erkenntnis: Wenn ich anfange loszulassen, indem ich mich zeige, wie ich bin, dann wird jede Menge Energie frei. Verdrängte Gedanken und Gefühle treten ins Bewusstsein und können sich auflösen. Jede Unwahrheit, jedes Verbiegen blockiert die Energie. Die Wahrheit befreit sie. Jedes Mal, wenn ich mein Gegenüber manipuliere, um irgend etwas von ihm zu bekommen, verkrampfe ich mich. Jedes Mal, wenn ich der bin, der ich bin, öffnet sich etwas, es fließt Energie.
Der Weg in die Freiheit führt nur über das vollständige Annehmen unserer momentanen Struktur. Lehnen wir etwas ab, führt dieses Nein zu uns selbst zu Verspannungen und damit zu einer Blockade des Energieflusses und zu Abtrennung. Je mehr wir die einseitige Identifikation mit dem Bild aufgeben, von dem wir glauben, dass wir damit geliebt oder nicht geliebt werden, desto schneller schmelzen die Blockaden und unsere wahre Natur zeigt sich – ein identifikationsloses Nichts, das einfach Liebe ist.

2 Responses

  1. Yahandra

    Lieber Jörg Engelsing!
    Danke für die schöne, genaue Beschreibung deines Prozesses bei der Satorigruppe. Obwohl meine 2 Erfahrungen mit dem Prozess schon über 10 Jahre her sind, konnte ich mich gut einklinken in mein damals Erlebtes beim Lesen deines Berichtes.
    Alles Liebe
    Yahandra

    Antworten

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