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Aus den mentalen Konzepten auszusteigen und die Wirklichkeit des Momentes sinnlich zu erfassen – darum geht es im Leben. Doch die meisten Menschen hören fast nur die ewig gleiche Sendung des Verstandes – ein Programm voller Sorgen, Ängste, Wünsche und Emotionen. Im Gespräch mit SEIN erklärt der spirituelle Lehrer Daniel Herbst, wie wir diese Endlosschleife verlassen und wieder Kontakt zur universellen Lebensfrequenz aufnehmen können.

Um gleich zum Thema dieser Ausgabe zu kommen: Wie wird die Sinnlichkeit auf befreiter Ebene erlebt?

Daniel: So wie sie ist. Die wahre Sinnlichkeit ist wie ein aus dem Nichts kommender Kuss, der sich selbst küsst und dann wieder ins Nichts entschwindet, nichts bleibt zurück. Einem befreiten Menschen geht es nicht darum, großartigen Erfahrungen hinterherzujagen, sondern darum, mit den entsprechenden Empfindungen zu sein. Statt sich auszumalen, was geschehen soll, ist er mit dem, was gerade geschieht. Er ist wie ein neugeborenes Kind, das zwischen sich und der Existenz noch keine Grenzen gezogen hat. Ein Kind muss nicht überlegen, ob es weinen oder lachen soll. Und auf eben diese Weise versucht ein befreiter Mensch nicht, seinen Tränen zu entkommen.

Kannst du das ein bisschen präzisieren?

Daniel: Ja. Wir versuchen der Angst durch Wünsche zu entkommen und erkennen nicht, dass es die Sucht nach positiven Erfahrungen ist, aus der die Angst besteht. Solange wir auf die Sonnenseite des Lebens kommen wollen, werden wir im Schatten der Angst laufen und das ersehnte Licht nur in unseren Träumen sehen. Fatalerweise glauben wir, dass uns das Leben etwas schuldig ist – unser persönliches Glück. Nach Ansicht des Egos ist das Universum dazu da, sich unseren Wünschen gemäß zu entfalten. Und weil es das nicht tut, kämpft dieser illusionäre Glücksritter unentwegt mit der Realität. Sobald wir die Aussichtslosigkeit des Kampfes erkennen, werden wir kapitulieren und erstaunt feststellen, dass der Krieg nur auf mentaler Ebene stattgefunden hat. Wenn das geschehen ist, werden wir mit dem wahren Leben in vollkommener Übereinstimmung sein.

Wie lebt es sich dann?

Daniel: Ahnungslos, fraglos. Und wenn du fraglos bist, wird sich dir das Leben auf äußerst präzise und folgerichtige Weise zeigen. Nicht, weil du es für folgerichtig hältst, sondern weil du ihm unmittelbar folgst. Du hörst einfach auf, über alles Mögliche zu spekulieren und spürst ganz unmittelbar, dass du lebendig bist.

Wie sieht es auf dieser Ebene mit Liebesbeziehungen aus, besonders zu einem Menschen, der sein Ego noch nicht losgeworden ist?

Daniel: Diese Frage scheint von großem Interesse zu sein. Um sie ganz einfach zu beantworten: Verändert sich eine Liebesbeziehung aufgrund der Tatsache, dass du Schwimmen gelernt hast? Nein. Du lädst deine Freundin zum Mitschwimmen ein, und wenn sie das nicht will, dann nur, weil sie Angst davor hat, im Meer unterzugehen. Das gilt es zu akzeptieren. Du kannst sie nur immer wieder einladen und ihr das Meer nahebringen. Aber es ist unmöglich, das Meer in den Sand zu tragen. Wenn eure Liebe groß genug ist, wird sich deine Freundin daran erfreuen, wie du in den Wellen tobst, und so wirst du ihr Gesicht immer öfter strahlen sehen. Irgendwann wird ihre Zuversicht groß genug sein, selbst in die Wellen zu springen, und dieser Anblick wird dir große Freude bereiten. Sollte eure Liebe nicht groß genug sein, dann wird sie missmutig im Sand sitzen bleiben und alles versuchen, um dich zurückzurufen. Weil das nicht möglich ist, wird sie eines Tages verschwunden sein.

Ich möchte noch konkreter werden: Welche Bedeutung hat der Sex?

Daniel: Er hat keine besondere Bedeutung, er ist ein Bestandteil des Lebens. Wenn du gerne italienisch isst, wirst du immer noch gerne italienisch kochen. Wahrscheinlich wird sich der Prozess des Kochens verändern, vielleicht wird er feiner und nuancenreicher. Irgendwann wirst du keine Kochbücher mehr brauchen, sondern einfach ausprobieren, worauf du Lust hast. Und wenn es mal nicht so gut schmeckt, ist das auch kein großes Problem. Vor allen Dingen fällt das ganze Sich-Erklärenwollen weg. Die Sexualität wird nur dann problematisch sein, wenn sie sich nicht frei spielen darf. Das wird immer dann der Fall sein, wenn du deiner Partnerin nicht der richtige Gespiele bist. Um es deutlich zu sagen: Die Befreiung findet nicht auf der Beziehungsebene statt, und doch wirkt sie sich auf alle energetischen Interaktionen aus.

Können uns liebevolle Begegnungen dabei helfen, sensibler und offener zu werden?

Daniel: Es verhält sich genau andersherum. Wir haben es uns angewöhnt, aus allem ein Ziel zu machen. Das ist das Hindernis. Sobald wir unsere hübsch ausgemalten Bilder von der Liebe hinter uns lassen und uns zu uns selbst umdrehen, werden wir erkennen, dass wir mit der bedingungslosen Liebe identisch sind. Die abhängige Form der Liebe ist ein Brauchen. Sie existiert nur, solange wir auf eine von außen kommende Rettung warten. Und diese Rettung gibt es nicht. Zumindest nicht dauerhaft.

Ich verstehe, dass letztlich meine Vorstellungen mein Leben bestimmen. Aber es gibt doch auch ganz real unangenehme Erfahrungen wie physischen Schmerz. Was ist, wenn der Zahnarzt zum Bohrer greift?

Daniel: Das kommt auf deine Schmerzempfindlichkeit und die Fähigkeiten des Zahnarztes an. Wenn da Schmerzen sind, dann tut es jetzt weh. Der Schmerz kann und braucht nicht wegmeditiert zu werden. Solange er da ist, darf er da sein. Die momentane Schmerzerfahrung ist nicht das Problem. Das wirkliche Problem wird schon Wochen vorher produziert. Es spielt sich auf der mentalen Ebene ab. Das Resultat ist die Angst vor dem Zahnarzttermin. Aus einem unerfindlichen Grund glaubt der Verstand, den Schmerz durch Angst verhindern zu können. Dabei wird der Schmerz durch die Angst intensiviert. Wenn der Verstand erkennt, dass er den Schmerz nicht abwehren kann, bricht sein Widerstand zusammen. Dann wird das, was passiert, einfach wahrgenommen und vorbehaltlos akzeptiert.

Willst du damit sagen, dass es völlig in Ordnung ist, Schmerzen zu haben?

Daniel: Es ist völlig in Ordnung, und doch sind Schmerzen unangenehm. Auf der Ebene des Schmerzes wird das emotionale Dilemma besonders deutlich sichtbar. Während die Sinne den Augenblick nicht verlassen können, tun es die Emotionen unentwegt.

Wie meinst du das?

Daniel: Emotionen sind an Gedanken gebunden Empfindungen. Sobald wir uns an ein Ereignis erinnern, kommen die damit verbundenen Empfindungen wieder hoch. Unsere Erinnerungen re-animieren, was schon lange gestorben ist. Damit überlagern sie den Augenblick und stehen der Sinnlichkeit im Weg.

Also hindern uns sowohl die Sehnsucht nach der rettenden Liebe, als auch die Angst vor dem Schmerz daran, in der Freude des Augenblicks anzukommen?

Daniel: So ist es! Sinnlich zu sein heißt nicht, sich vorzustellen, wie etwas sein oder schmecken wird, sondern davon zu kosten. Und kosten können wir immer nur jetzt.

Und solange wir das nicht tun, können wir das, was du „das lebendige Mysterium“ nennst, nicht erfahren?

Daniel: Genau. Die liebende Existenz empfängt sich durch jede Geburt selbst. Diese Empfängnis gilt es auf bewusstem Weg nachzuvollziehen. Es geht aus-schließlich darum, uns unmittelbar be-rühren zu lassen. Aber das können wir erst, wenn wir bereit sind, das uns geschenkte Leben bedingungslos anzunehmen. Aus dem, was ist, das Beste zu machen, heißt nicht, es sich anders vorzustellen, sondern ganz damit zu sein.

Das ist leichter gesagt als getan. Ist es nicht natürlich, mehr Freude und weniger Schmerz zu wollen?

Daniel: Allerdings. Aber wir verhalten uns nicht natürlich. Wir fühlen uns auch dann gequält, wenn es dazu überhaupt keinen Grund gibt.

Was soll ich also tun?

Daniel: Es genügt, hier in der Gegenwart dieses niemals zu Ende gehenden Augenblicks zu sein. Solange wir uns nur ständig im Irgendwo unseres Kopfes aufhalten, werden wir nicht erkennen, dass seine mentalen Inhalte vollkommen theoretischer Natur sind. Der Verstand hat uns seine Theorie so gut erklärt, dass sie uns zur Wirklichkeit geworden ist. Daher lassen wir die Gegenwart des lebendigen Augenblicks völlig außer acht und ziehen es vor, uns von ihm unterhalten zu lassen. Sein sich ständig reproduzierendes Unterhaltungsprogramm ist uns zur zweiten Natur geworden. Da ist ein Sender in unserem Kopf, und dieser Sender hindert uns daran, die Sendung zu empfangen, die aus der Stille kommt. Der Verstand sendet auf der uns überaus bekannten „Erinnerungsfrequenz“ und lässt uns in „Ich-Form“ aussprechen, was er uns mitzuteilen hat. Wir hören seinem Programm nicht einfach nur zu, nein, wir sind Zuhörer und Sprecher in einer Person. Er denkt: „Ich weiß, ich will, ich glaube…“, wir sprechen es aus und schenken seiner Sendung Glauben. Das ist es, was uns nicht still und gegenwärtig sein lässt. Wo wir nicht still sind, spielt keine Rolle, sondern dass wir nicht still sind.

Ich muss zugeben, dass mich das ein bisschen überrascht. Ich kann mir also gar nicht sicher sein, ob ich mich in dem, was ich fühle, vielleicht täusche?

Daniel: Doch, die Unmittelbarkeit dessen, was ist, kann dich nicht täuschen! Du wirst von deinem Verstand getäuscht. Das mache ich in meinem Buch überaus deutlich. Darum gilt es, dem Verstand besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Und das können wir nur, wenn wir uns nicht mehr zu seinem Sprecher machen lassen und ihm einfach nur noch zuhören. Sobald wir das tun, wird uns offensichtlich werden, dass er das uns eigentliche Sein mit seinen Inhalten überlagert hat. Wir können uns nicht vornehmen, den Verstand auszuschalten. Das ist einfach nur eine weitere Idee. Aber wir können uns bewusst machen, dass wir die immerselbe Sendung hören. Und plötzlich, wirklich plötzlich, werden da Augenblicke sein, in denen er nicht mehr kommentierend dazwischen tritt. Hier fängt die wahre Sinnlichkeit an, das wirkliche Leben.

 


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