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Wenn der Weg zu dir spricht, gibt es wenig zu sagen …


Nüchtern betrachtet ist der Jakobsweg ein eher zweitklassiger Wanderweg. Doch wer ihn wirklich läuft, der wird nicht lange nüchtern bleiben. Warum das so ist … Ende März wird Daniel Herbst mit seinem neuen Buch „Und jetzt geh. Auf dem Jakobsweg …“ nach Berlin kommen. Ein Vorgeschmack:

 

Du brichst morgens auf. Bei jedem Wetter. Du läufst, so weit dich deine Füße tragen. Im Verlauf des Tages kommst du an einem dir unbekannten Ort an. Da steht dein Bett für die nächste Nacht. So geht das jetzt Tag für Tag. Du wirst auf einem Weg unterwegs sein, den schon Millionen Menschen vor dir gelaufen sind – seit dem frühen Mittelalter. Einen Weg, der manches Mal fast in Vergessenheit geraten ist. Er lebt, solange es Menschen gibt, die einen Sinn darin sehen, auf ihm zu pilgern. Es ist ein Pilgerweg. Der Camino de Santiago – der Jakobsweg.

Dieser Weg beginnt direkt vor deiner Tür. Von überall her kommend, laufen die Wege zusammen. Wenn du spanischen Boden unter den Füßen hast, befindest du dich entweder auf dem Navarrischen (klassischer Start in St. Jean-Pied-de-Port) oder dem Aragonesischen Weg (klassischer Start am Somportpass). 150 bzw. 200 Kilometer später, in Puenta la Reina, vereinigen sich diese beiden aus Frankreich kommenden Wege zu einem – zu dem Weg. Von dort sind es noch 650 Kilometer bis nach Santiago de Compostela. 650 Kilometer Zeit für dich.

Ein kontemplativer Weg

Der Jakobsweg hat viel Potential: Er ist durch die vielen Sucher, die auf ihm gelaufen sind, energetisch hoch aufgeladen. Jedem, der sich mit Leib und Seele auf ihn begibt, bietet er die Möglichkeit, die Korrelation der inneren und der äußeren Welt für sich selbst zu entdecken. Damit ist der Jakobsweg in erster Linie ein kontemplativer Weg und erst in zweiter Linie ein Wanderweg.

Was zählt, ist, sich auf den Camino (spanisch: Weg) und all seine Unwägbarkeiten einzulassen. Wer von einem mittelalterlichen Weg und einer Atmosphäre wie „Im Namen der Rose“ träumt, wird schwer enttäuscht. Nein, gut die Hälfte des Weges ist landschaftlich vollkommen uninteressant, und immer wieder geht es für etliche Kilometer an mehr oder weniger befahrenen Straßen entlang. Der Weg verläuft nicht durch – und führt auch nicht zurück in – eine „heile Welt“. In der Nähe von Logroño wird er sogar zwischen der Autobahn und der Landstraße eingeklemmt.

Obwohl der Zeitsparwahn den Camino mancherorts in die Enge getrieben hat, verläuft er außerhalb der Zeit. Gerade wenn uns die Hektik von jenseits des Weges befallen und mit sich reißen will, können wir den Boden unter den Füßen spüren. Statt auf dem Zeitstrahl ins Nirgendwo zu schießen, lädt uns der Jakobsweg ein, das falsch verstandene Zeitgefüge für diesen Augenblick zu vergessen. Dann können sich die Eindrücke vertiefen. Dann wird das, was gerade ist, zum Wichtigsten im Leben. Freude wird wieder möglich. Das Glück stellt sich ganz von selber ein.

Klarheit, Erkenntnis, Verständnis…

Die meisten, die heute den Jakobsweg gehen, sind im althergebrachten Sinne keine Pilger mehr. Der moderne Pilger sieht sich nicht mehr einer strafenden und alles beherrschenden Kirche gegenüber. Es geht nicht mehr darum, sich durch Bußübungen einen Ablass von den Sündenstrafen zu verschaffen. Es geht nicht mehr darum, dem Fegefeuer zu entkommen und sich rein zu waschen. Und das Begehen des Jakobsweges ist auch kein lebensgefährliches Unterfangen mehr.

Nein, wer auf den Jakobsweg geht, tut das aus freien Stücken – und das ist wunderbar! Schließlich lässt Gott sich nur in aller Freiwilligkeit entdecken. Vielen Laufenden geht es nicht um Gott, sondern „nur“ darum, das eigene Leben zu klären. Der Camino ist also zuallererst ein Weg, den Menschen „auf sich nehmen“, um sich über sehr entscheidende Dinge klar zu werden. Was das im Einzelfall ist, hängt vom Einzelnen ab. 1000 Menschen – 1000 Motive. Aber: 1000 Menschen und eine Intention: Klarheit. Erkenntnis. Verständnis. Die kollektive Sehnsucht ist, zu sich zu kommen. Du folgst einfach deinen Füßen und lässt die Gedanken gehen …

 

Ich will!

Übrigens: Wer sagt, dass der Jakobsweg überlaufen ist, ist ihn noch nicht oder zur falschen Zeit gelaufen! Wer zu wissen glaubt, was auf ihn zukommen wird, dem kann der Weg nichts sagen. Obwohl der Jakobsweg (ach der …) bekannt zu sein scheint, erschließt er sich erst während des Laufens – von innen heraus und auf einmalige Weise. Der Weg, den du gehen wirst, ist noch nicht gegangen worden. Wenn du dich mit allem, was du gerade bist, auf ihn begibst, schenkt er dir alles, was du zum jetzigen Zeitpunkt in Empfang nehmen kannst. Denn Geben und Empfangen sind ein und dasselbe. Goethe formulierte es so: „Es hört doch jeder nur das, was er versteht …“ Das wird überdeutlich.
Um den Jakobsweg wirklich zu gehen, braucht es eine Entscheidung: „Ich will! Ich will eine unmittelbare Erfahrung machen. Ich will das Unentdeckte entdecken. Was es auch ist …“

Der Camino kann dein Leben im „Schnelldurchlauf“ sein. Eben weil hier alles einen Schritt nach dem anderen geht. Eben weil hier gesehen werden kann, was sonst im Strom der Gedanken und Bilder untergeht. Wenn du da bist, wo deine Füße sind, entschleunigt sich dein Leben. Dabei verändert sich alles – ständig. Aber nicht hektisch. Nicht aufgeregt und wirr, sondern stetig. So wie eine Blume aufgeht. Landschaften wechseln sich ab, Gerüche, Empfindungen, Gedanken. Alles wird langsamer und intensiver. Du hörst auf, dich nach dem Kick zu sehnen. Du brauchst keinen Kick mehr. Du bleibst hier und entdeckst die unglaubliche Schönheit. Sie liegt im stetigen Wandel. Buen camino – und willkommen zu Hause!

 


Literatur:

 

 

 

 

 

 

Daniel Herbst:
„Und jetzt geh. Auf dem Jakobsweg …“
ISBN 978-38334-68650, 13,90 €

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