Als sich Michaela Müller eine Auszeit nehmen wollte, wurde sie unsicher und kam ins Grübeln: „Ich würde gern in ein Kloster gehen, aber irgendwie fehlt mir dazu der Mut. Was mich dort wohl erwartet? Ist ein Kloster überhaupt das Richtige für mich?“ Die Beratung, die sie damals gebraucht hätte, bietet sie heute selbst an. Gemeinsam mit ihrer Schwester Bernita Müller hat sie den Spezialreiseveranstalter „Wainando“ gegründet. Seit 2015 organisieren sie gemeinsam Sinn- und Meditationsreisen. Für SEIN berichten die beiden, wie  spirituell Reisen Menschen verändern und berühren kann.

von Bernita und Michaela Müller

Die meisten Menschen verreisen, um sich zu erholen, die Tapeten zu wechseln oder etwas Neues zu erleben. Wenn diese Bedürfnisse tiefer gehen, wird Inspiration zum Mittelpunkt der Reise. Dann möchte man neuen Kulturen ganz nah kommen, fremde Länder spüren und daran wachsen. Die Reise wird zu einer Suche nach sich selbst.

Mehr als der Alltag

Wir hatten einmal eine Kundin, die mit ihrem Mann nach Bhutan reisen wollte. Sie war Anfang 40, stand mitten im Leben und hatte einen begehrten Posten in der mittleren Führungsebene eines Unternehmens. Ihr Mann interessierte sich für Meditation und überzeugte sie, dass Bhutan eine Reise wert sei. Sie willigte ein. Und inmitten des Himalayas, umgeben von wilder Natur und Bergeinsamkeit, wandelte sich ihre Sicht auf die Welt. Sie sprach lange mit dem Lama eines buddhistischen Klosters und nahm am einfachen Leben der Menschen teil. Die Tiefe der Worte des Lehrers und die Unverfälschtheit der Menschen und ihrer Lebenswelt berührten sie im Innersten. Früher hatte sie vor allem im Außen gelebt, hatte viel gearbeitet und war ihren Verpflichtungen nachgekommen. Jetzt begann sie zu begreifen, dass es eine weitere Welt gibt, die sich im Innen abspielt.

Wieder zu Hause, ging sie diesen Weg weiter. Momentan befindet sie sich in einem mehrmonatigen Meditationsretreat in Nepal. Manchmal treten Umbrüche dieser Art ganz spontan ein. Ein andermal suchen die Menschen gezielt danach. Viele haben das Gefühl, dass es noch mehr geben muss als den Alltag. Sie begeben sich auf eine längere Auszeit, um mehr bei sich anzukommen. Oder sie wechseln den Job und müssen sich entscheiden, wie es jetzt weitergehen soll. Was will ich? Was nicht? Eine Reise kann helfen, sich selbst besser zu spüren und neue Impulse zu erhalten.

Natürlich muss man nicht zwangsläufig an einem Scheideweg stehen, um sich auf eine spirituelle Reise zu begeben. Ein Yoga-Retreat kann beispielsweise auch eine Gelegenheit sein, sich in Freude und Liebe zu üben. In einem geschütztem Rahmen fällt es leichter, sich dafür zu öffnen. Fernab des Alltags lenkt nichts von der Dankbarkeit ab, die tief im Herzen schlummert. Was auch immer Sie suchen und welches Retreat Sie auch wählen: gut möglich, dass Sie bewusster nach Hause zurückkehren.

Wie kann eine spirituelle Reise aussehen?

Es gibt kein Patentrezept. Zum Glück, denn eine spirituelle Reise ist so individuell wie der Reisende selbst. Der eine fühlt sich am wohlsten, wenn er in der Natur ist, der andere braucht die reinigende Kraft des Ayurveda oder findet beim Yoga Entspannung. Welche Form die Reise annimmt, hängt vom Zeitpunkt und der Lebenssituation des Einzelnen ab. Manchmal reicht ein Schweige-Wochenende im Schwarzwald, manchmal muss es eben die Trekkingtour durch Bhutan sein. Jeder darf sich auf seine eigene Reise begeben, ob lang oder kurz, nah oder fern. Was daraus entsteht, hängt davon ab, was sich im Inneren entfaltet und wie sehr man sich öffnen kann und will. Am Ende trägt jeder selbst die Verantwortung für das, was er aus seiner Reise macht.

Wir organisierten einmal eine Rundreise für eine Frau, die sich für Island interessierte. Es stellte sich heraus, dass sie gerade zwei Familienangehörige verloren hatte und voller Trauer war. Die kraftvolle Natur Islands half ihr, wieder innere Ruhe zu finden. Sie helfen, sich (womit?) zu verbinden und Vertrauen, Liebe und Leichtigkeit aufzubauen. Sie helfen, sich wieder mit sich selbst und der Natur zu verbinden und Vertrauen, Liebe und Leichtigkeit aufzubauen. Wenn man wie diese mutige Frau offen dafür ist. Früher war eine spirituelle Reise eine Wallfahrt. Man pilgerte zum Beispiel nach Santiago de Compostela, um die Reliquien des Apostels Jakobus zu verehren. Heute könnte man meinen, dass die Menschen eher nach Indien fliegen, um die Veden zu studieren. Natürlich ist das eine Option, aber es gibt noch so viel mehr Möglichkeiten.

Eine spirituelle Reise kann mit einer bestimmten Glaubensrichtung verbunden sein, muss es aber nicht. Vielen Menschen geht es eher darum, verschiedene Religionen kennenzulernen und dadurch auf ihrem eigenen Weg einen Schritt weiterzukommen. Sie sind nicht dogmatisch, sondern wollen sich inspirieren lassen und die vielen verschiedenen Zeremonien dieser Welt berühren. In Indien sind diese mit Meditation verwoben, in Neuseeland dagegen steht die Natur im Mittelpunkt. Was reine Theorie bleibt, wenn man nur davon liest, wird in den jeweiligen Ländern zur lebendigen Erfahrung. Wer mitten drin ist, spürt, worum es geht, ohne sich in abstrakten Vorstellungen zu verlieren.

Die Welt ist klein geworden. Wir sind durch das Internet verbunden, können heute blitzschnell mehrere tausend Kilometer überwinden, Freunde in Thailand haben und uns in New York zu Hause fühlen. Auch die Gedanken- und Erfahrungswelten der Menschen verbinden sich – und damit ihre Spiritualität.

Die richtige Destination …

… kennen Sie bereits. Ihr Bauchgefühl hat längst entschieden, wohin die Reise gehen soll. Sie müssen sich nur noch für Ihre Intuition öffnen und ihr vertrauen. Horchen Sie in sich hinein: Wo zieht es Sie hin? Ist Fliegen für Sie eine Option oder verzichten Sie dem Klima zuliebe darauf? Wie groß ist das Zeitfenster für Ihre Reise? Wollen Sie mehrere Ecken eines Landes kennen lernen oder sich an einen stillen Ort zurückziehen, um zu meditieren? Es geht ja wahrscheinlich nicht darum, eine Liste mit Sehenswürdigkeiten abzuklappern. Welches Land möchten Sie spüren? Welches ruft sie?

Wenn Sie eine Reise gefunden haben, die in Frage kommt, hören Sie auf Ihre innere Stimme. Der Kopf muss nicht unbedingt ja sagen. Sicher finden Sie genug Gründe, zu Hause zu bleiben oder in ein Club-Hotel zu fahren. Aber was sagt Ihr Bauch? Wenn er überzeugt ist, können Sie ihm guten Gewissens vertrauen.

Aber es gilt dennoch auf einiges zu achten, um schwarze Schafe bei Reiseveranstaltern auszuschließen: Das Reiseprogramm sollte klar und verständlich sein und Sie müssen vorab die Inhalte kennen. Am besten lassen Sie sich beraten, um eine fundierte Entscheidung zu treffen. Ist Ihr Ansprechpartner authentisch? Können Sie ihm vertrauen? Das Wichtigste ist, dass Sie immer alle Freiheiten haben. Keiner sollte zu irgendetwas gezwungen werden. Jedes Seminar muss sie darin bestärken, Ihr Leben eigenverantwortlich in die Hände zu nehmen. Bodenständigkeit zählt. Eine spirituelle Reise kann innere Prozesse in Gang setzen, die manchmal unangenehm sind. Aber das muss nicht so sein! Es ist wichtig, sich mit der Freude zu verbinden, die tief im Inneren zu wachsen beginnt. Der Weg des Herzens ist nicht schwer. Ganz im Gegenteil. Er erlaubt uns, leicht wie eine Feder zu werden und dabei doch ganz bei sich zu bleiben.

Wie gelingt die spirituelle Reise?

Am wichtigsten ist Offenheit. Nehmen Sie alle Erfahrungen an, auch die schwierigen, und lernen Sie daraus. Manchmal beginnt der Entwicklungsprozess bereits im Voraus: Eine Kundin litt unter Flugangst, wollte aber unbedingt an einem Retreat in Thailand teilnehmen. Sie überwand ihre Furcht und stieg in den Flieger! Eine andere hatte in einem schönen Hotel das Gefühl, nicht im richtigen Zimmer zu sein. Sie erkannte aber schnell, dass es eigentlich gar nicht um den Raum ging, sondern darum, sich wirklich einzulassen. Als sie es konnte, fühlte sie sich auch in ihrem Zimmer wohl. Eine Reise kann Mut erfordern. Wer dem Unbekannten mit offenen Armen gegenübertritt, wächst innerlich und gewinnt an Weite. Das Herz öffnet sich und alles darf sein. Diese Bedingungslosigkeit ist ungemein heilsam, sie bewertet Unbekanntes nicht. Das ist sehr wichtig, denn nur so kann die Reise gelingen. Es geht gar nicht anders! Mit der bedingungslosen Hingabe steht und fällt die eigene Entwicklung. Wenn wir einen Schritt auf andere zugehen, setzen auch sie sich in Bewegung. So ist eine Reise auch ein Geschenk, das uns andere machen. Die Menschen, die Tiere, die ganze Umgebung – alles öffnet sich für uns, wenn wir uns mit dem Herzen zuwenden. Dann entdecken wir Schätze, egal wohin unser Weg uns führt.

Author: Oliver Bartsch

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