Kein Mensch kann in der Wüste leben und davon unberührt bleiben. Er wird fortan, wenn vielleicht auch kaum merklich, das Zeichen der Wüste, das Zeichen des Nomaden tragen; und er wird immer, je nach Veranlagung, leises oder brennendes Heimweh nach jenem Leben verspüren. Denn dieses unerbittliche Land übt einen Zauber aus, dem ein gemäßigtes Klima nichts entgegenzusetzen hat. Wilfred Thesiger

von Isabel Viramo von Roon

Vor etwas mehr als sechs Jahren fuhr ich das erste Mal nach Marokko, um mit einer spirituell geführten Gruppe in die Wüste zu gehen. Ich hatte Lust auf Abenteuer und eine Erweiterung des Horizonts im wahrsten Sinne des Wortes und ich hatte das Gefühl, es müsse sich etwas ändern in meinem Leben. Seither bin ich unzählige Male zurückgekehrt in die Wüste und zu den Menschen dort, habe einen Nomaden geheiratet und begleite jetzt Menschen auf Wanderungen in der Sahara. Eine Freundin war vorher schon zweimal in die Wüste gegangen und sie hatte durch die Reisen an innerer Kraft gewonnen.

So war Vertrauen in diese Unternehmung da. Und Vertrauen braucht es für dieses Vorhaben. Denn natürlich hat die Vorstellung, in die Wüste zu gehen, auch etwas Bedrohliches: Es ist eine fremde, lebensfeindliche Umgebung, in der uns unvorhersehbare Gefahren in Form von Kriech- und Krabbeltieren, die gnadenlose Sonne sowie ein Mangel an Wasser und Hygiene erwarten könnten. Die Wüste ist ein Grenzgebiet, in dem mir meine europäischen Kulturtechniken und Kompetenzen womöglich nicht viel nutzen. Ich muss mich führen lassen und mit unbekannten Bedingungen klarkommen. Und es kann sein, dass ich dort in der Stille meiner inneren Wüste begegne. Am Anfang steht die Unsicherheit.

„Jedes Mal, wenn ich der Wüste gegenüberstehe, führt sie mich auf die erregende Reise in mein eigenes Ich, in dem wehmütige Erinnerungen, Befürchtungen und Hoffnungen des Lebens miteinander streiten. Wer in der Wüste überleben will, muss sie verstehen, ihr zuhören. Denn sie wird immer stärker sein als der Mensch. Man muss, um hier zu leben, ebenso viel Bescheidenheit wie Mut aufbringen. Die Wüste scheint ihrem Bewohner ewig, und sie schenkt diese Ewigkeit dem Menschen, der sich ihr verbunden fühlt.“ Mano Dayak: Geboren mit Sand in den Augen

Meist kommt man in Marrakesch an. Marrakesch verzaubert. Märchenhaft, bunt, mystisch … und sehr touristisch. Man tut gut daran, sich nicht auf die vielen Wüstenreiseangebote in den Hotels dort einzulassen. Nicht selten sieht man diese „echten Nomaden“ dann in der Wüste ihre verlorenen Kamele suchen, weil sie zwar gerne einen schnellen Dirham verdienen wollen, sich aber mit der Materie nicht auskennen. Oder sie kutschieren ihre Gäste in vorbereitete Biwaks, die mit Duschen und Betten ausgestattet nicht viel mit dem Original zu tun haben. Zum Glück gibt es aber noch das Authentische.

Die Wüste liegt fern von Marrakesch, eine Tagesreise über den Hohen Atlas. Eine kurvenreiche Fahrt durch unbeschreiblich beeindruckende Landschaften. Der Zustand der Straße zeigt den Kampf des Menschen mit der Natur, er steht hier unentschieden … aber der Mensch gibt nicht auf. Vom Wüstenstädtchen Zagora aus geht es dann morgens los: mit Geländewagen auf kaum erkennbarer Piste in felsiges Gebirge. Dort warten mitten im Nichts die Begleiter, Nomaden und Dromedare. Die Autos werden entladen und fahren davon – das war die letzte Verbindung zur „Welt“.

Plötzlich Stille. Jetzt wird es ernst. Hier sind wir mitten in der Natur mit wildfremden Menschen, den wunderlichen Dromedaren und Bergen von Gepäck. Die Männer arbeiten auf erstaunliche Weise zusammen, sie lachen, sie kochen, packen, räumen, rufen sich Worte in unverständlicher Sprache zu, und schon gibt es an einer geschützten Stelle am Boden einen gedeckten Tisch und wir werden bewirtet. Es entsteht erstes Vertrauen. Wenn es so gutes Essen gibt, kann es so schlimm nicht werden. Eine Erfahrung, die in den kommenden Tagen wieder und wieder Begeisterung hervorrufen wird.

Von jeher haben die Menschen in der Wüste Weisheit und inneren Frieden gesucht und gefunden. Man denke nur an die Wüstenväter, frühchristliche Mönche, die seit dem späten 3. Jahrhundert – entweder einzeln als Eremit oder in Gruppen – ein zurückgezogenes, durch Askese, Gebet und Arbeit bestimmtes Leben in den Wüsten Ägyptens und Syriens führten. Von ihnen handelt folgende Geschichte:

Kein Tor

Brüder besuchten von der Wüste Sketis aus den Altvater Antonios. Sie bestiegen ein Schiff, um zu ihm zu kommen. Dort trafen sie einen Alten, der auch dorthin kommen wollte, doch die Brüder kannten ihn nicht. Als sie im Schiffe waren, unterhielten sie sich über Aussprüche der Väter, über Worte der Schrift und auch über ihre Handarbeit. Der Alte aber schwieg. Als sie nun am Landeplatz waren, zeigte es sich, dass der Alte auch auf dem Weg zum Altvater Antonios war. Als sie dann bei diesem ankamen, sprach Antonios zu ihnen: „An diesem Alten habt ihr einen guten Begleiter gefunden.“ Er sagte aber auch zu dem Greis: „Treffliche Leute hast du bei dir.“ Der Greis erwiderte: „Gut sind sie schon, aber ihr Gehöft hat kein Tor, und jedermann kann in den Stall hineingehen und den Esel losbinden.“ Das sagte er, weil sie alles herausschwätzten, was ihnen in den Mund kam.

Das Bedürfnis nach Stille führt viele Menschen in die Wüste. Wir kommen aus unserer westlichen Welt, in der es von allem zu viel gibt. Viel zu viel. Überfluss. Zu viele Dinge, zu viel Lärm, zu viel zu essen und trinken, zu viele Termine, zu viel Stress … Die Wüste Sahara bietet uns einen weiten Raum, in dem wir zu uns kommen können, still werden. Und mit der Stille kann ein tiefes inneres Glück einhergehen.

Ich habe die Wüste immer geliebt, sagte der kleine Prinz. Man setzt sich auf eine Sanddüne. Man sieht nichts, man hört nichts. Und währenddessen strahlt etwas in der Stille. Antoine de St. Exupéry

Neben der Stille ist ein Merkmal der Wüste die Weite: Hier gibt es scheinbar nichts, nur Landschaft, weite Landschaft. Auf den ersten Blick ist hier nicht viel Leben, es gibt nur wenige Pflanzen und Tiere, fast keine Menschen. Bei näherem Hinsehen können wir aber ganz viel entdecken, besonders seit dem großen Regen im Sommer 2018 ist die Sahara grün geworden. Aman iyman sagen die Berber, „Wasser ist Leben“. Die Wanderung führt uns in den nächsten Tagen durch die unterschiedlichsten Wüstenlandschaften. Die meisten Menschen denken bei dem Wort Wüste an endlose goldene Sanddünen und blauen Himmel, an unberührte Natur voller Licht und Wärme. All das ist die Wüste, und noch viel, viel mehr. Steiles Gebirge aus schwarzen Felsen, schier endlose Ebenen bedeckt mit Steinen, liebliche baumbestandene Täler und dann tatsächlich Sand in den verschiedensten Formen. Tamarisken, Akazien und Rucola wechseln sich ab mit malerisch verdorrten Büschen.

Der Horizont dehnt sich und mit ihm dehnt sich unser innerer Raum. Die Weite um uns herum wirkt nach innen und lässt uns klarer werden. Wir lassen die Vielfalt hinter uns und können so das Wesentliche besser erkennen. Es entsteht Raum für Veränderung. Wer in die Wüste geht, liebt die Stille mehr als laute Unterhaltung, das einfache Leben mehr als den Konsum, das Ursprüngliche mehr als das Kultivierte.

Die Wüste ist eine Denklandschaft. Man geht nicht nur zwischen Dünen, man geht auch in seinem eigenen Denken umher, man macht Gedankengänge. Im Gehen verändert sich die Landschaft von Bild zu Bild. Es verändert sich auch der Gedankenhorizont. Das Auge zieht es mal hier, mal dort hin, auch die Gedanken wildern umher. Man wirft sie hinaus, als Entwürfe. Otl Aicher

Um derartige Erfahrungen machen zu können, wie sie Olt Aicher in seinem wundervollen Buch „Gehen in der Wüste“ beschreibt, ist es hilfreich, nicht so viel zu sprechen. Die Gäste vereinbaren im allgemeinen das Gehen im Schweigen. Viele wissen aus Meditationsretreats, was für ein Geschenk man sich gegenseitig macht, wenn jede Person ihre eigenen Erfahrungen machen kann, ohne ständig auf die Worte und Gedanken der anderen reagieren zu müssen. Wir sinken von der Oberfläche in die Tiefe. Wir begegnen uns selbst, und das ist im Gehen leichter, denn wir bewegen uns weiter. Meditationen am Morgen und Abend unterstützen den Prozess. Besonders passend und bereichernd sind die Elemente-Meditationen des Buddhas. Nirgends sonst erleben wir die Elemente in solcher Reinheit und Kraft.

Die Dromedare tragen Gepäck und Proviant, die Gäste gehen als kleine Gruppe zu Fuß an der Seite der Tiere oder weitab, allein, ganz wie es guttut. Wenn die Füße müde werden, können wir auch ein Dromedar reiten, sofern das Gelände es zulässt. Diese urtümlichen, sympathischen Tiere sind in allem beeindruckend: in ihrer Form und Größe, in ihrem Geruch, in ihrer Kraft und Ausdauer und in ihrer Gelassenheit. Ohne ihre Unterstützung wäre ein Nomadenleben in der Wüste nicht möglich gewesen.

Man sollte eine gewisse Resilienz haben, eine Bereitschaft und Fähigkeit, an die eigenen Grenzen zu gehen; diese Art von Reise ist nichts für Hypochonder. Nicht selten reagiert der Körper auf die ungewohnten Bedingungen mit Erkältungen oder Durchfallerkrankungen. Sie gehen genauso vorbei wie zuhause, können aber in der Fremde beunruhigen. Darauf sollte man vorbereitet sein. Ich selbst hatte bei meiner ersten Reise einen schweren Unfall und durfte dann die Erfahrung machen, in der Gruppe und der Obhut der Nomaden vollkommen geborgen zu sein. Seither ist die Wüste für mich ein Ort der Heilung. Ich erlebe die Reisen in die Wüste jedes Mal als transformierende und zutiefst beglückende Erfahrung. Es fehlen die gewohnten Ablenkungen und stattdessen erfahren wir Momente von ungewohnter Stille und Weite, so dass ganz neue Aspekte unserer selbst zum Vorschein kommen können. Ich begleite gerne Menschen auf ihren inneren und äußeren Reisen.

Author: Oliver Bartsch

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