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Oft scheint sie unauffindbar – ja, eigentlich gar nicht vorhanden zu sein. Lärm und Abgase auf den Straßen, dichtes Gedränge und Hektik in den Einkaufsstraßen. Es ist nicht leicht, die Stille im städtischen Alltagsleben zu finden. Und doch: Es gibt sie. Sabrina Gundert hat sich auf eine Spurensuche nach den stillen Orten und Momenten in der Stadt gemacht.

Da stehe ich. Schon wieder. Die Warteschlange reicht durch den halben Supermarkt, vor mir verlangt jemand lautstark nach einer zweiten offenen Kasse, hinter mir wird wüst auf die langen Wartezeiten geschimpft. Die Luft um mich herum scheint immer wärmer zu werden. Ich merke wie Ärger, Stress und ein Gefühl der Anspannung in mir hochkriechen. Unruhig trete ich von einem Fuß auf den anderen. Wie lange denn noch? Gleichzeitig ärgere ich mich über meinen eigenen Ärger. Wieder denke ich: Es muss doch auch anders gehen.

Auf der Suche nach der Stille

Kurze nach diesem Erlebnis stieß ich auf das Buch „Stille in der Stadt“ von Ursula Richard. Mir wurde bewusst: Es geht wirklich anders! Das Buch gab den Anstoß, die eigene Stadt, aus der ich bislang am liebsten immer aufs ruhige Land geflüchtet wäre, neu zu erkunden. Stille zu entdecken, wo bislang keine zu sein schien. Meine eigene Sicht zu verändern und dadurch ein neues Bild dieser Stadt entstehen zu lassen.

Der Supermarkt als Entspannungsort

Wenige Wochen später. Ich stehe wieder an der Warteschlange im Supermarkt. Doch dieses Mal ist etwas anders. Ich achte bewusst auf meinen Atem, kann sein Kommen und Gehen spüren. Dann wandert meine Aufmerksamkeit zu den Füßen und nimmt wahr, wie diese festverwurzelt auf der Erde stehen. Obwohl all die anderen wartenden Menschen um mich herum stehen, kann ich ganz bei mir bleiben, mich selbst spüren, das tut gut.

Innerlich gehe ich einen Schritt weiter, verbinde mich mitfühlend mit ihnen und nehme ihre Unruhe wahr, den Wunsch, endlich an der Reihe zu sein und den Einkauf zu bezahlen. Ich merke, dass es ihnen genauso geht wie mir. Etwas in mir entspannt sich.
Dieser kleine, scheinbar banale Perspektivwechsel bewirkt eine entschiedene Änderung: Ich kann selbst in der Warteschlange hier und da ein Lächeln verteilen, eines zurückbekommen und den Supermarkt schließlich ruhig, entspannt und erfüllt verlassen. An der Situation selbst hat sich nichts verändert, an meiner Art und Weise in ihr zu sein aber sehr wohl. Auch so entsteht Stille in der Stadt.

Stille Orte entdecken

Neben den inneren stillen Orten suche ich heute auch bewusst äußere Orte der Ruhe auf, wenn mir Lärm und Hektik zu viel werden in der Stadt: Parkanlagen, Kirchen, die Stadtbücherei oder das Museum am Markt. Aber auch Friedhöfe oder Toiletten sind gute Orte, um einen Moment innezuhalten, durchzuatmen und das Heben und Senken der Bauchdecke mit jedem Atemzug zu beobachten. Raus aus dem Hetzen und dem Kopfkarussell zu kommen („Jetzt noch schnell zum Drogeriemarkt, danach zum Bäcker, ach ja und nicht das Geschenk für Silke vergessen. Was soll ich eigentlich morgen kochen? Soll ich noch rasch zum Bioladen? Oder doch besser…“) und wieder anzukommen im jetzigen Moment.

Ursula Richard erzählt in ihrem Buch, wie sie die Stille an einem frühen Sonntagmorgen auf dem großen – an diesem Tag menschenleeren – Parkplatz eines Discounters entdeckt hat: Auf dem Bordstein sitzend und auf eine Freundin wartend, wurde dieser Ort zum optimalen Meditationsplatz für sie. Manche stillen Orte entstehen und vergehen je nach Tages- oder Uhrzeit.
Mehr und mehr spüre ich heute die Stille mitten im Trubel der Stadt. Beispielweise dann, wenn ich in der Fußgängerzone auf einer Parkbank sitze, die Menschen um mich herum wahrnehme, den Mann, der Gitarre spielt, den anderen, der Pantomime macht. Alles geht seinen gewohnten Gang und doch: Etwas in mir hat sich verändert. Ich kann hier sitzen, still und ruhig und einfach sein. Statt wie früher im Strudel von Geräuschen und Geschwindigkeit unterzugehen, kann ich immer mehr im Auge des Sturms stehen. Die Stille beginnt sich nach und nach von den äußeren Gegebenheiten zu lösen und ist einfach da – egal, wie die Umstände gerade sind.

 

Mitten im Leben

Achtsam sein, mitten im Leben? Wie soll das gehen?
Sollte ich nicht in die Berge gehen,
an einen Ort der Kraft,
der Ruhe und Stille?
Oder zumindest in einen Wald, an einen stillen See?
Achtsam sein mitten im Büro,
im Familientrubel,
im Straßenverkehr?

Ja,
denn ich erinnere mich.
Jemand sagte mal zu mir:
Zu meditieren, ganz wach zu sein, ganz hier,
das ist einfach im Himalaya.
Doch auf einer Verkehrsinsel,
mitten in Frankfurt,
da ist es eine wahre Herausforderung.

Ich möchte mich darin üben,
das Schreien der Kinder als Glocke der Achtsamkeit wahrzunehmen.
Das Hupen der Autos ebenso.
Das Klingeln des Telefons, ja auch das.

Eine Glocke der Achtsamkeit, die mich an mein Hiersein erinnert.
Wie eine gute Freundin, die sagt:
Wache auf aus deinen Gedanken,
sei wach,
sei hier,
sei ganz da,
mit deinem gesamten Bewusstsein in deinem Körper.

Da sein.

 

Gehmeditation auf dem Weg zur Bushaltestelle

Auch der Weg zur Bushaltestelle hat sich verändert. Statt mich – wie sonst – den Gedanken an den nächsten Termin und an alles Unerledigte hinzugeben, mich von all den Autos, Menschen, dem Gewusel und Lärm stressen zu lassen, wandert meine Aufmerksamkeit zu den Füßen. Ich spüre, wie sie beim Gehen den Boden berühren und muss an die Worte Thich Nhat Hanhs denken, mit meinen Füßen die Erde zu küssen. Die Anspannung in meinem Körper lässt nach. Meine Schritte scheinen federnder zu werden, leichter. Im vollen Bus sitzend richte ich die Aufmerksamkeit auf meinen Atem. Frieden denke ich einatmend, Liebe ausatmend. Die Busfahrt zum Bahnhof wird zur kurzen Sitzmeditation.

Stille Momente am Arbeitsplatz

Gehen Stille und Achtsamkeit im Arbeitstrubel oft verloren, so erinnert das kleine Programm „Stillness Buddy“ einen in regelmäßigen, selbst gewählten Abständen daran, innezuhalten. Ob Übungen und Inspirationen vom Dalai Lama, Thich Nhat Hanh oder Jack Kornfield – mittlerweile sind unterschiedlichste Versionen zu bekommen. Ist es Zeit für eine Pause, so friert das Bildschirmbild ein. Ein kleines Bild mit einem Text erscheint und fragt zum Beispiel „Bist du sicher, dass du wirklich präsent bist in diesem Augenblick?“.

Ich gebe zu, auch ich klicke die Pausenmeldungen immer mal wieder verärgert weg („Ich bin doch gerade mitten am arbeiten! Jetzt kann ich doch keine Pause machen!“) – und dennoch macht mir gerade dieses Wegklicken immer wieder bewusst, dass es höchste Zeit ist für einen Augenblick des Innehaltens.

Spiritualität im Alltag

Nachdem ich die Stille in der Stadt nun über mehrere Monate hinweg erkundet und entdeckt habe, kann ich sagen: Ich finde sie nicht immer, die Stille und Ruhe. Manchmal lasse auch ich mich in einem unachtsamen Moment wieder mitreißen von der Hektik, dem Stress, dem Ärger und Genervtsein. Gleichzeitig scheinen sie immer mehr, tiefer und länger zu werden, die Augenblicke der Stille im Alltagstrubel. Es sind Augenblicke, die ich sonst nur von Meditationskursen, Urlaub oder Zeiten auf dem Land her kenne.
Stille in der Stadt hat somit zugleich etwas mit urbaner Spiritualität zu tun. Damit, die Gelassenheit und innere Ruhe, die sich vielleicht nach dem Meditationskurs am Abend oder dem zweiwöchigen Retreat eingestellt haben, mit in den Alltag zu nehmen. Achtsam zu sein – in der U-Bahn, in der Warteschlange, an der Supermarktkasse – und die Achtsamkeit wirklich Teil unseres Alltags werden zu lassen.

Einfach mal hier sein,
nur hier.

Nicht rennen, hetzen,
in Gedanken
oder von einem Ort
zum anderen.

Einfach mal hier sein
und das Leben spüren.

Leben,
mit jeder Faser
meines Körpers.

Am Ende ihres Buches entwirft Ursula Richard ihre Version einer achtsamen Stadt: Von Nobelboutiquen und Autohäusern, die Räume der Stille einrichten. Von Durchsagen in der U-Bahn, die ihre Fahrgäste darauf hinweisen, den eigenen Körper wieder bewusst wahrzunehmen. Von Postschaltern, vor denen ein Schild steht: „Einatmend weiß ich, dass ich lebendig bin. Ausatmend weiß ich, dies ist ein wundervoller Moment.“

Es ist eine Vision, die vielleicht noch eine Zeitlang braucht, um Wirklichkeit zu werden. Doch wir müssen nicht warten. Wir können gleich jetzt – beim Klicken auf die nächste Website, beim Gang zum Bäcker, auf der Heimfahrt mit der Bahn – beginnen, Stille und Achtsamkeit in unserem Alltag zu kultivieren und somit selbst die Veränderung werden, die wir uns wünschen in unserer Stadt.

 

 

Fotos: Sabrina Gundert

 

Eine Antwort

  1. Kurt Melnik

    Der Absatz Spiritualität im Alltag spricht mir aus dem Herzen. Ja das kenne ich gut, die Möglichkeit sich Ruhe und Frieden im Herzen kaufen zu können: An speziellen Orten von Auskennern auf Seminaren oder Freizeiten.

    Und doch die Zweifel bleiben. Was bedeutet es so eine achtsame Haltung zu entwickeln. Manchmal habe ich Angst, ich trainiere nur friedlich lächelnd und ohne Angst mit der Titanic unterzugehen.

    Antworten

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