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Chancen, Risiken und Nebenwirkungen


Bevor man sich dem Thema des interreligiösen Dialogs widmet, ist es sinnvoll, sich Gedanken darüber zu machen, welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten es zwischen den Weltreligionen gibt.

Vor zwei Wochen las ich bei einem Besuch des Klosters „Meister Eckart“ in Schöneberg einen Artikel in der Zeitschrift „Kritische Christen“ mit der Überschrift „Apartheid des Gebets“. Der Autor beklagte das Gebot eines Kirchenoberen, gemäß welchem ein gemeinsames Gebet von christlichen und muslimischen Kindern zu unterlassen sei.

Dieses Gebot zeigt deutlich, wie tief die Kluft zwischen den Religionen noch immer ist.
Man stelle sich vor, ein Christ, ein Moslem, ein Jude, ein Hindu und ein Buddhist beten um Erlösung. Jetzt fragen sie ihren Pfarrer, Imam, Rabbi, Swami, Bikhu oder Lama, welches dieser Gebete Früchte trägt?
Wie würden die Antworten wohl ausfallen?

Eine Möglichkeit zur Kategorisierung der Antworten ist die Aufteilung der vorbezeichneten Religionen in abrahamitische Religionen und Religionen, die aus dem Hinduismus hervorgegangen sind.
Nach überwiegender Auffassung glauben die abrahamitischen Religionen, also Judentum, Christentum, Islam und Bahaismus, an einen personalen Gott, dem die Eigenschaften allwissend, allmächtig und barmherzig zugesprochen werden.

Der Mensch wurde nach dem Ebenbild Gottes geschaffen und verfügt über eine Seele, die dem Stammvater Adam von Gott eingehaucht wurde. Dieser Geist Gottes, Ruach bei den Juden oder Ruch bei den Muslimen genannt, ist der göttliche Anteil, der den Menschen zu Eigen ist und als Seele bezeichnet wird.

Gemeinsamkeit – Spiritualität

Bei den auf den Hinduismus zurückgehenden Religionen gibt es ein höchstes Bewusstsein und ein vom höchsten Bewusstsein scheinbar getrenntes, in verschiedenen Verkörperungen wiederkehrendes individuelles Bewusstsein. Um aus dem Kreislauf der Wiedergeburten erlöst zu werden, muss das individuelle Bewusstsein erkennen, dass es mit dem universellen Bewusstsein identisch ist. Während es für Hindus und Sikhs unproblematisch ist, dieses höchste Bewusstsein Gott zu nennen, legen die Buddhisten großen Wert darauf, dass es Gott nicht gibt. Auch an die Existenz einer Seele, an die im Hinduismus in Form des so genannten Atman geglaubt wird, glauben Buddhisten nicht. Nun wird man die logische Frage stellen müssen, wenn es eine Seele oder einen Atman nicht gibt, was reinkarniert dann? Nach streng buddhistischer Auffassung reinkarniert nur ein karmischer Überrest. Die Qualitäten des höchsten Bewussstseins Brahman werden im Hinduismus als sat chit anand bezeichnet, was man frei mit höchste Wahrheit, Allbewusstheit und absolute Glückseligkeit übersetzen kann. Im Atman, dem individuellen Bewusstsein, sind diese Qualitäten ebenfalls angelegt.
Wenn man vor diesem Hintergrund die Religionen in ihren unterschiedlichsten Auffassungen vergleicht, überwiegen die Unterschiede.

Je tiefer man sich jedoch mit den jeweiligen Religionen beschäftigt, desto mehr Gemeinsamkeiten wird man entdecken. Eine mittlerweile sehr bekannte Gemeinsamkeit der Weltreligionen ist der ethische Überbau der Religionen. Alle Religionen sind um ethisches Verhalten bemüht. Tugenden wie Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit, Gewaltlosigkeit, Friedfertigkeit, Mitgefühl, Hingabe und viele mehr sind in allen Religionen mit unterschiedlichen Gewichtungen bekannt, und deren Verwirklichung wird den Gläubigen empfohlen. Dies veranlasste Professor Hans Küng (Schweizer Theologe und religionsphilosophischer Autor, Anm. d. Red.) zur Beschreibung des Weltethos (Regelwerk ethischer Grundsätze, die für alle Religionen gelten, Anm. d. Red.).

Überraschende Übereinstimmungen findet man auch in den religiösen Praktiken. So sind zum Beispiel Pilgerreisen in allen Religionen verbreitet. Christen pilgern nach Rom, nach Jerusalem, nach Santiago de Compostela, Muslime nach Mekka, Buddhisten, Hindus und Jains pilgern zum heiligen Berg Kailash.

Auch das Gebet ist in allen Religionen verbreitet. Meditation und Kontemplation sind ebenfalls in verschiedenen Ausprägungen in allen Religionen vorhanden. Zusammenfassend kann man sagen, dass allen Religionen die „Religio“, die Rückverbindung, die Spiritualität zu Eigen ist.

Risiken des interreligiösen Dialogs

Diese Zusammenstellung kann nur eine verkürzte Darstellung sein. Die tatsächlichen Differenzierungen sind wesentlich komplexer, und man kann leicht nachvollziehen, wie anspruchsvoll der interreligiöse Dialog vor diesem Hintergrund ist.

Betrachten wir nunmehr die Risiken des interreligiösen Dialoges: Das erste Hauptrisiko ist das Fehlschlagen des Dialoges. Missverständnisse zwischen den Religionen führen, wie wir in der jüngsten Vergangenheit erfahren mussten, schnell zu Mord und Totschlag. Die verschiedenen Befindlichkeiten gerade der Strenggläubigen ergeben eine explosive Mischung. Wer den Logos in diesem Zusammenhang bemüht, sollte vorher den Dialogos ausgelotet haben. Voraussetzung für einen Dialog zwischen den Religionen ist zunächst das tiefgründige Studium der verschiedenen Religionen. Wenn man eine Religion kennen lernen möchte, ist es hilfreich, sich von einem Gläubigen dieser Religionen in die Glaubensinhalte einweisen zu lassen, damit es eine inspirierende und nicht eine trockene Angelegenheit wird. Im interreligiösen Dialog ist es auch problematisch, wenn Vertreter einer Religion sich anmaßen, die andere Religion interpretieren zu können. Ein Dialog kann nur gelingen, wenn die Beteiligten von ihrer Gleichwertigkeit ausgehen. Es stellt sich die Frage, wie geht man mit der Tatsache um, dass nahezu jede Religion für sich beansprucht, die einzige Religion zu sein, die Erlösung garantiert, oder zumindest die Religion zu sein, die den schnellsten Weg zur Erlösung oder Erleuchtung weist?

In dieser Situation sind besonders geschulte dialogische Fähigkeiten erforderlich, die unverzichtbarer Bestandteil gelungener interreligiöser Begegnungen sind.
Ein besonders schönes Beispiel für einen gelungenen interreligiösen Dialog finden wir in Lessings „Nathan der Weise“. Folgendes Gedicht von Hafis, das ebenfalls von tiefer Weisheit geprägt ist, gibt idealtypisch vor, wie ein Dialog von Gläubigen erfolgreich sein kann.

 

sich begegnen

und auseinander gehen

so
wie ein leidenschaftlicher Musiker
sein geliebtes Instrument
begrüßt

und – wie jeder große Künstler – besonders achtsam damit umgeht

um mit dem letzten Ton
das Kunstwerk
zu vollenden.

Wie höre ich zu ?
Wie
höre ich
anderen zu?

So,
als wäre
jeder mein Meister,
der seine
kostbaren
letzten Worte
spricht.

Diese Anweisung aus dem Persien des 14. Jahrhunders, wie ein weiser interreligiösen Dialog zu führen ist, findet ihre Bestätigung in den Dialogforschungen von David Bohm und den Errungenschaften der gewaltfreien Kommunikation von Marshall B. Rosenberg.

Das mystische Herz der Religionen

Ein weiteres Problemfeld kann man mit dem Stichwort „Globalisierung der Glaubensangebote“ bezeichnen.
Hier zeigt sich das zweite Risiko des interreligiösen Dialoges. Es besteht die Gefahr des sogenannten Synkretismus: des Vermischens sämtlicher Glaubenssysteme zu einer undifferenzierten trüben Soße, auch multireligiöse Schummelei genannt.
Die tiefschürfende Auseinandersetzung mit den anderen Religionen gibt uns ganz im Gegensatz dazu die Möglichkeit, die Unterschiede als Ausdruck der bunten Pluralität der Schöpfung gemeinsam zu feiern.
Ein vedisches Gebet lautet: „Lass mich Dich in all Deinen Namen und Formen erkennen, lass mich Dir in all Deinen Namen und Formen dienen.“
Hier zeichnet sich ein Paradigmenwechsel in der interreligiösen Begegnung ab. Es gibt zumindest im Zusammenhang mit interreligiösen Begegnungen das wunderschöne Bild der gemeinsamen Pilgerschaft der Religionen zu Gott beziehungsweise zum höchsten Bewusstsein.
Auf dieser gemeinsamen Pilgerschaft kommt man sich näher, baut Ängste voreinander ab und lernt sich gegenseitig schätzen.

Ein Beispiel vom Lagerfeuer der gemeinsamen Pilgerschaft ist Folgendes:
Pater Lassalle, der bekannte Jesuit und Zenlehrer, veranstaltete ein Treffen zwischen buddhistischen und christlichen Mönchen und Nonnen.
Hierbei tauchte die Frage von Buddhisten auf, was Christen unter einem personalen Gegenüber verstehen. Wir erinnern uns an dieser Stelle, dass Buddhisten nicht an einen personalen Gott glauben. Darauf antwortete eine Zen praktizierende Christin: „Glauben Sie, dass das höchste Bewusstsein Sie liebt?“ Als der buddhistischer Mönche mit „Ja“ antwortete, sagte sie: „Sehen Sie, das meinen wir mit dem personalen Gegenüber.“
In diesem Zusammenhang kann auch nicht ignoriert werden, dass die Mystiker der verschiedenen Religionen ähnliche Erhebungen, Visionen und Vereinigungserlebnisse haben. Die Frage ist, wie man mit diesem Phänomen konstruktiv umgeht. Es gibt zunehmend Meinungen und Veröffentlichungen, die zu dem Ergebnis kommen, dass die Essenz der Religionen zumindest ähnlich ist. Wayne Teasdale beschreibt dieses Phänomen als Interspiritualität oder mystisches Herz der Religionen. All diese Neuentwicklungen müssen natürlich von den großen Religionen verarbeitet werden. Der interreligiöse Dialog kann dabei helfen, die subtile und hochanspruchsvolle Grenzziehung zwischen Synkretismus und Interspiritualität zu ermöglichen. Er kann Freiräume schaffen, in denen am Lagerfeuer der gemeinsamen Pilger inspirierende Begegnungen stattfinden, die möglicherweise zu dem Ergebnis führen können, dass eine Apartheid des Gebets nicht wirklich im Sinne des eigenen Glaubens ist.
Hier liegen auch die Chancen des interreligiösen Dialoges. Über den interreligiösen Dialog kann man seinen kulturellen Horizont erweitern und seine eigene Spiritualität vertiefen.
Als Nebenwirkungen des interreligiösen Dialoges können sich Toleranz, radikaler Respekt und friedliches Miteinander einstellen.

Jeder, der sich von dieser Zielsetzung angesprochen fühlt und bei der Gestaltung interreligiöser Veranstaltungen, oder als ehrenamtlicher Referent an künftigen Veranstaltungen mitwirken möchte, melde sich bitte unter E-Mail: amenitsch@versanet.de, Betreff: Interreligiöser Dialog.

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