Es gibt viele Möglichkeiten, das Göttliche zu erfahren. Das Gebet nimmt durchs Wort Kontakt zu dem Einen auf. Dorothée Brüne lädt ein zum geschriebenen Gebet: Schreiben Sie Briefe an Gott!

von Dr. Phil. Dorothée Brüne

Kontemplative Exerzitien

Sich zurückziehen, dem Trubel des Alltags entfliehen, Einkehr halten. Im christlichen Kontext sind es Klöster, die zu Zeiten der Einkehr einladen. Ein Mensch nimmt sich Zeit, sich selbst zu begegnen.
Was heißt das eigentlich? Sind wir uns sonst fremd? In psychotherapeutischen Kreisen wird gerne mit dem Bild gearbeitet, dass wir Menschen wie ein Haus sind. Man klopft an, doch niemand ist da. Das Innere ist leer, unbewohnt. Da ist nur eine Hülle. Manchmal gibt es tatsächlich eine große Distanz zwischen dem, was ein Mensch tut und was er dabei erlebt und fühlt. Exerzitien* ermöglichen es, ins Innere zu tauchen.
Welche Bilder, welche Gefühle zeigen sich dann?

Was klingt in mir nach, wenn ich die Außenreize reduziere? Das können Freudenklänge, doch auch traurige Moll-Akkorde sein. Oft braucht es gute Begleiter, die sich auskennen mit Innenwelten und die da sein können, wenn sich im Inneren neue und unbekannte Territorien eröffnen. Im Kloster sind es Padres, die zu Gesprächen zur Verfügung stehen. Es können aber auch Psychotherapeuten, Schamanen oder gute Freunde sein.

Indische Ashrams, mexikanische Schwitzhütten, altgriechische Labyrinthe. Menschen haben vielerlei Möglichkeiten ersonnen, um sich auf sich selbst zu besinnen und tief im Herzen sich selbst und damit dem Göttlichen zu begegnen. Gott ist in mir. Auch ich bin das Göttliche. Derwische tanzen und drehen sich darum um sich selbst, um das eigene Herz.Sie drehen sich um das Göttliche im Inneren.

Aktuell ist es die Corona-Krise, die eine Zeit der Selbstbesinnung ermöglicht. In den letzten Tagen habe ich viele Fahrradfahrer mit Zelt und Schlafsack gesehen, die in die Natur fahren. Vielleicht auch, um sich selbst und einer essentiellen Kraft zu begegnen. Hinwendung zum Ursprung, zum Wesentlichen. Ich mit mir, mit der Erde, einem Zelt, dem Himmel und den funkelnden Sternen.

Gespräche mit Gott

Wenn ich an die Hinwendung zum Ursprung denke, fällt mir sofort die kleine Anna ein, die mit Gott telefoniert und ihm all die Fragen stellt, die ihr durch den Kopf gehen**. Ein wunderbares Buch von Fynn. Ich denke auch an den neunjährigen Tyler, der an einem Gehirntumor erkrankt und Briefe an Gott schreibt. Damit bringt er den Postboten ganz schön ins Grübeln. Denn wie soll er die Briefe zustellen? An welche Adresse? Patrick Doughtie hat diese wunderbare Geschichte zu Papier gebracht***.

Schreiben ist heilsam, Schreiben macht Sinn

Greenpeace hat aktuell zu einer Aktion aufgerufen, bei der die Beteiligten eingeladen werden, Briefe zu schreiben, wie sie sich nach Corona die Zukunft wünschen. Was darf sich ändern? Was soll sich ändern? Was wünschen Sie sich für die Welt?

Am Anfang der gegenwärtigen Krise erhielt ich per WhatsApp die Aufforderung, mir vorzustellen, wie ich in einem Jahr auf die Corona-Zeit zurückblicken werde. Ein prospektiver Rückblick. Was haben wir neu über uns erfahren in dieser Corona-Zeit? Welche neue Seite hat sich gezeigt? Welcher neue Wert? Was ist uns wichtig? Hat uns die Krise näher zu uns selbst gebracht? Haben wir vielleicht sogar etwas Wesentliches, Gott, in uns gefunden? Sind wir der großen all-einen Energie begegnet? Haben wir uns erlaubt, ihr Fragen zu stellen?

Neale Donald Walsh hat in seinen Gesprächen mit Gott Mut gemacht, Fragen an Gott zu stellen. Für mich ist es mittlerweile so, als würde ich mit einer Frage direkt auf die Website von Gott kommen. Dann kann ich ihn spüren. Fühle mich ihm ganz nah, nähere mich dem Wesentlichen.

Die Macht des geschriebenen Wortes

„Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott“. Diese Bibelverse erinnern daran, dass Worte Welten erschaffen können. Worte haben kreatives Potential. Sie geben uns Macht. Sie geben uns Stärke.
Im Geplapper des Alltags, inmitten all der Texte, die wir täglich per Mail, WhatsApp, Google-Suche u.a, erhalten und schreiben, ist es oft schwer, die Kraft des wahren Wortes zu spüren. Zu viele Worte sind es, die auf uns einprasseln und die mehr ein Rauschen und eine Desorientierung auslösen, als ein Erleben von Macht. Es plätschert.

Welche Worte haben in den letzten Tagen eine neue Welt für Sie erschlossen? Spüren Sie die Macht der Worte, wenn Sie sprechen?

In den meisten Religionen gibt es ein Buch, das besonders verehrt wird: die Bibel, der Koran, die Upanishaden etc. Die heilige Schrift wird es genannt. Was für ein schöner Ausdruck. Da hat ein Buch also die Kraft, Heil zu bringen. Dass dies der Auftrag der heiligen Schriften ist, kann leicht vergessen werden bei den Kriegen, die um diese Bücher geführt werden.

Kann es aber das eine Buch geben, das für alle Menschen gleichermaßen heilsam ist? Ich selbst bin katholisch sozialisiert. Meine Mutter war ein sehr gläubiger Mensch. Sie hat täglich in der Bibel gelesen. Zu meiner Firmung erhielt ich die Jerusalemer Bibel als Geschenk. Neben dieser Schrift stand es mir frei, auch andere heilige und unheilige Bücher zu lesen. Ich liebe es nach wie vor zu lesen. Habe ich dabei meine heilige Schrift gefunden? Nein, für mich gibt es nicht die EINE Religion, die mich anzieht. Für mich gibt es nicht das EINE Buch, das all meine Fragen beantwortet.

Geschriebenes Gebet

Aber vielleicht braucht es nicht immer Bücher im Außen. Vielleicht liegen die Antworten auf unsere zentralen Fragen in uns und warten nur darauf, dass wir sie finden. Beispielsweise, indem wir sie schreibend empfangen.

In Umbruchzeiten schreiben viele Menschen Tagebuch: in der Pubertät, nach einer Trennung, in einer Lebenskrise. Beim Tagebuchschreiben erlaubt sich ein Mensch, einen sehr subjektiven Blick auf sich und die Welt zu werfen – seine Welt. Oft wandelt sich das Klagen über Leid und Ungemach schreibend in ein Gefühl von Sinnhaftigkeit. Schreibend wird ein Potential des Wachstums erkannt. Schreibend entsteht ein Gefühl von Dankbarkeit. Das Schreiben wird zum Gebet.

Mit zwölf Jahren habe ich mein erstes Tagebuch begonnen. Es gab so viele Fragen in mir. Ich war mit so vielen Antworten nicht einverstanden. Ich suchte meine eigenen Antworten. in meinem Inneren. Schreibend habe ich mich befreit und oft genug auch abgewendet von familiären und schulischen Antworten. Bis heute schreibe ich Tagebuch. Dabei begegne ich mir, erforsche mich, tauche immer tiefer in MEINE eigene Wahrheit. Schreibend finde ich MEINE Worte. Ich entdecke eine eigene Sprache und damit auch, dass meine Worte Gewicht haben. Und dass ich wichtig bin.

Mut zur Intimität

Aufgewachsen bin ich mit der Vorstellung, dass sexuelle Kontakte etwas Intimes sind. Später habe ich erfahren, dass noch lange nicht jeder sexuelle Kontakt intim ist. Es gibt körperliche Begegnungen, bei denen das Herz verschlossen bleibt. Da gibt es keine Öffnung ins Innen.

Intimität findet im Herzen statt. Sie braucht Mut. Sie braucht den Mut der ehrlichen, offenen und transparenten Begegnung. Einer Begegnung mit sich selbst und der Begegnung mit anderen. Ich mag intime Begegnungen. Ich liebe sie. Ich verhungere nahezu, wenn ich sie nicht erleben kann. Die Vorstellung, mit Gott eine intime Beziehung zu haben, lässt meine Haut prickeln und erfüllt mich im tiefsten Inneren mit Freude. Ja, ich möchte dieser göttlichen Kraft nah kommen, ganz nah. Ich will sie tief unter der Haut spüren. Ich will, dass sie meine Poren, dass sie meine Blutbahnen, dass sie meine Gehirnwindungen durchdringt. Eine Ekstase in der göttlichen Begegnung erfahren. Viele nennen es Erleuchtung. Ja, manchmal sehe ich es als Licht, fühle Wärme, vor allem aber pure Freude.

Meine intimsten Momente mit dem Göttlichen erlebe ich schreibend. Wie so viele andere sitze ich viele Stunden am Tag an meinem Computer, lese, tippe Texte. Auch das erlebe ich als erfüllend. Für die intimen Momente mit mir und dem Göttlichen habe ich ein in Türkis gebundenes Buch, da dies meine Lieblingsfarbe ist. Darin schreibe ich mit einem Füller – von Hand. Das kann ich nicht am Schreibtisch. Dafür braucht es einen besonderen Platz.

Gerade Plätze in der Natur inspirieren mich, mir selbst schreibend zu begegnen. Dann sitze ich an einem See, schaue aufs Wasser, beobachte das Fließen und Glitzern des Wassers. Die Sonne spiegelt sich auf den Wellen. Die Wellen schlagen an meine Pforten, klopfen an. Stück für Stück öffne ich mich ihnen, lasse sie und ihr Funkeln herein. Etwas in mir kommt mit den fließenden Bewegungen ebenfalls ins Fließen. Ich fließe in mir, in meine Worte, in meine Texte und in Gott hinein. Das sind ganz wunderbare Momente. Dann bin ich dankbar, dass es dieses Wasser des Sees, das Wasser in mir, das Fließen meines Stiftes gibt. Dann werden meine Worte zum Gebet.

*Exerzitien sind geistliche Übungen, die abseits des alltäglichen Lebens zu einer intensiven Besinnung und Begegnung mit Gott führen sollen. Sie werden einzeln oder in Gruppen durchgeführt und können von einigen Stunden bis mehrere Wochen oder Monate dauern. Grundlegende Elemente sind Gebet (insbesondere das Jesusgebet), Meditation, Lectio divina, Fasten, Schweigen, Gespräche mit einem Exerzitienbegleiter und körperliche oder künstlerische Betätigung. (Wikipedia)

** Fynn: Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna, Fischer 2000

***Patrick Doughtie: Briefe an Gott, Gerth Medien GmbH 2013

Vom 3.-6.9.2020 lädt sie zu einer Schreibauszeit in der Natur ein.

 

Author: Lena

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