Das Schreiben ist mein Weg zu mir und in die Welt hinein, meint Dorothée Brüne…

Der Traum des großen Lebensbuches

Als ich 1991 nach Berlin zog, träumte ich in der ersten Nacht, dass ich in einem geblümten Sommerkleid bis zu den Knien im Wasser stehe. In meinen Armen hielt ich ein großes Buch, in das ich mit einem Füller schrieb. Der Himmel über mir leuchtete strahlend blau, die Sonne schien auf das weiße Papier des großen Buches. Noch heute kann ich mich an viele Einzelheiten dieses Traumes erinnern, kann ich das Wasser an meinen Füßen fühlen, die Sonne auf meiner Haut. Noch heute höre ich den sanften Tanz des Füllers auf dem Papier.

Schreibend sich selbst entdecken

Das Schreiben ist mein Weg zu mir und in die Welt hinein. Schreibend entdecke ich immer wieder neue Seiten an mir und am Leben. Schreibend habe ich wahrhaft erhellende, erleuchtende Momente. Ich habe mich durch all die Gefühle hindurchgeschrieben, die mit frühen traumatischen Kindheitserfahrungen in Zusammenhang stehen. Füller und Papier waren mir ein Gegenüber in Zeiten der Einsamkeit. Durch sie habe ich immer wieder neue Orientierung gefunden.

Heilkraft des Schreibens

Dass Schreiben eine heilende Wirkung haben kann, ist weithin bekannt. Das Fritz-Perls-Institut, die Alice Salomon-Hochschule und Silke Heimes haben es sich zur Aufgabe gemacht, das therapeutische Schreiben zu erforschen und zu fördern. Als Wegbegleiterin habe ich Menschen kennenlernen dürfen, die durch das Schreiben einen neuen Sinn im Leben fanden. Ich denke an eine Patientin, die sehr niedergeschlagen und der felsenfesten Überzeugung war, dass sie eine Last für sich und andere ist. Schreibend erblickte sie das weiche, offene Herz, das in ihr lebt, das dort wie in einem Käfig verborgen sein Dasein fristet. Es erschien ihr wie ein Vogel, der frei sein und fliegen möchte. Bei einem gemeinsamen Gang in die Natur konnte sie das Flattern dieses Vogels spüren und ihn befreien und somit gestärkt und liebend in die Zukunft gehen.

Schreiben in der Natur

In den letzten Jahren ist das Schreiben an ungewöhnlichen Orten immer populärer geworden. Nicht nur Cafés und öffentliche Plätze laden zum Schreiben ein, auch an Orten in der Natur wird geschrieben. Dabei wird versucht, sich schreibend diesem Ort anzunähern, in ihn einzudringen, um ganz von ihm durchdrungen zu sein, die Kraft dieses Ortes in sich hineinfließen zu lassen. Da breiten sich die Gedanken wie ein weiter stiller See aus, in dem ein unruhiger Geist zur Stille zu kommen vermag. Ein Baum bietet seinen Halt an und lässt daraufhin die eigene Kraft neu spüren und in Worte fassen. Über das Einswerden mit der Natur können wir uns der in uns wirkenden elementaren Kräfte gewahr werden.

Der sprachlose Zustand der Unio Mystica

In der Mystik wird die Erfahrung der Einheit allen Seins oft als Zustand beschrieben, für den es keine Worte gibt. Worte seien zu trennend, um dieses Erleben wiedergeben zu können. Geschriebene Worte aber sind es, die es im Alltag ermöglichen, sich durch das Lesen des eigenen Geschriebenen an eine erlebte Einheitserfahrung zu erinnern und sie damit wieder präsent zu machen. Durch Worte, die aus dem Ort in mir stammen, der um das Verbundensein allen Seins weiß, kann ich mich jederzeit dieser großen Alleinheit vergewissern. Menschen in einen solchen Genuss zu versetzen, betrachte ich als meine Berufung.

Author: Oliver Bartsch

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