Isabel Segarra ist Mutter eines seit einigen Jahren im Homeschooling frei lernenden Kindes. Für SEIN spricht sie über ihre sehr persönlichen Gedanken und ihre Erfahrungen mit dem deutschen Schulsystem. Herausgekommen ist ein flammendes Plädoyer für mehr und bewusstere Elternverantwortung, für ein Leben ohne Schule und mit mehr Liebe, Vertrauen & Gelassenheit im Umgang mit den eigenen Kindern.

von Isabel Segarra

Den Begriff „Freilerner“ kannte ich noch gar nicht so lange, als ich mich 2016 entschloss, Mutter eines freilernenden Sohnes im Alter von 13 Jahren zu werden. Wie alle in unserer Gesellschaft hatte ich zeit meines Lebens gelernt und war darauf konditioniert worden, Schule mit Bildung gleichzusetzen und die Notwendigkeit der Existenz unseres Schulsystems nicht in Frage zu stellen. Von Homeschooling hatte ich zwar schon mal gehört, mich aber nie näher damit befasst. Homeschooling bedeutet, dass Eltern ihre Kinder zu Hause unterrichten. Auf der ganzen Welt gibt es Länder, die dieses Konzept des freien Lernens unterstützen – Deutschland zählt bedauerlicherweise nicht dazu. Im August 2015 besuchte ich ein spirituelles Seminar in der Nähe von Berlin, deren Leiterin ihre Kinder frei lernen lässt und die mich in Berührung mit diesem Thema brachte. Ich kann mich daran erinnern, wie sehr mich die Vorstellung, sein Kind nicht in die Schule zu schicken, damals zu Anfang noch befremdete.

Schulbildung – ein hohes Gut (?)

Wir leben in einem Land, das Schulbildung als ein hohes Gut darstellt. Diesen hohen Stellenwert kann man regelmäßig bei der Wahlkampfwerbung anlässlich der Landtags- und Bundestagswahlen beobachten, bei der keine Partei von Bedeutung es sich leisten kann, dieses Thema auszusparen. Die Parteien ergehen sich dann in Diskussionen über kostenfreie und schnellere Bildung (zum Beispiel die Dauer der Gymnasialzeiten). Alternative Konzepte oder „Freude an der Bildung“ werden nicht thematisiert. Von Regierungsseite aus scheint die gängige Schulpolitik ganz offensichtlich als alternativlos eingestuft zu sein.

Bulimie-Lernen

In Deutschland herrscht Schulpflicht, was jedes Kind und jede/n Jugendliche/n dazu verpflichtet, mindestens neun Jahre lang eine Schule der Wahl zu besuchen und sich den Lehrplänen zu beugen. Die Lehrpläne diktieren den Kindern und Heranwachsenden, was sie zu wissen haben, um von einer Klasse in die nächsthöhere zu wechseln und als gebildet gelten zu dürfen. Sie bestimmen auch, was ein Kind in welcher Klasse an welcher Schule zu lernen hat oder wissen muss.

Lehrpläne nehmen allerdings keinerlei und Schulen kaum Rücksicht auf Vorlieben, Fähigkeiten, Besonderheiten, Gaben oder das kreative Potential der Kinder und Jugendlichen. Das Kind muss in das System Schule passen und hier funktionieren. Kreativität ist da oft das Allerletzte, was von einem Schulkind verlangt beziehungsweise gewünscht wird. Das schulische Wissen muss lehrplangetreu wiedergegeben werden, eine eigene Meinung des Schülers dazu ist nicht erwünscht. Der berühmt-berüchtigte Ausdruck des „Bulimie-Lernens“ prägt die Wissensvermittlung und das Lernen an den weiterführenden Schulen, allen voran den Gymnasien. Frei übersetzt bedeutet es, grob gesagt: „Lernstoff reinziehen, rauskotzen & wieder vergessen“. Und diesem System huldigen wir? Diesem System vertrauen wir unsere Kinder von klein auf an? In dieses System pressen wir unsere Kinder aus lauter Angst, dass aus ihnen nichts werden könnte, wenn sie denn über keine „angemessene“ – hier zählt des Ermessen der Eltern! – Schulbildung verfügen?

Ein brutales Schulsystem: prägend für das ganze Leben

Meine beiden Söhne sind in Bayern in die Grundschule gegangen, dem Bundesland, das deutschlandweit bekannt und gefürchtet ist für seine hohen schulischen Leistungsstandards und sein gnadenloses Auswahlverfahren am Ende der Grundschulzeit. Ein Bundesland, das Kinder im Alter von zehn Jahren in zukünftige akademische Leistungsträger und in weniger leistungsfähige klassifiziert. Das klingt nicht nur brutal, das ist brutal und es hat fatale Konsequenzen für das Selbstwertgefühl und das Selbstbild dieser Kinder. Mit neun oder zehn Jahren in einem sogenannten Übergangszeugnis im zweiten Halbjahr der vierten Klasse attestiert zu bekommen, dass es für die höhere Schulbildung ungeeignet ist, macht etwas mit einem Kind. Ihm wird ein Stempel auf die Stirn gepresst, der es unter Umständen ein Leben lang prägt. Ich weiß, wovon ich spreche, denn meinem ältesten Sohn, David, einem sehr aufgeweckten, intelligenten Jungen, der sich einfach nicht in dieses System einfügen wollte, wurde genau dieses im Alter von zehn Jahren attestiert.

In der dritten Klasse hatte David eine Lehrerin, die es für didaktisch wertvoll erachtete, der versammelten Klasse Aufsätze von Mitschülern laut vorzulesen, die ihrer Meinung nach nicht gelungen waren, um den Kindern dadurch zu vermitteln, wie man es denn nicht tun sollte – David war eines dieser Kinder, dessen Hausaufgaben vorgelesen wurden. Seine Scham und das Gefühl, versagt zu haben, waren unvorstellbar. Als die Situation mit seiner Lehrerin sich immer mehr zuspitzte und trotz vieler Gespräche und der Unterstützung der Konrektorin nicht aufgelöst werden konnte, ließen wir ihn in der Mitte des dritten Schuljahres die Klasse wechseln – und bereiteten ihm damit weiteres Leid durch das Herausreißen aus seinem Klassenverband.

Anfang der vierten Klasse war das Schreiben von Märchenaufsätzen Teil des Lehrplans. Es wurde in der Schule und zu Hause intensiv geübt, bis der große Tag kam, an dem ein Märchen als Probe geschrieben werden musste. In dieser Probe ging es um einen alten König, der im Sterben lag und der nur gerettet werden konnte durch ein wundersames, seltenes Kraut, das in einem fernen Wald wuchs. Dieses Einleitung wurde den Kindern vorgegeben, den Rest sollten sie selbst verfassen. David verlor sich in einer sehr phantasievollen Geschichte von einem jungen Ritter, der sich auf den Weg machte, in einem Gasthaus die halbe Nacht lang mit wilden Gesellen zechte und Karten spielte und am nächsten Morgen vollkommen verkatert im Wald einem dreiköpfigen Drachen begegnete, den er auf sehr originelle Art und Weise aus dem Weg schaffte, um wenig später einer Handvoll Zwergen zu begegnen, die ihm den Weg versperrten.

Kurzerhand ließ David seinen Ritter die Zwerge kopfüber in eine Klosettschüssel, die praktischerweise im Wald stand, stopfen und hinunterspülen, bevor er endlich weiterreiten konnte, um das Heilkraut zu finden und zu es pflücken. Die Fassungslosigkeit seiner Lehrerin war in der schriftlichen Bewertung und in der Benotung (Note 4) deutlich zu lesen und zu spüren – keine Zeile des Lobes über die Abenteuer, die der junge Ritter bereits bestanden hatte, als er auf die Zwerge traf und sie so überraschend (und zugegebenermaßen unpassend) in einer Kloschüssel versenkte. Kein Wort des Lobs über Spannungsbogen und Kreativität. David hatte mit seinem Märchen schlichtweg den geforderten Rahmen gesprengt, und das konnte per se keine gute Leistung sein. Ich behaupte an dieser Stelle nicht, dass es angemessen ist, beim Verfassen eines Märchens eine Klosettschüssel im Wald auftauchen zu lassen, aber es ist zumindest kreativ. Genau das ist allerdings die Crux unseres Schulsystems: dass Kreativität nicht gefragt ist.

„Gehirnwaschanlage“ Schule

Das deutsche Schulsystem ist so ausgelegt, dass Schüler einfach nur das tun sollen, was man ihnen sagt, ohne je zum Hinterfragen angeregt zu werden – in diesem Geist werden unsere Kinder groß. So schleusen wir sie durch ihren oft so leidvollen Schulweg und nehmen dabei in Kauf, dass sie am Ende ihres Schulweges leer, ausgebrannt und desillusioniert sind. Und wenn wir ganz naiv sind oder extrem gut im Wegschauen und Verdrängen waren, wundern wir uns dann darüber, warum das so ist…

Aber eines sind sie am Ende ihrer schulischen Karriere im Regelfall immer, nämlich systemkonform, denn bei den allermeisten Kindern funktioniert die „Gehirnwaschanlage Schule“. Die Gymnasiasten beginnen im Regelfall ein Studium, in dessen Verlauf sie abermals bulimieartig lernen, und spätestens nach Abschluss ihres Studiums integrieren sie sich freiwillig in eine Arbeitswelt, die der Kreativität ebensowenig huldigt und in der es wiederum darum geht, Vorgaben erwartungsgetreu zu erfüllen. Als Mutter zweier Söhne bin ich jahrelang diesen Weg mitgegangen. Ich habe die Hefte meiner beiden Söhne seit der ersten Klasse in der Grundschule bunt ausgemalt und verziert, wenn sie mit hängender Zunge und schon völlig apathisch über ihren Hausaufgaben hingen und das Ausmalen Hausaufgabe war beziehungsweise eine schöne Heftführung benotet wurde. Ich habe sie motiviert, begleitet, ermahnt, geschimpft, mit ihnen gelernt und geübt… die ganze Palette rauf und runter. Diesen ganzen Mist habe ich mitgemacht.

Spätestes ab der dritten Klasse war ich bei beiden Jungs oft verzweifelt über das Pensum, das sie absolvieren mussten: Hausaufgaben bis spät in den Nachmittag hinein, Aufsätze schreiben bis in die Abendstunden, lernen für die Tests an den Wochenenden. Das war damals schon Wahnsinn für mich, gleichwohl wäre es mir nie in den Sinn gekommen, einen von beiden von der Schule zu nehmen – so weit war ich damals noch nicht.

Die Angst der Eltern vorm Versagen der Kinder

Kurz bevor mein Jüngster in die Grundschule kam, hatte ich begonnen, kostenfreie Vorträge in Kindergärten, Schulen und Horten zu halten: „Über den heilsamen Umgang mit Kinder- und Jugendlichenseelen“. Mit diesen Vorträgen, die ich fast zwei Jahre lang in über 50 „Einrichtungen“ (man beachte das Wort!) gehalten habe, vor Tausenden von Eltern, vielen Lehrern und Schulleitern, wollte ich Eltern eine Hilfestellung geben im Umgang mit dem täglichen Schulwahnsinn, wollte ihnen vermitteln, dass es meiner Erfahrung nach die Angst der Eltern ist, dass aus ihren Kindern womöglich nichts wird, wenn sie denn kein Abitur haben, die wie bleierner Druck auf den Schultern der Kindern lastet.

Ich hatte damals auch relativ frisch als Heilpraktikerin für Psychotherapie meine eigene Praxis als Gesprächs- und systemische Therapeutin eröffnet und hatte begonnen, Elterncoachings anzubieten. Im Verlauf der Jahre ist mir während dieser Arbeit aufgefallen, dass die Verhaltensauffälligkeiten der Kinder, welche die Eltern in den Coachings mit mir aufführten, immer mit den Eltern zu tun hatten und so gut wie nie mit den Kindern. Ich begann mich schon damals zu fragen, warum so viele Kinder therapiert werden und nicht deren Eltern. Warum so viele Kinder bei Kinder- und Jugendpsychiatern gemäß ICD10 (der „International Classification of Diseases“) als psychisch krank klassifiziert wurden und werden, nicht aber deren Eltern, die sich zum Handlanger des Systems machen lassen, das ihre Kinder krank macht.

In meine Praxis kamen Eltern, deren Kinder (auch im fortgeschrittenen Alter) einnässten oder einkoteten, deren Töchter magersüchtig oder bulimisch waren oder die an einer Zwangserkrankung litten, deren Söhne computersüchtig oder Schulverweigerer waren. Kinder, die an Ängsten litten, die vor Angst nicht einschlafen konnten und am nächsten Morgen vor Angst nicht in die Schule gehen wollten, die jeden Morgen Bauchweh hatten oder einfach nur weinten. Es kamen sogar Eltern zu mir in die Praxis, deren Kinder bei einem Kinder- und Jugendpsychiater als depressiv diagnostiziert worden waren. 8-, 10- und 12-jährige Mädchen und Jungs mit Depressionen, 14-18-jährige, die medikamentös wieder auf Kurs gebracht wurden, um weiter in der Schule zu funktionieren – das ist so haarsträubend, dass es mich auch heute immer noch fassungslos macht. Und was mich am fassungslosesten macht, ist, dass wir als Gesellschaft so etwas einfach hinnehmen: dass wir hinnehmen, dass unseren Kindern so etwas widerfährt.

Zielgruppe „Kind“ für die Pharmaindustrie

Die Pharmaindustrie hat die Kinder und Jugendlichen schon lange „auf dem Schirm“, denn sie hat erkannt, dass man mit dieser Zielgruppe richtig gut Geld verdienen kann. „Ritalin“, das meistverkaufte Medikament zur Behandlung sogenannter Aufmerksamkeitsstörungen bei Kindern und Jugendlichen, hat sich als echter Verkaufsschlager erwiesen – die Absatzzahlen steigen Jahr für Jahr nach wie vor und vollkommen ungebremst seit 20 Jahren in die Höhe. Auch mit Medikamenten für Depressionen bei Kindern und Jugendlichen lässt sich gutes Geld verdienen. Aber wo bleibt da die Moral? Und wie kann es sein, dass Eltern von Kindergartenkindern sich heutzutage schon Psychopharmaka für ihre Kinder verschreiben lassen?

Und weiter: wo führt uns dieser Trend als Gesellschaft hin? Und vor allem: was macht es mittel- und langfristig mit unseren Kindern? Mir scheint, als stünden diese Fragen gar nicht zur Diskussion. Ich habe in den vergangenen 10 Jahren, in denen ich mich intensiv mit dem Thema Kinder & Schule, kindliche Verhaltensauffälligkeiten und deren medikamentöse Therapie beschäftige, lediglich von Gerald Hüther, dem renommierten Professor für Neurobiologie, schon im Jahr 2011 ein Interview mit dem „Spiegel“ gelesen, in dem er vor dem Einsatz von Ritalin bei Kindern gewarnt hat. Er hat damals schon darauf hingewiesen, dass Versuche an Ratten gezeigt hätten, dass Methylphenidat, der Hauptwirkstoff von Ritalin, in jungen Gehirnen anders wirke als in alten, dass das Gehirn sich nicht optimal entwickle, wenn den Versuchstieren vor der Geschlechtsreife Ritalin verabreicht worden war.

Er stellte damals schon den Zusammenhang zwischen Ritalin und der Parkinson-Erkrankung her. Auch prangerte er in diesem Interview die verheerende Verschreibungspraxis (von Ritalin) in Deutschland an, denn obwohl dieses Medikament zu den Betäubungsmitteln zählt und nur von qualifizierten Kinder- und Jugendpsychiatrien verordnet werden sollte, kann fast jeder Kinder- oder Hausarzt ein Ritalin-Rezept ausstellen. Gerald Hüther hält seit einigen Jahren auch Vorträge über das aus der Sicht eines Hirnforschers vollkommen verkehrte Schulsystem und beleuchtet die Konsequenzen für die Kinder aus der Sicht des kindlichen/menschlichen Gehirns. Einige dieser Vorträge sind auf dem Videoportal YouTube zu sehen und ich kann nur empfehlen, sie sich anzusehen. Hüther plädiert auch für ein völlig anderes, neues Schulsystem.

Schule als Albtraum – die Eltern schauen hilflos zu

Aus meiner Sicht erlauben wir und sehen dabei zu, wie unseren Kindern in der Schule die Kreativität und die Freude am Lernen, die Freude an Bildung geraubt wird, und schweigen dazu. Wir akzeptieren das als Kollateralschaden. Ich nehme mich an dieser Stelle nicht aus, denn bei meinem heute erwachsenen älteren Sohn habe ich genau das getan: Ich habe gesehen, was mit ihm in der Schule passiert, ich habe zugeschaut und habe doch nicht mit letzter Konsequenz eingegriffen, denn ich war von meinem Bewusstsein noch gar nicht so weit, um Freilernen als Alternative zu erkennen. Aufgefallen war mir bei ihm, dass ich im Prinzip zwei Jungs hatte: einen Niklas während der Schulzeit und einen anderen Niklas an den lernfreien Wochenenden. Für meine beiden Söhne, die alle beide kluge, intelligente Jungs sind, war das Lernen immer mit enormer Willensanstrengung, mit viel Mühsal und Verzicht verbunden und es war so gut wie nie freudvoll.

Dabei ist doch das Lernen an sich für uns Menschen mit das Bereicherndste und Freudvollste im Leben. Auch ich habe Schule mein ganzes Schulleben lang als furchtbaren Druck und immer wieder auch als Albtraum erlebt. Dafür zeichneten sich auch Lehrer verantwortlich, die mich beispielsweise an die Tafel zitierten und mein mangelndes Wissen vor der gesamten Klasse zelebrierten – aber das war nicht der Hauptpunkt: Der Kern war das omnipräsente Gefühl von Druck, Überforderung und Freudlosigkeit.

Warum gehen die allermeisten Kinder und Jugendlichen in Deutschland so ungern in die Schule, warum erleben sie Schule als Albtraum? Und warum stellen sich die Verantwortlichen nicht dieser Frage: die Politiker, die Menschen, die die Lehrpläne schreiben beziehungsweise sie freigeben, die Schulleiter und Lehrer, die den Lehrplänen folgen, und: die Eltern, die ihnen mit ihrem Schweigen zustimmen? Ich höre schon die lauten Stimmen der Kritiker, die an dieser Stelle darauf hinweisen werden, dass Kinder eben lernen müssen und dass Kinder lernen müssen zu lernen, dass Anstrengung und Ausdauer einfach dazugehören und dass „das Leben ja auch kein Zuckerschlecken ist“ und je eher die Kinder das erführen, umso besser. Die Frage, die ich mir dabei stelle, ist: Was steckt für eine kranke Lebenseinstellung hinter solchen vernichtenden Aussagen, hinter solch groben Plattitüden? Und ich frage Sie: Wie beseelt sind die Menschen, die so etwas vertreten, Ihrer Einschätzung nach wohl noch?

Wir können und sollten davon ausgehen, dass nicht mehr viel Beseelung in einem Menschen vorhanden ist, der nicht mehr in der Lage ist, sich in ein Kind hineinzuversetzen, der kindliches Leid nicht mehr fühlen kann. Zu groß müssen die Verletzungen in der eigenen Kindheit gewesen sein, wenn ein Erwachsener so wenig in der Lage ist, Empathie zu fühlen. Und wer nicht mehr mit dem Herzen fühlen kann, wer nicht mehr mitfühlen kann, hat die wichtigste Qualität des menschlichen Seins verloren. Allein diese menschliche Fähigkeit unterscheidet uns von der viel gelobten, viel zitierten und aktuell so gehypten „Künstlichen Intelligenz“. Ein Roboter kann alles, was wir Menschen auch können, außer fühlen, spontan und kreativ sein – dazu ist künstliche Intelligenz nicht in der Lage. Wenn wir nun unsere Kinder einem Schulwesen anvertrauen, das diese Qualitäten, die Gabe der Kreativität und die Fähigkeit zu fühlen, die Kinder typischerweise noch besitzen, nicht mehr repräsentiert, geschweige denn wertschätzt und fördert, sondern sie im Gegenzug immer mehr ausschaltet, dann leisten wir als Eltern – ohne dass es uns bewusst wäre und ohne dass wir das wollten – einen Betrag dazu, dass auch unsere Kinder immer mehr entseelt werden.

Beseelung

Ich habe in der Schulzeit meiner beiden Söhne wunderbare, beseelte Lehrer und Lehrerinnen kennengelernt, aber sie waren in erschreckender Unterzahl. Für mich geschieht die Beseelung eines menschlichen Wesens bereits im Mutterleib. Nur bleibt meiner Auffassung nach eine Seele nicht per se, sozusagen zwangsläufig ein Leben lang im Körper: sie kann sich auch „verabschieden“ und sie tut es, wenn der Mensch, der diese Seele in sich trägt, ihre Stimme nicht mehr hören kann, ihren Impulsen nicht mehr folgen kann und alles, was Beseelung bedeutet, nicht mehr leben kann – dann kann es passieren, dass die Seele den Körper verlässt. Durch Traumen kann eine Seele (oder zumindest Seelenanteile) dauerhaft den Körper verlassen.

Psychotherapeuten kennen dieses Phänomen aus der Trauma-Arbeit und aus der Arbeit mit dem sogenannten „Inneren Kind“, den Seelenanteilen von uns, die wir in der Kindheit abgespalten und verloren haben. Bei der Inneren-Kind-Arbeit geht es darum, genau diese Seelenanteile, manchmal auch eine komplette Seele, wieder in den Körper zurückzuholen.

Besonders betroffen von diesem Phänomen der Abspaltung sind Mädchen und Jungs, die als Kinder und Heranwachsende sexuell oder rituell missbraucht worden sind. Ich habe in den bisher zehn Jahren, in denen ich psychotherapeutisch, heilerisch und als Coach arbeite, unendlich viele Menschen in meiner Praxis erlebt, die nicht mehr mit dem Herzen fühlen konnten. Die diese Fähigkeit, die uns Menschen gegeben ist, einfach verloren hatten. Mit großer Berührtheit und Erschrecken habe ich auch festgestellt, dass immer mehr Menschen davon betroffen sind.

Vielen Menschen, die sich in diesem „Zustand“ befinden, ist dies bewusst und sie leiden darunter, aber einer noch viel größeren Zahl an Menschen ist – meiner Beobachtung und Erfahrung nach – nicht einmal bewusst, dass sie keine Verbindung mehr zu ihrem Herzen und damit zu ihrer Seele haben: Sie wandeln dann im Prinzip wie ein Art Zombie durch die Gegend. Sie sehen aus wie Menschen, sie bewegen sich wie Menschen, sie sprechen wie Menschen, aber sie können keine Liebe mehr in ihren Herzen fühlen und demzufolge auch nicht mehr von der Herzensebene aus anderen Menschen begegnen. Das ist aber die alles entscheidende Qualität, über die wir als Menschen eigentlich verfügen – das ist das, was uns auszeichnet, das ist unsere Essenz.

Nur die Leistung zählt – und das ist falsch!

In Deutschland ist man stolz auf Leistung. Dieses Denken übertragen wir auf die Kinder: Wir sind stolz auf unsere Kinder, wenn sie etwas leisten. Für mich fühlt es sich aber vollkommen falsch an, einem Kind beizubringen: „Leiste etwas, damit ich stolz auf dich sein kann!“. Denn Leisten ist Tun und nicht Sein. Wir vermitteln den Kindern, dass nicht ihr Sein den Ausschlag gibt – ihr Wesen, ihre Gaben und Fähigkeiten –, sondern ihr Tun. Daran können Kinderseelen zerbrechen. „Wofür plädiert sie hier eigentlich?“ werden einige oder viele meiner Leser/innen sich spätestens an dieser Stelle fragen. Ich plädiere für eine Kindheit und Jugend, in der Kinder und Jugendliche sich, ihre Gaben, Interessen und Talente frei entfalten können. Wo ihnen Raum gegeben wird, um sie selbst zu werden und nicht nur zu dem zu werden, was Elternhaus und Gesellschaft sich von ihnen wünschen, erwarten und fordern. Wir sollten damit aufhören, Kinder in eine Norm zu pressen – das haben sie nicht verdient. Aber Schule ist Normierung pur.

Und solange unsere Schulen in Deutschland und in Europa so ticken, wie sie ticken, solange die Prioritäten in der Schulbildung so gesetzt werden, wie sie gesetzt werden, so lange sind die Kinder fremdgesteuert und werden vollständig von einem System überlagert und übernommen– und das mit dem Einverständnis von uns Eltern. Wir dürfen uns als Eltern hier nicht aus der Verantwortung ziehen. Wir sind diejenigen, die unsere Kinder diesem System überantworten. Kennen Sie den Spruch: „Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin?“ Schreiben Sie das einmal geistig um in: „Stell dir vor, es ist Schule, und keiner geht hin!“ Wenn wir als Eltern aufstünden und dem herrschenden Schulsystem die Zustimmung entzögen beziehungsweise uns weigerten, unsere Kindern in die Hände dieses Systems zu geben, dann blieben die Schulen leer. Die Gefängnisse in Deutschland sind nicht dafür ausgelegt, Millionen von Eltern, die sich weigern, ihre Kinder in die Schule zu schicken, zu inhaftieren…

Mir geht es nicht im Entferntesten darum, Eltern anzuklagen geschweige denn bloßzustellen. Ich habe meine Kinder genauso in die Schule geschickt, obwohl mir klar war, was das mit ihnen gemacht hat. Ich plädiere einfach für mehr elterliche Bewusstheit, für mehr Mut, für mehr Vertrauen in und mehr Unterstützung für die Kinder. Ich will nicht missionieren, das liegt mir völlig fern. Ich würde meinen Weg auch nie als Blaupause für andere Eltern ansehen – das wäre völliger Unsinn. Ich möchte einfach, dass Eltern sich wieder der Verantwortung bewusst werden, die sie für ihre Kinder tragen, nämlich die, die Kinder wirklich da abzuholen, wo sie stehen, und sie bestmöglich und vor allem mit dem Herzen zu begleiten.

Mein Freilerner-Sohn liest derzeit ein Buch von Grace Llewellyn, einer amerikanischen Autorin, die selbst Lehrerin war (sowohl an öffentlichen als auch an privaten Schulen) und dann irgendwann erkannt hat, was Schule mit Kindern macht: „Das Teenager Befreiungs Handbuch“. Ein wunderschönes Buch, schon um 1990 herum geschrieben, von einer sehr mutigen und liebevollen Frau, die ganz klar für sich erkannt hat, dass sie dem Schulsystem nicht mehr dienen kann und will, und sich dann aufgemacht hat, die Kinder und Jugendlichen, die den Wunsch haben, sich aus diesem System zu befreien, zu unterstützen.

Und vielleicht haben Sie auch schon einmal etwas von Manfred Lütz gelesen, einem Psychiater, Psychotherapeuten und Theologen, der auch als Autor tätig ist. Im Jahr 2009 hat er in der „Welt am Sonntag“ einen berührenden Essay geschrieben mit dem Titel: „Nicht die Verrückten, die Normalen sind das Problem“. Dort schreibt er unter anderem: „Wenn man als Psychiater tagsüber mit psychisch kranken Menschen zu tun hat, rührenden Dementen, feinfühligen Süchtigen, dünnhäutigen Schizophrenen, empfindsamen Depressiven, hinreißenden Manikern, all den anderen farbigen Gestalten der Psychowelt, und man sieht dann abends die Nachrichten über blutrünstige Kriegshetzer, gewissenlose Wirtschaftkriminelle, rücksichtslose Egomanen, dann kann man nur auf die Idee kommen: Nicht die Verrückten, sondern die Normalen sind unser Problem!“

Und er schlussfolgert gegen Ende seines Essays: „Die Tyrannei der Normalität lebt von der großen Illusion der ewigen Weiterexistenz des Normalen und der Flüchtigkeit des Außergewöhnlichen. Dabei wird es wohl eher umgekehrt sein. […] Im Grunde existiert das Normale nicht, denn es hat keine Substanz […] und wer genauer hinsieht, kann die Außergewöhnlichkeit eines jeden Menschen wahrnehmen. […]“

Diese Zeilen fühlen sich für mich sehr liebevoll an – hier hält ein Philanthrop eine flammende Rede für das Recht auf Einzigartigkeit eines jeden Menschen und für die Notwendigkeit der Anerkennung. Ich frage mich, warum solche Plädoyers nicht auch Tag für Tag für die Anerkennung der Einzigartigkeit unserer Kinder gehalten werden, deren Einzigartigkeit wir feiern sollten, statt sie durch den Schulbesuch gnadenlos zu normieren und die Kinder im schlechtesten aller Fälle durch die Gabe von Psychopharmaka schwer zu beschädigen.

Author: Oliver Bartsch

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