Schöpfungsmythen gibt es in allen Kulturen zu allen Zeiten. Was geschieht, wenn ich mir als moderner Mensch des 21. Jahrhunderts erlaube, meinen eigenen Schöpfungsmythos zu erschreiben?

von Dorothée Brüne

Wassermeditationen

Anfang September. Indian Summer. Die Sonne scheint. Der Himmel ist blau. Es ist angenehm warm. Warm genug, um mit Sitzkissen und kleinem Klapptisch bestückt an den nahe gelegenen See zu gehen, sich ins Gras zu setzen und das Wasser zu betrachten. Sich ziehen lassen von den Reflexionen auf der glatten Wasserfläche. Die Bäume am Rande des Wassers sehen. Die Bäume im Wasser sehen. Spiegelungen. Konturen werden weicher. Grenzen lösen sich auf. Ein Etwas steigt aus dem Wasser auf. Hat es Menschengestalt? Gleicht es mehr einem Fisch? Oder ist es erst einmal wabernde, zerfließende Form?

Wasser kann so viele Gestalten annehmen. Da gibt es das ruhige, friedvolle Wasser eines Sees, den sanft dahin plätschernden Bach, den reißenden Fluss, das schäumende Meer, einen Wasserfall. Es gibt die kleinen Tropfen, den aufsteigenden Dampf, der sich zu Wolken formiert. Dann gibt es den Schnee und das klirrende Eis. Wasser kann transparent sein, blau, grün, türkis – ein Chamäleon, das jede Farbe annimmt. Es ist das Element des Fließens, der Anpassung, des Formens.

Jetzt, hier und heute betrachten wir einen See. Wir, das sind die Teilnehmer eines Retreats und ich als Begleitung. Der See ist glatt. An vielen Stellen spiegelt er das Grün der umstehenden Bäume wider. In der Mitte leuchtet er blau wie das Himmelszelt. Er reflektiert Licht, spiegelt es, verteilt es. Licht, das unsere Augen trifft. Als glatter Spiegel sieht er aus wie eine Fläche, wie eine Grenze, beinahe wie etwas Undurchdringliches.

Wir lassen unsere Blicke auf der glatten Fläche des Sees tanzen. In der Mitte unserer Augen die Pupillen. Hier geht es hinein in unser Menschenwesen, bis in die Tiefen unserer Seelen. Seele. Wie ich recherchiere, so kommt dieses Wort aus dem Germanischen und bedeutet: die aus dem See Stammende. Kommt meine Seele aus dem See? Taucht sie in den See? Von der Tiefe des Sees geht es somit in die Tiefe meines Wesens und umgekehrt. Tiefen begegnen sich.

Wir tauchen ein, tauchen gemeinsam als Gruppe. Es schafft eine schöne Verbindung zu wissen, dass alle aus unserer Gruppe jetzt am See sitzen, sich in das Wasser ziehen lassen, in dessen Tiefe der eigenen Tiefe zu begegnen versuchen.

Der eine Gott und die vielen Götter

In der Genesis wird die Welt mittels Worten erschaffen. Vielleicht mutet deswegen so vieles am Christentum sehr rational und wenig sinnlich an. In einer guatemaltekischen Geschichte wird der erste Mensch aus Maiskolben geboren. Ein griechischer Mythos lässt die Welt aus dem Meer entstehen. Eurynome tanzt über die Fluten des Urmeeres, vereinigt sich mit dem Wind. Sie gebiert ein Ei, aus dem die Welt entsteht wie uns der Mythos erzählt. In Ägypten vereinigen sich Isis und Osiris, Göttin des Meeres und Gott des Himmels und durch ihren Liebesakt wird Welt.

Was sollen mir heute noch diese Geschichten erzählen? Wissen wir nicht alle, dass die Welt aus dem Urknall entstand. Soll ich dieses Wissen leugnen, um an solche Mythen zu glauben?

Die Teilnehmer meines Seminars „Schreibend träumen“ sind skeptisch, als ich sie dazu einlade, einen eigenen Schöpfungsmythos zu schreiben, bei dem sie selbst zur Gottheit werden. Manchen erscheint dieser Impuls vermessen, anderen kindisch. Wieder andere glauben, dass sie das nicht können und ihnen gewiss nichts einfallen wird. Wieso an die Anfänge gehen? Wieso von Göttern erzählen? Haben diese Götter nicht schon für genug Streitigkeiten und Kriege gesorgt? Brauchen wir heute noch Götter?

Ich erzähle ihnen von der mexikanischen Göttin Ixchel, der Göttin des Meeres, die friedvoll mit Fischen und Riesenschildkröten schwimmt. Ich erzähle von Poseidon und seinen Hippokampen. Sie sehen ihn durch die Meere ziehen, begleitet von Meerjungfrauen – den Nereiden, eine Muschel als Kutsche. Ich erzähle von Yemanja, die besonders in Brasilien als Göttin der Gewässer verehrt wird. Blumen werden ihr geopfert. Sie wird besungen. In weißen Gewändern steigen die sie Verehrenden ins Meer, bewegen dabei fließend die Arme, tanzen für sie. Ich sehe, wie das Innere der Teilnehmer sich immer mehr mit den beschriebenen Bildern anfüllt. Sie bekommen Lust, selber Bilder zu erschaffen.

Schöpfungsmythos

Wie wäre es, sich vorzustellen, dass die Welt aus dem Wasser entstanden ist? Sie sitzen am See, schauen aufs Wasser, blicken tief in dieses hinein. Irgendwann fangen alle Stifte an, auf dem Papier zu tanzen. Worte fließen, Hände tanzen auf den Seiten, Geist ist vertieft. Sätze strömen, strömen immer weiter in die weißen Flächen hinein. Das Papier, so glatt und leer wie die glatte Wasserfläche des Sees. Leere, die sich füllt. Ein Etwas, das aus dem Nichts entsteht. Ein Wunder.

S. benennt es genau so. Sie spricht vom ersten, dem zweiten, dem dritten und dem vierten Wunder. Wie kann Sein aus dem Nichts entstehen? Wenn der erste Tropfen da ist, dann ist das ein Etwas, das nicht mehr Nichts genannt werden kann. Ein Wunder. Ihr Text hat die Sprachgewalt und den philosophischen Gehalt eines Martin Heidegger.

A. lässt aus den dunklen Tiefen der ersten Wasser ein leuchtendes Ei entstehen, mit einem Schwanz. Das Ei teilt sich, und teilt sich immer weiter und wird zur ersten Göttin, die aus leuchtenden Eiern die Welten entstehen lässt. Weil es an Geborgenheit fehlt, schafft sie sich aus leuchtenden Eiern ihre Brüste.

Die Göttin von D. langweilt sich. Überall ist nur Wasser. Und wie sie sich so langweilt, strömt aus ihrem Leib ein Strahl von kühlem Nass. Sie pinkelt in den See hinein, pinkelt bis zum Grund und holt den Schlamm hervor, aus dem die Welt entsteht. Wir lachen. Eine pinkelnde Göttin. Das ist weniger abstrakt und sprachlich als der christliche Gott. Hier springt eine freche Sinnlichkeit aus den Zeilen. Wir erkennen D. wieder in dem Mythos, den sie erschaffen hat.

Es wird schnell klar, dass jeder Mythos – tatsächlich haben alle einen Mythos geschrieben – ein Produkt dieses einen einzigartigen Autoren ist. Die Götter und Göttinnen der ersten Stunde tragen deutlich die Handschrift ihrer Schöpfer. Die Werte der jeweiligen Schreiber werden sichtbar, hörbar, fühlbar in den Schöpfungsmythen. Ihre Geschichten sind beredte Zeugen dessen, was ihnen am Herzen liegt.

R. liebt die Gemeinschaft. Sie erschafft sich als Samen, der mit vielen anderen Samen in großen Blütenkelchen lebt. Ganze Felder von prallen Blüten erdichtet sie, die gefüllt sind mit Wasser, das sich von einem Kelch in den nächsten ergießt. Wasser fließt von Kelch zu Kelch, nimmt die Samen mit, die auf den Grund des ersten Sees fallen und so die ersten Menschen und Tiere entstehen lassen. Wir sind betört von diesem wunderschönen Bild des Blütenmeeres und erkennen auch darin R.s Vorliebe für Schönheit und Pracht.

Jeder der Mythen ist anders. Trägt eine ganz eigene Handschrift. Und bezaubert. Und lange schon geht es nicht mehr darum, ob dieser Mythos die Entstehung DER Welt erklären kann. Diese Mythen erschaffen Welten, individuelle Welten und sie erinnern damit die einzelnen Autoren daran, dass sie selbst sich ihre Welt erschaffen dürfen und können. Und auch, dass sie sich ihre eigenen Werte setzen dürfen und sich durch derartige Mythen an die eigenen Werte zu erinnern vermögen. Ein Strahlen auf den Gesichtern macht deutlich: Ja, jetzt und hier sind gerade einige Menschen bei sich angekommen, in ihrem Herzen, in ihrer Kreativität (Schöpferkraft), in den Tiefen ihrer Seele.

Flow-Erleben

Mihaly Czikcentmihaly hat sich jahrelang mit der Erforschung von Kreativität beschäftigt. Die Kreativen, die er befragt hat, berichten, dass sie oft im Schlaf neue Ideen bekommen. Der Zustand, aus dem heraus der Einfall für etwas Neues gekommen sei, würde sich zeitlos anfühlen. Zeit spiele keine Rolle darin. Mihaly spricht deshalb vom Flow-Erlebnis. Flow – Fließen.

Wir durften alle die Zeitlosigkeit, die Schöpferkraft, die Fließqualität des Wassers erfahren. Wir sind in die Wasser und mit den Wassern geflossen, haben uns tragen lassen vom Wasser, haben unseren Alltagsverstand hinwegspülen lassen vom Wasser und konnten so zu Kreativen werden, zu Künstlern, zu Schöpfern.

Der See liegt leise und mit weit offenen Ohren in seinem Bett aus Moos. Es ist dunkel geworden beim Vorlesen der verschiedenen Schöpfungsmythen. Der See hat uns die ganze Zeit zugehört. Er freut sich, dass seine eigenen Tiefen die Menschenwesen zu deren Tiefen geführt haben.

29.10.-1.11.2020: Schreibend träumen – eine Auszeit in der Natur
Februar bis Oktober 2021: Jahrestraining zur vertieften Selbsterforschung – Eintauchen ins Sein
Anmeldung über: Dorothée Brüne, Tel. 0163-2844883
dorothee-bruene@gmx.de, www.dorothee-bruene.de

Author: Redaktion

Über den Autor

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Dr. phil. Dorothée Brüne lebt in Potsdam. Sie arbeitet als Coach und Autorin. Gemeinsam mit ihrem Mann bietet sie Schwitzhütten an.

Kontakt
Wortweberei & Wegbegleitung
14471 Potsdam
Tel. 0163-2844883

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