In Indien kann man dem eigenen Schicksal begegnen – in Form von Palmblatt-Bibliotheken…

von Marcus Hugk

Ende der Achtziger erreichte mich meine Lebens- und Sinnkrise, die mit meiner Flucht aus der DDR 1984 begonnen hatte, im vollen Umfang. Durch den Verlust von Identität und Zugehörigkeit forciert stellte sich mir die Frage, wie das Leben Sinnhaftigkeit und Fülle bieten kann, wenn sich am Ende doch alles auflöst. Ich suchte Antworten in der Mystik und Philosophie und kam unweigerlich in Kontakt mit Indien, der Quelle multidimensionaler Lebensweisheiten, vielverzweigter Glaubensansichten und hundertfacher religiöser Facetten.

Ein Buch über mystische Reisen in Indien gab mir dann den letzten Schub, mich selbst aufzumachen, um dort dem Leben die Antworten auf meine brennenden Fragen zu entlocken. Ein Bekannter empfahl mir kurz vor meiner Abreise den Besuch einer Schicksalsbibliothek. Ich konnte mir darunter nichts vorstellen, steckte mir aber doch die auf einem kleinen Schmierzettel aufgeschriebene Adresse eher nebensächlich mit in den Rucksack. Ich landete ohne jegliche Englisch-Kenntnisse auf einem der verrücktesten Flughäfen der Erde, gebaut inmitten der Slumsiedlungen Bombays. Ein Kulturschock.

Ich schlug mich zuerst tapfer durch den Wahnsinn von Bombay City und fand mich Tage später in abgeschiedenen Gegenden wie denen um die Höhlentempelanlage Elloras oder den Berglandschaften um Poona wieder. Indien befand sich zu dieser Zeit vielerorts immer noch im „Dornröschenschlaf“ und es gab in den ländlichen Regionen weder durchgehend Strom noch fließend Wasser. Und doch übte das Land auf mich gleich nach dem Überwinden des ersten Kulturschocks seine magischen Kräfte aus. Mit der Sehnsucht nach Abenteuer durchwanderte ich das Land über mehrere Monate allein, lernte dabei Englisch und weckte meinen Wunsch nach Sanskrit, Mantra-Wissen und mehr Philosophie.

An einem dieser Tage, bei einem Brahmanen-Priester zu Hause sitzend, erinnerte ich mich an die Empfehlung meines Freundes aus Berlin, eine Schicksalsbibliothek aufzusuchen. Ich fragte mich: Wenn es ein persönliches Schicksal gäbe, wie konnte das Ganze in indischen Palmblattbibliotheken aufbewahrt sein? Und wozu? Ein einzelnes Leben verliert sich auf der gigantischen Lebensskala der Erde doch mehr oder weniger in absoluter Unwichtigkeit und zeitlicher Nichtigkeit. Wieso sollte sich da jemand vor Ewigkeiten die Mühe machen und das Schicksal einzelner Individuen niederschreiben?

Den Code entschlüsseln

Doch der Brahmane, dem ich meine Gedanken mitteilte, erzählte mir von der immensen Kraft bestimmter Zeitpunkte, die unsere Zukunft auf der Erde bestimmen. Und dass die Yogis, die vor Urzeiten die Palmblätter beschrieben hatten, als Zeitexperten diese tiefe Gesetzmäßigkeit der Zeit erkannten. Dass zwar die Niederschriften tausende von Jahren alt seien, aber die damaligen „Zeit-Seher“ die Fähigkeit hatten, das Schicksal von vielen Menschen über Jahrhunderte zu erfassen und in codierten Schriftzeichen niederzuschreiben. Durch bestimmte „Schlüssel“ wurden Mechanismen für diese Seher offengelegt, die sie nutzten, um mittels eines Systems der Schicksalsdeutung Informationen bis in die ferne Zukunft hinein für die Nachwelt zu hinterlegen.

Das System war erlernbar, so dass sie es an ihre Schüler weitergeben konnten. So entstand die „Naadi Jyotish“-Tradition in ihrer reinen Form. Jedes Lebewesen ist demnach zwar in seiner Persönlichkeit einzigartig, aber Reaktionen auf Situationen jeglicher Art sind eine Gesetzmäßigkeit, welche die Yogis damals durchschauten. So kann es auch sein, dass die Informationen eines Palmblatts auf mehrere Schicksale und verschiedene Personen passen, deren Struktur sehr ähnlich ist. Für noch genauere Informationen nutzen die heutigen professionellen und intuitiven Leser der autorisierten Palmblattbibliotheken das Prinzip des „Naadi“, was soviel wie „Kanal“ oder „Energiefluss“ bedeutet. Sie empfangen in ihrem Bewusstsein in einem bestimmten meditativen Zustand vor oder während der Lesung zusätzliche Details, die sie über die Hinweise auf den Palmblättern hinaus noch den vor ihnen sitzenden Personen mitteilen.

Gesetzmäßigkeiten der Zeit

Die „Naadi Yogis“ waren sich nicht nur im Klaren darüber, dass Zeit über das Schicksal allen Seins bestimmt, sie entdeckten darüber hinaus weitere Gesetzmäßigkeiten, die bis in unsere Gegenwart und Zukunft ihre Gültigkeit haben. Eine davon ist Nyaya (Logik), die Basis von Mathematik und Ethik, und „Dharma“ oder rechtschaffenes Handeln. Beide fördern starke Gesellschaften und harmonisches Miteinander. Die Voraussetzungen sind Wahrhaftigkeit, Mitgefühl, Vergebung, Selbstkontrolle und Bescheidenheit. In dem Maße, wie die Menschen danach leben, erfahren sie ihr Schicksal.

Die Yogis erschufen dazu die Zahlenlehre mit der Null als Beginn allen Seins und waren damit dem Wissen der westlichen Welt der damaligen Zeit weit voraus. Doch der Hauptfokus dieser Schriftgelehrten und Yogis war nicht so sehr auf zukünftige Bewegungen der äußeren Welt, sondern vielmehr auf die innere Haltung und Gefühlswelt der Menschen ausgerichtet. Sie wussten, Wünsche lenken unser Handeln und Streben. Erlangen wir die Kontrolle über unsere Wünsche, können wir uns auch langsam von Neid, Argwohn und Gier befreien. Dadurch hätten wir Macht über unser eigenes Schicksal.

Dieser Wissensschatz über die Qualität der Zeit wurde den vedischen Texten beigefügt, um der Menschheit einen Weg der Weisheit aus der materiellen Verwicklung in die geistige Transzendenz zu geben. Er gehört zu einem speziellen Zweig der Veden, dem „Jyotisha“, auch als „Licht“ oder „die Wissenschaft vom Lebenszyklus allen Seins“ bekannt. Der Brahmane riet mir, eine solche Schicksalsbibliothek selbst aufzusuchen, um direkt vor Ort mehr zu erfahren.

Ich kramte die Adresse hervor, die ich in Deutschland erhalten hatte, um sie ihm zu zeigen. Als er sie las, lachte er laut auf und sagte, diese Bibliothek sei ganz in der Nähe und er hätte sie mir auch empfohlen. Ich verstand dies als eine Aufforderung des Schicksals und begab mich bereits am nächsten Tag direkt zum kleinen lokalen Busbahnhof, um dort hinzufahren. Nach einer dann doch längeren Fahrt mit dem total überfüllten Bus erlangte ich meine „Freiheit“ zurück und stand nun allein mitten auf dem Marktplatz, umringt von neugierigen Dorfbewohnern. Mit der Hilfe von Zeichensprache und dem einzigen Wort, das ich in Bezug auf das Thema Palmblattbibliothek kannte („Naadi jyotish“), fand ich meinen Weg zu der Schicksalsbibliothek.

Bereits erwartet

Ein kleiner Junge führte mich gestikulierend und freundlich lachend durch das Dorf, bis ich an einer alt wirkenden und mit einem Doppeldach versehenden Hütte ankam. Über dem Eingang hing schief ein großes Schild, auf dem „Naadi Jyotisha“ stand. Ich fühlte mich sehr erleichtert, angekommen zu sein.

Ein älterer und etwas abseits sitzender Mann, unscheinbar in seiner Erscheinung, stand auf und begrüßte mich schroff. Er war nicht viel größer als ich, doch seine Stimme war unüberhörbar laut und ging mir bis ins Mark. „Endlich bist du gekommen“, sagte er. Und: „Ich warte schon eine Weile auf dich. Komm rein“. Das alles in klarstem Englisch gesprochen. Ich dachte mir, dass mich mein Brahmanen- Priester wohl schon angemeldet hätte. So stellte ich keine weiteren Fragen und ging dem in Weiß gekleideten Mann einfach hinterher. Die gesamte Einrichtung war eher karg und einfach gehalten, aber die Bibliothek hatte es in sich. Da lagen hunderte Bündel von Handschriften sorgsam aufgeschichtet und mit vielen Nummern und Schriftzeichen versehen ordentlich sortiert und gut verstaut in Regalen aufbewahrt.

Wir setzten uns im hinteren Teil seiner Arbeitsräume nieder. Dort war alles schlicht gehalten. Ich sah weder einen Fernseher noch ein Telefon, was in der damaligen Zeit von „Reichtum“ gezeugt hätte. Er fragte nur nach meinem Geburtsjahr, gab mir verschiedene Diagramme zur Ansicht, von denen ich eines auswählen sollte, und verschwand dann, um wenig später mit einem alten, handgeschriebenen Papierbogen wiederzukommen. Bevor er mit der Lesung begann, fragte ich ihn, wo denn sein Telefon stünde. Schließlich habe mich ja mein Freund, der Brahmane, wohl per Telefon angemeldet, da er so erwartungsvoll vor der Tür verweilt hatte. Er sagte mir, dass er kein Telefon besitze. Er wisse schon am frühen Morgen, zu welchem Zeitpunkt welche Personen zu ihm kommen werden. Und für heute war ein „weißer Elefant“ mit vielen Fragen und zweifelndem Geist zur Lesung angekündigt.

„Was für ein Unsinn“, dachte ich mir erst, aber die Lesung öffnete mir die Augen. Er konnte mir viel über meine Kindheit und Jugend erzählen, über die Schatten- und Glanzseiten meines Lebens und auch meine innersten Ängste und Hoffnungen. Dann sprach er über meine Zukunft und die Aufgabe meines Lebens. Er prophezeite mir einige sonderliche Ereignisse, die für mich damals unklar oder unmöglich erschienen, aber mit heutigem Rückblick tatsächlich eintrafen. Die späte Geburt meines Sohnes mit Jahresangabe wie auch das Erlernen der vedischen Texte in Form von Rezitation und Bedeutung war mir in der damaligen Zeit nicht vorstellbar.  Auch dass ich Reiseführer werde und Asien als zweite Heimat erkläre, kam mir damals nicht in den Sinn. Doch all diese Dinge traten genau so ein.

Hilfsmittel auf dem Weg der Persönlichkeitsentwicklung

Ich fragte den Hüter der Palmblätter nach der Relevanz dieser Schicksalsbibliotheken in der heutigen Zeit und auch, ob so etwas wie Astrologie nicht reiner Aberglaube und Schwindel wäre. Er sagte mir, dass die Gestirne am Himmel sich als Boten über unser Schicksal anbieten und eine Sprache sprechen, die der Menschheit zwar mitgegeben wurde, welche die meisten Kulturen der Erde jedoch verlernt hätten. Die spezielle „Naadi“-Lesung des Schicksals sei aber etwas Besonderes, da sie den schon fast „mystischen“ Aspekt besitzt, mit sehr wenig Angaben an persönlichen Daten eine sehr genaue Vorhersage über das Leben des Fragenden abzugeben.

Oft reiche nur ein Fingerabdruck oder der Zeitpunkt, wann eine Person in der Bibliothek erscheint, um das richtige Palmblatt zu finden – und oft zur Überprüfung der Richtigkeit bei der Auswahl des persönlichen Schicksals-Blattes einfach das Geburtsjahr. Doch diese Bibliotheken haben nur dann ihre positive Kraft und ihren Nutzen für die Menschheit, wenn ein guter Bibliothekar bzw. Leser darin arbeitet. Er sollte sie gut entschlüsseln und richtig deuten können, frei sein von Gier nach Reichtum und Selbstsucht, und sein Hauptinteresse sollte dem Wohl der Menschheit gelten.

Die Palmblatt-Bibliotheken sind ein wunderbares Hilfsmittel auf dem Weg der Persönlichkeitsentwicklung. Sie können uns auf unserem bisherigen Weg bestätigen, uns aber auch helfen, noch nicht erkannte Potenziale in uns zu aktivieren. Ob und wann ein Mensch sich entscheidet, einen dieser mystischen Orte aufzusuchen – auch das scheint in seinem Lebensplan codiert zu sein, denn sonst wüssten die Hüter dieser Orte ja nicht, wer wann zu ihnen kommt. Vieles, was im Verborgenen liegt, wartet auf seinen Zeitpunkt entdeckt zu werden.

Informationsabend „Reisen zu den Palmblattbiblioheken“ am 6. Oktober um 16.30 Uhr und am 13. Oktober um 16.30 Uhr im VEDIKA-Laden, Paul-Robeson-Str. 42, 10439 Berlin (Prenzlauer Berg)

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