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Rudolf Steiner wäre dieses Jahr 150 Jahre alt geworden – ein Jubiläum, das die Anthroposophen mit einer Reihe von Veranstaltungen feiern. Was ist das Besondere an seiner Weltsicht? Ist das nicht alles etwas verstaubt? Oder provokativ gefragt: Warum braucht die Welt heute noch die Anthroposophie angesichts der vielen neuen spirituellen Richtungen, die es mittlerweile gibt?

 

Der Anthroposophie bin ich in den siebziger Jahren begegnet. Damals war von New Age noch nicht die Rede. In den Buchläden stand marxistische und postmarxistische Literatur. Gut, es gab Drogen und die Transzendentale Meditation, es gab den Zen-Buddhismus und die Jesus-People, aber es war doch eher exotisch, sich für Spiritualität zu interessieren. Meine Freunde jedenfalls gingen alle in „Kapital“-Kurse und belächelten mich.

Ich besuchte Einführungsvorträge in die Anthroposophie und las Rudolf Steiner, versuchte mich zu orientieren. Sein Stil und seine Vorgehensweise erweckten in mir Vertrauen. Dass er, bevor er mit gewagten Erkenntnissen – zum Beispiel über Engel – herausrückte, sich erst einmal Gedanken darüber machte, was denn Erkenntnis überhaupt für den Umgang mit der Wirklichkeit bedeutet, erschien mir überaus vernünftig. Dass er Anregungen dazu gab, wie man für sein seelisches Gleichgewicht sorgte, bevor man vielleicht durch Meditation den Boden unter den Füßen verlor, erschien mir fürsorglich. Karma, Reinkarnation, Chakren, das Leben nach dem Tod – alles erklärte Rudolf Steiner und machte es dem  Denken nachvollziehbar. Und wenn ich mich umschaute, standen auch für das Handeln genügend Tätigkeitsfelder bereit: Waldorfpädagogik, biologisch-dynamische Landwirtschaft, Heilpädagogik, anthroposophische Medizin – es gab genug zu tun.

 

Gründliche Kleinarbeit

Wer sich für spirituelle Fragen interessierte, wer langsam und gründlich vorgehen wollte, auf einer sicheren gedanklichen Grundlage, wer, oft in mühsamer Kleinarbeit, in Initiativen arbeiten und Alternativen für die Gesellschaft bereitstellen wollte, für den war die Anthroposophie in den letzten Jahrzehnten ein Anker.

Drumherum änderte sich derweil vieles. Marxistisches Denken war nicht mehr der Mainstream für Intellektuelle. Plötzlich gab es in den Buchläden regalmeterweise spirituelle Literatur. Buddhistische Meditation, Yoga, Ken Wilber, Gemeinschaftsbildung – neben der „Hochkultur“, die meist immer noch von den Werten der traditionellen, materialistischen Wissenschaft geleitet ist, eröffneten sich viele Möglichkeiten, seinen Weg zu finden, gab es viele Angebote zu Bewusstseinserweiterungen, oft recht kostspielig. Und erst die Eingeweihten, die Erleuchteten, die Hellseher – es wurden immer mehr! Für welche Fragen auch immer – Sexualität, Partnerschaft, Gesundheit, Gemeinschaft – es gibt ungeheuer viele Ansätze, und es bleibt niemandem erspart, die Spreu vom Weizen zu trennen. Oder, weniger wertend formuliert: zu schauen, was für einen selbst „gerade dran ist“. Wer das nicht tut, wem das nicht gelingt, kann sich sehr verirren. Oft ist der Ansatzpunkt der persönliche Wunsch: Wie werde ich erleuchtet? Oder: Wie werde ich gesund? Und oft meint das auch: Wie werde ich glücklich?

 

Frischer Wind

Aber auch in der anthroposophischen Szene hat sich in den letzten Jahren vieles verändert. Die Menschenkreise, die geduldig Rudolf Steiners Werk studieren und sich erst einmal das begriffliche Fundament erarbeiten, ihr Denken „verlebendigen“ wollen, bevor sie sich geistigen Erfahrungen nähern, oder gar die, für die das Denken spiritueller Begriffe allein Selbstzweck ist, werden kleiner. Auch in anthroposophischen Kreisen geht es mittlerweile tendenziell eher um das Erleben, um die geistigen Erfahrungen, ist man ungeduldiger geworden und mag nicht mehr ewig studieren. Es gibt immer mehr Meditationskurse, immer mehr Anleitungen zu übersinnlichen Erfahrungen, es gibt die Geomantie, die Biographiearbeit, Gespräche mit Elementarwesen, die “Gesellschaft für anthroposophische Psychotherapie“ wurde gegründet. Viele der Fragen, die in der spirituellen Szene gestellt werden, hört man mittlerweile  auch in der anthroposophischen Öffentlichkeit: die Fragen nach Präsenz, nach Authentizität, nach dem richtigen Umgang mit Gefühlen, nach Gemeinschaftsbildung, nach Herzenskontakt. Zwar hat Steiner selbst diese Fragen in den Mittelpunkt seiner Ausführungen gestellt, aber nach seinem Tod gerieten sie oft an den Rand. Nun ist der Umgang mit ihnen lauter und offensiver geworden.

 

Zentral: die gedankliche Auseinandersetzung

Immer noch, so scheint es mir wenigstens, steht das Streben nach persönlichem Glück in der Anthroposophie weniger im Vordergrund als in anderen spirituellen Richtungen. Das Wort „Erleuchtung“ wird weniger inflationär gebraucht. Immer noch empfinde ich es als wohltuend, wie leicht es ist, sich durch das Lesen von Rudolf Steiners Werken über gewisse übersinnliche Tatsachen erst einmal gedanklich zu orientieren. Man kann etwas über Engel lesen, man kann es gedanklich nachvollziehen, man kann über sie meditieren, versuchen, mit ihnen in Kontakt zu kommen – und muss sie nicht gleich channeln. In den letzten Jahren ist darüberhinaus das Thema Meditation und Bewusstsein zum Zentrum vieler Veröffentlichungen und Menschengruppen geworden – gründliche gedankliche Arbeit, forschendes Experimentieren und Gespräche kommen hier zusammen. Nach wie vor bieten die anthroposophischen Tätigkeitsfelder Arbeit noch und noch, in Schulen, auf Bauernhöfen, in Krankenhäusern. Neue Tätigkeitsbereiche sind aktuell geworden: So wurde die GLS, die anthroposophisch inspirierte Gemeinschaftsbank, nach der Finanzkrise  „Bank des Jahres 2010“

 

Defensive Position

Der denkende Mensch,  der sich um Erkenntnis und klare Orientierung bemüht, der fühlende Mensch, der auf der Suche nach Erlebnissen ist, der handelnde Mensch, der in dieser Gesellschaft an Keimzellen für etwas Neues arbeiten will – sie werden in der Anthroposophie gleichermaßen angesprochen. Die anthroposophische Szene ist vielfältiger und bunter geworden in den letzten Jahren. Aber die Werke Rudolf Steiners bilden immer noch eine gute Orientierung für die „Erkenntnis der höheren Welten“.

So, jetzt könnte dieser Artikel eigentlich zu Ende sein. Aber eine Freundin, die ihn las, meinte, er sei so defensiv, eigentlich würde ich mich verteidigen, dass ich so etwas Altmodisches wie die Anthroposophie immer noch spannend fände.

Als Anthroposophin erlebt man sich oft in dieser defensiven Position. Den „Normalen“ gegenüber, wo man am besten den Mund hält und gar nichts über Weltanschauungen im Allgemeinen und Besonderen sagt. Ist doch klar, dass alles relativ ist – moderner: dass Realität ohnehin ein Konstrukt ist – und dass es in erster Linie darauf ankommt, glücklich zu sein, oder? Ein Versager, dem es nicht gelingt. Den Spirituellen gegenüber gibt man sich ebenfalls zurückhaltend, weil die Anthroposophie so alt ist. Weil fast jeder schon einmal merkwürdige Erfahrungen mit Anthroposophen gemacht hat. Weil jeder es komisch findet, dass man in Waldorfschulen lernt, „seinen Namen zu tanzen“. Weil es so viele Klischees und Vorurteile gibt.

 

Präsenz erleben

Wenn Anthroposophie gut ist, dann ist sie frisch. Dann werden nicht Begriffshülsen heruntergeleiert, dann wird nicht über Erkenntnistheorie diskutiert, dann zersplittert die Glasscheibe, die uns und die Welt normalerweise trennt. Dann lässt sich das Leben spüren, das in allem pulsiert. Dann werden die trockenen Begriffe aus Steiners Werken, an denen man sich in Arbeitskreisen oder im Alleingang stundenlang in mühevoller Kleinarbeit abgearbeitet hat, plötzlich zu Leuchten, die neue Seiten der Wirklichkeit zeigen. Der Zaun öffnet sich einen Spalt und ich kann den Garten, der dahinter liegt, nicht nur sehen, sondern sogar betreten. Ich kann Kafkas Torwächter beiseite schubsen und sagen: Das ist mein Eingang, und ich will da jetzt rein. Kurz: Es gibt Momente, in denen ich die Fesseln von Phrase, Konvention und Routine abstreifen und mich neu in die Wirklichkeit stellen kann. Präsent sein kann. Da berührt sich Anthroposophie mit anderen spirituellen Impulsen, denen es auch um eben diese Präsenz geht.

Was auch dazu gehört: Die Mächte im Blick zu haben, die die Welt in eine Eiswüste verwandeln wollen – die meinen, alles ließe sich in Zahlen ausdrücken – die statt Menschen Computer Entscheidungen treffen lassen – und zu diesem allen Alternativen zu entwickeln.

Anthroposophie ist nicht nur als Entwicklungsimpuls für den Einzelnen gedacht, sie ist auch Impuls für die Welt.

 


In diesem Jahr wird an vielen Orten der Welt Rudolf Steiners 150. Geburtstag gefeiert, in Berlin sogar besonders kräftig und vielfältig. Es gibt eine Programmbroschüre, die alle noch anstehenden Termine enthält.

Auf drei Termine sei hier besonders hingewiesen: Am Samstag, dem 25. Juni, wird auf dem Platz vor dem Kulturforum ein „Aktionstag“ stattfinden, in dem sich etwa siebzig Einrichtungen und Initiativen aus dem Berliner Raum und aus dem Umland präsentieren: Waldorfschulen, Bäckereien, Bankeinrichtungen, heilpädagogische Heime, Buchhandlungen etc. Es wird Mitmachangebote geben, ein Bühnenprogramm und viel zum Essen und Trinken. Eine gute Gelegenheit für alle Neugierigen, der Anthroposophie in der Gestaltung des praktischen Lebens zu begegnen.
Wer sich eher für die Erkenntnisseite der Anthroposophie interessiert, der sollte sich überlegen, den Kongress „Anthroposophie in Entwicklung“ zu besuchen, der sich mit den Themenbereichen Anthropologie, Wissenschaft, Kunst und Grundlagen der Praxis beschäftigt. Er findet  vom 1. bis 3. Oktober im Forum Factory in Kreuzberg statt.

Ein neues Kursprogramm mit praktischen Übungen, zum Beispiel zur Meditation, wird am 15. Oktober nachmittags im Rudolf-Steiner-Haus vorgestellt. Man kann hier in verschiedenen Kursen „schnuppern“.

Nähere Informationen zu allen Veranstaltungen und die Programmbroschüre für den Rest des Jahres 2011 gibt es unter www.agberlin.de oder unter Tel.: 030 – 832 59 32 (Sekretariat Anthroposophische Gesellschaft).

 

 


 

Abb.: Anthroposophie in Aktion: Eurythmieaufführung

Eine Antwort

  1. Mathias

    Ein Fan von Rudolf Steiner war auch Christian Morgenstern.

    Es ist wohl dieser Umstand, dem wir die Gedichte „Vice Versa“ und „Die unmögliche Tatsache“ („…Weil, so schließt er messerscharf,
    nicht sein kann, was nicht sein darf.“) verdanken:

    „Vice Versa

    Ein Hase sitzt auf einer Wiese,
    des Glaubens, niemand sähe diese.

    Doch, im Besitze eines Zeißes,
    betrachtet voll gehaltnen Fleißes

    vom vis-à-vis gelegnen Berg
    ein Mensch den kleinen Löffelzwerg.

    Ihn aber blickt hinwiederum
    ein Gott von fern an, mild und stumm.“

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