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Das Privileg des Herausgebers einer Zeitung ist es, seine Meinung zu äußern, ohne zensiert zu werden. Das weiß nicht nur Helmut Schmidt – SPD – der Mitherausgeber der ZEIT zu schätzen.

 

Wenn ein mit vielen Preisen und Ehrungen ausgezeichnete Altkanzler sich aufgefordert fühlt nachzubessern, da er sich seiner Stellung in den Geschichtsbüchern nicht mehr sicher zu sein glaubt, sollte man aufhorchen,   forschen und Fragen stellen.   

Der nun mittlerweile 92-jährige Helmut Schmidt gab „seiner“ Zeitung, der ZEIT vom 17.03.2011, Titel: „Keine Lügen mehr!“, unmittelbar nach der Atomkatastrophe in Fukushima ein Interview mit der Überschrift: „Alles hat sein Risiko, Helmut Schmidt über die Zukunft der Atomkraft…“. Schmidt ließ  sich mit der Frage konfrontieren, ob er nach den Ereignissen in Japan seinen Standpunkt in Frage stellen würde, sich damals in seiner Zeit als Bundeskanzler für die Atomenergie stark gemacht zu haben.  

Schmidt antwortet: „Ich habe mich nicht sonderlich für die Atomkraft ausgesprochen, sondern ich habe als Kanzler die Politik meiner Amtsvorgänger unverändert fortgesetzt und sie weder beschleunigt noch verlangsamt. Ich habe zum Beispiel die vorgefundenen Bauabsichten fortgesetzt. (…) Nein, ich bin nicht für die Nuklearkraft eingetreten. Das haben mir die Gegner der atomaren Kraftwerke angedichtet.“ Weiter fragt die ZEIT: „Führt die Katastrophe in Japan dazu, neu über die Atomkraft nachzudenken? Ist die Atomkraft am Ende ein Auslaufmodell?“ Schmidt: „Ich bin dagegen, die gegenwärtige Dreifach-Katastrophe in Japan für die innerdeutsche Pro- oder Anti-Kernkraft-Diskussion zu missbrauchen.“

Warum tut sich dieser Mann das an? Konnten wir wirklich nicht erwarten, dass der in weiten Teilen der Bevölkerung hoch geachtete und respektierte Staatsmann Helmut Schmidt Zweifel an seiner Atompolitik würde zulassen können? Wo bleibt die Altersweisheit, die Demut angesichts der unfassbaren Bilder aus Japan, sich zuzugestehen, ja, es war ein Fehler? Welche Größe hätte er durch diese wenigen Worte beweisen können? Welch ein erlösendes Zeichen hätte er für die ganze Welt setzen können? Wir hätten ihm seinen Platz in der Geschichte gelassen. Geh in Frieden, alter Mann, hätten wir sagen können. Schon einmal hat Helmut Schmidt diese Chance verpasst, der Welt ein Signal zu geben, aus diesem „Irrsinn“ auszusteigen, wie der Parteigenosse und Atomkraftgegner Erhard Eppler die sture Fixierung seines Kanzlers auf die Atomenergienutzung nannte. Dieser schien jedoch fest entschlossen, den Bau weiterer Atommeiler in der Bundesrepublik notfalls auch gegen den Willen der eigenen Partei durchzusetzen.

Unter Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) war Helmut Schmidt ab 1969 bis Mai 1974 Verteidigungs-, Finanz- und Wirtschaftsminister. In diese Zeit fiel der Baubeginn für zehn Atomkraftwerke in Deutschland einschließlich des Schnellen Brüters in Kalkar. Während seiner Zeit als Bundeskanzler ab Mai 1974 bis 1. Oktober 1982 beginnt der Bau von zehn weiteren Atomkraftwerken und die Erteilung der Baugenehmigung für den letzten AKW-Neubau Neckarwestheim II. Zu Recht wird Helmut Schmidt seinerzeit Atomkanzler genannt.

Mit Rücktrittsdrohungen hatte Helmut Schmidt die Widerständler in der damaligen Koalition von SPD und FDP auf ein Ja zur Kernenergie eingeschworen. Für Schmidt war die Atomenergie die nächsten 30 Jahre alternativlos, bis neue Energiequellen aus Sonne und Wind erforscht wären, auch um den Preis des inneren Friedens der Bundesrepublik, der im Konflikt zwischen Regierung und Umweltschützern massiv gefährdet wurde.

„Die Welt braucht Kernenergie“, und “die verantwortlichen Politiker dürfen sich dabei weder von Umweltidioten noch von Gerichten, die alles kaputtmachen, bremsen lassen”, tönte Schmidt Ende der 70er Jahre. Welch ein fatales Signal setzte der deutsche Atomkanzler auf den Gipfelkonferenzen der neun EG-Staats- und -Regierungschefs in Straßburg und den G7-Treffen der sieben größten westlichen Industriestaaten?

Mit dem durch ihn vertretenen Negativbeispiel Deutschland trug Schmidt damals bewusst nicht nur zum weltweit massiven Zubau von Atomkraftwerken, sondern indirekt auch zur weiteren Verbreitung von Atomwaffen bei.

Schmidt hätte die politischen Konsequenzen dieser Entwicklung sehen können und gewarnt sein müssen, denn der amerikanische Präsident Jimmy Carter war überzeugt, dass der atomare Weg in einen Teufelskreis führen werde. Carter ermächtigte damals die US-Energiebehörde Erda, geheime Aufzeichnungen über Bombentests auf dem amerikanischen Waffen-Testgelände in der Wüste von Nevada zu veröffentlichen, wo Kraftwerks-Plutonium zur Detonation gebracht wurde. Beim Einsatz des Bombenmaterials Plutonium, wie es die Atomenergiewirtschaft heute beispielsweise durch die Verwendung von Mischoxydbrennelementen (Mox) praktiziert, ist die zivile Nutzung langfristig gegen militärischen und terroristischen Mißbrauch nicht abzusichern. Carter wollte durch diese Enthüllungen beweisen, dass Plutonium, welches nahezu in jedem Atomkraftwerk durch den Normalbetrieb entsteht, sehr wohl zum Bau von Atombomben geeignet ist. Andererseits wollte er auch eine Diskussion über eine offensichtliche Schwachstelle der Atomwirtschaft beeinflussen: den Streit um die so genannte Entsorgung. „Wir haben uns zur Aufhebung der Geheimhaltung entschlossen“, kommentierte der Erda-Beauftragte Major General Erward Giller, „weil wir die internationale Gemeinschaft überzeugen müssen, dass wir wissen, worüber in Teufels Namen wir sprechen – Plutonium ist Plutonium.“

Plutonium gilt als das giftigste Element, dass der Mensch je erschaffen hat. Es kommt in der Natur so gut wie nicht vor. Man sagt, dass das Leben auf der Erde erst entstehen konnte, nachdem das Plutonium durch den natürlichen Zerfallsprozess von der Erde verschwunden war.

Illegales Atommüllendlager Asse II.

Aus dem Abschlussbericht des Helmholtz Zentrum München, PG Jülich zum Inventar in der Asse II ist zu entnehmen, dass tatsächlich das hochgiftige Plutonium in der Asse II eingelagert wurde, welches aus dem Atomforschungszentrum Karlsruhe stammt. In einem Bericht zum Januar 1980 wurde eine Plutoniummasse von 27,6 kg errechnet, die in der Asse II eingelagert sein müsste. Mit Bericht vom August 2002 wurde die Plutoniummasse korrigiert und nur noch mit 9,5 kg angegeben. Wenig später, auf Basis einer Unsicherheitsbetrachtung, wird von einer maximalen Plutoniummasse von 11,6 kg ausgegangen. Wie erklärt sich das Verschwinden  von 16 kg Plutonium? Wo sind sie geblieben?

Zum Vergleich: Die über Nagasaki abgeworfene Atombombe „Fat Man“ enthielt insgesamt 6,2 kg Plutonium, von der lediglich etwa 20 %, also knapp 1240 Gramm gespalten wurden. Offensichtlich ist es dem früheren Betreiber der Asse II, der Helmholtz Gesellschaft nicht möglich, korrekte Inventarlisten zu erstellen und nachzuweisen, was wirklich in der Asse II eingelagert wurde. Keiner da, der die Verantwortung trägt?

Nachweislich wurden zwischen dem 22. Oktober 1969 und dem 31. Dezember 1978, dem Datum der Schließung der Asse II, also während der Kanzlerschaft von Willy Brandt und Helmut Schmidt, über 90 Prozent des gesamten Inventars an Atommüll in der Asse II angeliefert. 50.000 Fässer Atommüll allein im letzten Jahr 1978. Warum wurde die Asse II 1978 geschlossen? War etwa der Vorfall im polnischen Steinsalzbergwerk Wapno der Grund? Am 5. August 1977 kam es dort zu einem unkontrollierten Wassereinbruch, der das stillgelegte Steinsalzbergwerk überflutete, das Salz auflöste und dadurch zum Einsturz brachte. In den bis 1978 andauernden Tagebrüchen versank der gesamte Ortskern. 1402 Menschen wurden obdachlos. Hätten die Forschungsminister dieser Zeit, Hans Matthöfer und Volker Hauff, nicht Alarm schlagen und hätte Helmut Schmidt, der Kanzler, nicht umgehend den Einlagerungsstop anordnen müssen?

Heute droht der Asse II das gleiche Schicksal wie Wapno. Obwohl bereits zu Beginn der Einlagerung nachweislich Wasser in das alte Bergwerk eingedrungen war, wurde eingelagert. Jetzt droht die Grube abzusaufen, was bedeuten würde, dass eine radioaktive Verseuchung des Grundwassers mit hochgiftigen Stoffen wie z.B. Plutonium eintreten kann.

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) will das Atommülllager Asse II räumen. 125.000 Fässer mit schwachradioaktivem Abfall und 14779 Behälter mit mittelradioaktiven Abfällen sollen in nur zehn Jahren an die Oberfläche geholt werden – ein Mammutprojekt mit Milliardenkosten.

Die Wissenschaftler um den Präsidenten des Bundesamtes für Strahlenschutz, Wolfram König, beschleicht die große Sorge, dass  es bei den 12.000 Liter Wasser, die pro Tag in den Schacht laufen, nicht bleiben wird. “Der unbeherrschbare Zutritt von Wasser wäre der Super-Gau für die Asse: Die Grube würde volllaufen. Dann wäre der schöne Plan vom Rausholen des Atommülls Geschichte. Kein Mensch könne sagen ob der Schacht morgen oder in ein paar Jahren absäuft. Aber warum soll man es denn nicht versuchen?“

Wenn das Wasser doch hereinbricht, will das Bundesamt es nicht kampflos hinnehmen. Große Wasserpumpen will es jetzt unter Tage bereit legen. Damit sollen auch wesentlich größere Flüssigkeitsmengen als bisher noch aus der Grube befördert werden können – die Arbeit an der Rückholung könnte mit etwas Glück weitergehen. Vermutet wird aber, dass genug Grundwasser im Deckgebirge der Asse ist, um die Grube relativ schnell volllaufen zu lassen.

Andere Salzbergwerke liefen binnen Wochenfrist voll. Große Wassermengen würden das Salzgestein der Asse auflösen wie Zucker im Kaffee, die Stabilität wäre dahin. „Dann könne man nur noch versuchen, zu retten, was man retten kann, also raus aus dem Schacht, und dann wird das Ding absaufen“, so ein Wissenschaftler.

Zehn Jahre sei die Grube noch standsicher, besagt das letzte Gutachten – genau so lange, wie das BfS für die Rückholung des Mülls veranschlagt. Doch das Wasser könnte jeden Tag kommen. Wenn das der Fall wäre, dann ist auch nicht auszuschließen, dass es zu einem Zusammenbruch der Grubenstruktur kommen könnte, bis hin an die Erdoberfläche.

Die Rückholung des Atommülls aus dem Salzbergwerk Asse II ist eine der schwierigsten Herausforderungen, vor der die Deutschen stehen. Wir haben als Gesellschaft die Pflicht gegenüber kommenden Generationen, dieses Megaproblem zu lösen. Es ist längst zu unserem nationalen Fukushima geworden. Kein Mensch erwartet, dass ein Altbundeskanzler allein die Verantwortung dafür übernimmt. Die überwältigende Mehrheit der Menschen in diesem Land bekennt sich mittlerweile zur Verantwortung für die Umwelt und dazu, einer dieser „Umweltidioten“ im Sinne Helmut Schmidts zu sein. Die Menschen haben erkannt, dass es um nichts Geringeres geht als um ihre Heimat. Es ist höchste Zeit, dem Albtraum Atomenergie ein schnelles Ende zu bereiten, um die Voraussetzung dafür zu schaffen, gemeinsam nach einer akzeptablen Lösung für die Endlagerung dieses Irrtums zu suchen. Vielleicht reiht sich dann auch irgendwann noch der letzte „Umweltidiot“ ein und bringt den Satz hervor: “Verzeiht, ja, es war ein Fehler.”

 


Bilder: Wapno, Polen 1977

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