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Welchen Effekt hat die nonduale Bewusstheit auf dein Leben? Kann ich diese Bewusstheit jeden Augenblick in deinen Worten und Taten sehen? Ist es mit der nondualen Bewusstheit im nächsten Konflikt vorbei oder bleibt sie, selbst wenn ein Konflikt auftaucht? Ein Dialog über gelebte Mystik zwischen den spirituellen Lehrern Andrew Cohen und Thomas Hübl.

 

Andrew Cohen: Wie arbeitest du mit Menschen?

Thomas Hübl: Auf zwei Arten. Die eine ist, den Menschen einen Geschmack der Leere, des Nullpunkts, der wildesten Leerheit zu ermöglichen. Die andere Art ist, dass ich mich mit der höchsten Stufe des Lichtes verbinde und es bewusst herunter in den Körper und ins Bewusstsein meines Gegenübers bringe, so dass dieses Licht in die manifeste Realität, in jedes Atom, jedes Molekül kommt. Im Moment finde ich es besonders aufregend zu sehen, wie wir uns miteinander auf eine Weise verbinden können, bei der wir nicht einzelne Menschen, sondern die Welten treffen, in denen Menschen sich selbst wahrnehmen. Wir sehen uns ja sehr unterschiedlich, du siehst mich nicht so, wie ich mich selbst am Morgen im Spiegel sehe. Ich denke, es wäre Teil einer neuen kollektiven Intelligenz, sich dieser Unterschiedlichkeit bewusst zu werden, um sich jenseits davon zu verbinden. Ein anderer Teil meiner Arbeit besteht darin, dass ich mir bei Menschen ansehe, welche Teile bei ihnen nicht integriert sind, was dazu führt, dass ihr eigenes Potenzial, ihre Teilnahme am Leben, blockiert ist. Es ist das, was oft Schattenarbeit heißt, aber es geht weit über die übliche Schattenarbeit hinaus.

AC: Du arbeitest also mit beidem: der höheren spirituellen Dimension und den psychologischen Schwierigkeiten des Individuums. Es gibt ja verschiedene Wege, sich diesen zwei Dimensionen zu nähern. Einige, zum Beispiel die Buddhisten, meinen, dass die Antwort auf alle existenziellen Fragen, auch auf die psychologischen Blockaden, allein durch die Entdeckung des Bewusstseins selbst gefunden wird. Ein anderer Zugang, der auch in den deutschsprachigen Ländern sehr populär ist, erkennt diese spirituelle Dimension zwar an, fokussiert sich aber viel mehr auf die psychologischen Knoten. Die Vertreter dieser Richtung sprechen durchaus über die absolute Dimension des Lebens, aber wenn man beobachtet, was sie wirklich tun, sieht man, dass sie mehr Zeit mit den Problemen verbringen als damit, sie wirklich zu transzendieren.

TH: Absolut. Ich stimme dir zu. Man kann ja die ganze Zeit darin feststecken, Probleme zu lösen.

AC: Und das andere Extrem sind Menschen, die sehr reale Erfahrungen des absoluten Bewusstseins hatten, aber keine Kenntnis der Wirklichkeit der psychologischen Strukturen besitzen. Sie tun so, als ob diese Strukturen nicht existierten – was vom Standpunkt des absoluten Bewusstseins aus auch wahr ist –, aber sie handeln fortwährend aus ihnen heraus. Ich selber würde die psychologische Perspektive zwar nie leugnen, doch gleichzeitig ist für mich die Bewusstseinsdimension immer unendlich viel realer.

TH: Richtig, ich glaube, das ist auch die Antwort zum ganzen Thema Therapie. In dem Moment, wo du dir dieser letzten absoluten Realität bewusst wirst, werden die psychologischen Wellen und Kräuselungen im Bewusstsein an dieses Absolute zurückgeführt. Wenn man – wann immer man in Beziehung zu psychologischen Themen von jemand anderem kommt – in dieser Präsenz bleibt, dann bringt man ihn auf eine selbstverständliche Art zurück ins Absolute. Ich denke, das ist die grundlegende Antwort darauf, wie man nicht darin stecken bleibt.

AC: Nun, ich würde sagen, das funktioniert an einem guten Tag. Dann wird die Reflexion des Absoluten die letztendliche Heilung sein, aber auch das Gegenteil kann passieren. Der Quantensprung, der gemacht werden muss, kann den Betreffenden erschrecken und dazu führen, noch mehr in das Ego zu gehen. Darum sage ich, dass die Präsenz der absoluten Dimension das „an einem guten Tag“ bewirken kann, aber es funktioniert bei weitem nicht immer.

TH: So ist es, es gibt definitiv Menschen, die tiefe Erfahrungen haben und auf anderen Stufen des Bewusstseins einfach immer noch feststecken. Darum glaube ich auch, dass die integrale Vision so hilfreich ist, damit ein Erwachen auf allen Stufen der Erfahrung möglich wird.

AC: Ja, das Integrale hat die größte Perspektive, weil diese Perspektive transzendiert und gleichzeitig das, was sie  transzendiert, auch einschließt. Und sie spricht von einer Wertehierarchie. Nur, manchmal lernt man auch Menschen kennen, die sich sehr mit der integralen Theorie auskennen, die zwar davon sprechen, wie wichtig die spirituelle Dimension ist, bei denen das aber sehr philosophisch bleibt. Sie ist dann Teil eines theoretischen Modells. Wenn aber etwas wirklich für dich wahr ist, dann bedeutet das, dass es auch deine Beziehung zum Leben bestimmt, die Art, wie du lebst. Meiner Ansicht nach kommt es letztlich immer darauf an, wie wir unser Leben leben. Unsere postmoderne spirituelle Kultur ist ja in dieser Frage sehr von Osho Rajneesh und bestimmten Formen des Neo-Advaita beeinflusst. Das hat uns echte Probleme gebracht, obwohl ich nicht leugne, dass im Advaita auch eine explosive Wahrheit liegt.

Wie du weißt, habe ich ein Buch mit dem Titel My Master Is Myself geschrieben, in dem ich beschrieb, wie ich 1986 H.W.L. Poonja getroffen habe. H. W. L. Poonja war damals noch ziemlich unbekannt. Durch die Veröffentlichung des Buches erfuhren viele von ihm, und er wurde langsam ein sehr bekannter Lehrer. Er war ein echter Advaita-Meister. Viele Menschen hatten in seiner Gegenwart starke Erfahrungen des Erwachens zum Nondualen. Im Laufe der Zeit war er dann größtenteils von ehemaligen Osho-Schülern umgeben. Bei Osho hatten sie diese tiefen Erfahrungen des Loslassens. Aber dann erfuhren sie durch Poonja diese nonduale Perspektive, und das setzte die ganze Satsang-Revolution in Gang. Die war in Deutschland ja wirklich groß. Viele Menschen gaben Satsang, und im Wesentlichen war die Botschaft, dass Bewusstsein die einzige Realität ist und dass sonst nichts wirklich ist.

Als ich zu lehren begann, hatten die Leute die gleiche Art von Erfahrung, die sie mit Poonja hatten, aber mir fiel auch immer mehr auf, dass viele von ihnen sich nicht wirklich änderten. Ich sah, dass das Ego nicht überwunden wird, nur weil die Menschen tiefe Erfahrungen von Nondualität haben. In meinen Augen schuf die Kombination von Osho und Advaita daher viel Verwirrung. Auf der einen Seite war Osho ein großer Revolutionär, speziell in seiner eigenen Kultur. Aber als meine Generation zu ihm kam und von dieser Rebellion mitgerissen wurde, waren die Resultate, das glaube ich persönlich, letztlich eher destruktiv. Die meisten Menschen, die ich getroffen habe, die durch dieses System gingen, schwächten sich tatsächlich. Ihre Selbststruktur wurde geschwächt. Sie haben eine Sanftheit, die manche Menschen als spirituell interpretieren, aber tatsächlich ist es eine Art Schwäche. Und als das mit Advaita zusammenkam, ging einiges schief. Gleichzeitig steckt aber auch etwas Wahres ­darin. Ich denke, es braucht jetzt eine offene Diskussion darüber, was während der letzten 30 Jahre passiert ist, wo wir heute sind und wo wir hingehen müssen.

TH: Da kann ich dir nur zustimmen. Wenn ich mit Menschen arbeite, empfinde ich es manchmal so, dass sie mit ihrer eigenen Struktur in einer inneren Verwirrung stecken. Sie haben viele Fragen, wissen nicht, wie sie ihr Leben leben sollen, wie sie sich um ihre Existenzgrundlage kümmern sollen, aber sie hängen in jedem Satsang herum. Das kann nicht die Wahrheit sein.

Das Zweite ist, dass ich die spirituelle Verwirklichung einiger Lehrer der Satsang-Szene bezweifle. Ich habe das Gefühl, dass eine große Gefahr besteht, die Advaita-Philosophie wie ein Konzept zu verwenden und auf den spirituellen Marktplatz zu gehen und dieses Konzept anzupreisen. Wenn man diese kraftvolle Übertragung nicht hat, dann ist die Gefahr groß, dass Menschen in ihrer Entwicklung stagnieren. Manche Menschen bleiben sehr lange in ihrer Entwicklung stecken, und sie verteidigen sogar dieses Steckenbleiben. Sie sagen dir sogar, dass die Welt um uns nicht real ist, und das glaube ich nicht. Es gibt eine Evolution des Lebens, auch wenn manche sagen, dass es keine gibt. Natürlich ist da auch etwas, das sich nie entwickelt. Beides passiert gleichzeitig. Ich finde, die gewöhnliche Satsang-Szene schüttet sozusagen das Kind mit dem Bade aus. Sie verneint oft den authentischen, kreativen Lebensimpuls. Du kannst nicht nur eine Seite der Medaille haben. Es braucht beide Seiten. Es gibt diesen Werdensprozess und wir haben daran teil, und gleichzeitig sind wir zu diesem Werden erwacht, das durch uns, mit uns und als wir selbst geschieht.

Und es ist einfach wichtig, dass diese Wachheit jeden Moment und an jedem Ort deines Lebens präsent ist. Das ist eine sehr starke Verpflichtung.
Es geht auch darum, die sehr unbequemen Phasen des Erwachens zu durchschreiten und sich nicht einfach auf diesem Entspannungskissen auszuruhen, dass alles nur gut und schön ist. Manchmal ist es nicht prima und fühlt sich ziemlich unbequem an. Wenn jemand auf Heroin ist, dann ist es manchmal sehr schmerzhaft, das Heroin wieder loszuwerden, und genauso ist es mit der Ego-Struktur. Sind die Menschen bereit, den ganzen Weg zu gehen und nicht nur in Satsangs zu sitzen und sich zu entspannen? 


Abb: © Argus – Fotolia.com

Thomas Hübl

Andrew Cohen

Tom Steininger


Dieser Dialog ist die gekürzte Version ­eines Artikels in der Ausgabe 30 des Magazins EnlightenNext.

www.enlightennext.de/impulse


Veranstaltungstipp:

Mystik heute – ein Abend mit Tom Steininger und Thomas Hübl

Authentische Mystik lebt immer aus einer zeitlosen Tiefe, und doch verkörpert sie im selben Augenblick auch den schöpferischen Geist ihrer jeweiligen Zeit. Thomas Hübl und Tom Steininger, langjähriger Schüler von Andrew Cohen und Leiter des EnlightenNext Zentrums in Frankfurt, sprechen darüber, was Mystik heute ­bedeuten kann.

Mi, 16. November, 19.30 Uhr
Ort: Evangelische Schule Berlin Zentrum, Gebäudeteil B
Wallstraße 32, Berlin-Mitte
Kosten: 20 €
(Anmeldung nicht erforderlich)
Informationen: info@thomashuebl.com

Eine Antwort

  1. Maya

    Sehr toller Artikel. „Gefällt mir.“

    Ich möchte aber auch sagen, dass es eben auch andere buddhistische Positionen gibt und nicht nur die klassische Theravada-Haltung, die alleinig ins Nirvana abzwitschern möchte und Samsara hinter sich lassen!

    Viele moderne buddhistische Lehrer weisen verstärkt auf die Notwendigkeit einer ganzheitlichen Position hin. Wenn dann so pauschal von „dem Buddhismus“ gesprochen wird, dann erweckt dies leider ein sehr oberflächliches Bild der buddhistischen Landschaft.

    Und gerade die integralen und evolutionären Lehrer sollten doch diese Komplexität im Auge behalten. Finde ich.

    Ansonsten – i love you Andrew Cohen und Thomas Hübl!

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