Anzeige

Immer wieder taucht in mir die Frage auf: Wut ausdrücken und einen Konflikt riskieren oder Mund halten und den Ärger herunterschlucken?

Doch es gibt noch ein „Dazwischen“, weil sich jeder innere Konflikt auch auf der Körperebene als Spannung ausdrückt. Diese Spannung gilt es einfach wahrzunehmen und fühlend dabeizubleiben – bis sie sich auflöst. Denn: Einfach nur fühlen transformiert. So klar ersichtlich und doch so leicht zu übersehen.

Ein Beispiel: Letztens kam ich nach Hause und eine Nachbarin hatte vor dem Haus für ihr Auto zwei Parkplätze beansprucht, so dass ich etwas weiter weg parken und zurücklaufen musste. Abends schaute ich noch vom Balkon auf die platzgreifend geparkte Karre (grrr!) und fing an, vor mich hin zu grummeln. Ich griff zum Telefon, um der Nachbarin mal meinen Ärger mitzuteilen und ihr zu sagen, wie asozial sie parkt. Doch gleich kam der Gegengedanke: Ist das nötig, was soll das bringen außer Stress und Streit?

Geistiger Spagat also zwischen zwei Handlungsoptionen. Anstatt sie in mir hin- und herzubewegen, um über den Verstand zu einer Lösung zu kommen, zeigte ich der Gedankenmaschinerie erstmal ein inneres Stoppschild und fragte mich: Wie fühlt sich das im Körper an? Nach mehreren Minuten Durchfühlen der Spannung werden auch meine Gedanken sanfter. Und ich spüre den Impuls: Jetzt ruf an.

Ich teile meiner Nachbarin mit ein paar lockeren Worten mit, dass ich ihre Art des Parkens nicht gerade supersozial finde – und weil sie sich nicht angegriffen fühlt, entschuldigt sie sich und meint nach einer kleinen Pause: „Weißt du, ich war so was von Scheiße drauf und wollte mich einfach mal so richtig breit machen.“ Und locker wie ich war, konnte ich antworten: „Super, wenn das so ist – absolut in Ordnung. Dann hast du’s einfach gebraucht.“

So entspannt konnte ich aber nur sein, weil ich vorher meine eigene Spannung durchfühlt und aufgelöst hatte. Ich bin mir allerdings auch bewusst, dass mein Umgang mit einer Konfliktsituation damit zusammenhängt, wie stark etwas meine Knöpfe drückt. Denn ich weiß: Unter der dünnen Oberfläche meiner zivilisatorischen Konditionierung wartet die animalische Natur nur darauf, das Kriegsbeil auszugraben …

Jörg Engelsing

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*