Dass menschliche Kreativität ein Ausdruck unserer Verbindung zum Göttlichen ist, zeigt für mich besonders das Beispiel klassische Musik. Deren Komponisten waren meiner Meinung nach ganz spezielle Kanäle für die göttliche Energie. Mozart sagte einmal sinngemäß: „Ich habe nie komponiert. Ich habe nur aufgeschrieben, was sowieso schon da ist.“

Ich glaube zudem, dass die Komponisten klassischer Musik selbst gar nicht alle Ebenen wahrgenommen haben, die sich in ihren Werken ausdrücken. Zu diesem Schluss bin ich gekommen, als ich vor einiger Zeit Klassik mit einem High-End-Kopfhörer hörte, der die Musik sagenhaft brillant abbildet. Trotzdem war ich etwas enttäuscht, weil der so oft gerühmte Raumklang, den die Hersteller dieser technischen Wunderwerke zu erzeugen versuchen, sich einfach nicht einstellte. Doch plötzlich verstand ich wieso. Irgendwie konnte ich mich für kurze Momente der Musik tiefer hingeben. Und auf einmal fühlte ich die Musik mit meinem ganzen Körper – und der ersehnte 3-DRaum entstand.

Das fehlende Element war kein technisches, sondern die empfundene Flachheit der Musik lag an mir selbst, am Hörer, an meiner beschränkten Offenheit. An einem der nächsten Tage zeigte sich sogar noch eine weitere Ebene, für die diese spezielle Fühl-Wahrnehmung Bedingung ist: Ich hörte wieder klassische Musik, und auf einmal erzählte die Musik eine Geschichte – meine Geschichte, fühlbar über den Körper. Ich konnte erkennen, dass in dieser Art Musik auf eine ganz besondere Weise Heilimpulse codiert sind, die aktiviert werden, wenn wir fähig sind, die Musik zu fühlen.

Wir gehen zu einem speziellen Musikstück wie zu einem homöopathischen Mittel in Resonanz. Immer wenn wir die Musik so in uns aufnehmen, fangen blockierte Bereiche in uns zu schwingen an – so lange, bis sie durchfühlt sind und die darin enthaltene Energie abgeflossen ist. Diese Möglichkeit existiert in jeder Art von Musik. Allerdings scheint sie – vielleicht durch die Komplexität und Harmonik – in klassischer Musik ihre Wirkung auf besondere Weise zu entfalten. Manche Menschen, wie der Saxophonist Jan Garbarek, können sogar die hinter allen Tönen liegende Stille wahrnehmen. Wieder andere lösen sich in der Musik auf, so dass da nur noch die Musik ist und kein Hörer – die wohl umfassendste und tiefste Art, ein Kunstwerk wahrzunehmen.

Jörg Engelsing

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