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Im Zuge der Suche nach neuen, nachhaltigen Stromquellen wird immer deutlicher, dass wir riesige Mengen an Energie buchstäblich wegwerfen. Nachdem Forscher erst kürzlich berechneten, dass etwa 50 % der vom Menschen erzeugten Energie ungenutzt als Wärme verpufft (eine Menge die Größer ist, als die erzeugte Energie aller Windräder zusammengenommen), wird auch seit Jahren nach einem Weg geforscht, wie wir an die riesigen Mengen Energie gelangen können, die in „Rohstoffen“ gespeichert ist, die viele gar nicht als solche begreifen: Müll und – Pardon – Scheiße.

Die Idee ist nicht unbedingt neu, verschiedene Verfahren, wie etwa Müllverbrennung, die Gewinnung von Deponiegas in Mülldeponien und die Nutzung von Biogas aus Gülle werden eigentlich schon seit Jahren angewandt – nun scheinen diese Technologien aber kurz davor zu stehen, wirklich breite Anwendung zu finden.

 

Die neue Generation der Müllverbrennung

Das Problem mit der Verbrennung von Müll war bisher vor allem die Entstehung giftiger Abgase, die das ganze Verfahren zu einer fragwürdigen Angelegenheit gemacht haben. Neue Techniken eliminieren nicht nur diesen Faktor, sondern erhöhen auch den Wirkungsgrad um ein Vielfaches, so dass Müllverbrennung in Zukunft eine ernstzunehmende Energiequelle darstellen könnte.

Die US-Firma S4 Energy Solutions beispielsweise setzt auf „Plasma-Gasifikation“. Bei diesem Prozess wird der Müll unter Zuhilfenahme eines elektrisch leitenden Gases (Plasma) auf extreme Temperaturen erhitzt. Dadurch ändert sich die Molekülstruktur der Ausgangsstoffe und der ursprüngliche Müll kann durch weitere Schritte in ein sehr sauberes Synthetisches Gas (Syngas) umgewandelt werden. Dieses wandelt man entweder direkt in Energie, in Treibstoffe wie Ethanol und Diesel, oder in Industriestoffe wie Wasserstoff und Methanol. Nach Angaben von S4 ist der Prozess hocheffizient und beinahe frei von schädlichen Abgasen. Der Clou: Die Anlage kann auch hochgradig giftigen Sondermüll und sogar leicht radioaktive Materialien fast rückstandsfrei verarbeiten. Damit ist der Prozess vor allem für Abfälle aus der Automobil- und Pharma-Industrie interessant, die nicht auf normalen Mülldeponien abgelagert werden können.

„Wir sehen Müll als eine Ressource, die erst wiederentdeckt werden muss“, meint Joe Vaillancourt, Manager des Teilhabers Waste Management. S4 wird nun die erste Großanlage bauen, um die Wirtschaftlichkeit des Verfahrens zu testen und die Anwendungsmöglichkeiten zu erweitern.

 

Produktionskreisläufe schließen

Gerade für Firmen bietet sich die Verarbeitung von Müll in Energie in vielen Fällen an – vor allem, wenn viel organischer Müll, wie etwa Pflanzenreste anfällt. Ob Zwiebel-Fabriken oder Brauereien: Organische Abfälle gibt es in der Lebensmittelindustrie fast überall. Erst langsam beginnen einzelne Firmen, ihren Produktionskreislauf zu schließen und den eigenen Abfall direkt wieder in Energie zu verwandeln – ein Schritt, der sich auch finanziell lohnt. Und je mehr Firmen zu einer solchen Praxis übergehen, desto billiger wird auch die benötigte Technik werden, so dass es gut sein könnte, dass wir auf diesem Gebiet in Zukunft einen regelrechten Boom erleben.

 

Energie aus der Kloschüssel

Riesige Energiemengen stecken auch in den „Verdauungs-Abfällen“, die wir täglich tonnenweise produzieren. Schon seit Jahren erzeugen einzelne Kläranlagen weltweit Biomethan aus diesem quasi „nachwachsenden“ Rohstoff – 24-Stunden am Tag. In den meisten Fällen wird dieses Biomethan per Verbrennung in Energie umgewandelt, einzelne Projekte liefern das aufgearbeitete Gas aber auch direkt an die Haushalte aus, die damit kochen und Heizen können – nach Meinung einiger Fachleute eine sehr viel effizientere Nutzung des Gases.

In Manchester entsteht gerade eine Biomethananlage, die zunächst 500 Haushalte im Versuch mit Gas beliefern soll. Ein Pilotprojekt – allein das Klärwerk in Manchester könnte jedoch schon bald über 5000 Haushalte versorgen und damit einen ordentlichen Beitrag zur Energieversorgung der Stadt liefern. Das nationale Potenzial Englands liegt nach den Berechnungen der Betreiber bei eingen hunderttausend Haushalten.

In der deutschen Gemeinde Lünen soll ebenfalls eine Biogas-Anlage gebaut werden – hier wird allerdings vor allem Vieh-Mist verarbeitet. Wenn alles gutgeht, kann die Anlage schon nächstes Jahr in Betrieb gehen und wird dann etwa 10 % des gesamten Energiebedarfs der Stadt decken können .

 

Ein Baustein

Auch wenn das Potenzial beider Verfahren verhältnismäßig niedrig ist, sind sie doch ein Baustein in der Neuorganisation der Energieversorgung. Vor allem sind sie ermutigende Zeichen eines grundsätzlichen Umdenkens und einer Abkehr von der enormen Verschwendung, die der Mensch momentan an den Tag legt.

Cradle To CradleDas Schließen von Kreisläufen muss aber dringend auch schon in der Produktion bedacht werden, wie es zum Beispiel im „Cradle-to-Cradle“-Konzept realisiert ist. Vorbild ist die Natur, in der es keine Probleme mit „Abfall“ gibt – dort ist „Abfall“ vielmehr gleichbedeutend ist mit „Nahrung“ – alles ist ein Kreislauf. Erst wenn der Mensch dieses grundlegende Prinzip wirklich versteht und anwendet, befinden wir uns tatsächlich auf dem Weg zu einer nachhaltigen Gesellschaft.

 

Bilder

Müllberg: Fruggo / Wikimedia
Plasma-Gasifikation: S4 Energy Solutions
Klo: Rama / Wikimedia

 

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