Leben ist Beziehung, denn wir stehen ständig und überall in Beziehung: mit Menschen, Tieren, Gegenständen, dem Leben an sich und unseren eigenen – bewussten und unbewussten – Gedanken und Gefühlen. Ein Plädoyer von Ellen Kosma SiebenSonne für einen freundlichen Umgang mit allem – auch wenn das manchmal nicht so einfach ist.

Was all unsere Schritte im Leben gemeinsam haben, ist die Notwendigkeit, in Beziehung zu treten. Mit allem, was uns umgibt. Menschen, Situationen, Umfeld. Vor allem aber mit unserem Selbst und unserer inneren Vielfalt. Diese Fähigkeit ist nicht jeden Tag gleich ausgeprägt. Heute gelingt es mir vielleicht sehr gut, mich auf meinen Partner einzulassen, mein Innerstes zu fühlen, in Frieden mit meinen Gedanken und Emotionen zu sein – und morgen liegt etwas in mir total quer. Nichts will gelingen. Ich kann mich nicht öffnen, mich nicht hingeben und nichts annehmen. Der von uns ausgeprägte Charakter, unsere Empathiefähigkeit, unsere verdeckten Trigger (Auslösepunkte für ein bestimmtes Verhalten und Fühlen) und die äußere Situation spielen dabei eine Rolle – wie folgende Geschichte zeigt.

Exkurs Autofahren

In Hamburg ist Marathon. Viele Straßen sind gesperrt. Meinen Weg von einem Seminar nach Hause in die Nähe von Potsdam habe ich klugerweise so geplant, dass ich mit meinem Auto östlich außen herum fahre. Entspannt, gut gelaunt, optimal mit Essen, Trinken und einer Hörbuch-CD versorgt starte ich um 10:20 Uhr gen Osten. Mein Navi im Handy schweigt. Das ist erstmal nicht so schlimm, denn den Anfang des Weges glaube ich selbst zu schaffen. Als das Navi auch an der dritten prekären Kreuzung noch nichts sagt, wage ich, an einer roten Ampel die Einstellungen zu kontrollieren und sehe, dass die Internetverbindung nicht an ist. Knopfdruck, Internet läuft, das Navi orientiert sich neu und fünf Minuten später stehe ich vor einer Straßensperre. Nee, oder? Ich drehe um, das Navi rechnet neu. Zweimal links, einmal rechts abbiegen: wieder Straßensperre. Grübel.

An einer günstigen Stelle fahre ich rechts ran, zoome aus der Straßenkarte raus und bin erschüttert. Ich stecke mitten in dem Gebiet, das ich vermeiden wollte. Wenden kann ich nicht, weil die andere Fahrtrichtung abgesperrt ist. Hmmm, aber einen weiten Bogen über Nord nach Ost zu fahren, das müsste gehen. Ich gebe als neues Ziel eine nordöstliche Autobahnauffahrt an. Da mein Navi zwar über Staus bestens informiert ist, aber leider die Straßensperrungen nicht abrufbar sind (Hallo, Hamburg?!), lande ich fünf weitere Male in gesperrten Straßen. Ohne vorherige Beschilderung (Doppelhallo Hamburg!?) stehe ich nach einem Kilometer vor einer rotweißen Barke und einem Polizeifahrzeug.

Mein neuer Plan: Ich zoome das Navi nochmal auf, überlege mir, wie weit ich nord-östlich fahren muss, um wirklich nicht mehr die Strecke der Marathonläufer zu queren, und gebe als neues Ziel jetzt nur noch einen Punkt in fünf Kilometer Entfernung an, damit bei der Berechnung der schnellsten Route keine großen Hauptstraßen angesteuert werden. Das funktioniert! Ich bin anderthalb Stunden, nachdem ich losgefahren bin, aus Hamburg raus und habe fünf Kilometer später die Autobahn erreicht. Dort merke ich, wie die Anspannung von mir abfällt, weil ich jetzt WIRKLICH auf dem Heimweg bin. Wir haben abends Konzertkarten. Das Event sollte um 20 Uhr anfangen, aber mein Liebster hat eine E-Mail bekommen, dass es schon um 18 Uhr losgeht. Doch da ich jetzt ja endlich auf der Autobahn bin, müssten wir es eigentlich ohne Stress von zu Hause nach Berlin schaffen.

Stressssss!

Ich lege die CD ein und stelle fest, dass mein Autoradio so alt ist, dass es keine MP3-Formate erkennen kann. Na gut. Dann singe ich selber. Auf Kommando fällt mir natürlich nichts ein. Dann genieße ich eben die Landschaft. Ohne es zu beabsichtigt zu haben, trete ich das Gaspedal meines kleinen alten Autos bis aufs Bodenblech durch. Wusste gar nicht, dass es so leise ist bei 165 Stundenkilometern. Immer wieder gehe ich etwas vom Gas und immer wieder fahre ich dann doch so schnell. Scheinbar bin ich von meinem holperigen Start vorhin doch noch etwas angespannt. Also mache ich ein paar Atemübungen. Mit der Zeit werde ich tatsächlich ruhiger. Vor allem, wenn der Verkehr etwas dichter wird, spüre ich, dass ich wieder bei mir sein und mich dem Umfeld mit meiner Geschwindigkeit anpassen kann. Zwei Baustellen und ein Unfall mit Stau. Noch eine Stunde Verzug. Immerhin: Mein Proviant reicht locker aus.

Die Pause verschiebe ich, bis der Tank leer ist, und knabbere derweil etwas Obst und ein Brot. Beim Tanken nur ein Kaffee, und weiter geht’s. Ich bin total bei mir und entspannt. Als ich um 15:45 Uhr meine heimatliche Autobahnabfahrt verlasse und die Unmengen an Autos, Radfahrern und Fußgängern erblicke, fällt mir plötzlich wieder ein, dass in Werder Baumblütenfest ist. Das bedeutet eine Woche lang alkoholisierter Ausnahmezustand auf allen Straßen für uns Anwohner. Och, Nööööööö!

Um das größte Gewimmel zu umfahren, nehme ich einen kleinen unbekannten Weg durch das Obstland. Ganz langsam schleiche ich auf dem schmalen Asphaltstreifen an den Fußgängern und Radfahrern vorbei. Ich nicke freundlich, mache Platz und lasse mir Platz machen. Ich fühle mich sogar ein bisschen entschleunigt. Noch drei Kilometer bis zu Hause. Alles wird gut. Anderthalb Kilometer vor meiner endgültigen, lang ersehnten Ankunft, fährt vor mir eine Gruppe Radfahrer. Acht Leute. Einer dreht sich um, alle sortieren sich leicht nach rechts. Nur ganz vorne der Mann nicht. Er dreht sich ebenfalls um und radelt dann ganz gezielt auf die Mitte der schmalen Fahrbahn. Ich spüre, wie sich etwas in mir zusammenzieht – zwischen Bauch und Hals. Plötzlich ist alles nur noch unfair und zu viel. Ich darf hier langfahren. Warum tut der sowas? Als ich die hinteren Radler schon überholt habe, macht der vordere Mann eine herrische Geste mit dem Arm, als wolle er etwas von der Straße wischen.

Voller Adrenalin lasse ich auf der Beifahrerseite das Fenster runter. Als ich neben ihm bin, rufe ich wütend zu ihm raus „ICH WOHNE HIER, DU KNALLER!“ Er schreit genauso wütend zu mir rein: „MACH GEFÄLLIGST PLATZ!“ Grandios! Sagen Sie bitte niemandem, dass ich mich spirituelle Lehrerin und Heilerin nenne… Als ich nach Hause komme, zittere ich noch ein bisschen vom Adrenalin. Mein Liebster nimmt mich in den Arm, hält mich ein Stück von sich weg, schaut überrascht: „War es so schlimm?“ Aufgeregt erzähle ich von dem Radfahrer, den ich angebrüllt habe, und er lacht aus voller Kehle los: „Da wäre ich gern dabei gewesen!“ „Wieso? „Na, dass dir sowas über die Lippen kommt, hätte ich einfach nicht gedacht.“ „Es ist mir inzwischen ganz peinlich. Wir haben beide total aus unserer inneren Überzeugung, dass der andere es böse meint, herumgeschrien. Das ist so sinnlos. Ich schäme mich ein bisschen!“ „Geh erstmal duschen, meine Puma-Dame!

Und wenn du dich beruhigt hast, sieht die Welt schon anders aus.“ So nach und nach wurde mir klar, was ich den ganzen Tag empfunden hatte: „Ich werde davon abgehalten, nach Hause zu kommen.“ Mein mühsam immer wieder reparierter innerer Fokus „Heimfahren“ war in den fünf Stunden Autofahrt so angeknackst, dass das immer brüchiger werdende Gefüge meines „Normalzustandes“ einfach zerrieselt war, als sich der Gipfel der Hindernisse vor mir aufbaute. Bisher war alles Zufall oder ungünstiger Zeitpunkt oder einfach Autofahrerpech.

Aber der Mann stellte sich mir ja ganz bewusst in den Weg. Absichtlich. Da machte es innerlich einfach Plopp: Feindbild ausgemacht? Jawoll! „Sau rauslassen“ aktivieren? Sofort! Ich war nicht mehr in Beziehung zur objektiven Außenwelt. Aber ich war sehr gut in Beziehung zu meiner Wut. Passiert ja auch nicht alle Tage, dass man mal ungebremst den Wachhund von der Leine lässt. Mir jedenfalls nicht. Mein Liebster wiederum war gut in Beziehung zu mir. Er hätte auch den ganzen Tag um unseren Konzertbesuch bangen können und mich mit den Worten empfangen „Wo bleibst du denn nur? Wir kommen noch zu spät wegen dir?!“ Dann wäre sicher noch eine weitere Runde Wachhund-ohne-Leine dran gewesen.

Verbindung abgebrochen

Genauso geht es uns mit unseren inneren Eigenschaften, alltäglichen und besonderen Erlebnissen immer wieder. Wir fallen aus dem Gefühl der Verbundenheit mit unserer Umwelt oder separieren ein Themengebiet bzw. uns selbst von anderen. Verurteilen müssen wir uns deswegen nicht. Es ist menschlich, uns so zu verhalten. Es ist menschlich, den Fokus und die Anbindung zu verlieren. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass wir immer wieder anstreben, bei uns zu sein. Verbunden zu sein. Offen zu sein. Denn unsere Absichten und Motive sagen mehr über uns aus als das Gelingen unserer Vorhaben. Niemand verurteilt einen Stabhochspringer, wenn er die Stange runterreißt. Eher fiebern wir mit, ob er es diesmal schafft!

So mitfühlend und unterstützend sollten wir auch mit uns selbst umgehen. Und mit anderen. Wir alle versuchen immer den höchsten Sprung, den wir uns zutrauen. Und wenn wir mal ausrasten, liegt einfach gerade die Latte höher als unsere Fähigkeit, sie zu überqueren. Das Leben will uns nichts Böses. Der Mann war vielleicht einfach verärgert und wollte seine Familie verteidigen, weil bereits zehn andere Autofahrer vor mir mit zu hoher Geschwindigkeit zu dicht an ihm vorbeigefahren sind. Wer weiß das schon…?

Neuer Versuch

Sechs Tage später nehme ich auf dem Rückweg vom Einkaufen wieder diese Strecke, um dem Verkehrschaos auf den Hauptwegen zu entgehen. Ich erinnere mich während der Fahrt an letztes Wochenende und frage mich, ob ich all meine Emotionen in diesem Zusammenhang aufgelöst habe. Ich habe gerade einen langen Seminartag gegeben, war im überfüllten Supermarkt einkaufen, habe mit den Resten einer fiebrigen Erkältung zu tun und will einfach nur nach Hause. Langsam lenke ich mein kleines Auto auf dem schmalen Asphaltband entlang. Die obligatorischen angetrunkenen Radfahrer kommen mir entgegen. Einer kann mir nur knapp ausweichen, obwohl ich extra stehen geblieben bin. Aber irgendwie regt es mich nicht auf. Hinter der nächsten kleinen Biegung versucht sogar einer von ihnen, mein Auto mit Schlägen zu traktieren. Nichts. In meinem Inneren tobt nix. Keine Verteidigung, keine Aggression. Null. Ich bin natürlich immer noch erschöpft von allem, was ich heute erlebt und geleistet habe. Dennoch ist mein Nervenkostüm stabil.

Kurz vor zu Hause – da, wo letztes Wochen ende die laute Begegnung passiert war – sind heute vier Radfahrer vor mir. Sie reagieren nicht auf mich. Vielleicht bin ich im Gegenwind und bei so langsamer Fahrt nicht zu hören. Der vorderste der Vier scheint jetzt doch etwas zu bemerken und dreht sich um. Erschrocken schlenkert er ein bisschen und spricht zu den anderen dreien. Alle fahren rechts ran, ich lenke mein Auto ganz dicht an die linke Kante und fahre im Schritttempo vorbei. War eigentlich ganz einfach.

Seminare:
Die Energieschlüssel der Göttin Hathor:
23. Juni, 1. September
Drachentag: 2. Juni
Heilreise deines Herzens: Madeira 2019

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