… sagt er zu ihr, und sie antwortet ihm: „ Ich liebe dich auch“. Sie lächeln sich an, berühren sich und fühlen sich einander nah. Doch was genau meint er, wenn er das sagt? Und meint sie das Gleiche? Was die beiden unter Liebe, Nähe und Distanz verstehen, wird bestimmen, wie glücklich ihre Beziehung wird. Was du darunter verstehst, bestimmt dein Glück.

von Amina Meineker und Clemens Mucharski

Tom und Lea sind ein Paar und haben sich schon oft gesagt: Ich liebe dich. Beide wünschen sich ein liebevolles Miteinander, gegenseitiges Verständnis und Nähe. Für Lea heißt Nähe, dass sie sich geborgen und sicher fühlt bei Tom. Für Thomas bedeutet Nähe auch Sex. Er möchte Lea ganz berühren und nicht nur kuscheln.

Lea mag Sex auch und am Anfang ihrer Beziehung haben die beiden oft und gerne miteinander geschlafen. Doch Lea fühlt sich seit einiger Zeit von Tom nicht mehr ganz gesehen und daher in der Beziehung zu ihm nicht mehr so geborgen. Sie kann es nicht wirklich zum Ausdruck bringen und fühlt sich unverstanden. Sie hat seltener Lust auf Sex. Thomas fühlt sich deswegen zurückgewiesen.

Unzufriedenheit

Oft fällt es beiden Partnern schwer, in Worte zu fassen, was in der Beziehung nicht stimmt. Dass etwas nicht stimmt, kann in den unterschiedlichsten Facetten erlebt werden. Es ist vielleicht nur ein vages Gefühl der Enttäuschung: „Das soll es jetzt gewesen sein?“, „Ist das alles im Leben?“. Uns fehlt etwas, das wir nicht beschreiben können, und dennoch ist es für unser Miteinander elementar. Wenn es nicht da ist, sind wir unzufrieden. Diese Unzufriedenheit drückt sich in unserer Beziehung aus, indem wir tatsächlich unzufrieden mit unserem Partner sind und das auch zeigen. Wir können es uns gegenseitig nicht mehr recht machen.

So beginnt ein Teufelskreis, in dem einer ständig über seine Grenzen geht, um es dem anderen endlich recht machen zu können, während es für den jeweils anderen nie ausreicht. Es könnte immer anders, mehr oder besser sein. Sex wird dabei ebenfalls instrumentalisiert. Auch hier wird die Enttäuschung über die mangelnde Nähe der Herzen in eine andere Sprache übersetzt. So will Tom die fehlende Nähe mit immer mehr Sex kompensieren und Lea zieht sich immer mehr zurück, weil sie spürt, dass in ihrem Sex etwas fehlt. Obwohl beide das Gefühl haben, völlig unterschiedliche Bedürfnisse zu haben, geht es eigentlich beiden gleich: Beide wollen dieNähe der Herzen er – leben. Beiden fehlt diese Nähe.

Liebe ist die Kraft des Herzens

Was bedeutet es nun, wenn Tom und Lea von ihrer Liebe zueinander sprechen? Sie sagen Ich liebe dich und wissen nicht, ob ihr Gegenüber etwas Ähnliches meint wie sie selbst. Liebe ist der Ausdruck des Herzens. Liebe ist eine Kraft, die wir wirklich zwischen unseren Herzen fließen spüren können. Ganz körperlich. Es ist ein Strom, der sich wie eine magnetische Kraft anfühlt. Ist es wirklich das Herz, das Tom und Lea spüren, wenn sie „ich liebe dich“ sagen, oder ist es der Kopf, der sich hier einmischt und ihnen vorspielt, dass sie „lieben“ würden?

Rein evolutionär betrachtet, versucht das Gehirn unser Überleben zu sichern. Daher will es uns auch vor Verletzungen schützen und es erscheint ihm sicherer, wenn wir mit anderen Menschen nur auf einer Ebene agieren, wo keine wirkliche Nähe stattfindet. Also fängt der Kopf an, uns zu erklären, wir würden „lieben“, und die Stimme des Herzens wird gar nicht mehr gehört. Der Kopf ist dabei so geschickt, dass wir oft gar nicht bemerken, dass wir diese Liebe nicht wirklich in unserem Herzen fühlen, aber dennoch sicher sind, dass wir verliebt sind. Menschen, deren Liebesbeziehungen im Kopf stattfinden, leben ein Leben in innerer Distanz zu ihrem Partner und sehnen sich gleichzeitig nach wahrer Nähe.

Das ist das Dilemma: Sie bauen die Sicherheitsmauern selber auf, die das verhindern, wonach sie sich am meisten sehnen. Für sie bedeutet Liebe, dass der andere am besten alles so macht, wie sie es gerne haben wollen. Der andere darf nur so nah kommen, wie es ihre Komfortzone noch erlaubt. Aber sich dem anderen zu zeigen, wie sie wirklich sind, mit allen Verletzungen und Schwächen – das findet nicht statt. In uns lebt der tiefe Wunsch, so gesehen und geliebt zu werden, wie wir sind.

Das bedeutet, mit all unseren Stärken und Schwächen, allen unseren Ecken und Kanten und Marotten, all unserer Größe. Wir können es vielleicht nicht benennen und doch sehnen wir uns danach, uns zeigen zu dürfen, unsere Verletzlichkeit mit dem anderen teilen zu können – in Liebe. Wir sehnen uns danach, uns ganz nackt zu zeigen und genau so, wie wir sind, geliebt zu werden. Das ist wahre Nähe. Wahre Liebe. Doch in jedem von uns gibt es auch die Angst davor, verletzt zu werden, wenn wir uns mit allem zeigen, was wir sind. Was, wenn wir unsere ganze Größe zeigen und der andere dann Angst vor uns bekommt und uns zurückweist oder angreift? Was, wenn wir uns trauen zu zeigen, wofür wir uns schämen oder wo wir sehr unsicher sind, und der andere mit dieser zarten, zerbrechlichen, vorsichtig vorgebrachten Seite von uns nicht achtsam umgeht, sondern sich darüber lustig macht?

Unsichtbare Kreise um unser Herz – Grenzen

Jeder Mensch hat unsichtbare Kreise um sein Herz gezogen. Mehrere. In unterschiedlichen Abständen. Je näher uns ein anderer Mensch sein darf, desto mehr Kreise hat er durchschritten und desto mehr vertrauen wir ihm. Diese Kreise sind unsere persönliche Version der Abwägung zwischen unserem tiefen Wunsch nach Nähe, nach wahrer Liebe, und unserer Angst, verletzt zu werden: In manchen Menschen ist der Wunsch nach Nähe so übermächtig, dass sie praktisch keine solchen Kreise und damit keine Grenzen haben. Jeder kann ihnen ganz nah kommen und darf ihnen sogar weh tun. Hauptsache ist, dass sie dem anderen nah sein dürfen. Das ist der Grund, warum sich manche sogar in Beziehungen misshandeln lassen, körperlich und/oder emotional. Sie hören nicht auf ihre eigenen Grenzen, nur um dem anderen nah sein zu können. Sie verraten sich selbst, um vermeintliche Nähe zu erleben.

In anderen wiederum ist die Angst davor, verletzt zu werden, so übermächtig, dass die Kreise um ihr Herz nicht einfache Grenzen sind, sondern mehrfach gesicherte, mit Stacheldraht und Selbstschussanlagen versehene unüberwindbare Mauern. Keiner kann ihnen wirklich nahe kommen. Sie haben längst entschieden, dass wahre Nähe viel zu gefährlich ist und ihnen bereits viel zu weh getan hat. Für sie ist es sicherer, auf wahre Liebe ganz zu verzichten und dafür keine Angst mehr zu haben, dass es je wieder so weh tun wird wie damals. Solchen Menschen kann es keiner recht machen. Was auch immer der andere probiert, es ist nicht gut genug.

Das hat nichts mit einem möglichen mangelnden Einsatz des anderen zu tun, sondern damit, dass diese Menschen wahre Nähe als gefährlich empfinden und sie deshalb nicht ertragen können. Aus diesem Grund kontrollieren sie ihr Umfeld: Um überhaupt von ihnen geduldet zu werden, gilt es, alles genau so machen, wie sie es haben wollen. Die meisten von uns leben irgendwo zwischen diesen beiden Extremen. So hat Tom zum Beispiel eine tief sitzende Angst, für Lea nicht gut genug zu sein. Er ist sich nicht sicher, was es heutzutage heißt, ein richtiger Mann zu sein, und versucht, Lea alles recht zu machen. Seine von ihm dabei an sich wahrgenommenen Schwächen versucht er vor Lea zu verstecken. Oft überschreitet er dabei seine eigenen gesunden Grenzen und erhofft sich dadurch, dass Lea ihn toll findet und ihm ihre Nähe schenkt.

Gesunde Grenzen

Lea hingehen spürt unbewusst, dass Tom sich ihr nicht ganz zeigt. In ihr werden dadurch Ängste und Misstrauen wach, weil sie schon einmal hintergangen worden ist. Ihre Reaktion ist Rückzug: „Wenn ich ihm nicht ganz vertrauen kann, bringe ich mein Herz lieber in Sicherheit.“ Sie macht die Kreise um ihr Herz dicht – ihre Grenzen. Tom versteht sie nicht. Er sucht ihre Nähe, weil er sich Bestätigung erhofft. Sein Weg in die Nähe ist Sex. Sie kann nicht benennen, was los ist, weil sie eigentlich keinen Grund hat, Tom zu misstrauen. Ihr Herz spürt einfach nur, dass er sich ihr nicht ganz zeigt und damit nicht ganz ehrlich ist zu ihr.

Wenn er verletzt oder vorwurfsvoll auf ihre Zurückweisung reagiert, versucht sie, sich mit vorgeschobenen Vorwürfen zu rechtfertigen: „Du hilfst nicht genug im Haushalt“, „Du verstehst mich einfach nicht“, „Du bist nie da“, „Du liebst deine Arbeit mehr als mich“. Das alles wiederum verstärkt Toms Ängste, nicht gut genug für Lea zu sein … Diese ganze Dynamik entfaltet sich, weil unsere Ängste eine ungesunde Wirkung auf unsere Grenzen haben: Wir lassen sie zu locker oder ziehen sie zu dicht. Wahre Nähe braucht gesunde Grenzen. Grenzen, die uns erlauben, uns selbst treu zu sein und uns selbst nicht zu verraten, um dem anderen nah zu sein. Grenzen, die erlauben, dass wir uns selbst lieben und aus dieser kraftvollen Liebe auf den anderen zugehen können. Wahre Nähe braucht Grenzen, die keine Mauern sind, sondern der Liebe eine ehrliche Chance geben.

Liebe oder Angst

Unser Herz ist der wahre Kompass im Leben – der Kompass, der unserem Leben den Weg weist in Glück, Erfüllung und Liebe. Unser Herz ist verbunden mit etwas, das größer ist als wir. Sobald wir aufhören, unser Herz zu verschließen, sind wir mit diesem großen Ganzen verbunden. Der Weg zu intimer Nähe der Herzen und wahrer Liebe geht nur darüber, sich zu öffnen, zu verbinden und sich dem anderen in der eigenen Verletzlichkeit zu zeigen. Wir brauchen den Mut, dem Leben zu vertrauen und uns mit all unseren Ängsten zu zeigen. Liebe ist Leben. Die Frage, ob wir uns in unserem Leben von der Liebe oder von der Angst leiten lassen, ist eine Wahl, die jeder von uns hat. Immer wieder. Aus der Angst heraus zu leben und zu handeln ist so, wie schon ein bisschen zu sterben, weil wir dann dem Leben nicht mehr so ganz vertrauen und uns damit von einem Teil unserer Lebenskraft abschneiden. Erst wenn wir der Liebe Vorrang gegenüber unseren Ängsten gewähren und sie wieder in unser Leben einziehen lassen, leben wir wirklich.

Kostenloser Infoabend:
Freitag, 12. Januar 2018, 19 Uhr im Sequoya, Cuvrystr. 19, 10997 Berlin

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