Sowohl bei Paaren als auch in Gemeinschaften treten immer wieder Konflikte auf. Das ist ganz natürlich, denn Menschen finden sich – von einer höheren Warte betrachtet – vor allem zusammen, um miteinander zu wachsen. Und das heißt eben auch, miteinander Konflikte zu lösen und deren Ursprünge zu erkennen. Dabei helfen Selbsterkenntnisprozesse und eine verbindende Kommunikation, die zusammenführt, anstatt das eigene Rechthabenwollen zu transportieren.

Von Ranjita

Wer kennt das nicht? Frisch verliebt, fühlt man sich stark zueinander hingezogen, will viel Zeit miteinander verbringen. Man sehnt sich nach immer mehr Nähe – bei manchen bis hin zur Symbiose. Am liebsten möchte man alles gemeinsam machen. Das erfüllt besonders am Anfang einer Beziehung unser Bedürfnis nach Liebe und Verschmelzung. Nicht selten führt diese Phase zu einer Überanpassung an den Partner und bedingt die teilweise Aufgabe der Individualität. Wenn das eine Weile andauert, sorgt einer der beiden dafür, dass durch eine Auseinandersetzung wieder mehr Distanz hergestellt wird, damit man sich für eine Zeitlang um sich selber kümmern kann. Denn jeder braucht mal Zeit für sich, zum Alleinsein oder für Unternehmungen mit anderen, um Bedürfnisse zu befriedigen, die der Partner nicht erfüllt.

Hier liegt eine wesentliche Herausforderung in der Kommunikation: Anstatt das Bedürfnis nach Alleinsein zu vermitteln, bricht man unbewusst einen Streit vom Zaun, um wieder Abstand zu schaffen. Der stärkste Impuls, um Distanz herzustellen, ist, den anderen zu beschuldigen. Man sagt und tut Dinge, die den Partner wegrücken lassen. Wie das Wort Auseinander-Setzung schon bildhaft ausdrückt: Man setzt sich nicht zusammen, sondern auseinander, also entfernt sich, um die Nichtübereinstimmung ertragbar zu machen. Der Partner fühlt sich daraufhin zu Unrecht mit Schuld beladen, ist verärgert und rückt noch weiter vom anderen ab. So hat man indirekt eine Situation herbeigeführt, die wieder mehr Distanz gewährleistet – allerdings ohne dass die zugrunde liegende Thematik erkannt und geheilt wurde. Dann brauchen die Beteiligten etwas Zeit oder ein klärendes Gespräch, manchmal auch Sex, damit die Verbindung wieder hergestellt werden kann.

Beziehungen als Wachstumsgemeinschaft

Der Tanz zwischen einerseits mehr Nähe – und damit mehr Liebe – und andererseits Distanz bzw. Getrenntsein wiederholt sich in Beziehungen unzählige Male. Aus meiner langjährigen Erfahrung als Paartherapeutin verstehe ich Beziehungen nicht als die Erfüllung eines Liebestraumes, sondern als Wachstumsgemeinschaft. Die Liebe soll einen sicheren Raum schaffen, damit alte Muster angestoßen und geheilt werden können. In allen Beziehungen können wir lernen, mehr zu lieben und das, was uns zurückhält, zu heilen. Eine der großartigsten Chancen, Liebe zu vermehren, bilden die Partnerschaft und die Familie.

Die Partner haben das Potential, sich unbegrenzt in Liebe, Achtsamkeit und Bewusstheit sowie Akzeptanz und Wertschätzung zu entwickeln, um heil und ganz zu werden, bis hin zur Aufgabe des eigenen Egos. Selten jedoch nutzen die Partner die Liebe wirklich für die gemeinsame Entwicklung, vielmehr zerstören sie sie oft ungewollt und scheibchenweise, bis wenig übrig bleibt. Manchmal wird sie dann sogar durch den Gegenpol ersetzt: Hass – er entspricht der größtmöglichen Angst vor der Hingabe an die Liebe.

Wieviel Liebe ist möglich, bevor Verlustangst eintritt?

Noch ein anderer Impuls kann nach einiger Zeit der liebevollen Verbundenheit zu Distanz, Abstand und Trennung führen. Denn jeder erwachsene Mensch hat im Innersten Angst vor Liebe. Das Ausmaß dieser Angst ist individuell verschieden und wird bestimmt durch die Menge der Liebe, die wir in frühen Jahren erlebt haben, bevor der erste Liebesverlust eintrat. Die Anhäufung von Verletzungen und Traumata lässt entsprechend wenig Raum für Liebe im Herzen übrig. Im Laufe unseres Lebens führt uns unser Höheres Selbst zu Menschen und Gelegenheiten, die zur Heilung des Herzens und zur Ganzwerdung beitragen. Gute Kommunikation spielt in diesem Prozess eine entscheidende Rolle.

Verbindende Kommunikation

Seit vielen Jahren hat sich die Gewaltfreie Kommunikation (GFK), die Methode von Marshall Rosenberg, verbreitet. Ihm gebührt größte Anerkennung für sein Bestreben, Bewusstheit und Frieden in die verbindende Kommunikation zu bringen. In der GFK erforscht man unter anderem die hinter den Worten verborgenen Bedürfnisse. Das ist ein sehr hilfreicher Weg, mehr Ehrlichkeit in Beziehungen zu bringen. Häufig ist mit der Mitteilung eines Bedürfnisses ein Konflikt jedoch noch nicht gelöst, wenn die unbeabsichtigt angestoßenen Muster nicht verstanden werden. In der Wachstumsgemeinschaft möchte aber die Liebe gerade die alten Verletzungen heilen.

Leider verlangt das Erlernen der GFK langjährige Übung und überfordert die Menschen häufig, wenn sie bereits verletzt oder verärgert sind. Aus meiner Praxis bei der Schlichtung von Streitigkeiten habe ich deshalb die verbindende Kommunikation entwickelt. Diese Methode ermöglicht, Konflikte zur Herzöffnung zu verwenden. Sie leitet die Beteiligten dazu an, die Chancen zum gemeinsamen Wachstum zu nutzen. Aus diesem Grunde beginnt die verbindende Kommunikation bei einem selbst. Tief in uns liegt das Wissen um unsere negativen Gefühle anderen Menschen gegenüber. Man erforscht bei sich selbst, welches Thema durch den anderen möglicherweise getriggert wurde. Zum Beispiel kann man sich fragen: „Wann habe ich das zum ersten Mal gefühlt? Woran erinnert mich das?“

Mit der Bewusstwerdung der Ursache ist der erste Schritt zur Heilung getan. Gute Kommunikation sollte schon frühzeitig bei der Verbindung mit den eigenen Gedanken und Gefühlen ansetzen.

Verantwortung für die eigenen Gefühle übernehmen

Der sicherste Impuls, Nähe herzustellen und mehr Liebe zuzulassen, entsteht durch das Ausdrücken eines echten Gefühls, für das man die hundertprozentige Verantwortung übernimmt. Dabei ist darauf zu achten, dass niemandem die Schuld für das eigene Gefühl zugeschrieben wird. Man teilt sich selbst und dem anderen gegenüber seine Gedanken und Gefühle ehrlich mit, ohne offene oder versteckte Bewertungen, ohne Forderungen oder die Erwartung, dass der andere anders sein soll. Das erschafft eine Öffnung des Herzens und dadurch Nähe zu sich und zu dem anderen. In der Verbindenden Kommunikation verbindet man sich daher als Erstes mit seinem Unwohlsein einem anderen Menschen gegenüber und versucht, die Ursache des negativen Gefühls zu erkunden.

Das tut man durch die Übung „Weg zum inneren Frieden“, in der man ohne die Gegenwart des anderen in seinem eigenen Bewusstsein sucht, was der Ursprung für die negativen Gefühle ist. Durch die Erkenntnisse während der Übung stellt sich innerer Frieden ein. Meistens sind allein dadurch schon viele Unstimmigkeiten gelöst. Durch die Bearbeitung von Problemen bei sich selbst erweitert sich unser Bewusstsein. Auf einmal versteht man die ganze Situation von einer höheren Warte aus und die aufgewühlten Gefühle kommen zur Ruhe. So kann man sich auch wieder mit dem anderen zusammensetzen und neu verbinden. Durch die Selbsterkenntnis öffnet sich das eigene Herz und man kann ohne auf – gestauten Ärger reden.

Zu Beginn eines klärenden Gesprächs steht die heilsame Äußerung: „Es tut mir leid.“ Diese Worte wirken wahre Wunder in Bezug auf die Wieder-Verbindung mit einem Menschen. Der Satz wird von beiden gesprochen, ohne einen nachfolgenden ergänzenden Nebensatz oder Bezugnahme zum Konflikt. Mitgefühl mit sich selbst und das Mitgefühl des Partners tragen zur Heilung bei. Nach dem klärenden Gespräch erlebt man sogar mehr Nähe mit dem anderen und empfindet mehr Liebe als vor dem Konflikt. So kann Liebe ständig weiter wachsen.

Heilung und Liebe in allen zwischenmenschlichen Bereichen

Das gleiche Prinzip liegt Problemen zwischen Gemeinschaftsmitgliedern zugrunde, denn die Gemeinschaft ist wie eine Ersatzfamilie. Auch dort begegnen sich Menschen, die ihre persönlichen Verletzungen nicht genügend bearbeitet und geheilt haben. In Gemeinschaften wird – zum Leidwesen vieler Mitglieder – sehr viel Zeit für das Äußern, Erforschen oder Ausleben solcher Prozesse aufgewendet. Deshalb bieten wir in unserer Gemeinschaft in Aloha am See die Verbindende Kommunikation als verbindliches Training an. Dabei lehren wir Methoden zur Übernahme der Verantwortung für die eigenen Gedanken, Gefühle und Handlungen sowie Meditationen zur emotionalen Reinigung und Heilung. Die Teilnehmer erlernen Techniken, ihre eigenen Gedanken und Gefühle wahrzunehmen und nicht auf andere abzuladen. Sie üben, selber zu fühlen und die Ursachen ihrer Muster zu erkennen. Sie erleben das befreiende Gefühl, Verantwortung für ihre Gedanken und Gefühle zu übernehmen, und profitieren von der Selbsterkenntnis, die damit verbunden ist.

Im Verlaufe dieses Erkenntnisprozesses erfahren sie die Ermächtigung, die damit einhergeht, Schöpfer ihrer Realität zu werden. Wenn ich erkenne, inwiefern ich selbst verantwortlich bin bei Problemen mit anderen, und lerne, wie ich diese bereinigen kann, dann erfahre ich auch, dass ich meine Realität selbst kreiere und dass ich sie verändern kann.

Das nächste Aloha-Basistraining mit verbindender Kommunikation findet am 19.-28. April 2018
in Aloha am See statt.

Author: Oliver Bartsch

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