Ist unsere Individualität ein Hindernis auf dem Weg zu unserer göttlichen Natur? Und wenn nicht: Auf welche Weise kann unser ganz spezielles Ich, das uns von anderen unterscheidet, ein vollkommener Ausdruck des Selbst, der göttlichen Quelle sein?

Von Anna Aspa

Getragen vom Verlangen nach innerer Freiheit und der Leichtigkeit des Seins erfährt der Mensch im Verlauf seiner Seelengeschichte eine Fülle an Bewusstseinszuständen, während er sowohl die animalische als auch die menschliche und zunehmend die göttliche Natur seiner Individualität erforscht. Auf seiner Suche begegnet er einem unermesslichen Spektrum an Wahrnehmungen und Ausdrucksmöglichkeiten seiner selbst. Mal tiefer verbunden mit der lichtvollen Wirklichkeit, mal völlig davon entfremdet und immer wieder mit diversen Rollen aus den Szenarien des göttlichen Skriptes identifiziert, nähert er sich der Erfüllung seiner Absicht, der Selbsterkenntnis. Die Fragen „Wer bin ich?“, „Wie bin ich?“, „Und was bin ich demnach nicht?“ prägen den Kontext dieser spannenden Reise.

Wenden wir uns vor diesem Hintergrund dem Thema: „Die Schönheit der Individualität“ zu, so wird offenkundig, dass diese von wandelbarem Charakter sein muss. Unsere Individualität kann niemals endgültig definiert werden: zum einen, weil wir dem ewigen Veränderungsprozess unterliegen, zum anderen, weil unsere Natur die göttliche Unendlichkeit reflektiert, was darauf schließen lässt, dass wir alle Facetten der Existenz verkörpern können und auch wiederum das Nichts sind. Wenn die Individualität eine vorübergehende Erscheinung darstellt, wieso liegt es Menschen so sehr daran, sie zu formulieren und zu behaupten? Macht es überhaupt Sinn, ihr Bedeutung beizumessen, wenn sie unserer wahren Natur niemals gleichkommt?

Fest steht, dass die meisten Menschen ihrer Individualität mehr Aufmerksamkeit schenken als der Gegenwart ihres unvergänglichen Lichts. Es leuchtet ein, dass beide gern verwechselt werden, weil man das Relative, nämlich die Individualität, für das absolute Selbst hält. Oder aber man räumt dem letzteren keine Bedeutung ein, weil es in seinem kostbaren Wesen verkannt wird. Andernfalls wäre die gesamte Welt längst in einem meditativen und selbstverliebten Zustand versunken. Wäre dieses friedvolle Weltbild etwa keine schöne Vorstellung?

Das eigene Licht zeigen

Da das Kollektivbewusstsein noch weit entfernt von der eigenen wundervollen Wirklichkeit liegt, gehen wir vom Status quo aus und beleuchten den menschlichen Eifer nach Individualität. Wer weiß, ob sie am Ende nicht doch eine wegweisende Rolle in unserer Selbstfindung spielt … Dank der inneren Klärungs- und Heilungsprozesse, die auf dem Seelenweg einsetzen, erwacht die Sehnsucht danach, unser Licht frei und mutig zu zeigen. Die keimende Selbstliebe fordert ein, dass wir uns von Erwartungen und Konventionen der Außenwelt lösen. Wir lernen auf unsere seelischen Bedürfnisse zu lauschen und gewissenhafter auf sie einzugehen.

So manche unserer Sicht- und Verhaltensweisen entpuppt sich dabei bald als ausgeborgt, nachgeahmt oder schlichtweg fremd. Uns wird klar: „Das bin ich nicht!“ Indem wir registrieren, wie viele unserer Charakterzüge und Handlungsmotive von außen geprägt, aber auch von unserem eigenen Streben nach Anpassung und Anerkennung gewählt worden sind, verdeutlicht sich die Notwendigkeit eigener Individualität. Im Grunde ist das gesamte Repertoire des Egos „nicht meins“, weil ich nicht das Ego bin!

Folglich ist der authentische Ausdruck meiner Eigenart kein egoischer Ausdruck. Auch wenn sie eine weltliche Bühne betritt, ist unsere Einzigartigkeit nicht von dieser Welt. Sie ist eine spontane Projektion, die dem göttlichen Sein entspringt. Sobald wir dem Beachtung schenken, was uns wirklich berührt, inspiriert und überzeugt, nehmen wir unsere natürliche Macht wieder an und malen unser Selbstbild neu. Das einkehrende Licht der Selbstreflexion erlaubt ein ständiges Loslassen hinderlicher energetischer Strukturen, emotionaler Schablonen und ungesunder Gewohnheiten (Vasanas).

Seine gnadenvolle Kraft sprengt karmische Fesseln und erlöst unsere Seele von altem Schuldbewusstsein. Aus diesem fruchtbaren Boden erwachsen neue lichtvolle Werte und Herzenswünsche, wodurch unsere Energien und Prioritäten auf einen höheren Sinn ausgerichtet werden. Indem sich die Seele Schicht für Schicht von ihrem alten falschen Selbst häutet, offenbart sich ihr lichtvoller Kern. Die Individualität, welche hierbei frisch zum Vorschein kommt, ist demnach ein Resultat unserer seelischen Reife und spiegelt den jeweiligen Bewusstseinszustand, der durchlaufen wird.

Authentisches Sein ist angstfrei und widerstandslos

Manchmal staunt man nicht schlecht über neue Charakternuancen und bislang unbekannte Ausdrucksformen, welche sich durch die Transformationsprozesse überraschend präsentieren. Je authentischer ich bin, desto unmittelbarer manifestiert sich meine Individualität. Sobald sich der Mensch verstellt und seine wahre Natur verbirgt, erfährt er Unbehagen und inneres Leid. Jedwede Abweichung von ihrer wahren Essenz empfindet die Seele als einengend und verletzend. Folglich fühlt sich nichts vollkommener an, als endlich bei sich selbst anzukommen! Authentisches Sein ist angstfrei, ehrlich, widerstandslos und in sich selbst ruhend.

Ist man bereit, sich jenseits von allen Konzepten zu erfahren, so darf und kann das Leben endlich ungezwungen und kreativ fließen. Dies ist wohl leichter gesagt als getan, denn die Beseitigung der Spuren, welche sich durch vergangene Konditionierungen und Erinnerungen in unserem System eingenistet haben, verlangt Jahre an spiritueller Bewusstseinsarbeit. Doch die Befreiung vom Diktat des ich- und fremdgesteuerten Verstandes ist ein überaus lohnenswertes und zutiefst beglückendes Vorhaben. Das segensreichste Geschenk unseres Lebens ist, ganz das Selbst zu sein, weil es unaussprechbar wohltuend ist. Die Klärung der Persönlichkeitsebene mündet in einer gestärkten Ausrichtung und Hingabe an die Quelle des Lebens, sodass die Beziehung zum Göttlichen mit den Jahren eine zentrale Stellung in unserem Leben einnimmt. Die seelischen Läuterungen und Bewusstseinsanhebungen, die uns hierbei zuteil werden, verhelfen dazu, ein immer wieder neues Selbstbild zu gebären.

Im selben Zug darf die Furcht, für den freien Ausdruck des Seelenlichts von unserer Umgebung abgelehnt oder verstoßen zu werden, gänzlich weichen. Indem wir uns immer weiter für die göttliche Wirklichkeit öffnen, vertieft sich das Vertrauen darin, dass Sein Wille ausschließlich unserem höchsten Wohle verpflichtet ist. In uns reift die innere Sicherheit heran, dass unsere individuelle Art eine von Ihm gewollte Art sein muss. Und so fällt es uns leichter, zu uns selbst zu stehen, weil wir begreifen, dass wir hiermit zu Seiner Absicht stehen.

Spielerisches Ausprobieren des göttlich Mannigfaltigen

Die Seele ist ein Kind des Herren, sie ist göttliches Licht. Ihre Essenz ist gleichbleibend, im Kern existiert keinerlei Individualität. Ist unsere Individualität im tieferen Sinn doch eine völlig überflüssige und gar störende Einbildung, die uns vom Wesentlichen abhält? Ganz bestimmt nicht, wenn wir uns mit ihr nicht identifizieren und sie hierdurch als unser tatsächliches Sein missverstehen. Solange die duale Welt samt ihrer vom Schöpfer beabsichtigten Vielfalt existiert, bleibt die Erfahrung von Individualität unumgänglich. Sie geschieht wie von selbst. Und: Auch wenn das Göttliche ungeteilt ist, wiederholt es sich ungern, weil es sich durch die selbst erzeugte Vielfältigkeit ohnegleichen freudvoll ausleben kann.

Die Individualität erinnert an ein Kaleidoskop, das bei jeder Drehung ein neues Muster und Farbenspiel entstehen lässt. Nicht zuletzt ist das Ausleben der Individualität auch deshalb ein freudvolles Unterfangen, weil es spielerisches Ausprobieren des göttlich Mannigfaltigen ermöglicht. Man könnte die Eigenschaften der Individualität mit segensreichen Eingebungen von ungenierter Natürlichkeit und Ursprünglichkeit in Verbindung bringen. Nur wer empfänglich bleibt, der ist imstande weiterzuleiten. Und: Je mehr Licht wir durchlassen können, desto ausgeprägter und umfassender sprüht unsere Individualität. Unbeirrt und auf originelle Weise präsentiert sich die innere Weisheit ständig neu, was die Entwicklungsmöglichkeiten bezüglich unserer Freiheit und geistigen Fähigkeiten immer wieder fördert.

Demzufolge dient unsere menschliche Einzigartigkeit als abwechslungsreicher Rahmen für die eine lichtvolle Wirklichkeit. Auf vollkommene Weise umspielt sie das Seelenbild. Dabei erweist sich die Fähigkeit zur Innenschau und wertfreiem Hinhören als unentbehrlich. Die innere Stimme wird vernehmlich, wenn sich der Verstand weder als Kommentator noch als Zuhörer einbringt, sondern vollkommen zurückgelassen wird. In der Stille der Seele erklingt sie als ein intuitives Wissen-Fühlen-Erkennen.

Persönliche Filter bremsen das göttliche Licht

Wir alle sind potenzielle Kanäle Seiner Genialität und Macht. Je weniger Ichgefühl uns bewohnt, desto vollendeter ist Sein schöpferischer Ausdruck durch uns, da die persönlichen Ego- Filter unser lichtvolles Seelenwesen überlagern. Solange das unbewusste Individuum noch glaubt, der autonom Handelnde zu sein, und darauf abzielt, unabhängig vom Ursprung allen Seins zur Geltung kommen zu wollen, kann die göttliche Absicht nicht verständlich durchkommen. Sein segensreiches Leuchten bleibt verborgen. Eine unverfälschte Individualität erblüht erst dann, wenn ich aus meinem Selbst heraus bin, wer ich bin.

Die Realisierung der vollen Größe und Einmaligkeit des Charakters setzt demnach eine gelebte Verbundenheit mit der absoluten Wirklichkeit des ICH BIN voraus. Hierzu bietet sich der Vergleich eines Bleiglasfensters in einer Kathedrale oder Moschee an. Die Farbwahl und Anordnung der Gläser und Bleiruten ergießen sich in eine Gesamtkomposition, deren Muster das Licht einlädt. So wie die Pracht der Glasmalerei bei Einbruch der Dämmerung vorübergehend verloren geht, erlischt der Glanz unseres individuellen Ausdrucks, sobald sich die Dunkelheit der Unbewusstheit auftut.

In diesem Zusammenhang sollte die auch gerne in spirituellen Kreisen benutzte und gängige Behauptung „ich bin, wie ich bin“ tiefer reflektiert werden. Nicht selten stellt sie sich als eine unbewusste Rechtfertigung für die weniger angenehmen und wohltuenden Seiten in uns heraus. Gewiss ist es wichtig, unsere Macken und störenden Abweichungen willig anzunehmen und mit ihnen in eine friedvolle Resonanz zu gehen – andernfalls wird es unmöglich, sie zu verabschieden.

Dennoch macht ein enthemmtes Ausagieren von Schattenanteilen diese noch lange nicht zu unserer göttlichen Individualität. Vielmehr ersticken sie die einzigartige Reinheit der Seelenschwingung. Die Größe und Kraft der Individualität darf deshalb nicht mit der freizügigen Ignoranz des Ego-Bewusstseins durcheinandergebracht werden.

Gott machen lassen

„So geht’s bestimmt nicht…“ wäre die klare Botschaft, die in diesem Falle in uns einfließen würde. Der leise Kompass unseres Gewissens weist letztlich zuverlässig darauf hin, was stimmig ist und was lieber als unschön unterlassen werden sollte. Die Präsenz meiner Individualität ist demnach erst gegeben, wenn ich mit dem Satz: „Ich bin, wer ich bin!“ bewusst das Licht meine, das ich bin. Gleichermaßen gewinnt die kunstvolle Verglasung eine besonders wirkungsvolle Ästhetik, wenn sie vom Licht berührt und durchdrungen wird. Sofern man den belebenden Wert der Lichtstrahlen bei der Entstehung der Glaskunst berücksichtigt und liebevoll einwebt, werden Harmonie und Sinn gewährt.

Je inniger die bunten Glaspartikel auf Sein Leuchten abgestimmt sind, desto bewundernswürdiger ihr Gebilde. Am Ende ergeben sie eine Unteilbarkeit, denn Farben sind allesamt Facetten des einen Lichts. Ebenso verhält es sich mit unserer Individualität. In den Augenblicken, in denen wir uns als hingebungsvolle Werkzeuge des einen Seins wahrnehmen, wirkt sie am anmutigsten. Je einfühlsamer wir mit dem Urgrund unseres Seins vermählt sind, desto wahrhaftiger erglänzen wir. Einem jeden Zusammenspiel zwischen dem Formlosen und der Form liegt unentwegt die feine Konstante der Gottverehrung zugrunde. Indem wir unseren göttlichen Ursprung beherzigen und ihn dankbar durch uns „machen lassen“, feiern wir Seine Größe.  Die Muster unserer Individualität sind somit nicht Selbstzweck, sondern ein beabsichtigtes Ausdrucksmittel für die Leuchtkraft des Herrn.

Die lichtvolle Natur der Welt

Je mehr wir uns dessen gewahr werden, wer wir wirklich sind, desto deutlicher erkennen wir die lichtvolle Natur der Welt samt ihren Bedürfnissen und Anforderungen. Eines Tages weiß das Herz, dass wir nur dann wahrlich glücklich sein können, wenn ein jeder ihrer Teile die Liebe verwirklicht hat. Ab dem Moment, in dem wir uns bewusst dazu entschließen, dem übergeordneten Plan zu dienen, kommt der höhere Sinn unserer Individualität ins Spiel. Unsere Individualität sendet allzeit aus, worauf wir wirklich Wert legen und wie wir diese Werte erreichen und leben können. Somit verkörpert sie eine Brücke, über die das Licht der Seele mit der Außenwelt kommuniziert und auf mannigfaltige Weise positiv Einfluss nimmt. Ein Bewusstsein, das von Nächstenliebe zeugt, setzt seine Individualität verantwortlich für eine heilsame und segensreiche Bestimmung ein. Somit wird die Macht der Individualität in den Dienst des höchsten Wohles von allem-was-ist gestellt. Und genau in diesem selbstlosen Einsatz offenbart sich ihre wahre Schönheit. Ein erleuchteter Mensch legt übrigens keinen besonderen Wert auf seine Individualität, weil er das lebt, was er wirklich ist.

Wohlwissend, dass er kein Individuum sein kann, ist er frei von jeglichem Anspruch oder jeglicher Ambition auf einzigartige Selbstdarstellung innerhalb des Ganzen. Demnach ist dem Weisen gleich, aus welcher Tasse er den Tee schlürft, welche Schuhmarke seine Füße ziert bzw. welche Verkleidung ihm sonst noch in dieser Inkarnation zugewiesen wurde; es ergibt für ihn einfach keinen Sinn mehr, in temporären Erscheinungsformen des Lebens nach Identität zu suchen. Zu sehr erfüllt ihn das Verweilen im grundlosen Frieden seines unpersönlichen Seins. Seine Aufmerksamkeit und tiefe Verbundenheit gelten der Einheit hinter der individuellen Vielfalt. Der einzigartige Atem eines Weisen ist Dharma (Rechtschaffenheit), ein jeder seiner Schritte widmet sich dem mühelosen Zufriedenstellen des Herrn. In dieser Liebe zum Absoluten verliert der Meister jedoch nicht seinen individuellen Ausdruck. Am Ende ist es vielleicht das gelebte Wissen um die Relativität eines Individuums, die die einmalige Individualität seiner Leuchtkraft ausmacht.

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