Unsere Individualität ist uns ungeheuer wichtig: Wir bestehen gerne auf unserer Einzigartigkeit und unternehmen jede Menge Dinge, um uns von anderen zu unterscheiden. Über den spirituellen Weg hört man indessen immer wieder, dass er dahin führt, dass sich dieses individuelle Ich letztlich im großen Ganzen auflösen wird. Was geschieht nun wirklich beim Erwachen zum wahren Selbst mit der Individualität? Wie verhalten sich Erwachen und Individualität zueinander?

Von Ludmilla und Roland

Es gibt viele Wörter und Begriffe, die individuell auf ganz unterschiedliche Weise verwendet werden, und da jeder etwas anderes darunter versteht, es dementsprechend in einen bestimmten Kontext einbindet, das Gesagte zusätzlich auf ganz unterschiedlich interpretierende Ohren trifft, entstehen oft Missverständnisse und Verwirrung. Und gerade auf dem spirituellen Weg ist es wichtig, wirklich zu verstehen, was genau gemeint ist mit dem Gesagten.

So sind zum Beispiel Ego und Individualität zwei Begriffe, die aus unserer Sicht einer näheren Erklärung bedürfen. Wenn wir von Ego sprechen, meinen wir damit die individuellen Eigenheiten, die sich jemand im Laufe seines Lebens und besonders in der früheren Kindheit zugelegt hat. Dies sind Reaktionsmuster, Überlebensmechanismen, Prägungen, emotional vererbte Veranlagungen und auch Verhaltensmuster, die aus traumatischen Situationen entstanden sind. Insofern sind diese Muster in ihrer ursprünglichen Funktion ganz positiv zu sehen, da sie das Überleben gesichert haben. Sie geben uns einen Rahmen, um uns in der Welt zurechtzufinden, damit alles zu unserem Besten geschieht. Sie bewirken aber eben auch, dass wir mit einem bestimmten Blickwinkel durch die Welt laufen, einem sehr begrenzten Blickwinkel, den wir als Egotunnel bezeichnen können.

Dieser Egotunnel ist hoch individuell, jeder Mensch lebt seine ureigene Realität. Und meist wissen wir gar nicht, dass wir nur einen sehr begrenzten Ausschnitt wahrnehmen. Wir denken, dass die Welt so ist, wie wir sie wahrnehmen, und dass andere sie sicher auch so wahrnehmen. Denn sie hat ja nun mal all die Eigenschaften, die wir so an ihr wahrnehmen, denken wir. Wir verleihen der Welt eine aus sich selbst heraus bestehende Existenz und wissen meist gar nicht, dass wir die Welt, das scheinbare Außen, durch unsere ganz persönliche Brille sehen und erleben. Der Mensch neben uns erlebt ein und dieselbe Situation allerdings oftmals vollständig anders als wir.

Da wir uns aber oft gar nicht darüber austauschen, erfahren wir es auch nicht und nehmen an, dass er unsere Weltsicht teilt. Neben dieser Individualität des Egos gibt es aber noch eine andere Individualität, die reine Individualität. Man könnte sie als einen reinen Ausdruck Gottes bezeichnen, ein individueller, purer Ausdruck, der der Ganzheit dient. Sie ist eine Anlage, die wir als Potential mit in unsere jetzige Inkarnation bringen. Sie ist die meiste Zeit mehr oder weniger verdeckt durch die Ego-Individualität.

Wie viel Kontrolle haben wir über unser Leben?

Im Laufe der Jahre verfestigt sich unsere Identifikation mit diesem Ego, unserer begrenzten, sehr individuellen Sicht, und wir erleben uns als eine Person mit bestimmten Eigenschaften in der großen Welt, einer Welt, die wir als getrennt von uns erleben. Ein Ort, in den wir hineingeboren werden und den wir am Ende unseres Leben wieder verlassen werden, so glauben wir.

In der Zwischenzeit versuchen wir unser Leben zu meistern. Wir versuchen es zu kontrollieren und nach unseren Wünschen zu gestalten, und wir denken tatsächlich, dass wir als diese Person, die wir glauben zu sein, alles im Griff hätten. Wir können uns für dies entscheiden oder für das, und wenn wir in der Lebensmitte dann Bilanz ziehen, werden wir vielleicht Fehler ausmachen können, vielleicht kommt Reue auf, ach, hätte ich mich doch damals anders entschieden, usw. Und dann beginnen wir vielleicht Korrekturen vorzunehmen, damit es sich doch noch zu unserer Zufriedenheit und zu unserem Glück umgestaltet. Was wir meist zu diesem Zeitpunkt nicht wissen, ist, dass die meisten unserer Entscheidungen und Handlungen unbewusst aus bestimmten Mustern, dem Ego, entschieden wurden und wir gar nicht die innere Freiheit hatten, uns anders zu entscheiden. Das sollten wir uns verzeihen.

Wir haben in dem Punkt keine freie Wahl. Wir haben keine Kontrolle. Solange wir gefangen sind in unserer begrenzten Egosicht, den unbewussten Mustern und Zwängen, haben wir keinerlei Freiheit in der Entscheidung in Bezug auf diese Dinge, auch wenn unser Erleben uns etwas anderes empfinden lässt. Wir können uns jedoch die Frage stellen, was wir eigentlich wirklich wollen in unserem tiefsten Innern, und uns dann entscheiden, dafür zu gehen. Es gibt eine „Instanz“ in uns, die größer ist als das Ego, die immer genau weiß, was für uns das Richtige ist, die wahrhaftig ist und uns aus der Wahrhaftigkeit führt.

Diese Stimme in uns zu finden, dann auf diese Stimme zu hören und danach zu handeln, dafür können wir uns entscheiden. Diese Entscheidung entspringt der Wahrhaftigkeit, der Ganzheit. Wenn wir dieser Wahrhaftigkeit folgen, dann wird unser Leben freudiger und erfüllter. Wir bewegen uns damit zurück zu uns selbst, zu unserem wahren Selbst.

Das Erwachen zu unserem wahren Selbst

Leben wir ganz konsequent unseren tiefsten Wunsch, werden wir irgendwann ein Leben ohne Mangelempfinden leben. In unserem Inneren ist Fülle, es fehlt uns nichts, und das Einzige, was uns noch etwas geben kann, ist, uns vollständig wegzugeben, uns vollständig Gott zu übergeben, der Ganzheit. Wenn das geschieht und wir unseres wahren Selbst unwiederbringlich ein für alle Mal gewahr werden, dann löst sich die Identifikation mit dem Ego, der begrenzten Person, auf und wir verbinden uns wieder mit der Ganzheit, die wir sind, die wir alle sind.

Es gibt nur Ganzheit. Das Ego ist jetzt entkräftet und unsere Individualität, die reine Individualität jenseits von Ego, kann nun ganz zum Vorschein kommen und auch vollständig gelebt werden. Blitzte sie auch schon vorher hier und da auf, haben wir jetzt jedoch die Freiheit und auch die Pflicht, sie voll und ganz auszudrücken. Das Ganze drückt sich aus in einer individuellen Form. Es ist immer die Ganzheit, Gott, Liebe, Bewusstsein, was sich zum Ausdruck bringt durch die vielen individuellen Formen.

Und wieder oder zum ersten Mal sehen wir, dass es tatsächlich niemanden gibt, der abgetrennt ist vom Rest, der hier irgendetwas zu entscheiden und unter Kontrolle haben könnte. Denn jetzt ist es nicht mehr das Ego, sind es nicht mehr die unbewussten Muster, die entscheiden, sondern vielmehr die Ganzheit, die sich als Wunsch des gesamten Universums in spezifischer Form zum Ausdruck bringt. Deine Individualität, die vor her durch das individuelle Ego bestimmt war, wird jetzt bestimmt durch die Ganzheit. Und es wird klar: Es hat nie eine bestimmte Person gegeben, die irgendetwas getan oder entschieden hat.

Es wirkte nur so aus der erlebten Abgetrenntheit. Was jedoch zu Handlungen geführt hat, sind die Muster und Prägungen, das individuelle Ego. Trotzdem hat natürlich jeder seine Handlungen zu verantworten, und es kann durchaus einiges getan werden, um sich dem Wunsch anzunähern, sich wieder mit seiner wahren Natur zu verbinden.

Das Okay zu allem

Die reine Individualität jenseits von Ego ist immer schon in uns. Mit dieser Anlage zu dieser spezifischen Individualität haben wir uns inkarniert, aus einem bestimmten Grund und mit einem bestimmten Ziel. Tief in unserem Herzen können wir unseren Inkarnationsgrund schauen und aufspüren und uns üben, diese Stimme des Herzens zu hören.

Was ist unser tiefster Lebenswunsch? Was ist der rote Faden in unserem Leben, der uns zutiefst beflügelt und motiviert? Was tun wir in Leichtigkeit und Freude? Und ja, vielleicht fallen uns auch hauptsächlich Missgeschicke oder Unglücke ein, die unser Leben seit jeher begleiten. Dann ist es ratsam, mit Selbsterforschung zu beginnen und den Dingen auf den Grund zu gehen. Du kannst erforschen, was es damit auf sich hat, woher das kommt, wohin es führt, aus welchem Grund es geschah und zu welchem positiven Ziel es führen sollte. Es gibt so viel in uns zu verstehen, ganzheitlich zu verstehen, was uns dann letztendlich aus den Fängen des Musters löst. Damit können wir jederzeit beginnen. Und da hast du die Wahl, du kannst dich für die Wahrheit entscheiden.

Nutze deinen Willen für die Wahrheit. Es ist der Wille der Ganzheit. Das ganze Universum steht hinter dir und erfreut sich an deiner Entscheidung. Und wichtig: Du kannst nur von da aus gehen, wo du jetzt stehst. Deine jetzige Realität ist zu würdigen und anzunehmen, du kannst sie nicht einfach so austauschen. Du kannst sie nicht mit Hilfe von mentalen Konzepten vertuschen, sie wird dich immer wieder einholen und fordern, dass du hinschaust und ihr ein volles Okay gibst. Und wenn du das nicht kannst, weil es zu leidvoll ist, dann ist das auch okay. Alles, was auftaucht, bekommt ein Okay, auch der Widerstand gegen etwas. Mit diesem Okay-Geben kehrt Ruhe ein. Der Geist kommt zur Ruhe, das Nervensystem kommt zur Ruhe und Frieden kehrt ein.

Erwachen zu deinem wahren Selbst kann geschehen. Und wenn das geschieht, wird sich dein Erleben grundlegend verändern. Das kleine begrenzte Ich ist als Gedankenkonstrukt durchschaut und ergießt sich in das große Selbst, das Sein, die Ganzheit, die Welt, die du bist. Alle Abwehrmechanismen, die dich vorher im Empfinden der Abgetrenntheit gehalten haben, fallen jetzt weg und es beginnt ein Prozess der Integration, in dem alle bis jetzt ungesehenen und unverstandenen Dinge, Muster, Prägungen (Ego) in dein Bewusstsein kommen und als Nicht-Selbst durchschaut werden. Damit bist du dann irgendwann wahrhaftig frei davon.

Entscheiden, der Intuition zu vertrauen

Wir möchten die Frage nach dem freien Willen hier so beantworten: Ja und nein, es gibt einen freien Willen und es gibt keinen. Vor dem Erwachen denkst du, du hättest einen freien Willen, es entscheidet jedoch meist unbewusst unser Ego, was wir wie tun. Nach dem Erwachen wird gesehen, dass es niemanden gibt, der getrennt vom Rest irgendetwas tut. Die Ganzheit tut. Und doch gibt es schon vor dem Erwachen eine Instanz in uns, die wahrhaftig ist und uns ständig zuflüstert, was richtig ist, eine Instanz, die aus der Ganzheit spricht, unsere Intuition. Und darauf zu hören, dafür können wir uns entscheiden. Diesen freien Willen haben wir, wir als Ganzheit. Nach dem Erwachen tust du als Ganzheit, was durch dich ganz individuell im Sinne dieser Ganzheit getan werden soll. Du dienst dem Ganzen, und du tust das höchst individuell und effektiv, ohne dass das noch Kategorien wären, die in dir eine Bedeutung hätten. Die Pracht der Individualität wird erst jetzt richtig sichtbar.

Über den Autor

Avatar of Ludmilla & Roland

sind spirituelle Lehrer in Berlin, die ihr Leben dem Thema Aufwachen, Erwachen und Erleuchtung gewidmet haben, Dinge, die für sie unterschiedliche Bewusstseinszustände darstellen. Zu diesen Themen organisieren sie Kongresse und Webinare und sind zudem die Begründer der „Schule der Neuen Rishis“. Sie haben außerdem das Netzwerk- Erleuchtung ins Leben gerufen, eine Community, die bundesweit an verschiedenen Standorten sowie im Internet tätig ist und sich zur Aufgabe gesetzt hat, interessierte Menschen, die nach Erwachen und Erleuchtung streben, zu vernetzen.





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