Mit der Idee, das Gelände des ehemaligen Straßenbahndepots in Schöneberg unter Beteiligung der Bürger gemeinsam mit dem Senat zu entwickeln, besteht eine einmalige Chance für eine nachhaltige Nutzung im Sinne des Gemeinwohls.

Von Aman

Der Bürgerabend zur Diskussion über die weitere Nutzung vom ehemaligen Straßenbahndepot in der Belziger Straße in Berlin Schöneberg hatte die Erwartungen der Veranstalter hinsichtlich der Resonanz weit übertroffen. Mit der Auftaktveranstaltung am 12.10.2017 gaben das Bezirksamt Tempelhof- Schöneberg und der Stadtrat für Stadtentwicklung und Bauen, Jörn Oltmann, den Startschuss für ein Bürgerbeteiligungsverfahren zur Entwicklung und Umnutzung dieses historischen Standortes. Die Bürger ließen sich nicht lange bitten und kamen in Scharen. Die Saalkapazität reichte an diesem Abend nicht aus und ein weiterer Bürgerinformationstag am 18.11.2017 folgte.

Der Senat hat aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Die Berliner bei der Stadtentwicklung vor vollendete Tatsachen zu stellen und das Mitspracherecht und den Gestaltungswillen der Bürger zu ignorieren, kam in der Vergangenheit nicht gut an. Der Bürgerentscheid zum Tempelhofer Feld war ein Warnschuss, der saß. Nun soll alles anders werden. Diejenigen, denen es nicht egal ist, was aus ihrer Stadt wird, sollen von Anfang an eingebunden werden und sich mit ihren Anregungen und ihrer Kritik und vor allem mit ihren guten Ideen an der Entwicklung dieser Landesimmobilie beteiligen. Im Jahr 2013 hatte die Bezirksverordnetenversammlung BVV einen maßgeblichen Beschluss gefasst, wie mit dem ehemaligen Straßenbahndepot, das aktuell für den Senatsfuhrpark und die Sicherungsstelle für Kraftfahrzeuge der Polizei genutzt wird, umzugehen ist.

Es wurde festgelegt, dass zusammen mit dem Land Berlin ein konzeptioneller Investorenwettbewerb ausgelobt werden soll, wobei der Schwerpunkt in einer sozial-kulturellen Nutzung und dem Bau neuer Wohnungen liegen soll. Zudem soll der Denkmalschutz hervorgehoben und insbesondere der bauliche Charakter so erhalten bleiben, wie er ist. Das über 15.000 qm große Areal in Schöneberg soll nach dem Willen des Senats und der Menschen im Quartier in seiner zukünftigen Nutzungsform in die ganze Stadt hinausstrahlen. Es soll etwas Besonderes werden und etwas nie Dagewesenes zu bieten haben für die Anwohner und alle Berliner.

Und es soll eben nicht vergeben werden an den Meistbietenden, sondern an diejenigen, die das beste Konzept haben, die beste Qualität bringen und die beste Nachhaltigkeit für den Standort garantieren können. All dies ist unter einen Hut zu bringen und dazu sind die Ideen und auch die Kritik der BürgerInnen gefordert, so dass für dieses Projekt insgesamt ein gutes Konzeptverfahren auf den Weg gebracht werden kann. Konzeptverfahren heißt, dass der Angebotspreis eine untergeordnete Rolle spielt und diejenige Gruppe im Vergabeverfahren den Zuschlag bekommt, die das beste Konzept hinsichtlich der Daseinsvorsorge, Gemeinbedarfseinrichtungen und nachhaltigem Wohnen schmiedet.

Das Land Berlin will hier ganz bewusst auf maximale Erlöse aus dem Grundstücksverkauf verzichten. Der Straßenbahnbetriebsbahnhof 10 ist ein Relikt aus der Frühzeit des städtischen Nahverkehrs. Ein eingeschossiger Backsteinbau, der sich zwischen der Gothaer, Belziger und Wartburgstraße erstreckt. Er wurde im Jahr 1899 in Betrieb genommen und beherbergte bis zu 270 Straßenbahnwaggons. Mit der Einstellung des Westberliner Straßenbahnbetriebes Ende 1964 wurde er geschlossen. Von den acht um die Jahrhundertwende in Berlin gebauten Straßenbahndepots sind heute noch sechs erhalten. Das bekannteste Gebäude dieser Art ist das Depot in der Hussitenstraße in Moabit, das denkmalgerecht umgebaut und für Oldtimer-Garagen und Werkstätten unter dem Namen „Meilenwerk“ dient.

Die Hallen in der Belziger Straße gelten als Baudenkmal und sind außen und innen, mitsamt der Pflasterung und den Gleisanschlüssen, komplett unter Denkmalschutz gestellt. Jegliche Veränderung am Gebäude und Gelände muss mit der unteren Denkmalbehörde abgestimmt werden. Ein Abriss ist nicht vorstellbar. Warum das Grundstück überhaupt verkauft werden muss, wird gefragt, da in Schöneberg schon jetzt ein extremer Druck hinsichtlich der Mieten auf den Immobilien lastet und es genauso im Erbbaurecht vergeben werden könnte. Andererseits gäbe es in Berlin gute Erfahrungen mit Entwicklungskonzepten durch Genossenschaften auf Erbbaurecht.

Der zuständige Fachbereichsleiter des Senats bestätigt dann auch, dass noch nicht festgelegt ist, ob das Grundstück überhaupt verkauft werden muss, und dass es auch per Erbbaupacht vergeben werden kann. Viele außergewöhnlich gute Ideen kommen an den Bürgerabenden zusammen. Von einer Markthalle für überwiegend regionale Produkte, die die Direktvermarktung der Landwirte aus dem Umland stärken soll, bis hin zu einem urbanen Gemeinschaftsgarten zu ebener Erde, vertikale Gärten und begehbare Dachflächen, auf denen ebenfalls Gemüse gezogen werden ann, ist die Rede. Kleine Manufakturen und Handwerksbetriebe, die vor Ort herstellen und reparieren, und offenen Werkstätten, in denen z.B. auch mal ein Fahrrad, ein Möbel oder Elektrogerät selbst repariert werden kann.

Auf den riesigen Dachflächen der Hallen wäre eine Photovoltaikanlage geradezu zwingend, die den Strom liefert, der in die gerade populär werdenden stationären Salzwasserbatterien und in die Akkus der unterschiedlichsten Elektromobile eingespeist wird. Wie E-Bikes, E-Lastenräder, E-Roller, Pendlerfahrzeuge und elektrisch betriebene Groß- und Kleinlastwagen, die die Logistikbedürfnisse der Umlandbetriebe mit der Metropole auf umweltfreundliche Weise und vor allem leise Art verbinden. Auch das eine oder andere gute Café oder Restaurant kann mensch sich hier vorstellen, obwohl Gastronomie eher weniger vertreten sein soll.

Doch nach einer guten Bäckerei, die vor Ort aus frisch gemahlenem Mehl noch richtige Brote und Brötchen zaubert, sehnt man/frau sich. Vielleicht auch ein Platz für eine Kita, Bibliothek, Künstlerateliers, Yogaraum, ein Begegnungszentrum, um zu tanzen und zu feiern und für das Ausrichten von allerlei Veranstaltungen. Öffentlich zugängliche Sportflächen unterschiedlichster Art werden angemahnt, die z.B. die Sporthalle der Gustav-Langenscheidt-Schule in der Belziger Straße entlasten. Und dann natürlich das fast alles beherrschende Thema Wohnen in einer der zur Zeit begehrtesten Städte der Welt, in der gerade die Mieten explodieren und bezahlbarer Wohnraum Mangelware wird.

Mut machende Beispiele genossenschaftlich motivierter Entwicklung neuer Wohnquartiere, werden angeführt. Wie hat menschliches Wohnen auszusehen, wenn mehrere Generationen wieder unter einem Dach miteinander leben wollen? Nachhaltig, energiesparend, hell und freundlich, barrierefrei und dies auch noch bezahlbar? Das Hunziger Areal in Zürich wird hier beispielhaft genannt. Eine kritische Stimme bringt auf den Punkt, was alle insgeheim befürchten: Besteht überhaupt die leiseste Chance, dass es einen Investor geben könnte, der all diese Einzelideen in dieser Bandbreite finanziert und in dieser Qualität umsetzt? Unter den Bedingungen der eher profitorientierten Immobilienentwickler definitiv nein. Wie dann?

Nun, warum sollten sich Interessierte Bürger nicht zu einem großen Wurf zusammenschließen und sich genossenschaftlich organisieren. Es gibt genügend herausragende Beispiele genossenschaftlicher Unternehmung. Zum Beispiel Migros in der Schweiz. Eine der größten Genossenschaften in Europa, mit über zwei Millionen Mitgliedern. Oder ein paar Nummern kleiner, die Berliner Wohnbaugenossenschaft in Kreuzberg, die gerade 470 Wohnungen in Eigenregie aus dem Berliner Sand hochzieht. Vieles was für den Einzelnen scheinbar unmöglich ist, wird durch gemeinschaftliches Handeln realisierbar. Warum nicht auch diesen durchaus realistischen Traum wahr machen. Es gibt nur diese eine Gelegenheit für diesen Standort. Im Frühjahr 2018 soll an einem neuen Termin eine Besichtigung des Geländes und des Gebäude-Inneren möglich sein und anschließend über die Ergebnisse der Konzeptfindungsphase diskutiert werden.

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