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Müll ist zum allgegenwertigen Thema geworden, dem sich niemand mehr entziehen kann. Die Bilder riesiger Müllstrudel in den Weltmeeren und einsamer Sandstrände voller Plastikmüll, haben über alle Medien das Sichtfeld der Verursacher erreicht. Es wird nicht mehr lange dauern, bis mehr Plastik als Plankton im Meer zu finden ist, oder wir bald schon von unserem Arzt hören: „sie haben zuviel Plastik im Blut“. Geht die sinnlose Ressourcenverschwendung und die Plastikzeit als großer Irrtum der Menschheit in die Geschichte ein? Wir werden uns anpassen müssen, denn die Erde kennt keinen Müll, sie kennt nur Kreisläufe.

Von Aman

Deutschland ist ein sauberes Land, könnte man meinen. Vor allem im ländlichen Raum und in den Kleinstädten hat Müll in der Öffentlichkeit keine Chance. Der Bürger dort ist in dieser Hinsicht wachsam. In den Großstädten begegnet er uns auf den Gehwegen und in den Parks, wenn die Putzkolonnen nicht mehr hinterherkommen. Deutschland ist nicht clean, es ist nur darin bestens organisiert, den täglichen Müll-Wahnsinn vor den Augen der Öffentlichkeit zu verstecken. Wir kennen keine Bilder von Kindern, die auf Mülldeponien nach Verwertbarem wühlen. Wir kennen nur das Gerumpel der morgendlichen Mülllaster. Wer von uns war aktuell schon mal auf einer Mülldeponie oder in einer Müllverbrennungsanlage? Solche Exkursionen stehen nicht im Lehrplan unserer Bildungseinrichtungen. Warum eigentlich nicht?

Allein die Zahlen sind beeindruckend. 212 Kilogramm Verpackungsmüll erzeugt jeder Mensch in Deutschland pro Jahr. Das sind über 17 Millionen Tonnen, oder 17 Milliarden Kilo. Nur Verpackungsmüll! Drei Milliarden Kaffeebecher landen pro Jahr in Deutschland in der Abfalltonne oder auf der Straße. In Berlin allein verwandeln sich täglich 460.000 coffee-to-go- Becher zu Müll. Jede Stunde neu wird in diesem Land aus 320.000 Wegwerf-Kaffeebechern getrunken. Guten Appetit auch. Kaffeebecher sind innen mit Kunststoff beschichtet, die bei Kontakt mit heißer Flüssigkeit, Weichmacher an das Getränk abgeben. Die chemische Industrie stellt über 100.000 verschiedene Weichmacher her, von denen die wenigsten auf ihre Wirkung getestet sind. Amerikanische Forscher fanden heraus, dass Schwangere mit einem hohen Weichmacheranteil im Urin, ein erhöhtes Risiko für eine Frühgeburt haben.

Bei Geschlechtsorganen männlicher Babys kann es zu Fehlbildungen kommen. Für viele Paare bleibt der Kinderwunsch ein Wunsch, weil Weichmacher ähnlich wie die Anti-Babypille, hormonell wirken und sich zudem durch deren Einfluss die Fruchtbarkeit der Spermien reduziert. Weichmacher sind in Kunststoff nicht gebunden und dünsten mit der Zeit aus. Spätestens wenn der Kunststoff brüchig ist, ist auch der Weichmacher raus. Im Körper kann man sie dann durch Urin- und Blutproben nachweisen. Im Alltag könnten wir der Gefahr entgehen, wenn wir uns Stück für Stück von Plastik befreien. Plastik steckt fast überall: in Spielzeug, Haushaltsgegenständen (z.B. Tupper-Ware), Verpackungen, Möbel.

Der Staat Ruanda geht mit gutem Beispiel voran und hat Plastiktüten verboten. In der EU wurden die EU-Mitgliedstaaten durch eine Änderung der Verpackungsrichtlinie verpflichtet, den Verbrauch von Kunststofftragetaschen bis Ende 2019 auf maximal 90 Stück pro Einwohner und Jahr und bis Ende 2025 auf 40 Stück pro Einwohner und Jahr zu reduzieren. In Deutschland sind es gegenwärtig etwa 45 Stück, somit 3,6 Mrd. Plastiktaschen jährlich. Ein Blick in unsere Abfalltonne könnte eine Offenbarung in vielerlei Hinsicht sein. Was produziere ich eigentlich an Müll und wie gehe ich damit um? Werfe ich achtlos alle „Abfälle in eine Tonne, oder raffe ich mich auf und beginne, mir über meine eigenen Stoffkreisläufe Gedanken zu machen?

Der erste Schritt wäre ein konsequentes Trennen der Wertstoffe, denn nichts anderes ist unser Müll. Ein wertvoller Rohstoff, der diejenigen, die das verstanden haben, reich macht. Ob es die Müllverbrennungsanlagen-, oder die Müllsortieranlagenbetreiber erfreut, Müll ist längst ein Milliardengeschäft, dass nur funktioniert, weil Gleichgültigkeit und Bequemlichkeit es nähren. In Taiwan sind sich die Konsumenten ihres Status als Wertstofflieferant sehr bewusst. Dort wird der zweitgrößte Fernsehsender des Landes allein durch Spenden finanziert, die die Fernsehzuschauer aus dem Sammeln von Wertstoffen erwirtschaften. In Berlin dagegen könnte man an der Wegwerfgesellschaft verzweifeln.

 

Ein Blick in die Mülltonnen kommt einem Blick in das Unterbewusstsein der Berliner gleich. Ist es Faulheit, Unwissen oder einfach nur Ignoranz? Was ist da mit mir passiert, dass es mich nicht die Bohne interessiert, was ich da in die Hausmülltonne werfe? Wertstofftrennung im großen und ganzen Fehlanzeige. Das Wissen um die Endlichkeit der Ressourcen? Fehlanzeige. Umweltschutz? Fehlanzeige. Noch extremer scheinen es die Gastronomiebetriebe zu praktizieren. Flaschen, Zeitungen, Verpackungen, überschüssige Lebensmittel vom Vortag. Alles wandert ungefiltert in die Mülltonne. Hier könnte der Gast korrigierend eingreifen, indem er einen Blick in den Hinterhof wirft und entscheidet, ob er auf den Bewertungsportalen eine positive Notiz, oder eine Kritik über das Umweltverhalten dieses Restaurants vorbringt.

Noch sind die gängigen Portale für derlei Sachverhalte nicht ausgelegt. Kriterien, mit welchem Grad die Umsetzung einer Gemeinwohlbilanz erfolgt, oder das Anlegen eines Klimaprofils, sind noch nicht vorgesehen. Ich bin mir allerdings sehr sicher, dass in absehbarer Zeit diese zusätzlichen Qualitätsmerkmale Beachtung in der Gastronomie und in der Entscheidungsfindung des Gastes eine große Rolle spielen werden.

 

 

Die Müllstrudel in den Meeren haben ihren Ursprung in den Flüssen und Seen im Landesinneren

Plastikmüll in Gewässern ist auch vor der Haustür Realität. Es reicht ein Spaziergang an den Wannsee in Berlin. Dort, am Uferbereich finden sich unzählige Plastikteile, auch im Wasser. Was sich unter Wasser verbirgt, kann man nur ahnen.

 

Der bittere Witz ist, dass die Uferzone am Berliner Wannsee zur Trinkwassergewinnung herangezogen wird und einen besonderen Schutzstatus genießt.

 

Es geht auch anders.

Beispiel: Statt einen ausrangierten Bürostuhl einfach zu „entsorgen“, kann man ihn auch zerlegen und die einzelnen Wertstoffe (Stahl, Hartplastik, Weichplastik, Holz, Textil) trennen. Wäre das ein Thema für den Schulunterricht? Wie recycle ich einen Bürostuhl, einen Computer, ein Elektrogerät richtig? Wie kann ich solche Gegenstände fachgerecht zerlegen und in die einzelnen Wertstoffe trennen?

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