Von Jörg Engelsing

Zu unserer wirklichen Individualität zu kommen, vom oftmals domestizierten Schmusekätzchen zum freien, kraftvollen Löwen oder Tiger, ist ein Weg in absolutes Neuland. Niemand vor uns ist genau diesen Weg gegangen. Es gibt zwar grundsätzliche Wegweiser, die man in Büchern, spirituellen Lehren oder bei lebenden Vorbildern finden kann, aber für jeden ist der Weg immer wieder neu – in jedem Moment. Das Nichtwissen darüber, wo das Leben uns hinführen will, gilt zwar für jeden Menschen, aber insbesondere für diejenigen, die die ausgetretenen Pfade unserer Gesellschaft verlassen. Die nicht gleich Antibiotika nehmen, wenn sie eine Entzündung haben, sondern erstmal einen Heilpraktiker aufsuchen. Die selbst nach Lösungen graben. Die bereit sind, Angst, Verzweiflung, Enttäuschung und Schmerz auszuhalten und nicht gleich versuchen, diese Gefühle wegzudrücken.

Es ist ein Weg des Vertrauens, denn es ist ein Weg ins Unbekannte. Ohne Vertrauen geht gar nichts. Am Anfang ist da noch sehr wenig Vertrauen, aber die Herausforderungen sind auch noch nicht so groß. Trotzdem gehen wir den Weg mit wackeligen Knien, klopfendem Herzen und oft einem Knoten im Bauch. Immer wieder stellen sich dabei, wenn wir Blockaden gelöst haben und die Energie kurze Zeit wieder frei fließen kann, Glücksgefühle ein und Visionen, wie das Leben aussehen könnte, wenn wir wirklich zu dem geworden sind, wie wir gemeint sind.

Leider verblassen diese Gefühle und inneren Bilder schnell wieder, aber sie hinterlassen positive Spuren ins uns, kleine Samen, die irgendwann einmal aufgehen werden. Mit der Zeit wächst zwar das Vertrauen in diesen ganzen Prozess, aber auch die Herausforderungen nehmen zu. Ich habe das Gefühl, dass das Maß an Mut, das für den nächsten Schritt erforderlich ist, irgendwie immer gleich bleibt. Erst, wenn die Liebe den ganzen Prozess spürbar lenkt, wird es wohl entspannter und angenehmer. Ohne das Geschenk, diese Liebe zumindest ein einziges Mal in ihrer vollen Intensität erlebt zu haben, hätte ich selbst wohl längst aufgegeben. Denn der Tritt des Leidens in den Hintern ist zwar nötig, aber ohne die Zugkraft des Göttlichen einfach nicht ausreichend. Ich glaube, trotz aller Individualität sind wir da doch alle recht ähnlich, oder?

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