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Es gibt mittlerweile viele sinnvolle Vorschläge für ein bewusstes Wirtschaften, das Menschen und Umwelt in den Mittelpunkt stellt: Gemeinwohlökonomie, Postwachstumsökonomie, Integrales Business, Holacracy – es ist an der Zeit, Wirtschaft neu zu denken und zu organisieren. Da Wirtschaft aber immer von Menschen gemacht wird, ist es nahe liegend, dass neue Strukturen und Systeme nur dann erfolgreich sein können, wenn wir Menschen uns auch persönlich entwickeln. Was also ist zu tun?

Laut neuesten Erkenntnissen der Hirnforschung sind die förderlichen Bedingungen für die Nutzung und Entwicklung der Potenziale unseres Gehirns vor allem Verbundenheit, Wachstum und Gestaltbarkeit. Zugehörigkeit und Verbunden-Sein in Netzwerken und Teams sind menschliche Grundbedürfnisse, ohne deren Erfüllung erfolgreiche Veränderung und neues Lernen im Gehirn blockiert werden. Auch hinsichtlich unserer Entwicklung sind die Neurowissenschaften sehr deutlich: Begeisterung, emotionale Beteiligung und Sinnerleben entstehen dann, wenn wir Abläufe und Projekte selbst kreativ mitgestalten können. Wenn wir uns unsere Herausforderungen selbst wählen und daran wachsen können, werden im Hirn die Botenstoffe ausgeschüttet und die Areale vernetzt, die wir brauchen, um unsere Potenziale zu entfalten.

Zudem verfügen erfolgreiche Organisationen und Unternehmen meistens über eine gute Feedback-Kultur, die Klarheit, Integrität und Verbundenheit fördert. Dadurch wissen die Menschen, wie die anderen über sie denken, kennen ihre individuellen Stärken und ihre Herausforderungen.

Für Führungskräfte bedeutet das ein neues Anforderungsprofil. In den Unternehmen der Zukunft werden Führungskräfte zunehmend mehr zu Coaches für die individuelle und kollektive Potenzialentfaltung ihrer Mitarbeiter. Intuition und Empathiefähigkeit sind dafür ebenso wichtige Schlüsselqualifikationen wie kommunikative und soziale Kompetenz.

Beispielhafte Unternehmen

Als ich für ein Kommunikationstraining zum ersten Mal das Softwareunternehmen NewTec betrat, war ich begeistert: Im Erdgeschoss stand ein Tischfußballspiel, an dem sich gerade vier junge Ingenieure engagiert die Bälle zuspielten. Die Hälfte der ersten Etage bestand aus einer Cafeteria, in der sich die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bei Bedarf entspannen und austauschen können. Das expandierende Unternehmen kommt mit flachen Hierarchien und vernetzten Kompetenzteams den Anforderungen seiner kreativen Mitarbeiter stark entgegen. Um hier arbeiten zu können, sind viele Mitarbeiter mit weitaus weniger Gehalt zufrieden als sie in größeren und anonymeren Unternehmen verdienen könnten.

Das Beispiel NewTec zeigt die gewachsene Wertschätzungskultur auch als Frucht einer intensiven Arbeit im Führungskreis mit kontinuierlichem Coaching, eingebettet in einen mehrjährigen integralen Veränderungsprozess.

 

Unser soziales „Gen“

Möchten Menschen eigentlich kooperieren? Die Antwort von Marshall Rosenberg, dem Begründer der gewaltfreien Kommunikation, ist eindeutig. Laut Rosenberg haben Menschen den natürlichen Impuls zum Wohle anderer Wesen beizutragen, sofern ihre eigenen Grundbedürfnisse erfüllt sind. In jahrzehntelanger Arbeit mit Menschen verschiedenster Kulturen ist Rosenberg zu dem Fazit gekommen, dass es sogar die größte Erfüllung für Menschen bedeutet, beizutragen und miteinander zu kooperieren.

Die für die Menschheit anstehenden Aufgaben erfordern allerdings nicht nur diese Kooperationsbereitschaft, sondern auch den Mut, sich in unbekannte Gebiete vorzuwagen. Sobald wir uns aber entscheiden, uns aktiv weiterzuentwickeln, drängen persönliche Ängste und Blockaden mit Macht in unser Bewusstsein. Dazu der spirituelle Lehrer Craig Hamilton: „Wenn es nicht unbequem ist, ist es wahrscheinlich keine Evolution. Da Evolution bedeutet, sich in neue Gebiete des Selbst zu bewegen, wird sie stets von einem gewissen Maß an Unbequemlichkeit begleitet. Unglücklicherweise sind wir zutiefst konditioniert, dass Unbequemlichkeit etwas Negatives sei, und so versuchen wir sie zu vermeiden. An vorderster Stelle der Evolution zu leben, bedeutet bereit zu sein, diese „Wachstumsschmerzen“ zu umarmen, um ein Leben fortwährenden Wachstums und fortwährender Entwicklung leben zu können“.

Wenn wir den Mut zur eigenen Transformation mit dem Erschaffen einer Potenzialentfaltungskultur verbinden, können wir die Fähigkeiten entwickeln, die wir so dringend benötigen, um den anstehenden Wandel zu vollziehen: Radikale Selbstverantwortung und kollektive Intelligenz.


Abb. : © Andres Rodriguez – Fotolia.com

4 Responses

  1. Christel Himmelreich
    Eine Neue Wirtschaft ist möglich!

    Wirkliche Potenzialentfaltung bedeutet, dass wir die Bereitschaft haben, uns weit über das Vorhandene hinaus zu entwickeln – also Neuland betreten. Die meisten betreiben Potenzialentfaltung, indem sie das Bekannte perfektionieren. Wirkliche Potenziale ist jedoch die Integration unbekannter, bisher nicht genutzter Seinsbereiche, die sowohl unser Denken, als auch unser Fühlen und Sein revolutionieren. Diese Entfaltung ermöglicht dann das gemeinsame Erschaffen eines neuen Marktes, unter vollkommen neuen energetischen Voraussetzungen und die Inklusion des alten Marktes.

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  2. Tim

    Das Unternehmensbeispiel ist auch sehr unglücklich gewählt, weil – ich zitiere von der Firmen-Website:

    „Die NewTec GmbH ist Spezialist für Beratung und Entwicklung sicherheitsrelevanter Systeme. Unseren Fokus legen wir dabei auf die Branchen Medizintechnik, Avionik, Verteidigungstechnik und Automotive/Transportation.“

    …Verteidigungstechnik… Wie passt das zu dem im Artikel angesprochenen „sozialen Gen“ und der „Kooperationsbereitschaft“??????

    Vorbildhafte Unternehmen gibt es, aber man muss schon sehr genau hinschauen… Ein Beispiel wäre http://www.sonett-online.de/

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  3. WellenbeobachterHH

    Unternehmen in denen junge, trendige Leute in Kreativ-Etagen großer Konzerne Einzug hielten und während der Arbeitszeit Tischtennis spielten, um in einem spielerischen Umfeld Ideen der Marketing- und Produktdesign Abteilungen unkonventionell einfließen zu lassen, gab es bereits in den 90er Jahren des Neoliberalismus. Das an sich ist tatsächlich nicht entscheidend, sondern kann genauso gut/schlecht den Profiten einer Marktwirtschaft dienen.

    Der Unterschied besteht in der bewussten Selbstreflexion, in welchen kategorialen Formen man sich vergesellschaftet und handelt. Das ist bei weitem nicht so einfach, da man sich dazu vom Konsumdenken und vom Wertschöpfungsprinzip verabschieden müsste. Und selbst wenn man das begriffen hat, steht noch die Frage im Raum, wie man das umsetzen kann…? Wie hat Adorno doch so schön formuliert:

    „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.“

    Immerhin gibt es aber schon Konzepte, wie man das angehen könnte:

    http://www.hh-violette.de/wp-content/uploads/2013/06/Wirtschaftskonzept_Landesverband-Hamburg_2013.pdf

    Die zeit dafür wird langsam reif…

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  4. Kristina

    dein „beispielhaftes Unternehmen“ hört sich fast wie ein Knast an, wo man mit Unbequemlichkeiten und Unterbezahlung zufrieden sein muss und wo ein Tischfußballspiel und Cafeteria zum Highlight erklärt werden.
    Wie passt das zusammen, dass wir in einem Hightech-Land leben und Maschinen samt Elektronik für die ganze Welt produzieren (um so bequem und frei wie möglich zu leben), aber selbst auf alles verzichten sollen und schuften sollen, fast wie in einem Entwicklungsland ?

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