Im Glauben, getrennt vom Ganzen zu sein, erzeugt unser Ego eine individuell gefärbte Realität, ein Weltbild, das davon geprägt ist, dass das Ich sich gegen den Rest der Welt behaupten und vor den Schrecken der Existenz schützen muss. Diese Eigen-Schöpfung ist äußerst leidvoll und erschöpfend. Erst wenn wir diesen Egotunnel verlassen haben und die Wirklichkeit jenseits dieses verengten Fokus erkannt haben, sind wir bereit für eine neue Schöpfung, deren Eckpfeiler Einheit, Liebe, Mitgefühl und Glückseligkeit sind.

Von Ludmilla und Roland

Vor der Realisation unseres Selbst – auch Erleuchtung genannt – sind wir identifiziert mit unserem Körper, unserem Selbstbild und unserer Person als getrenntes Wesen. Wir sehen die Welt als einen von uns unabhängigen Ort, als eine gegebene Umgebung, in die wir hineingeboren werden. Wir erleben uns als eigenständige, handelnde Wesen und schreiben unser Handeln unserer Person zu. Im Allgemeinen merken wir gar nicht, dass wir uns in einer Art Egotunnel befinden und dass wir permanent nur einen ganz kleinen Ausschnitt der Ganzheit sehen. Wir denken, dass das, was wir wahrnehmen, die Realität ist und dass sie wohl auch für andere gilt.

Der Egotunnel charakterisiert sich eben dadurch, dass wir ihn gewöhnlich gar nicht wahrnehmen. Manchmal stößt man vielleicht auf einen Menschen mit einem drastisch anderen Egotunnel, dessen Andersartigkeit uns dann ein wenig wachzurütteln vermag. Aber meist ordnen wir diese Andersartigkeit ganz schnell und automatisch mit Hilfe der Erklärungsmuster unseres eigenen Egotunnels in eben unser Weltbild ein, und es herrscht wieder Ruhe. So gibt es also kaum eine Möglichkeit, dem Egotunnel zu entrinnen und ihn aufzubrechen. Er vermittelt uns sozusagen den Eindruck von Sicherheit und den Glauben, alles im Griff zu haben.

Gelingt es uns also, unser individuelles Weltbild so zu konstruieren, dass alles dadurch erklärbar ist, haben wir kaum eine Chance, diesen unseren Blickwinkel als begrenzt wahrzunehmen. Ein geschlossenes Weltbild ist entstanden.

Wozu erschaffen wir unseren Egotunnel?

Der Egotunnel hat eine evolutionär sinnvolle Funktion. Er dient unserem Überleben und unserem Zurechtfinden in der Welt bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir uns daraus befreien. Er hat seinen Anfang in dem Phänomen, dass wir uns ab irgendeinem Zeitpunkt unserer Entwicklung als getrennt vom Rest der Welt interpretieren und uns ab dem Zeitpunkt auch so erfahren. Mit diesem Irrtum des Intellekts startet die Verengung unseres Sichtfeldes und unseres Erlebens. Ab jetzt heißt es: ich und die Welt, oft auch: ich gegen die Welt und die Welt gegen mich. Leben ist dann nicht mehr Hingabe, Vertrauen und Genuss, sondern wird immer mehr zu einer Gefahr und Bedrohung.

Ab dann geht es darum, unser Leben zu schützen, Sicherheiten aufzubauen, die Welt so zu bauen und uns in der Weise dort hineinzustellen, dass wir überleben. Möglichst gut überleben. Manchmal auch nur irgendwie überleben. Der vollständige Glaube an das Getrennt-Sein ist Basis einer sich individuell gestaltenden, sehr begrenzten Weltund Selbstsicht, an der wir dann festhalten. Der Egotunnel wächst und manifestiert sich entlang unserer Erfahrungen und erzeugt in uns ein Gefühl von Sicherheit. Je mehr Unangenehmes wir erfahren – und in Zukunft vermeiden wollen –, desto stärker bauen wir gewöhnlich unsere Schutzfunktionen aus. Und müssen immer rigider daran festhalten, um jeden Moment unser Überleben zu sichern, müssen das Leben mit Gedanken, Gefühlen und Handlungen kontrollieren, damit uns nicht wieder etwas Schlimmes passiert – so zumindest glauben wir.

Dieser Glaube und diese Anhaftung an unseren individuellen Ausschnitt der Wirklichkeit erzeugt unsere Realität, unsere Schöpfung, unsere Welt. Wir schöpfen und erschaffen permanent – hauptsächlich unbewusst – gemäß unserem Egoausschnitt. Der individuelle Egotunnel ist damit maßgeblich beteiligt an der Erschaffung unserer Lebenssituationen.

Self-fulfilling Prophecy. Wir erschaffen im Rahmen dessen, was wir glauben. In dem Sinne sind wir Schöpfer. Unsere unbewussten Intentionen haben weitaus mehr Macht als unser bewusstes Wollen. Unser bewusstes Wollen und Nicht-Wollen ist jedoch auch gespeist aus unseren unbewussten Teilen – Angst, Bedürftigkeit, Wut, Hass, Einsamkeit, Gier usw. – , sodass wir oft das Gegenteil wollen von dem, was uns im Sinne einer Heilung und Ganzwerdung gut tun würde. Lenken wir unsere Aufmerksamkeit auf die tiefen Schichten unseres Unbewussten, die diese „Störimpulse“ aussenden, und arbeiten wir mit verschiedensten Methoden daran, können wir tatsächlich unsere Lebenssituationen verändern und auch verbessern. Wir können uns jedoch allein auf diese Weise nicht aus dem festen Griff unseres Egotunnels befreien.

Gibt es eine Befreiung aus dem Egotunnel?

Ja, es gibt eine Befreiung. Es gibt einen Bezugsraum außerhalb des Egotunnels, und nur ein Eintauchen in diesen Raum kann uns befreien. „Erwachen“ ist nichts anderes, als in einem Moment von Einsicht aus diesem Egotunnel herauszutreten und die Realität zu erkennen, unser wahres Selbst. Das Erkennen der Realität sprengt den Egotunnel und hinterlässt uns in einfachem SoSein. Und dies ist nicht die Realität, die wir vorher dafür gehalten haben, sondern es ist eine absolute Realität, ohne die Muster und Einordnungsschemata, die wir vorher benötigten, um unser vermeintliches Überleben zu sichern. Es ist jenseits jeglicher Weltbilder. Alles fällt ab, was Begrenzung erschaffen hat. Bei dieser Realisation unseres wahren Selbst erfahren wir, dass wir nicht essenziell diese getrennte Person sind. Wir erkennen uns als reines Sein, Bewusstsein, Präsenz (und wenn wir dann unser Herz öffnen, auch als Liebe und als Glückseligkeit), wir erkennen uns als das, worin alles erscheint, als unbegrenzt und unsterblich. Und wir erkennen, dass wir in jedem Moment die Erscheinung der Welt sind und sie erzeugen. Wir erkennen, dass alles, was erscheint, dieses eine Bewusstsein ist und dass es gar nichts anderes gibt als DAS. Uns SELBST (nicht gleichzusetzen mit der Person, für die wir uns gehalten haben!).

Und was kommt dann?

Mit der Realisation des Selbst beginnt ein Prozess der Transformation. Unbewusste Anteile kommen ins Bewusstsein und werden integriert. Der Körper baut sich um, das Nervensystem kommt zur Ruhe, die Sinne verfeinern sich, die Wahrnehmung des Lebens verändert sich. STILLE macht sich breit auch während der Aktivität, sodass immer mehr die Wahrnehmung entsteht, dass NICHTS geschieht. Die Realisation des Selbst vertieft sich zunehmend und durchdringt alle Ebenen des Seins. So werden verschiedene Phasen von „Vertiefung“ durchschritten, die unterschiedliche Wahrnehmungen des Lebens und deines Seins zur Folge haben. Das Selbst, die absolute Realität verschlingt jegliche verzerrte Annahme und Unwissenheit über dich selbst und die Welt und hinterlässt dich letztendlich in der Wahrnehmung und Erfahrung des einfachen So- Seins. Du bist unbegrenzt, still und unsterblich, du bist Liebe, Mitgefühl und Glückseligkeit. Dein Körper, deine Person taucht als Erscheinung in DIR auf und du Selbst als das EINE (nicht die vermeintlich eigenständige Person) bist der Handelnde. (Dies ist auch schon vor dem Erwachen der Fall, aber es wird als solches nicht erfahren, da der Egoschleier darüber liegt).

Wie kommen wir zur Realisation des Selbst?

Dieser eine Moment, der deine begrenzte- Ich-Identifikation tatsächlich und vollständig auflöst, geschieht, wenn die Zeit dafür in dir reif ist, wenn du wahrlich aus dem Impuls der Liebe heraus Befreiung beabsichtigst und bereit bist, alles dafür hinzugeben. Deine Seele kennt den Moment, und er mag dir sogar gänzlich unbewusst sein. Doch kannst du vorher schon einiges tun. Allein das Wissen um den Egotunnel und die vermeintliche Allgemeingültigkeit der Erscheinungen ist schon der erste Schritt, dein Weltbild und deine Identifikation ins Wanken zu bringen. Doch dann ist es wichtig, deine jetzige Realitätsempfindung zu würdigen und sie zu nutzen, dich zu dir selbst zurückzugeleiten. Dies ist möglich, wenn du deinem tiefsten Lebenswunsch folgst. Das, was dich zutiefst erfüllt, ist dein Wegweiser zu dir selbst.

Dieser Lebenswunsch ist dein Inkarnationsgrund, der dich letztendlich immer nach Hause zurückbringen will, um dann dort zu erkennen, dass du nie weg warst. Solange du dich also selbst als „jemanden“, als ein „Ich“, als eine bestimmte „Person“ erfährst mit Selbstbildern, Attributen und klaren Beschreibungen, solange solltest du eben diese Person würdigen, sie anerkennen (optimal: bedingungslose Selbstliebe), als das, was im jetzigen Moment deine Realität ist. Und darin steckt eine große Chance und Freude. Sei ganz diese Person, mit all deiner Aufmerksamkeit, Bewusstheit und Liebe, und erforsche und verstehe sie ganzheitlich auf allen Ebenen, ein Verstehen mit Herz, Kopf und Körper. Du wirst sehen, wie Lebendigkeit einkehrt und eine bunte Vielfalt von Gefühlen, Emotionen und Empfindungen dein Sein bereichert.

Sei jedoch hellwach und gewahr, um dich nicht in den Auswirkungen der Geschichten der Vergangenheit zu verstricken und dich darin zu verlieren. Lebe wachsame Hingabe und lass dir nichts entgehen über dich selbst. Erforsche dich selbst, Schicht für Schicht. Unwissenheit verhindert SELBSTerkenntnis und SELBSTerkenntnis löscht alle Unwissenheit.

Die Schöpfung, die Welt nach dem Erwachen

Nach dem Erwachen werden im Lichte unseres Selbst unsere Automatismen, Gewohnheiten und Prägungen aus der Vergangenheit – in dem Moment, wenn sie im Alltag auftauchen – sofort durchschaut. Wir sind nun nicht mehr Sklave dieser Muster und erschaffen somit augenblicklich eine andere Schöpfung. Im Selbst gegründet findet jetzt das Handeln statt.

Eine von unserem Egotunnel befreite Schöpfung, die immer der Ganzheit dienlich ist. Jetzt begreifen wir, dass wir Schöpfer dieser Ganzheit sind. Der Eindruck eines abgetrennt Handelnden fällt weg. Das Motiv der Handlung fällt weg. Wir werden uns dieser Macht wieder gewahr, die wir irgendwann abgegeben haben, in dem Irrglauben, dass wir getrennt von all dem seien und diesem Getrennten dienen müssten für unser Überleben. In dem Irrglauben, dass wir in diese bestehende Welt hineingeboren werden. Die Welt wird vielmehr in UNS hineingeboren, und zwar so, wie wir sie intentionieren, also gemäß unserer Absichten und Zielvorstellungen – in jedem Moment. Wir sind Schöpfer und Geschöpftes zugleich. Das haben wir vergessen, weil wir vergessen haben, WER wir wirklich sind und wie das Leben funktioniert.

Wir wissen vor dem Erwachen gewöhnlich nicht, dass wir permanent alle Situationen selbst erschaffen, und zwar zunächst durch unsere unbewussten Intentionen. Wir glauben, dass wir einen Großteil unter Kontrolle haben können und rackern uns dementsprechend ab. Oft gehen wir durch eine Phase, in der wir schmerzlich erkennen, dass wir nichts unter Kontrolle haben. Nichts will gelingen. Unser Bemühen, die Dinge nach unseren Wünschen zu arrangieren, läuft ins Leere. Wenn dann Erwachen geschieht, wissen und erfahren wir, dass wir nicht getrennt sind von der Schöpfung und dass unser SEIN die Schöpfung erzeugt, die wir selber sind. Etwas scheinbar Neues bekommt dann für unser Handeln Bedeutung. Ein individuell ausgeprägter Impuls, der aus der Tiefe unseres Seins der Liebe entspringt.

Die Individualität ist allerdings jetzt nicht mehr verknüpft mit dem kleinen Egoauschnitt der Wahrnehmung der vermeintlichen Person und dient ihm auch nicht mehr, sondern ist nur noch Diener der Ganzheitlichkeit und ist reiner „göttlicher“ Ausdruck. Jeder Mensch, jedes Ding hat seinen Platz, ist ein Puzzleteil im Ganzen und das Ganze zugleich. Dein individueller Ausdruck ist wertvoll und bewirkt Wandel in der relativen Welt der Form. Dein individueller Ausdruck ist Autorität und will als schöpferischer Akt gelebt werden. Sei diese Macht und gestalte und unterstütze den Werde-Prozess im Relativen in Richtung eines „höheren“ Ausdrucksmomentes des EINEN, in Richtung der evolutionären Kraft der Liebe.

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