Immer wieder scheitern wir mit dem eigenen bewussten Wollen und erschöpfen uns mit unserer Willensanstrengung bis hin zum Burnout. Machen wir da vielleicht irgendetwas falsch? Gibt es einen anderen Weg, der uns leichter und effizienter zum Ziel führt? Franz Josef Neffe über Autosuggestion und unsere bewussten begrenzten und unsere unbewussten unbegrenzten Kräfte.

„Da pochen wir nun stolz auf unseren freien Willen und glauben Handlungsfreiheit zu haben in allem, was wir tun, und sind in Wirklichkeit nur klägliche Marionetten in der Hand unserer Vorstellungskraft. Wir hören erst auf, Marionetten zu sein, wenn wir gelernt haben, unsere Vorstellungskraft zu meistern“, schreibt der französische Apotheker Émile Coué (1857-1926) in seinem weltberühmten, in fast zwanzig Sprachen übersetzten Buch über den eigenen Einfluss auf unser Leben: die Autosuggestion. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, hat man uns immer erzählt, und man müsse nur wollen, dann geht´s schon. Wenn man aber mal eine Familie mit Kindern, die nur Wollen gelernt haben, im Kaufhaus beobachtet, kommen einem doch erste Zweifel an dieser Theorie. „Mama, ich will dies, Papa, ich will das! Ich will, ich will, ich will, ich will! Ich will aber!“

Sind das wirklich die Wege, die wir gehen wollen und brauchen, auf die man uns da „pädagogisch-psychologisch“ geschoben hat? Coué hat es immer ganz praktisch gemacht. Er sagt: „Wenn hier ein zehn Meter langer Balken auf dem Boden liegt, dann läufst du doch ganz leicht von einem Ende zum anderen.“ Dann ändert er das Experiment und sagt: „Jetzt legen wir den Balken mal in luftige Höhe zwischen zwei Kirchtürme. Nun wolle mal und lauf! Man muss doch angeblich nur wollen, dann geht’s schon.“ Warum klappt das da oben überhaupt nicht mit dem Wollen? Warum wächst da die Angst bis zur Panik und lähmt uns, wenn wir immer mehr wollen sollen? Warum steigern wir unser Nichtkönnen bei dieser von der Pädagogik so total favorisierten „Willensanstrengung“?

Coués Gesetz der das Gegenteil bewirkenden Anstrengung, auf das wir noch genauer eingehen werden, schließt uns das Problem wie die Lösung auf.

Der Antrieb unseres Handelns

Fragen wir doch zum Beispiel mal einen Dachdecker, der den ganzen Tag in luftiger Höhe ganz selbstverständlich herumläuft, weshalb er nicht herunterfällt! „Ich, herunterfallen? Das kann ich mir gar nicht vorstellen“, antwortet er. Nun, er hat keine Vorstellung für Herunterfallen, deshalb muss er oben bleiben. So einfach ist das. „Nicht der Wille ist der Antrieb unseres Handelns, sondern die Vorstellungskraft“, hat es Coué auf den Punkt gebracht. Ist es nicht hoch auffällig, dass wir alle so extrem auf den Willen, der immer in die Erschöpfung und Blockierung der Kräfte führt, konditioniert wurden und dass wir über die Vorstellungskraft, mit der man seine Kräfte so faszinierend einfach stärken, zum Wachsen bringen und lenken kann, meist gar nicht oder falsch informiert wurden?

Wenn wir uns Coués Lebenserfolg genau anschauen, wird schnell verstehbar, warum man ihn unbekannt gemacht und gehalten hat: In den 1910er/20er Jahren kamen jährlich zehntausende Hilfesuchende aus aller Welt mit ihren Leiden, wo oft schon jahrelang niemand hatte helfen können, nach Nancy in Coués unentgeltliche, öffentliche Sitzungen. Weltweit wurden die über erstaunlichsten Erfolge berichtet. „Ich habe nie jemand geheilt“, sagte Coué den Leuten. „Die Kräfte, die Sie mir zuschreiben, müssen Sie bei sich selber suchen.“ Und er setzte noch eins drauf: „Wenn ich Sie in dem Irrtum lasse, dass ich es bin, der Sie gesund macht, dann mindere ich Ihre Persönlichkeit.“

Welchen Therapeuten kennen Sie, der über sich und sein Verhältnis zu den Betroffenen so deutlich die Wahrheit gesagt hat? Das erinnert mich an einen wichtigen Satz des Allgäuer Bauern Dieter Dorn mit seiner „sanften Hilfe für den Rücken“ ein gutes dreiviertel Jahrhundert später: „Der Patient ist der Therapeut; ich bin nur sein Helfer.“ Genau darum ging es bei Coué.

Unbegrenzte unbewusste Kräfte

Mit kleinen Experimenten zeigte Coué den Leidenden, dass sie mit dem Wollen keine Chance haben, solange sie sich nicht um ihre Vorstellungskraft kümmern: Er ließ sie zum Beispiel die Hände verschränken und dann eine Minute lang sehr schnell wiederholen: „Ich kann meine Hände nicht öffnen. Ichkannicht Ichkannicht Ichkannicht Ichkannicht Ichkannicht Ichkannicht Ichkannicht …“, so schnell, dass kein anderer Gedanke mehr dazwischen Platz hat. Dann wird dieser eine Gedanke zu unserer einzigen Wirklichkeit. Die Leute, die das genauso gemacht hatten, staunten dann, dass sie ihre Hände nicht mehr auseinanderbrachten – und wenn sie sich noch so sehr dafür anstrengten. Und Coué kommentierte lächelnd: „Wer so gut denken kann wie Sie, der sollte nie denken: Ich kann nicht!“

Natürlich kennen wir noch viele weitere Beispiele, die uns Coués Gesetz der das Gegenteil bewirkenden Anstrengung bestätigen: Je mehr man sich an etwas erinnern möchte, umso weniger fällt es einem ein. Je mehr man einem Hindernis ausweichen möchte, mit umso stärkerer Macht zieht es einen an. Je mehr man einschlafen will, umso wacher wird man usw. Unsere bewussten Kräfte, auf die wir alle durch Pädagogik konditioniert sind, sind extrem begrenzt. Der Weltrekord für Maßkrugstemmen – mit ausgetrecktem Arm halten – liegt bei 42 Minuten und ein paar Sekunden, dann geht der Arm runter und es prägt sich das Endergebnis tief ein: „Ich kann nicht mehr!“ Es endet also ausnahmslos jeder dieser Weltrekordversuche mit unseren so extrem begrenzten bewussten Kräften mit diesem prägenden Misserfolg.

Warum schauen wir niemals auf die unbegrenzten unbewussten Kräfte, die ein Leben lang unser Leben ermöglichen und lenken? Hat man uns daran stets vorbeischauen gelehrt, damit wir nicht entdecken, dass wir unser Leben selbst lenken könnten, wenn wir es verstanden haben?

Beschränkter Zugriff

In weiser Voraussicht hat unser Schöpfer offenbar alle lebenswichtigen Funktionen dem direkten Zugriff durch unseren beschränkten, eitlen, großteils fehlinformierten bewussten Verstand entzogen. Wenn wir damit auch nur unsere Verdauung steuern müssten, hätten wir keinerlei Überlebenschance. Unser Leben wird im Unbewussten gesteuert – ohne unseren Verstand. Einfluss auf unsere Lebenskräfte bekommen wir erst, wenn wir all den Unfug loslassen, den man uns – offenbar zur Ablenkung davon – beigebracht, vermittelt, eingetrichtert …. hat. Es sind die Kräfte des Geistes, die im Unbewussten unser Leben lenken. Die lassen sich weder nötigen und unter Druck setzen noch austricksen. Geist kann und weiß alles. Wenn wir von ihm was wollen, müssen wir unsere Herrschaftsallüren beenden und uns seiner beDIENEN lernen.

Grobe, plumpe Manipulationsversuche haben gegen Geist keine Chance. Mit unserem so extrem begrenzten bewussten Verstand können wir immer nur einen einzigen Gedanken auf einmal denken; mehr hat darin nicht Platz. Nun besteht der Mensch aber aus bis zu hundert Billionen Zellen und an jede einzelne dieser Zellen ist in jedem Augenblick gedacht. Wie konnten wir uns nur von den gigantischen Möglichkeiten, die der Geist in unserem Unbewussten bereithält, so lange so gründlich abbringen lassen? Und nicht nur abbringen, sondern auch noch in die verkehrte Richtung schicken lassen, wo wir durch immer mehr Anstrengung unserer so arg kleinen bewussten Kräfte nur immer noch angestrengter und erschöpfter und ohnmächtiger werden – durch uns selbst! Wir strengen uns an und wundern uns, dass wir angestrengt sind. Wir geben uns Mühe und wundern uns, dass wir sie dann auch bekommen. Wir lassen nicht locker und wundern uns, dass wir in der Folge verspannt sind – und immer mehr Masseure & Co. freuen sich, dass wir so viel für sie tun.

Alles verkehrt beigebracht

Es ist wie in Andersens Märchen von des Kaisers neuen Kleidern: Keiner traut sich, die Wahrheit auszusprechen: dass man uns alles verkehrt hat! Und dass wir infolgedessen meist alles verkehrt machen. Alle haben Angst, dass jemand sagen könnte: „Du taugst nicht für dein Amt!“ Und so machen wir alle ständig mit bei diesem „Du-musst-nur-wollen-Unfug“. Dabei könnte uns ein simpler Blick ins Herkunftswörterbuch erlösen: WOLLEN kommt von WÄHLEN. „Ich will essen“ bedeutet: „Ich wähle, zu essen.“ Von 1mal Wählen + 1mal Essen wird man satt. Von mehr und stärker und fester usw. Wählen kommt man nicht zum Essen und wird immer hungriger. „Sätze, die mit ´Ich will´ beginnen“, sagte Coué, „enden gewöhnlich mit: `ich kann aber nicht.´“

Der Apostel Paulus schreibt im Römerbrief 7, 19: „Das Gute, das ich will, tue ich nicht, aber das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ Coué hätte Paulus gut helfen können. Er zeigt, dass unser Wollen keine Chance hat, wenn es nicht mit dem übereinstimmt, was wir uns vorstellen, und dass sich unsere Wirkungen und Chancen geradezu vervielfachen, wenn unser Wollen und unsere Vorstellungskraft in dieselbe Richtung wirken. Coué zeigt, wie einfach wir uns vom Erleider zum Gestalter unseres Lebens wandeln: „Um die Vorstellungskraft zu lenken, ist nur zweierlei nötig: Erstens muss man wissen (und das wissen die wenigsten), dass so etwas möglich ist, und zweitens muss man das Mittel kennen, mit dem man es zuwege bringt. Dieses Mittel ist ganz einfach. Ohne es zu wollen, im Dunkel des Unbewussten, wenden wir es seit unserem ersten Lebenstag tagtäglich an; durch falsche Anwendung gereicht es uns leider oft zum größten Schaden. Dieses Mittel ist die Autosuggestion.“

Autosuggestion

Laut Wikipedia versteht die Psychologie unter Suggestion „eine Beeinflussungsform von Fühlen, Denken und Handeln… Es wird unterschieden zwischen Autosuggestion und Heterosuggestion, also der Beeinflussung durch sich selbst oder durch andere“. Autosuggestion ist sehr viel mehr als eine angelernte Mentaltechnik. Jeder Gedanke, den wir öfters als einmal denken, ist Autosuggestion. Sie ist die Selbstbestimmung unseres Lebens mit unserer inneren Stimme. Wir sollten – zu unserem größten Nutzen – alle lernen, mit unserer Stimme unser Leben zu bestimmen, bis es stimmt. Dafür sind keine geistigen Verrenkungen nötig. Wenn wir unsere Kräfte für ein neues Leben umstimmen wollen, sollten wir zu ihnen und uns sprechen wie zu einem Freund. Dabei dürften viele entdecken, dass sie bislang alle anderen besser behandelt haben als sich selbst. Noch einmal Wikipedia: „Autosuggestion ist der Prozess, durch den eine Person ihr Unbewusstes trainiert, an etwas zu glauben. Dies wird erreicht durch Selbsthypnose oder wiederholte Selbst-Affirmationen und kann als eine selbstinduzierte Beeinflussung der Psyche angesehen werden. Die Wirksamkeit der autosuggestiven Gedankenformeln kann durch mentale Visualisierungen (Imagination) des angestrebten Ziels erhöht werden. Bei der Autosuggestion wird derselbe formelhaft umrissene Gedanke über längere Zeit in Form mentaler Übungen wiederholt, bis er zum festen Bestandteil des unbewussten Denkprozesses geworden ist. Dies geschieht oft in Kombination mit Entspannungstechniken … Die Lehre der Autosuggestion wurde von dem französischen Apotheker Émile Coué im 19. Jahrhundert begründet. Er bemerkte, dass die Wirkung der Medikamente, die er seinen Kunden gab, davon beeinflusst wurde, mit welchen Worten er sie ihnen überreichte. Aus dieser Beobachtung entwickelte er den Gedanken, dass jeder Mensch sein Wohlbefinden steigern könne, indem er sich selbst Suggestionsformeln vorsagt.“

Author: Oliver Bartsch

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