Zen & Movements: Über die essentielle Notwendigkeit, Körper und Geist durch Bewegung für die tiefe Meditation zu öffnen.

von Christina Stuckert

Seit Anfang der 1990er Jahre praktiziere ich ZaZen, eine buddhistische Sitzmeditation der japanischen SOTOZen- Richtung, auch Shamata genannt. Ich hatte das große Glück, meinem ersten Zen-Meister Bernard Poirier recht früh in meinem Leben zu begegnen. Durch ihn habe ich den Geschmack des Zen erfahren. Bernards herzliche und warme Art halfen mir über manche Schmerzen und Tränen hinweg. Sein Blick mit den großen braunen Augen war tief wie ein See, sein Lachen laut wie ein Löwe.

Ebenfalls berührten mich sein weitreichendes Wissen über den Buddhismus und die täglichen mündlichen Unterweisungen während der Meditation. Die Unterweisungen waren tiefgründig, praxisnah und alltagstauglich und sein Motto: „Ich bin nicht perfekt, aber stets präzise und aufrichtig bemüht“, lebte er mit jeder Zelle. Mit viel Humor setzte er sich über seine eigenen Fehler hinweg, ja, er stellte die Frage in den Raum: „Gibt es überhaupt Fehler?“ Wie heißt es im Zen so schön: „Kein Richtig – kein Falsch.“ Ist es nicht immer wieder ein Herantasten an die eigenen Unzulänglichkeiten: leben – erfahren – lernen – korrigieren? Bis heute höre ich Bernards Stimme: „Pas bouger – nicht bewegen!“ Heißt: Aufrecht sitzen, nicht jedem kleinen Impuls nachgeben, die Haltung nicht auflösen aufgrund von Schmerzen, sondern beobachten, atmen, vorüberziehen lassen und erfahren, wie sich Empfindungen von alleine wieder auflösen. Leider ist Bernard bereits verstorben, aber ich bin ihm sehr dankbar für die gemeinsame Zeit.

Sanfte Wellen umspulen die Insel Der Wind atmet durch mich hindurch Sitzen wie ein Berg CST

2011 verließ ich die Zen-Gemeinschaft, in der ich lange Jahre praktiziert hatte, baute an verschiedenen Orten kleine Meditations-Gruppen auf, hielt Vorträge und leitete Workshops in Seminarzentren. Ich versuchte meine Erfahrungen authentisch weiterzugeben für den Mainstream, für Menschen, die Zen kennenlernen und nutzen wollten, ohne in einen buddhistischen Kontext einzutreten. Bis zu einem bestimmten Punkt ist mir das gelungen, wurde mir aber im Laufe der Zeit zu anstrengend: Kimono und Sitzkissen einpacken, Decken, Klangschale und Räucherwerk durch halb Berlin und im Zug mitschleppen – all dies entsprach nicht mehr meinem Wunsch. Ich entschied mich, die Angebote in meine Heilpraxis zu verlagern, die ich mit folgendem Namen taufte: „Ikka No Myojo: eine leuchtende Perle.“ Hier versuchte ich das reine ZaZen in offenen Terminen anzubieten.

Ich kopierte förmlich die Vorgehensweise meines alten Kontextes. Ich kreierte ein Dojo (Meditationshalle im japanischen Zen). Mit dem linken Fuß über die Schwelle treten, im Rechteck durch den Raum laufen, Gassho (Verneigung mit gefalteten Händen), Sitzen in Stille, Gesicht zur Wand, kleine Unterweisungen, KinHin (Meditationsgang), Sitzen in Stille, Herzsutra-Rezitation: Hannya Shingyo, Gassho, mit dem rechten Fuß aus dem Dojo raustreten. Kleine Regeln für einen geordneten Ablauf. Eines Tages wusste ich: Wenn ich das so weiterführen würde, könnte ich auch wieder in meine alte Gemeinschaft zurückkehren. Ich bräuchte nicht einen derartigen Aufwand zu betreiben, wenn es doch schon klassische Zen-Dojos gibt. Ich wollte etwas anderes, sonst wäre ich wohl dort geblieben.

Bewegung ist dein natürlicher Zustand

Und da geschah eines Tages etwas sehr Interessantes. Während des ZaZens kam das Bedürfnis auf, mich zu bewegen, sanft den Kopf zu rollen, meinen Rücken zu dehnen und auch die Arme zu heben. Ich folgte diesen Impulsen. Es fühlte sich gut und erleichternd an. Es entstanden authentische Eigenbewegungen. Ich spürte, was mein Körper wollte und brauchte, und ich gab ihm Raum dafür. Das war wie ein “In-mir-Ankommen“, ein neues, mir bis dato unbekanntes Erlebnis. Ich wusste plötzlich, dass es da noch mehr zu entdecken gibt. Ich fing an zu suchen und fand zunächst das Vipassana (Einsichtsmeditation inklusive der Wahrnehmung der eigenen Empfindungen und Gefühle), die buddhistisch-somatische Körperarbeit nach Reginald A. Ray und schließlich das tibetische Heilyoga Kum Nye, was soviel bedeutet wie „Körper und Geist massieren“.

Als ich die Bücher von Tarthang Tulku, einem tibetanischen Gelehrten der Nyingma- Tradition, aufschlug, fühlte ich Ähnliches wie damals bei der Begegnung mit dem Zen: Vertrautheit. Ich besuchte mehrere Seminare bei namhaften Lehrern, experimentierte mit mir selber und entwickelte die Übungen, vor allem die Übungssequenzen, weiter. Die Erfahrungen unterrichte ich nun unter dem Namen Zen & Movements. Das Energieleitbahnensystem der TCM als Grundlage für die Übungen war und ist mir bekannt durch meine 23-jährige Tätigkeit als Shiatsu-Therapeutin, ebenfalls das Wissen über die Chakren (Energiezentren) und die Selbstmassagetechniken. Nun kamen die beiden Zauberworte Spüren und Fühlen hinzu. Es geht nicht nur darum, wie beim klassischen Zen, zu beobachten und zu atmen, sondern wahrzunehmen, zu fühlen, zu durchdringen, den Körper von innen zu durchleuchten und in den Raum auszudehnen.

Es entstehen Momente der Verbundenheit mit den Mitübenden und auch mit dem uns umgebenden energetischen Feld. Die Nichttrennung ist eine essentielle Grundlage des Buddhismus. Mit dem Konzept von Zen & Movements können wir recht schnell und tief diese Erkenntnis an uns selbst erfahren. Zen & Movements beinhaltet folgende Module im Wechsel:

• Stilles Sitzen à 25 Minuten
• Heilyogaübungen im Sitzen, Stehen, Liegen à 25 Minuten
• Nachspüren
• Selbstmassagetechniken
• Stilles Gehen im Raum und in der Natur
• Reflexion
• Theorie 

Tiefe Meditation setzt Entspannung voraus

Die Heilyogaübungen sind extrem entschleunigt und langsam. Sie haben nichts mit Sport zu tun und werden im Ablauf auch nicht korrigiert. Es geht um die Wahrnehmung von Empfindungen in diesem Moment und das Spüren jeder kleinen Veränderung durch die Atembegleitung. Wenn sich dabei eine Verspannung zum Beispiel in den Armen löst, fließt das Chi (Lebensenergie) vielleicht insgesamt freier durch den gesamten Körper, denn das eine hängt mit dem anderem zusammen. Die Übungseinheiten werden thematisch aufgebaut: Herzöffnung, Emotionen durchdringen, erkennen, wer wir sind, Körperweisheit, den Schmerz durchdringen und anderes.

Entsprechend der Themen gibt es Leitbahnen, die durch das Ü ben geöffnet, Energiezentren, die im Körper angesprochen werden und uns in letzter Konsequenz in die oben beschriebene Raumverbindung führen. Es gibt begleitende theoretische Erklärungen und spezifische Anleitungen. Diese sind aber nur Hilfestellungen auf dem Weg. Jeder Mensch ist individuell, steht an einem anderen Punkt im Leben und reagiert unterschiedlich schnell. Auch hier gilt: „Kein Richtig – kein Falsch“. Das, was sich im Moment zeigt, ist da, und was möglich ist, ist möglich. Wenn die Atmung schneller fließt und die Bewegungen dadurch schneller werden, ist das in Ordnung.

Wenn sie langsamer und intensiver werden, dringen wir in tiefere Schichten unseres Unterbewusstseins. Es wird keinerlei Druck ausgeübt, um irgendwo hinzukommen. Es gibt kein Ziel. Es geht um Selbsterforschung und ein Sich-besser- Kennenlernen. Alle Teilnehmer dürfen in ihrem eigenen Tempo experimentieren. Wenn wir aus einem stressigen, aufreibenden Alltag kommen, brauchen wir Zeit, um in die Stille einzutauchen. Daher biete ich die Sessions gerne in mindestens dreistündigen Workshops an. Hier findet sich Zeit für einen inneren Prozess.

Zen bedeutet, sich selbst zu studieren Sich selbst zu studieren, bedeutet sich selbst zu erkennen Sich selbst zu erkennen, bedeutet Eins zu werden mit den 10.000 Dingen. Meister Dogen

Ausdehnung

In die Ausdehnung zu gehen, alles wahrzunehmen, was sich gerade zeigt, in Kombination mit der Aufmerksamkeit auf die Haltung und Atmung, führt zu intensiven Phänomenen. Es können Empfindungen auftauchen wie Schüttelfrost, ruckartige Bewegungen, die kleine Traumata lösen, Wärme, Kälte, Leere, Enge oder Weite. Ebenfalls können Emotionen auftauchen wie Wut, Freude, Unlust, Ungeduld, auch Erinnerungen und Verspannungen, die wir mit etwas verbinden. Alles zeigt sich automatisch und natürlich.

Indem wir beobachten und atmen, nicht fokussieren und intuitiv unseren kleinen Bewegungen folgen, können sich sehr tiefliegende belastende Erlebnisse lösen. Manches Mal können wir auch staunen über Prozesse, die in Gang gesetzt werden. Unter der Wut liegt vielleicht die Trauer, unter der Unlust eine Erschöpfung. Dies sind individuelle Erfahrungen, die nicht vorhersehbar sind. Verspannungen sind jedenfalls immer ein Zeichen von Zusammenziehen und Verdrängen, manches Mal auch Überlebensstrategien. Bei Stress ziehen sich die Menschen tendenziell zusammen, statt weit zu werden, und hören auf tief zu atmen. Sie bemerken dabei nicht, dass ihr physischer und energetischer Wirkungskreis schrumpft – bis hin zu einer totalen Erschöpfung, um nicht in letzter Konsequenz von Burnout oder Depressionen zu sprechen. Dieser Zustand wird noch verstärkt, wenn die reine Shamatapraxis (Auf merksamkeit auf die Atmung und die Haltung) nicht richtig gelehrt oder falsch verstanden wird.

Dann bewegt sich unsere Konzentration zu stark nach innen und kann Starre statt Weichheit erzeugen. Wir konzeennnnnnnttrrriiiieeeerrrrennn uns! Das führt eher zu Kontraktionen, zu Verdichtung und teilweise unerträglichen Schmerzen. Daher nehmen wir den Vipassana-Aspekt zur Ausdehnung hinzu. Wichtig ist nur zu wissen, wo wir uns gerade befinden, damit die Ansäze nicht vermischt werden. Je nach Zustand können wir das nutzen, was wir gerade brauchen.

Schmerzen lösen sich auf unterschiedliche Art

Schmerzen lösen sich durchaus auch in der Nichtbewegung, nur dauert es erfahrungsgemäß länger, der Weg ist härter, als wenn wir den Körper mit seinen Bedürfnissen da abholen, wo er gerade ist.

In die Bewegung zu gehen bedeutet hingegen nicht, jedem kleinen Impuls sofort nachzugeben oder in Gefühle reinzufallen, sondern setzt Achtsamkeit mit uns selbst voraus, Beobachtung, Sanftheit und Geduld. Die Aufmerksamkeit auf Körper, Geist und Seele bleibt beim Sitzen und Üben genauso präsent wie beim Gehen und bei unseren Alltagshandlungen. Und genau da liegt der Sinn: Es geht um Integration in den Alltag. Wenn wir unserer Atmung bewusst folgen, auch unseren körperlichen Signalen, können wir in jedem Moment meditieren, denn Meditation ist kein besonderer Zustand, sondern einfach unser achtsamer Normalzustand. Die Leerheit Shamata in Kombination mit Vipassana und buddhistisch somatischem Heilyoga führt nach langer Übungszeit in die Leerheit: Ku. Ku umfasst alles. Die Erscheinungen im großen Ganzen und das Vergehen im großen Ganzen.

Das Auftauchen und Verschwinden der Phönomene, der ewige Wandel. Nichts ist beständig. Kein Gedanke, kein Gefühl, kein Wunsch, kein Schmerz, kein Körper. Alles entsteht, nimmt Formen an, löst sich auf, wandelt den Zustand. Nichts geht verloren. Wenn wir dieses Wissen tief in uns erfahren, brauchen wir keinerlei Angst mehr zu entwickeln. Weder vor Krankheit noch vor dem Tod. Wir lernen in die Natürlichkeit der Dinge zu vertrauen. Sie sind, wie sie sind. Somit können wir geschmeidiger leben, ohne Ziel. Hier und jetzt. Jeden Moment neu, jede Erfahrung frisch, keine vorgefertigten Meinungen und Bewertungen. Ein offener, weiter Geist und Lebensfreude dürfen sich in einem durchlässigen Körper entfalten! Es kann auch passieren, dass schmerzhafte innere Prozesse in Gang kommen, die uns sehr berühren. Dann ist es ratsam, Einzelgespräche hinzuzuziehen. Die biete ich begleitend in meiner Berliner Praxis an.

Folge nicht den Fußspuren der Meister. Suche, was sie selbst gesucht haben. Basho

Mit dem oben beschriebenen Konzept Zen & Movements ist eine neue Kombination aus Stille, Ruhe, Achtsamkeit, Präsenz und Bewegung entstanden. Meine Teilnehmer genießen die sanfte Herangehensweise und den schnellen Effekt. Menschen, die keinerlei Meditationserfahrung mitbrachten, konnten auf diesem Weg sehr schnell entspannen und reichhaltige Erfahrungen mit nach Hause nehmen. Die Feedbacks, unter anderem auch von ehemaligen Zen-Praktizierenden, bestätigen, dass dieser Weg eine Erleichterung darstellt, und das Angebot wird als weitreichende Unterstützung angesehen, auch als Vertiefung. Ich persönlich suche weiter mit diversen Tanzformen, authentischer Bewegung, dem morphischen Feld und der Stimme. Die Neugierde bleibt eine freudvolle und ständige Begleitung auf dem Weg.

Das nächste Retreat Zen & Movements in Berlin findet vom 22.-24. September 2017 statt. Thema: Herzöfnung Im Späsommer/ Herbst gibt es wieder die „bewegenden Samstage“ à 3,5 Stunden und donnerstags von 7.-8.30 Uhr ZaZen (Sitzen in Stille) in der Berliner Praxis, Bergmannstraße 59, 10961 Berlin. Auswärtsseminare auf der Website.

Author: Oliver Bartsch

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