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Gurdjieffs Movements

In Gurdjieffs Movements spiegeln sich mathematische Gesetzmäßigkeiten und harmonikale Strukturen des Kosmos wider. Auf nonverbaler Ebene, nur durch die Erfahrung, gelangt der Mitwirkende beim Eintauchen in die Bewegung zu einem tieferen Verständnis des Seins.


1912 begann der griechisch-armenische Mystiker George Iwanowitsch Gurdjieff (1866-1949) in St. Petersburg seine Lehre der harmonischen Entwicklung des Menschen zu verbreiten. Mit ihm betrat ein Lehrer die Bühne westlicher Spiritualität, dessen Ideen die Philosophiegeschichte des 20. Jahrhunderts auf diskrete und machtvolle Weise durchdrangen. Sein Ziel bestand in nichts Geringerem, als den von seiner Ganzheit und seinem Ursprung entfremdeten Homo Faber der Moderne wieder in Kontakt mit dem Grund und der Bedeutung seines Daseins zu bringen. Auf den Wogen der russischen Revolution nach Westen getragen, gründete er 1922 in Paris sein „Institut zur harmonischen Entwicklung des Menschen“, das die kulturelle und künstlerische Elite jener Zeit magnetisch anzog und dessen Methoden heute weltweit in Gruppen praktiziert werden.

 

Vereinigung tiefster Wahrheiten

Die Ursprünge seiner Lehre und die Wege, auf denen er sie fand, liegen im Nebel der Legende. Als sicher kann gelten, dass er während eines Zeitraums von etwa 20 Jahren Kleinasien und den mittleren Osten bereiste, auf der Suche nach dem „Sinn und Zweck der Existenz des Menschen“. Was er von dort mit zurückbrachte, war ein komplexes System aus kosmologischen und psychologischen Konzepten, eine einsichtsvolle Zusammenschau der innersten Natur des Menschen und seiner Beziehung zur Schöpfung und ihrer Quelle. Es vereinte in sich die tiefsten Wahrheiten der mystischen Traditionen aus Islam, Buddhismus und Christentum und nahm die Entwicklung transpersonaler, integraler und körperpsychotherapeutischer Ansätze um Jahrzehnte vorweg.

Was er ebenfalls von seinen Reisen mit zurückbrachte, war ein Praxisansatz, der für den rational-entfremdeten Menschen des Westens wie gemacht scheint: phänomenologischer Erkenntnis verpflichtet – glaube nichts, überprüfe alles – und das Heilige jenseits kultureller und religiöser Verfremdung in seiner Essenz wieder zugänglich machend. Für Gurdjieff gleicht der Mensch einem Apparat, dessen Existenzzweck darin besteht, Energien zu transformieren. Durch Selbstbeobachtung (direkte, unkommentierte Kenntnisnahme der eigenen Funktionalität) und Selbsterinnerung (eine Form intensiven Gewahrseins der Totalität des eigenen Da-Seins) wird ein Prozess in Gang gebracht, der die Schichten des Ichs transzendieren und zur Bildung einer metaphysischen Existenzebene führen soll. Basis dieses Prozesses ist das Verstehen, eine wachsende Einsicht in die Natur der Dinge, die aus der Balance und Synthese von Wissen und (Selbst-) Erfahrung wächst. Indem der Mensch so seiner eigentlichen Bestimmung dient, dient er auch der Erhaltung des Seins selbst, denn für Gurdjieff ist die Ichgrenze, das in seiner biographischen  Konzeption gefangene, in dauernder automatischer Assoziation herumirrende Ego, eine Illusion. In dem Maße, wie der Mensch wahrhaft zu sich, zu seinem innersten Wesen findet, wird er eins mit der Natur des Seins selbst und überwindet so die Trennung zwischen Außen und Innen, Oben und Unten, Himmel und Erde.

In Gurdjieffs Movements manifestieren sich Einflüsse aus einer höheren Welt. Sie sind Ausdruck objektiven Wissens, dem Gurdjieff Form gegeben und das er sichtbar und erfahrbar gemacht hat – ausgedrückt in geometrischen Positionen und aufgebaut auf mathematischen Gesetzmäßigkeiten, die harmonische Strukturen des Kosmos wiederspiegeln. Bewegt durch das Movement und berührt von der jedes Movement begleitenden Musik, die Gurdjieff gemeinsam mit dem russischen  Komponisten Thomas de Hartmann schuf, wird der Schüler auf nonverbaler Ebene zu neuen Eindrücken geführt. Dabei werden innere Stille und gesteigerte, kontinuierlichere Aufmerksamkeit geschult.

 

Kosmische Gesetze direkt erfahren

Die Movements vermitteln eine neue Form der Begegnung mit dem eigenen Körper, erfordern die simultane Aktivität von Gefühl, Körper und Intellekt und ermöglichen so grundlegend neue Erfahrungen. Die Konfrontation mit der strengen Harmonie der Movements ermöglicht dem Tänzer die direkte Erfahrung seiner subjektiven Muster und Haltungen, die er durch das Eintauchen in die Gegenwart des tänzerischen Moments in größere Objektivität verwandeln kann.

Die Movements sind wie eine Botschaft der Wahrheit. Jedes Movement erzählt seine eigene Geschichte über die Fesseln und die mögliche Befreiung des Menschen und birgt kosmische Wahrheiten. In diese kann der Tänzer Schicht um Schicht eindringen und sie im Kern erfahren, wenn er in der Lage ist, die eigene Konditionierung hinter sich zu lassen und somit sein Potential zu erwecken.

Im Movement ist der Weg das Ziel, und es ist kein müheloser Weg. Aber er ist von einzigartiger Schönheit und unterstützt uns, durch bewusste Bewegung und Musik die grenzenlose Freiheit unserer wahren Natur zu erfahren.

Literatur:
G.I.Gurdjieff, Beelzebubs Erzählungen für seinen Enkel, Diederichs 2000
John G. Bennett, Das Durchqueren des großen Wassers, Chalice Verlag 1984

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