Im Dzogchen, einem speziellen buddhistischen Weg, geht es darum, den Geist selbst, seine relative Struktur und sein großes Potenzial zu erkennen.

Von Anna Georgiew

„Buddhismus ist eine Art des Lebens und entspricht dem gesunden Menschenverstand. Es geht nicht darum, Buddhismus in der Theorie zu kennen, sondern ihn zu leben. Das heißt: gesunden Menschenverstand leben, und das bedeutet wiederum: Wir müssen uns ändern.“ Seine Eminenz, der 7. Dzogchen Rinpoche, Jigme Losel Wangpo

Heute Morgen auf meinem Sitzkissen. Versuche den Geist zur Ruhe zu bringen. Der Geist möchte aber lieber über all die schwierigen Aufgaben des Tages und der nächsten Zeit nachgrübeln. Bemerke, dass ich denke, und dass dieses Denken meine Gefühle belastet und meinen Körper in den Zustand eines Hundert- Meter-Sprints versetzt. Die Erkenntnis kommt vorbei: „Das ist auch alles nur Illusion!“ Augenblicklich lässt der Geist los und ich muss darüber schmunzeln, wie ernst ich immer wieder irgendwelche Ereignisse nehme, und komme tatsächlich mehr zur Ruhe.

Von Achtsamkeit bis Mitgefühl

Seit einigen Jahren folge ich dem buddhistischen Pfad. Nachdem ich mich für mentale Techniken und die Funktionsweise des Geistes interessierte, schien dieser Schritt geradezu unausweichlich. Ich habe mich nicht rational dafür entschieden. Es war vielmehr so, dass in mir etwas beschlossen hatte, immer wieder zu dieser Quelle zu gehen. Nach und nach gab mir der Buddhismus ein spirituelles Zuhause, einen sicheren Platz in mir selbst, und erinnerte mich daran, was wirklich wichtig ist. Er forderte mich damit aber auch in meinen Glaubenssätzen und Grundfragen des Lebens. Mein Ego rebellierte regelmäßig, so dass ich nicht selten das Gefühl hatte, mich im freien Fall zu befinden.

Und doch wusste ich: Das ist das Richtige, um wirklich aufzuwachen. Während ich vorher gerne über diese oder jene Technik beim Kaffeeplausch debattierte und mein Ego damit streichelte, war es die buddhistische Lehre, die wirklich mein Leben durchdrang und mich zur Veränderung meiner Haltungen bewegte. Natürlich hat der Buddhismus viele nützliche Techniken und philosophische Ansichten von Achtsamkeit bis Mitgefühl. Aber nur die Einbettung ins alltägliche Leben schafft wirkliche erfahrene Erkenntnis. Dzogchen Rinpoche lehrt dazu: „Das Erwachen kann man mit dem intellektuellen Geist nicht verstehen. Auch nicht nach vierzig Jahren Meditation. Man kann das Erwachen nur erfahren, nicht erklären. Ähnlich wie den Geschmack von Zucker, den man auch versuchen könnte zu beschreiben – und doch muss man nur einmal Zucker gekostet haben, um zu wissen, wie er schmeckt.“

Wie Siddharta erwachte

Prinz Siddhartha führte ein behütetes Leben, bis er mit 29 Jahren zum ersten Mal Wanderungen außerhalb des Palasts unternahm. Dabei begegneten ihm die Leiden des menschlichen Lebens: Alter, Krankheit, Tod und Schmerz, und er begriff, dass alles Glück, aller Reichtum vergänglich ist und dass das Leben untrennbar mit diesen Leiden verbunden ist. Er erkannte dabei auch, dass nicht das Dasein selbst, sondern die verfehlte innere Haltung des Menschen zum Leiden führt, und beschloss, einen Weg zu finden, das Leiden zu beenden. Er verließ sein komfortables Palastleben, seine Frau und seinen Sohn und begann das Leben eines Asketen zu führen, ohne Besitz, ohne Essen und ohne Trinken. Nach einigen Jahren musste er aber erkennen, dass diese extreme Haltung nicht die erhoffte Lösung brachte. Er führte weiter das Leben eines besitzlosen Wanderers und übte sich in Meditation, aber ohne Extreme. Er nannte es den „mittleren Weg“.

Mit 35 Jahren saß er unter einem Boddhibaum in tiefer Meditation, als Begierde, Hass und Unwissenheit von ihm abfielen und er zum Buddha wurde, zum Erwachten. Durch die Überwindung der drei Geistesgifte ließ er alles Leiden hinter sich. Er erlebte die Wirklichkeit weiter, wie sie war, mit ihren Freuden und Leiden. Aber diese Erfahrungen konnten ihm nichts mehr anhaben. Er war frei. Von da an lehrte er bis zu seinem Tode vor allen Bevölkerungsschichten die vier edlen Wahrheiten, den Weg zur Befreiung von allen Leiden. Aus diesen Belehrungen entwickelten sich je nach Kapazität und Neigungen der Zuhörerschaft die vielen verschiedenen buddhistischen Schulen mit ihren unterschiedlichen Ansätzen und Methoden. Allen gemein ist der grundlegende Wunsch, die drei Geistesgifte (Anhaftung, Ablehnung und Unwissenheit) zu überwinden, niemandem zu schaden und hilfreich für alle fühlenden Wesen zu sein.

Der buddhistische Pfad

Viele Menschen, die sich auf den buddhistischen Pfad begeben, wollen einfach nur irgendwie glücklicher, entspannter oder ruhiger sein. Sie sind auf der Suche nach etwas, was sie vollständiger macht, und haben nicht „die „Erleuchtung“ im Sinn, wenn Sie auf den Buddhismus treffen. Meditation führt die meisten auch recht schnell zu mehr Gelassenheit und innerer Ruhe. Folgt man den buddhistischen Schulen weiter und verbindet Meditation mit Philosophie und Praxis, so eröffnet sich darüber hinaus ein unglaublicher Erfahrungsschatz wertvoller Sichtweisen und Erkenntnisse, egal ob man nun den achtfachen Pfad geht oder sich auf das Erkennen des Geistes oder die Buddhanatur konzentriert. Unweigerlich wird man aber auch mit seinen eigenen Denkmustern und Verhaltensweisen dabei konfrontiert.

Nicht wenige geben an diesem Punkt auf, weil es ihnen zu schwierig oder zu persönlich ist oder sie feststellen, dass ihnen Meditation allein vollkommen ausreicht. Wer weiter praktiziert, kann immer klarer erkennen, dass wir Menschen Gefangene unseres eigenen Gefängnisses sind, gebaut aus den Gitterstäben von Unwissenheit, Begierde und Ablehnung. Gleichzeitig wachsen bei Praktizierenden des buddhistischen Pfades aber auch Gleichmut, Liebe, Mitgefühl und Mitfreude, „die vier Unermesslichen“, die ein Schlüssel aus dem Gefängnis sind. Diese Zustände sind schon immer in uns vorhanden – wie unsere Buddhanatur.  Denn in der buddhistischen Lehre des Dzogchen geht man davon aus, dass jedes fühlende Wesen dieses große Potenzial bereits in sich trägt.

Dzogchen – der Weg der Vollkommenheit

Im Dzogchen, einem speziellen buddhistischen Weg, geht es darum, den Geist selbst, seine relative Struktur und sein großes Potenzial zu erkennen. Diese relative Struktur zu erkennen, zeigt uns, wie unser Leben funktioniert und wie alles miteinander zusammenhängt. Durch die Akzeptanz, die mit diesem Erkennen einhergeht, können wir unser Leben genießen, ohne die Leiden des Lebens abzulehnen. Im Gegensatz zu anderen buddhistischen Schulen gibt es im Dzogchen nichts, was es zu erreichen gäbe. Die Buddhanatur ist schon perfekt in uns vorhanden. Wir können sie nicht besser machen. Wir können uns nur von unseren vielen Ablenkungen frei machen und unsere wahre Natur erkennen. Der Geist ist wie ein Projektor, der uns in Dauerschleife unseren eigenen Film zeigt und sich damit selbst erschafft und beweist. Wenn der Geist ruht, pausiert der Film und der Strom von Gedanken und Gefühlen ist unterbrochen.

Das ist der Zustand, in dem wir unsere wahre Natur erkennen können. In diesen Augenblicken ist niemand mehr da, der den Film sehen könnte. Denn wenn der Geist ruht, ist die Weisheit des Herzens zu hören und wir erfahren so den Buddha in uns. Dann gilt es, diesen Zustand aufrecht zu erhalten bzw. immer wieder herzustellen.

Die Lehre, die Sangha und der Lehrer

Auch wenn wir fleißig praktizieren, meditieren und möglichst gutes Karma ansammeln, so ist doch unser Alltag mit derart vielen Ablenkungen gespickt, dass es sehr schwer ist, diesen nicht zu folgen und den ruhenden Geist aufrechtzuerhalten. Hier hilft die Lehre. Sie ist Rückzugsort und Inspiration. Sie gibt eine Möglichkeit, die Welt zu verstehen und sich in ihr zurechtzufinden. In meinem eigenen Leben und meiner psychotherapeutischen Arbeit erlebe ich immer wieder, wie die buddhistische Lehre mir eine ordnende Betrachtungsweise schenkt, einen festen Dreh- und Angelpunkt, der zu tragenden Lösungen im alltäglichen Leben führt.

Ich erlebe, wie allein der Hauch der Lehre, den ich meinen Patienten zu vermitteln vermag, ihnen hilft, mitfühlender und verständnisvoller mit sich und den anderen Menschen zu sein. Ich selbst bin im Laufe meines buddhistischen Weges viel gelassener und geduldiger mit den Unwägbarkeiten des Lebens geworden und belastbarer in Bezug auf Schwierigkeiten. Es ist oft nicht leicht, die Realität zu sehen und zu akzeptieren, wie sie ist. Die Lehre hilft mir, mein Leben glücklicher und leichter zu nehmen, weil ich mir der Kostbarkeit und Vergänglichkeit des Augenblicks mehr gewahr bin. Ich übe mich weiter und weiß um die vielen anderen, die schon vor mir diesen Weg gegangen sind, und um jene, die mich jetzt begleiten.

Der „Fremdenführer“

So ist der Lehrer für Praktizierende so etwas wie der „Master of the Universe“. Er ist derjenige, der den Weg zur Befreiung kennt und ihn zeigen kann. Was die Schüler aber keinesfalls von ihrer eigenen Verantwortung entbindet. Wie ein Fremdenführer leitet der Lehrer die Schüler zu den Erfahrungen, die für sie auf diesem Weg wichtig oder unumgänglich sind. Bei den Belehrungen durch den Lehrer wird nicht nur Wissen vermittelt. Es findet eine Übertragung von Erkenntnis statt, die oft jenseits beschreibbarer Worte liegt. Der Lehrer bietet Schülern die Möglichkeit, sich immer wieder an das Dharma, die Lehre Buddhas, anzubinden. Es ist für mich von unschätzbarem Wert, einen Lehrer zu haben, ihn fragen zu können, zu wissen, dass es jemandem gibt, der wirklich dauerhaft verlässlich ist und zu dem ich Vertrauen haben kann, der mich sicher begleitet und gleichzeitig über meine eigene Begrenzung hinwegführt.

Der Lehrer ist also für Schüler unglaublich wertvoll und wichtig. Entsprechend wird er oft verehrt. Diese Verehrung löst in unserem Kulturkreis oft große Befremdlichkeit aus, denn der Lehrer sieht ja äußerlich betrachtet auch nur wie ein gewöhnlicher Mensch aus. Aus diesem Grund ist die Authenzität des Lehrers für buddhistische Schüler sehr wichtig. Denn sie vertrauen ihm ihre Seele an. In einer tibetischen Weisheitsgeschichte pflegte der weise Lehrer Patrul Rinpoche abends auf dem Boden zu liegen und in den Himmel zu schauen, um seinen Geist mit dem All zu verbinden. Eines Abends rief er einen seiner Schüler zu sich und fragte ihn: „Hast du schon die wahre Natur des Geistes erkannt?“ Der Schüler antwortete: „Nein, Meister.“ Gemeinsam lagen sie auf der Erde und schauten in den Himmel, während in der Ferne ein paar Hunde bellten. „Hörst du die Hunde bellen?“ fragte der Lehrer. „Ja Meister“, antwortete der Schüler. „Das ist es“, rief Patrul Rinpoche. „Und siehst du die Sterne am Himmel?“ „Ja Meister.“ „Das ist es.“ In diesem Moment erkannte der Schüler, dass alle Erscheinungen reine Buddhanatur sind, genauso wie sein eigenes Bewusstsein.

Der 7. Dzogchen Rinpoche, Jigme Losel Wangpo, ist einer der höchsten Lamas der tibetisch-buddhistischen Tradition und sowohl für seine Klostergemeinde als auch für seine Schüler auf der ganzen Welt die höchste Autorität für Praxis und Belehrungen der Dzogchenlinie. Dzogchen Rinpoche wurde 1964 in Sikkim geboren und von Seiner Heiligkeit, dem 4. Dodrupchen Rinpoche, Thupten Trinley Palzang, als Linienhalter der Dzogchenlinie erkannt. Seine Heiligkeit der 14. Dalai Lama, Tenzin Gyatso, bestätigte das sofort. Nach der authentischen Dzogchentradition wurde Dzogchen Rinpoches Inthronisierung am 8. Oktober 1972 im Königlichen Palast in Gangtok (Sikkim) von Seiner Heiligkeit dem 4. Dodrupchen Rinpoche vollzogen.

Die nächste Gelegenheit, Dzogchen Rinpoche in Berlin selbst zu erleben, ist vom 4. bis 8. April 2018. Dann wird er hier zu Gast sein mit Vortrag, Ermächtigung und einem Dreitagesseminar. Nähere Infos über www.shenpendeutschland.org

Author: Oliver Bartsch

Eine Antwort

  1. Öko-Theosoph
    Traumyoga

    Der Traumyoga (bitte googeln) ist m. E. der wichtigste Yoga. Ein Mensch, der eine bestimmte Reife hat, ist in der Lage, seine Träume zu steuern. Luzides Träumen ist u. U. gefährlich.
    Im Westen wurde der Fehler gemacht, Religion zu praktizieren, indem man immer dieselben Gebete spricht. Stattdessen sollte man versuchen, die Bereiche des Unbewussten wahrzunehmen. Dabei spielt auch Traumdeutung eine Rolle.

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