Schon die alten Griechen wussten: Es gibt Kairos, den (richtigen) Augenblick. Darauf zu vertrauen, nicht in angstbasierten Aktionismus zu verfallen, sondern sich geduldig von diesem Augenblick finden zu lassen, bewirkt tiefe Veränderungen im Leben.

von Anja Habiba Engelsing

Eines meiner absoluten Lieblingsmärchen seit Kindheitstagen ist Frau Holle. Goldmarie wurde mit Gold überschüttet, weil sie die Äpfel erntete, als sie reif waren, und das Brot aus dem Ofen holte, als es fertig gebacken war. Ihre Schwester Pechmarie wollte das Gold auch, stieg in den Brunnen – der vielleicht für die Tiefen der Psyche, die archaische Seelenlandschaft, steht –, riss die unreifen Äpfel von den Bäumen, holte das halbgare Brot aus den Öfen – und Frau Holle reichte es, und sie überschüttete sie statt mit Gold mit Pech, das fortan an ihr klebte. In dem fantastischen Buch „Die Tränen der Ahnen“ von Daan van Kampenhout habe ich jetzt gelesen, dass Frau Holle nicht nur irgendein Fabelwesen der Gebrüder Grimm war, sondern eine germanische Göttin. In Bayern, im Chiemgau, wo ich seit über zwanzig Jahren wohne, lebt sie in den Ritualen rund um die als heilig geltenden Tage um den Jahreswechsel – von der Wintersonnenwende bis „Heilige Drei Könige“ – als Perchta fort.

Wieder repräsentiert sie, was archaisches Wissen ist – man soll nämlich in der „Gstaaden Zeit“ (die für innere Einkehr, Rückzug, Kontemplation steht) keine Wäsche waschen, weil sonst die Perchta kommt und die Wäsche mitnimmt und sie zu Leichentüchern macht, also den Tod bringt.

Die richtige Zeit

Es ist das Wissen um die richtige Zeit, die eben nicht unser Ich festlegt, sondern die eine den Dingen innewohnende, eigene Zeit ist. Sie ist uns Frauen besonders nah, weil wir das Werden und Vergehen und die uns innewohnende Zeit in jedem Monat in unserem Zyklus neu erleben – und in der Erfahrung von Schwangerschaft, Muttersein und den Wechseljahren ohnehin. Um mit dem Zeitenlauf zu gehen, braucht es Geduld, manchmal regelrecht Langatmigkeit oder sogar erhebliches Durchhaltevermögen. Das sind alles Eigenschaften, die in unserer so schnell und hektisch gewordenen, durchgetakteten Welt so antiquiert erscheinen wie verstaubte Biedermeier-Sofas in einem stylischen Hightech-Büro. Wie schafft man das nun, geduldig zu sein? Geduld hat viel mit innerer Ruhe zu tun, glaube ich. Alles, was wir für die Balance tun, für Gewahrsein, all unsere Bewusstseinsarbeit und spirituelle Praxis sind da sicher hilfreich. Aber es geht tiefer. Um geduldig zu sein, braucht man sehr viel Vertrauen.

Ur-Vertrauen, namenloses Vertrauen, dass die Dinge sich schon entwickeln werden, auch ohne unser Dazutun. Oder gerade eben, weil wir das Nötige tun, und es dann aber wieder loslassen, gut sein lassen. Es gibt einen sehr schönen Satz der Sufis: „Sattle dein Kamel und bete zu Allah.“ Das scheint wohl die Kunst zu sein. Es dann auch wieder loszulassen und zu beten, zu vertrauen, und nicht wild aufs Kamel zu springen und loszugaloppieren in die Wüste. Da ist es ziemlich dürr, bekanntermaßen. Und man kann sich überaus leicht verirren und einer Fata Morgana, Trugbildern, erliegen. Das Abgeben, sich etwas Größerem überlassen, und doch das Nötige tun, das scheint die Kunst.

Herausforderung ans Vertrauen

Eine der schrilllsten Geschichten, die ich je erlebt habe, hat mich genau dies gelehrt. Ich war für nur einige Tage nach New York geflogen, um Zeit mit meiner spirituellen Lehrerin Sheikha Fariha al-Jerrahi zu verbringen. Wunderbar aufgetankt und glücklich – und wissend, dass ich am Tag nach dem Rückflug eine Veranstaltung mit ungefähr hundert Leuten aus der ganzen Republik, die ich selbst organisiert hatte, würde leiten müssen – fuhr ich am Abreisetag zeitig zum Flughafen in New Jersey, an dem ich auch angekommen war. Ich fliege seit so vielen Jahren so regelmäßig nach New York, dass mir all die Wege und Fahrten dort sehr vertraut sind. Alles kein Problem – dachte ich. Ich treffe also sehr zeitig am Flughafen ein, will routiniert bei der Lufthansa einchecken, um mich noch ein wenig auszuruhen, ehe es losgeht, und da eröffnet mir die nette Frau am Schalter, dass ich für den Lufthansa-Flug nicht gebucht bin. Ich halte das zunächst für einen Irrtum, diskutiere hin und her, lamentiere, fordere mein Recht ein.

Die Lufthansa-Angestellte half mir durchaus sehr freundlich, pochte aber bestimmt darauf, dass ich nicht für den Flieger nach München vorgesehen sei. Mein Adrenalin-Spiegel stieg und stieg, mit der inneren Ruhe war es bald vorbei. Herzrasen, Hitze im Kopf, schweißnasse Hände. Schließlich recherchierte sie weiter und teilte mir mit, dass mein Flieger am anderen Ende dieser Mega-City losfliegen würde und ich das nicht mehr schaffen könnte, weil Hauptverkehrszeit war. Mit dem Mut der Verzweiflung habe ich mich also hektisch in das nächstbeste Taxi geworfen und – dem Nervenzusammenbruch nahe – dem Fahrer den Auftrag gegeben, mich schnellstmöglich zu dem anderen Flughafen zu fahren. Am Steuer saß ein netter Herr, Ägypter, wie er mir erzählte. Bedächtig, durch nichts aus der Ruhe zu bringen, sicher nicht durch meine Verzweiflung.

Wir begannen also wie erwartet vor uns hin zu stauen, als plötzlich der Himmel all seine Tore öffnete und ein Platzregen losging, der so heftig war, dass die schlecht gefestigten New Yorker Straßen binnen Minuten alle unter Wasser standen, die Autos an den Rand fuhren, und in der Millionenstadt binnen Kürze nichts mehr ging. Nichts für niemanden – bis auf meinen ägyptischen Taxifahrer. Er rief begeistert „Allahu Akbar“, Gott ist größer, trat aufs Gaspedal und raste mit halsbrecherischer Höchstgeschwindigkeit über das Aquaplaning und durch die mit den Wasserfluten bedeckten Straßen, die nun leergefegt waren. Mir schien meine letzte Stunde geschlagen zu haben. Und da endlich verstand ich und begann, in Ruhe mit ihm zu beten: Das All-Eine ist größer als alles, was wir Menschen wissen und ermessen können. Allahu Akbar. Allahu Akbar. Allahu Akbar. Und wirklich erreichten wir zirka 40 Minuten später den New Yorker Flughafen, an dem meine Maschine nach München gerade das Boarding begonnen hatte.

Mit einem weiteren Spurt und atemlos erwischte ich meinen Flieger gerade noch. Und zu der Veranstaltung am nächsten Tag in München kam ich souverän lächelnd. Mich kann seitdem, glaube ich, endgültig nichts mehr aus der Ruhe bringen. Viele solcher Geschichten hatte ich erlebt, so als habe das Leben mich mit aller Gewalt und Heftigkeit lehren wollen, dass es um Vertrauen geht. Um Anvertrauen. Und um Geduld, die aus Ruhe erwächst, eben aus Vertrauen in die große Linie, das Größere, was wir Gott oder Allah oder mit allen schönen Namen, die unserem Herzen nahe sind, benennen können, weil ES letztlich namenlos ist.

Ein schmaler Grat

Nun wurde ich im Zeichen der Jungfrau geboren und habe eine ganz ungewöhnliche Ansammlung von Planeten in der Jungfrau, sämtlich im Skorpion-Haus, und zusätzlich mit Skorpion-Aspekten vielfältig versehen und verknüpft. Wie mir alle Astrologen über die Jahre immer wieder sagten, ist mir Geduld und Handeln aus der Tiefe – der richtigen Zeit – wohl gewissermaßen in die Wiege gelegt worden. So fand ich das mit dem Geduldigsein eigentlich nie schwer, auch wenn mein langes Entwickeln von Themen über Jahre und Jahrzehnte, stets begeistert an den guten Ausgang der Dinge glaubend, meine Umgebung immer wieder in den Wahnsinn getrieben hat. Es ist ein schmaler Grat, das weiß ich wohl. Geduld erscheint mir als eine große Tugend, und sie kann unbemerkt einen Aspekt, eine Tönung von Aushalten, Durchstehen, von Starre annehmen. Und um die kann es nicht gehen.

Erstarrung ist oft aus Trauma geboren. Und führt zu nichts, da ist das Leben innerlich eingefroren, der Fluss von Lebendigkeit fließt nicht mehr. Mein lieber Freund Eric aus Santa Fé übersetzt das immense Werk eines der wohl größten Weisheitslehrer der Menschheitsgeschichte, Ibn Arabis mekkanische Offenbarungen, seit Jahren geduldig. Er hat diesem Ruf in ihm, das Werk und damit dieses immense Wissen, das bislang als unübersetzbar galt, der Menschheit verfügbar zu machen, sein Leben gewidmet, verzichtet auf Reichtum, Erfolg, lebt einfachst auf seiner Ranch in New Mexiko und übersetzt, übersetzt, übersetzt. Als er im Januar hier war und wir für gemeinsame Veranstaltungen durch Deutschland kreuzten, sagte er irgendwann: „Man sollte ab einer bestimmten Stufe der Entwicklung nicht um mehr Geduld beten, sondern darum, dass die Hindernisse beseitigt werden.“ Denn ist die Lektion der Geduld gelernt, soll es ja weitergehen.

Im Sufismus, der islamischen Mystik, wissen wir um die maqamat, Wegstationen oder Verweilorte – innere Attribute, die auf dem pfadlosen Pfad ins All-Eine gelernt werden. Und Geduld ist eine davon. Wir dürfen darin bis zu einem bestimmten Punkt verweilen, doch die Reise geht eben immer weiter. Schön ist das in der Hiobs-Geschichte erzählt: Eine Schrecklichkeit nach der nächsten widerfuhr Hiob, der ein tiefgläubiger Mann war. Er ertrug alles mit Geduld bis zum Schluss, ohne mit Gott zu hadern, aber dann konnte er einfach nicht mehr. Und gerade weil er sich Gott in inniglichem Flehen zuwandte und um Erlösung von seinen Leiden bat (und bis hierhin geduldig gewesen war und nie einen Moment an Gott gezweifelt hatte), half Gott ihm und gab ihm viel mehr zurück, als ihm vorher genommen worden war, heißt es. Sehr spannend!

Darüber habe ich viel nachgedacht, und nun habe ich verstanden, dass es manchmal durchaus richtig sein kann, um das Beseitigen der Hindernisse zu beten. Auch darin liegt eine Lektion. Eine Lektion in Demut. Wir erkennen und akzeptieren unsere Grenzen im Geduldig-Sein und bitten das All-Eine um Hilfe. Nicht zuletzt gehören dann noch Zufriedenheit und Einverstandensein mit zu dem Feld von Geduld. Wir können nur geduldig sein, wenn wir einverstanden sind und wirklich ja sagen zu allem, was ist. Das ist nicht immer leicht, wenn es um Schweres und Widriges geht. Und es geht ja auch nicht darum, das zu beschönigen oder die Gefühle wegzudrängen, die der Versuch, ja zu sagen, macht. Bloß nicht! Wenn wir es immer mehr schaffen, all unsere Gefühle zu integrieren, dann können wir dieses Ja zum Leben finden, zu unserer Eigentlichkeit, zu dem, wie wir gemeint sind.

So können wir lernen zu antworten anstatt zu re-agieren. Das heißt: Wir antworten aus der Tiefe unseres Herzens heraus stimmig auf die Impulse des Lebens, anstatt aus unserem Ego heraus zu agieren. Wir können auf diesem Weg lernen, immer mehr aus unserer inneren Mitte heraus mit dem Fluss des Lebens zu fließen. Der wird uns dann eines Tages in den Ozean tragen. Wenn wir es geduldig gelernt haben, uns zu lieben als den Tropfen dieses Ozeans aus Liebe, der letztlich nichts ist als der Ozean selbst. Da beginnt echte Lebendigkeit und echte Freiheit, denn das Ja zu uns ist auch das Ja zum Leben selbst.

Veranstaltungen in Berlin: Freitag, 12. Juli, ab 17.30 Uhr bis ca. 20 Uhr: Vortrag und Book-Launching „The FutuhatProject“ Die Mekkanischen Offenbarungen Ibn Arabis. Mit Dr. Shu‘ayb Eric Winkel und Sheikha Fariha Fatima. Ort: Zenit-Buchhandlung, Pariser Straße 7, 10719 Berlin
Samstag, 13. Juli, ab 16-22 Uhr: Sohbet und Zikr mit Sheikha Fariha Fatima Musik und Sema: Azize Güvenc Ort: Berlin-Schöneberg Nähere Infos auf Anfrage.
Sonntag, 14. Juli, 11-18 Uhr: Über die Liebe Die Mekkanischen Offenbarungen Ibn Arabis Mit Dr. Shu`ayb Eric Winkel und Sheikha Fariha Fatima

Author: Oliver Bartsch

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