Gesundbeten gehörte jahrhundertelang zur medizinischen Versorgung in Europa. Vergleichbares wurde überall auf der Welt beobachtet und mit dem Begriff „Schamanismus“ verallgemeinert.

von Monika Herz

In den Alpenländern heißen Heiler, die so etwas anbieten, „Gesundbeter“ oder „Abbeter“. Beinahe wären sie ausgestorben. Mein Onkel war einer von ihnen, und ebenso meine Großtante Kalina. Ich selbst wurde in der Kunst der Gebetsheilung von meinem Onkel und vom „Lory“, einem Freund unserer Familie, unterwiesen. Zur rechten Zeit schaute sich der Lory nach einer Nachfolgerin um, und seine Wahl fiel auf mich. Er nahm mich oft mit in die Bergwälder und unterwies mich in den Grundsätzen der Natur-Religion. Wir suchten uns schöne Plätze, an denen alte Linden oder alte Eichen standen. Er lehrte mich, Bäume zu meinen Freunden zu machen, ihre Lebenskraft zu spüren und ihnen zu lauschen. Er zeigte mir, wie man die Zeiten der Übergänge nutzte, sei es im Tageslauf oder im Jahreskreis. So standen wir manches Mal mit ausgestreckten Armen und nach vorne gerichteten Handflächen bei Sonnenuntergang für lange Zeit still auf einer Lichtung und nahmen die Kraft der Sonne in unsere Hände auf.

Vertrauen heilt

Vor allem aber bemühte er sich darum, in mir Vertrauen in meine Gebete zu erwecken. Er sagte: „Die Menschen kommen zu dir, weil sie selber nicht beten und weil sie kein Gottvertrauen haben. Wenn du selber aber auch kein Vertrauen in deine Gebete hast, wie soll das dann funktionie-ren?“ Dabei sollte ich mir jedoch unbedingt einen gesunden Menschenverstand bewahren. So wandte ich einmal sehr er-folgreich ein Anti-Schmerz-Gebet gegen meine Zahnschmerzen an. Die Schmerzen kehrten allerdings wieder zurück. „Du musst zum Zahnarzt gehen!“, schimpfte der Lory. „Das Schmerz-Gebet ist nur für den akuten Zustand und für Zeiten, in denen es keinen Zahnarzt gibt!“

Die andere Seite

Der Begriff Gesundbeten wird immer noch gerne abschätzig mit „Aberglauben“, einer Art wahnhaften Irrglaubens, in einen Topf geworfen, als „Abweichung von dem, was ein vernünftiger Mensch glauben darf“ (Wikipedia). Die Vorsilbe „Aber-“ bedeutete jedoch ursprünglich nicht „gegen“, sondern „darüber hinaus“, „auf der anderen Seite liegend“. Das ist exakt der Arbeitsbereich spirituellen Heilens. Diese „andere Seite darüber hinaus“ kann man sich vorstellen wie einen wenig betretenen Pfad. Wer auf solchen Pfaden gehen will, tut gut daran, jemandem zu folgen, der ebenfalls jemandem gefolgt ist, der den Weg bis zum Ziel gegangen ist. Das sind die Traditions- Linien. Auf diesen Linien wird „die Kraft“ übertragen. So machen es alle Schamanen auf der ganzen Welt.

Mitgefühl heilt. Jetzt!

Die Werkzeuge der alpenländischen AbbeterInnen sind alte Gebete. Aber die Worte allein sind es nicht, es geht vielmehr auch um die Absicht und Motivation. Mitgefühl, Liebe, Zuversicht. Schöne Worte, doch im richtigen Leben eine stets wiederkehrende Aufforderung zur Schulung und Pflege dieser Ausrichtung. Heilgebete wirken im offenen Raum der Möglichkeiten. Und die Zukunft geschieht in Abhängigkeit davon, was in der Vergangenheit geschehen ist. Das alte Heilgebet, ein starker Geistesimpuls, wird im JETZT, genau an der Grenzlinie zur „anderen Seite“ platziert. Dadurch erhält das Gebet, der Impuls, eine besondere Kraft, verstärkt durch die höchsten der Gefühle: Mitgefühl und Liebe zu allen Wesen. Und das entfaltet dann die positive Wirkung in der Zukunft. Wie, wo und wann das geschieht, unterliegt nicht unserer Kontrolle. „Schaun wir mal!“ pflegte mein Onkel schon lange vor Franz Beckenbauer zu sagen.

Wochenendseminar zum Thema Alte Heilgebete: 22. und 23. August 2020 Ort: Mediale Kraft Berlin, Raum für Körperarbeit Pestalozzistr. 3, 10625 Berlin-Charlottenburg (Nähe Savigny-Platz, oder auch Bahnhof Zoo und Uhlandstr.) Mehr Infos und Anmeldung: bei Mirca Preißler unter Tel. 030-814 520 285 oder 0173-237 11 99 mirca.preissler@ mediale-kraft-berlin.de

Author: Oliver Bartsch

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