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Die Wiedergeburt der Seele

Die moderne Psychotherapie stößt immer mehr an ihre Grenzen. Viele Therapeuten wenden sich daher alternativen Modellen zu – abseits ausgetretener Pfade. Der Weg von Holger Kalweit führte sprichwörtlich durch Unterholz und Gestrüpp – der Psychotherapeut und Völkerkundler übernahm Heilweisen des Schamanentums und Philosophien aus den alten Mythologien und entwickelte daraus eine Therapieform, in der sich der Mensch im Spiegel der Natur wieder selbst entdecken kann.

Wo erholen wir Menschen uns am ehesten? Was heilt unsere Seele, was beruhigt uns, was lässt uns einen Weg aus Lebenskrisen, Verzweiflungen und Störungen finden? Als Psychotherapeut habe ich mir diese Frage dauernd zu stellen. Welche Heilweise ist für welche Menschen geeignet? In den 80er Jahren zutiefst unzufrieden mit den konventionellen Dauergesprächen mit Patienten fasste ich den Mut, das als Hilfsmittel anzubieten, was mir selbst immer aus allen Nöten und Zweifeln geholfen hatte – schlicht und ergreifend: Wald, weite Wiesen, Fernblicke über meine Schwarzwaldberge, das Sitzen an unseren Mooren und wilden, tief im Wald versteckten Teichen. Ganz allein im Morgengrauen ruhen mit Hund, wenn die Nebelschleier sich lüften und der letzte Dachs im Bau verschwindet; oder träumend im Schoß der großen Erde liegend den Mond beobachten, wie er die laue Sommernacht in fahles Licht taucht.

 

Natur als Quelle der Lebenskraft

Ich frage mich: Woraus schöpft der Mensch seine Lebenskraft, wenn nicht aus der wilden Reinheit des Bergsees und der Morgenröte, aus dem Bussardflug und dem Wolkendunst? So gründete ich eine neue Therapierichtung: die Naturtherapie. Naturtherapie ist eine Reise in die Seele der Wildnis und damit die Wildnis unserer eigenen Seele. Natur ist der größte Heiler. Natur lässt sich aber nur allein erfahren, ganz allein. Daher beginnt und endet Naturtherapie mit langen Aufenthalten unter Bäumen, am Bachquell, im alten Steinkreis. Das moderne Tingeltangel lebensunsicherer Workshop-Fanatiker und Gruppenmenschen endet hier, und auch meine Karriere als Therapeut endete auf jenem steinigen Hang, der völlig ungeeignet war für einen längeren Aufenthalt, wo mich aber ein unbewusster Drang sieben Tage sitzen ließ.

Die Natur lacht über Diplome

Wie können wir uns heilen ohne moderne Therapie und Therapeut, wenn wir allein im Waldtempel oder an der Felskathedrale stehen? Reicht es, einfach allein an der Uferböschung zu sitzen, oder bedarf es gewisser Übungen? Die moderne Welt legt Wert auf festgelegte, programmierte und bekannte Therapieverfahren. Auch im spirituellen Bereich liebt man vorgefertigte Verhaltensweisen und geplante Schritte. Man kann hunderte von Methoden erlernen, jeder will eine sogenannte Ausbildung absolvieren mit Diplom und Nachweis. Man möchte etwas Festes in der Hand haben, weil man keine starke Lebenskraft spürt. Mit diesem Trugschluss haben wir im Pflanzentempel keine Chance. Lachmöwen und Kaninchen sind überfordert, wenn du sie nach einer Abschlussprüfung fragst. Auch die Seemöwe und die Hirschkuh schauen verwirrt, wenn es um die vierte Stufe zum Meisterdasein geht. Und frag nie das Rehkitz, wann welche Methode einzusetzen ist. Natur kennt nur den magischen Augenblick – und der sagt dir messerscharf auch ohne Lehrer, Meister und Magier, was zu tun ist. In der Natur geschieht alles spontan! Wiesenhalme schwingen mit dem Wind, Rotbuchen passen sich den Regentropfen an. Weisheit hat keine Methode, Heilige schweigen, wenn die Nacheiferer gierig werden.

 

Alleinsein ist der Schlüssel

Zunächst muss durch lange Einsamkeit eine seelische Entleerung von Gedanken und Gefühlen, Erinnern und Wollen stattgefunden haben. Ist das einigermaßen erreicht, geht man im zweiten Schritt zum Ritus der seelischen Reinigung über. So zumindest hielten es die alten Völker. Seelische Reinigung wird bewirkt durch Entsagung, durch Preisgabe und Öffnung unserer menschlichen Verfassung, durch das Opfern dessen, was man liebt und nicht entbehren zu können meint: Unsere wilden Ichgefühle, unsere Identität als Körper und Egoseele. Darum reinigen wir uns von uns selbst, von den im Lebenskampf angenommenen und aufgezwängten äußerlichen Verhaltensmustern. Wir versuchen, wieder in den ursprünglichen reinen Seelenzustand zu gelangen – und der ist bedeutsamerweise ununterscheidbar vom inneren Wesen der Natur selbst. Menschenseele und Naturseele schwingen in gleicher Weise. Statt psychologisch vorzugehen und den Weg zurück zur Seele einzuschlagen, gehen wir den Umweg über die Waldameise und die Wanderheuschrecke, was viel leichter ist, als sich unmitttelbar der eigenen Seele zuzuwenden, weil sich da stets eine Hemmung auftut. Der Mensch verwandelt sich erst in sich selbst, ist er Kriechschnecke und Kräutlein geworden. Das ist die Opferung des Ich und gleichzeitig die Liebe zum anderen. Es ist eigentlich nur die Liebe zum anderen, die uns von uns selbst befreit, sprich: uns selber werden lässt. Wir reinigen uns durch Hingabe an die Natur, durch Anrufung der Pflanzen, wenn wir ihnen nahe gekommen sind nach zwei Wochen am Wiesensaum, indem wir uns aus Mitgefühl, aus tiefer Achtung und auch vor Erschöpfung in sie verwandeln, wie sie fühlen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Brücken bauen

Wie treten Naturvölker Quellen und Sträuchern gegenüber? Mittels des Ritus, mittels der Verehrung. Die Zeremonie setzt einen Rahmen, innerhalb dessen wir uns Libellen und Lurchen nähern können. Dem aber geht die lange Natureinsamkeit voraus, die uns öffnet, reinigt und in den Stand der Schau versetzt. In der anschließenden Naturzeremonie wird diese Naturerfahrung verarbeitet und zurückgeführt ins menschliche Dasein. Diese frei gestalteten Freude- und Lustfeste sind die Brücke zwischen Natur und Kultur. Sie helfen einen sanften Übergang zu schaffen von der Ichauflösung in der Natur zum neuen Ichaufbau in der Kultur. Je nach Erfahrung bekleiden wir uns wie die alten Völker aus Lebensfreude und Vereinigungsdrang mit Naturstoffen, Blüten und Blättern, die in unserer Erfahrung eine Rolle gespielt haben. Dann entwerfen wir auf der Grundlage unserer Erfahrung eine Verehrungszeremonie für die Naturkraft, die hinter den Sumpfgräsern, dem Morgendunst und dem Eichenhain steht. Was die knorrige Föhre und der Felsdolmen uns gegeben haben, geben wir ihnen nun beim Übergang in unsere angestammte Welt zurück durch ein Dankbarkeitsfest, eine Verehrungs- und Verkleidungs-, sprich Verwandlungszeremonie. Die in der Einsamkeit und Naturschau gewonnenen Erfahrungen sollen verkörpert werden, und zwar durch Naturriten, in denen die gemachten Einsichten als Dramen, zeremonielle Handlungen und Choreographien nachgespielt werden. Die Teilnehmer verwandeln sich dabei in die darzustellenden Archetypen und Energieformen des Waldes. Je länger ich allein bin zwischen Schilfhalmen und Froschgequake, in warmen Regengüssen, in glühender Sonne, desto mehr enthüllen sich die Gesetze der Natur; parallel dazu tritt unsere Seelennatur hervor, als symmetrisches Ebenbild der äußeren Natur, frei von Kulturballast und Egozentrismus. Die große Einsamkeit in der Höhle oder am Kratersee schleift, wie der Bergbach den Fels, alles künstliche Kulturgehabe und alle Ichaufblähungen ab.

 

Schaumblase im Wellenkamm

Denn Voraussetzung der Öffnung für das ungeschminkte, „asoziale“, „unmenschliche“ Sein, wie es ist, ohne unsere Benennungen und Ansichten, ist innere Leere, das Gereinigtsein von allen Gedanken und jedem Kulturgetriebe. Verwandlung heißt: Es offenbart sich eine uns umgebende, uns durchdringende größere Dimension von übermenschlicher Seinsqualität. Darin sehen wir uns als Schaumblase im Wellenkamm, als Teil der großen Seinswoge. Jetzt ist Seinsöffnung erreicht. Die Seele ist Natur geworden. Symmetrie von Geistfeld und Naturfeld ist erlangt.
Ich bin der Frosch, die Möwe, der Lachs. Ich tanze wie der Wind, ziehe wie die Wolke, bin Wellenkamm. In den Herbstfarben, den Blattformen, den Tierrufen finde ich mich wieder. Jetzt werde ich wahrhaft ich selbst, häute das erworbene, blasse, zwanghafte Kulturgehabe, die seichten Denkfixierungen, das ganze Gehäuse der Zivilisationsregeln ab. Nicht, dass ich nun Waldzwerg und Kulturfeind werde, im Gegenteil: Ich bewege mich von nun an im Kulturgetriebe wie der Fisch im Wasser, segle wie der Adler durch die Klippen meines Lebenslaufs. Lebe in der Kultur, stamme aber nicht von ihr!

 

Natur: Voraussetzung für echte Kultur

Es ist die erste Tatsache des Lebens, dass uns unsere selbstgemachte Kultur an die Kandare nimmt, uns auspeitscht, sobald wir als Pferde und Maulesel stehen bleiben und entspannen wollen. Kultur ist ein Kutscher, der peitscht. Darin nun sehen die Verirrten den Sinn von Kultur und Sein. Doch man irrt jämmerlich: Es darf Kultur geben, sofern sie Natur bleibt. Kultur ohne Natur ist kranke Natur. Unser Kultur ist krank. Versteht man aber, aus dem engen Stiefelzwerg der Sitten und Gesetze herauszuschlüpfen, heißt das frei zu werden im Naturmaßstab. Aber was Natur sein soll, das weiß heute kein Gebildeter mehr. Denn: Bildung lähmt Instinkte. Instinkte aber sind die Seelenbewegungen unserer Natur. Ich bin kein Körper, ich bin geborener Geist und geborene Seele und drittens lege ich mir zur Zierde eine Toga aus Fleisch um. Wenn du begreifst „Ich bin Seele, mehr noch reiner Geist, trage aber Arme und Beine als Werkzeuge in der Materie“, dann dämmert Wachheit herauf, erste Funken der Therapie der Natur.

Bücher von Holger Kalweit

– „Traumzeit und innerer Raum. Die Welt der Schamanen“
– „Urheiler, Medizinleute, Schamanen. Lehren aus der archaischen Lebenstherapie“
– „Naturtherapie“
– „Die Plasmadimension (zum Thema Tod und Leben nach dem Tod)“
– „Heilung des Wissens“

mit seiner Frau Amelie Schenk:
„Schamanen auf dem Dach der Welt“

 

Über den Autor

Avatar of Holger Kalweit

Holger Kalweit ist Psychotherapeut, Völkerkundler und Schamanenforscher. Auf langen Wanderungen zu Stammeskulturen und durch die Beobachtung schamanischer Initiationsriten entwickelte er eine neue Therapie, die Naturtherapie. Dabei kommen alle schamanischen Methoden und Erkenntnisse zum Tragen; die Therapie findet ausschließlich in der Natur, insbesondere auf von ihm veranstalteten Reisen zu Naturvölkern statt.

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