Anzeige

Was bedeutet „freier Wille“? Es ist wie mit der „Erleuchtung“: Alle reden darüber und haben Vorstellungen davon, und keiner weiß, was es ist oder ob es überhaupt existiert. Nur die Hirnforscher sind schon etwas weiter: Sie belegen, dass es so etwas wie einen freien Willen nicht gibt. Und damit sagen sie, was auch Buddha schon vor 2500 Jahren gelehrt hat: Es gibt keinen Handelnden. Es gibt kein „Ich“.

 

Dennoch lässt sich nicht leugnen, dass alle Menschen Erfahrung mit ihrem „Ich“ zu haben glauben. Und ebenso mit so etwas wie dem „freien Willen“. Sehen wir genauer hin.

Die Wortkombination „frei“ und „Wille“ ist in sich bereits unsinnig. Frei ist frei. Da ist nichts davor, nichts dahinter und nichts darin. Wie bitte? Ja, leider kann der Verstand damit nichts anfangen. Und doch ist es so. Der Verstand macht aus frei immer ein „frei sein um…“ (etwas zu tun) oder ein „frei sein von…“ (etwas oder jemandem). Doch das ist nicht frei. Das ist immer noch an Bedingungen geknüpft.

Kommt nun ein „Wille“ ins Spiel, ist gar nichts mehr frei. Wille, Wollen setzt voraus, dass etwas beurteilt oder verglichen wird mit einer Vorstellung, wie es zu sein hätte. Wille wird nur aktiviert, wenn Objekte der Wahrnehmung (Gedanken, Gefühle, materielle Objekte) auftauchen, die ein Subjekt besitzen, verstoßen oder ändern möchte. Wenn es also Trennung gibt.

In Momenten, in denen du einfach unangestrengt glücklich bist, gibt es keine Trennung, gibt es kein Wollen. Erst wenn etwas auftaucht, das nicht so ist, wie du es haben möchtest, taucht Wille auf. Damit ist stets eine Art von Anstrengung verbunden, nicht wahr? Glücklich sein ist nicht anstrengend. Frei sein ist nicht anstrengend. Die Konzepte darüber sind anstrengend.

 

Kaffee oder Tee?

Bewusstsein ist frei. Wille erscheint darin. „Freier Wille“ bezeichnet die Fähigkeit des Mind-Apparates, zwischen zwei oder mehr Möglichkeiten eine Auswahl zu treffen. In der Welt der Erscheinungen ist diese Fähigkeit praktisch. Du kannst entscheiden, ob du Kaffee oder Tee trinken möchtest. Du entscheidest dich für Tee? Gut. Die Entscheidung wurde ohne Einflussnahme Dritter getroffen. Du nennst das deinen freien Willen? Wenn du genau hinsiehst, wirst du feststellen, dass nicht einmal diese einfache Entscheidung von dir getroffen wurde. Die Tatsache, dass du Tee wählst, mag auf Erfahrungen beruhen. Woher die Erfahrung kommen, wann ihr Anfang war, wirst du nicht herausfinden. Du weißt nicht, warum Tee dir besser schmeckt. Vermutlich schmeckte er dir schon besser, bevor du wusstest, dass es Tee gibt – bevor es dich als Ich gab.

Freier Wille würde voraussetzen, dass es dich als einen Jemand wirklich gäbe. Doch wenn du wirklich gründlich untersuchst „Wer will hier etwas?“ (etwa Tee), wirst du niemanden finden. Keine Essenz, die du bist.

Schade? Nein. Hirnforscher können inzwischen belegen, dass zwar jeder Erfahrungen mit einem „Ich“ und einem dazugehörigen „Willen“ hat, aber dass beides eingebildet ist. Die Erkenntnis hat sich noch nicht in der Breite durchgesetzt. Aber das wird sie. Und sie ist segensreich für die Menschheit. Sie unterstützt die Möglichkeit, das zu sein, was man bereits ist – frei.

Hat der Mensch Räder?

Satsang mit Adima

Im Prinzip nein. Aber er hat Fahrräder und Autos erfunden und benutzt sie. Insofern hat er dann doch Räder. Er hat sie sich zugelegt. Genauso verhält es sich mit dem „freien Willen“. Niemand wird damit geboren. Er ist ein gedankliches Konzept. Er wird der Wirklichkeit aufgepfropft. Die Dinge geschehen, und der Mensch sagt: Ich habe es so gewollt. Oder: Wenn ich es früher gewusst hätte, hätte ich es verhindern können. Das sind Gedanken. Kleine elektrische Impulse in der Software. Sie haben keine reale Substanz. Und so verhält es sich auch mit dem „Ich“. Niemand wird als ein „Ich“ geboren. Es ist nur ein Gedanke. Ein Software-Impuls. Der Mind ist das Betriebssystem, das Gehirn die Hardware. All das kommt und geht mit dem Leben und Sterben des Körper-Geist-Apparates. Das, was du in Wahrheit bist: Bewusstsein – das kommt und geht nicht. Bewusstsein IST. Die Software wird nicht die Realität verstehen. Der Mind nicht das Bewusstsein. Sein Versuch, das, worin er auftaucht und erscheint, zu erfassen, kann nur fehlschlagen. Du kannst die Wahrheit nicht verstehen. Du kannst sie nicht haben. Du kannst sie nicht einmal wollen. Du kannst sie nur sein. Und du bist sie schon. Frei.

Dieser Artikel ist Teil der Themenseite(n):

Über den Autor

Avatar of Adima

bürgerlich Brigitte Strathus, ist Satsang-Lehrerin. Ihren Ballast ließ sie einst bei Osho, den Rest bei Sri Poonja in Lucknow. Vor sechs Jahren erlebte sie jenes Verschwinden des „Ich“, das die einen „Erwachen“ und die anderen ein „Nicht-Ereignis“ nennen.

Eine Antwort

  1. Carolin Curant

    Hallo Brigitte Strathus,

    es ist wichtig zu erkennen, das wir reines Bewusstsein sind!
    Aber ich sehe in ihren Erklärungen auch eine Gefahr.
    Nämlich die, der Realitäts Entfremdung und das verlieren der Wurzeln.
    Bei vielen Spirituellen Menschen sind die unteren Chakren unteraktiv, sie befinden sich mit ihrem Bewusstsein in den oberen Chakren. Dabei vergessen sie ganz ihren inneren Schatten und Gefühle. Und manchmal sogar die Liebe und sie fixieren sich nur noch auf das Licht und auf das reine Bewusstsein das sie sind. Es ist aber sehr wichtig zu erkennen, das nur ein Zusammenspiel mit ALLEm was wir sind: Gefühle, Liebe, Licht, Schatten ganz werden können. Durch das annehmen von allem was in uns ist, erkennen wir, die Liebe und das Bewusstsein in uns.
    Mein Weg ist der Weg durch den Schatten ins Licht. Ohne sich mit den Schatten in uns auseinander gesetzt zu haben, können wir nicht das Bewusstsein in uns erkennen und wir schweben irgendwo da oben rum, habe aber vollkommen den Sinn für Realität und das Leben HIER und JETZT auf der ERDE verloren. Wir sind mit den Kopf im Himmel, aber nicht mit den Füssen in der Erde und Erdung fehlt so vielen Spirituellen Menschen!

    Liebe Grüße, Elfe Perla

    Antworten

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*