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Unser Verhältnis zu Macht, unsere Erfahrungen von Stärke und Schwäche formen unsere Psyche. Transformation geschieht, wenn wir zu echter innerer Stärke gelangen und wieder in unsere Kraft kommen.

 

Wille zur Macht

Viele Jahre lang habe ich mir gewünscht, den einen, essentiellen Schlüssel zu finden, der die Tür zu seelischer Gesundheit und Transformation des Menschen öffnen kann. Dieser Wunsch hat sich durch die Begegnung mit vielen Menschen verstärkt, denen ich im Rahmen meiner Arbeit als Lehrer für innere Transformation begegnet bin. Es hat mich immer wieder überrascht, in welch vertrackten, verwickelten Komplikationen die Herzen und Köpfe dieser Menschen gefangen waren. Ich habe deshalb einen sehr genauen Blick in ihre Psyche und in meine eigene Seele werfen müssen, um besser verstehen zu können, wonach der Mensch sucht und was die Quelle seines Leidens ist.

An einem bestimmten Punkt bin ich im Zuge dieses Forschens auf die Schriften des enorm missverstandenen Philosophen Friedrich Nietzsche gestoßen. Von Nietzsche stammt die Behauptung, dass die Psyche des Menschen und die Grundlage seines lebenslangen Suchens auf dem Willen zur Macht beruht – eine Feststellung, der ich zunächst misstrauisch und nur sehr zögernd begegnete. Schließlich komme ich selbst aus einer yogischen Tradition, die sehr viel optimistischer über die Antriebe des Menschen denkt. Ja, ich habe mich sogar so sehr dieser Idee Nietzsches widersetzt, dass ich in meiner eigenen Abhandlung über den Philosophen ein ganzes Kapitel darauf verwendet habe, die Falschheit dieser Idee zu zeigen.

Jedoch hat die direkte Erfahrung meiner eigenen Arbeit mit vielen Menschen, die psycho-transformative Prozesse unterlaufen haben, mir letztlich etwas anderes gezeigt. Je intensiver ich mich darum bemüht habe, das innerste der menschlichen Psyche zu verstehen, desto mehr musste ich zugeben, dass der Wille zur Macht nicht nur der Schlüssel zum Verständnis der Psyche und ihrer unbewussten Antriebe war. Er war sogar der entscheidende Schlüssel, um die Tür zu geistiger Gesundheit und Transformation zu öffnen.

Einfach gesagt, geht der Wille zur Macht davon aus, dass Menschen nicht allein durch ihren Überlebensinstinkt angetrieben werden, sondern dass ihrem Streben ein ständiges Verlangen nach Selbsterweiterung und Selbstbestärkung zugrunde liegt. Unsere Geburt selbst, unser Eintritt in die Welt, war Ergebnis eines Wunsches nach „mehr“: Mehr Kontrolle, mehr Begreifen, mehr Erfahrungen, mehr Leben. Man kann sagen, dass das Leben an sich in diesem Streben nach Wachstum und Ausdehnung besteht, oder, wie Nietzsche es ausgedrückt hat: „Ich bin das, was sich immer selber überwinden muss.“ Dieser enorme Antrieb, der in seiner Essenz biologisch und physikalisch ist, gibt auch der menschlichen Psyche und Persönlichkeit ihre Form; beide entstehen aus den Erfahrungen der Schwäche und Stärke, die das Selbst in seiner Beziehung zur Welt macht. Allmählich wird so das System einer Persönlichkeit geformt, das aus verdrängten Formen des Willens und seinen Enttäuschungen besteht, aus bewussten und unbewussten Wünschen danach, die eigene Macht zu erfahren, aus Reaktionen auf Schwächeerfahrungen und auch aus Kompromissen, die angesichts der stärkeren Mächte in der Welt geschlossen werden müssen.

 

Heilung = Gefühl für die eigene Kraft

Wie bereits erwähnt, hat meine eigene, direkte Arbeit mich dazu gezwungen, den Willen zur Macht als reale Tatsache anzuerkennen. Ich erkannte, dass genau dieser Wille im Kern menschlicher Sehnsüchte und Anstrengungen steckt. Mehr noch, mir wurde klar, dass Menschen genau dann heilten, wenn sie das Gefühl ihrer eigenen Kraft zurückgewannen. Dank ihr konnten sie selbst ihre größte Trauer überwinden. Bevor ich zu dieser Erkenntnis kam, bin ich mir sicher gewesen, dass Menschen heilten, wenn sie ausgedehnte spirituelle Zustände erfahren konnten. Diese spirituellen Ebenen schienen die Kraft zu haben, einen Menschen von Sorgen und Ängsten, existentieller Anspannung und fundamentalen Ängsten zu befreien.

Jedoch wurde mir ab einem gewissen Punkt dies klar: Spirituelle Zustände wirken heilend, weil sie dem Menschen die Kraft geben, größer als seine seelischen Verletzungen und bloßen Überlebensinstinkte zu werden. Ein geweitetes Bewusstsein bringt eine dramatische Verlagerung mit sich, nämlich weg von ‚falscher, externer Macht‘ hin zu ‚echter, innerer Macht‘ – dies ist ein Zustand völliger Zufriedenheit, in dem, wenn auch vorübergehend, der in unserer Psyche angelegte Hunger nach unserer eigenen Stärke gestillt ist. So lässt sich auch verstehen, warum spirituelle Erleuchtung seelische Befriedigung mit sich bringt: Sie geht mit ‚Glückseligkeit‘ einher, und diese ist ganz einfach das Nebenprodukt eines Zustands, der eine ultimative Kraft darstellt – oder eine ultimative Selbsterweiterung.

 

Von externer Macht zu innerer Macht

An diesem Punkt ist es wichtig, drei verschiedene Zustände zu unterscheiden. Der erste ist der Zustand ,falscher externer Macht‘. Dies ist ein Zustand, in dem wir von der Welt erwarten, dass sie unseren Drang nach Selbstbestärkung und Selbsterweiterung befriedigt. Diese Haltung führt immer dazu, dass wir uns aggressiv verhalten. Falsche externe Macht ist der Wille, Macht auf Kosten anderer zu erlangen. Dies ist niemals wirklich befriedigend, da es immer noch mehr zu erreichen und zu gewinnen gibt, und so gerät der Mensch in einen Zustand ’neurotischer Unzufriedenheit‘. Der zweite Zustand, den ich hier unterscheiden möchte, ist ‚falsche innere Kraft‘. Hierbei handelt es sich um den Versuch der Psyche, Erfahrungen der eigenen Schwäche in Beziehung zur Welt zu kompensieren, indem sie sich eine mentale, emotionale und sinnliche Selbsterhöhung vorstellt. Wir kreieren falsche innere Macht, in dem wir uns selbst größer machen, indem wir geheime Siege über unsere Feinde im Außen feiern, indem wir uns an spirituellen und religiösen Konzepten festhalten, Trost in anderen Welten finden und so weiter. Nietzsche hat dies als ‚Sklavenmoral‘ definiert. Damit meint er die Art und Weise, in welcher der Schwache im Stillen alternative Machtressourcen erfindet.

Echte innere Kraft ist ein vollkommen anderer Zustand. Sie ist der Geisteszustand, der als Resultat davon entsteht, dass wir den Drang oder Willen zur Macht in unser Inneres richten. Wir wünschen uns dann nicht mehr, in der äußeren Welt zu gewinnen, vielmehr streben wir danach uns weiterzuentwickeln, den Jetzt-Zustand unserer Psyche zu überwinden. Das ist es, was sich Nietzsche unter dem ‚Übermenschen‘ vorgestellt hat – und es ist etwas ganz anderes als die verzerrte Version dieser Idee, die von den Nationalsozialisten für ihr eigenes Machtstreben missbraucht wurde, welches natürlich ganz auf externe Macht ausgerichtet war. Nietzsche benannte also eine innerliche Lösung für das Problem, das der Wille zur Macht mit sich bringt: Sie besteht darin, dass die Psyche ihre eigenen Begrenzungen überwindet, und dabei zuallerst ihre Abhängigkeit von falscher externer Macht. Das Ergebnis dieses Prozesses ist eine innere Ausdehnung anstelle der äußerlichen, stets mit Kampf und Konflikt einhergehenden.

 

Der psycho-transformative Prozess

Ein psycho-transformativer Prozess hat zwei Ebenen. Auf der ersten Ebene geht es darum, echt innere Stärke zu kreieren. Nach meinem gegenwärtigen Verständnis ist das der ultimative Schlüssel für seelische Gesundheit: Man kommt vollkommen in die eigene Kraft. Dieser transformative Prozess beeinhaltet eine Reihe mentaler und meditativer Techniken. Mit ihrer Hilfe richtet die Person ihren bis dahin unterdrückten oder verdrängten eigenen Willen statt nach außen in ihr Inneres. Auf der zweiten Ebene geht es darum, die verlorene Kraft zurück zu gewinnen.

In der White Light Expansion Methode arbeiten wir dafür an fünf Aspekten:

  1. Wir lernen, unsere Lebensgeschichte ohne ein Opferbewusstsein zu erzählen, das die Perspektive verzerrt.
  2. Wir decken das echte Unterbewusstsein auf und erkennen, dass nicht unsere früheren Verletzungen unser Leben formen, sondern unsere frustrierten Wünsche.
  3. Wir entdecken unseren versteckten Wunsch nach Macht und lösen ihn aus dem Unterbewusstsein.
  4. Wir arbeiten mit Situationen, in denen wir selbst Aggressoren waren und transformieren sie.
  5. Schließlich arbeiten wir mit den Momenten größter Schwäche in unserem Leben, die wir allgemein als ‘Traumas‘ bezeichnen können.

Mir hat sich gezeigt, dass die Arbeit mit Traumata und psychologischen Erinnerungen vor dem Hintergrund des Macht-Prinzips extrem effektiv ist. Im Kern unserer psychologischen Erinnerungen liegt unsere Selbstwahrnehmung als Opfer. Dieses Opfer-Bewusstsein wird durch immer weitere Erfahrungen unserer eigenen Schwäche stetig bestätigt. Ich habe festgestellt, dass dieses Opfer-Bewusstsein ein ‘falsches Unterbewusstsein‘ ist: eine Art Schutzwall, der dazu gedacht ist, unsere eigentlichen Antriebe zu verbergen, unsere tatsächlichen Wünsche und Enttäuschungen.

 

Trauma – der Höhepunkt des Opfer-Bewusstseins

In einer traumatischen Erfahrung erreicht das Opfer-Bewusstsein seinen Höhepunkt, da wir spüren und erleben, dass die Welt und das Leben sich gegen uns gewandt haben. Wir haben das Gefühl, dass unsere gesamte Macht von jemand oder etwas anderem weggenommen wird, das in diesem Moment die Übermacht hat. Diese Schwäche-Erinnerung setzt sich uns als Gefühl des Machtverlusts fest und wird Teil unserer verletzten Beziehung zur Welt. Wir nehmen uns diese Art von Erfahrungen enorm zu Herzen, weil es für den Menschen nichts Unerträglicheres gibt, als das Gefühl des drastischen Machtverlusts.

Ganz gleich, ob der Machtverlust von außen offensichtlich ist, oder ob es sich um eine innere Dynamik handelt, wird diese Erfahrung immer einen seelischen Prozess in Gang setzen: Die Suche nach der verlorenen Macht. Man kann sich ein Trauma als einen Moment vorstellen, in dem das Gefühl der eigenen Macht in tausend Stücke zerschlagen wird, und den seelischen Prozess, der daraus folgt, als den verzweifelten Versuche, diese Stücke zusammenzuraffen, um das Gefühl der Ganzheit wieder herzustellen.

 

Therapie ist nicht Heilung des Opfers, sondern die Rückeroberung der Macht

Wenn wir begreifen, dass die Persönlichkeit des Menschen durch seine Beziehung zur Macht geformt wird, können wir diese Erfahrungen nicht mehr auf die herkömmliche Weise betrachten. Wenn wir erkennen, dass der Mensch in seiner Identität eigentlich kein Opfer ist, sondern ein ‘Wollender‘, so kann die traumatische Erfahrung nicht in den Kern seiner Identität vordringen. Vielmehr erschüttert das Trauma in extremer Weise unsere eigentliche Identität, die ein ununterbrochenes Wollen ist.

Daraus folgt, dass das Hauptziel eines therapeutischen Prozess nicht in der Heilung des Opfers bestehen sollte, sondern darin, dass die traumatisierte Person die Kraft zurückgewinnt, die sie in dem Ereignis verloren hat.

Wenngleich in dem Ereignis selbst normalerweise eine Form externer Macht verloren gegangen ist, geht es in der Therapie nun darum, die verlorene Macht in einer neuen Form zurückzubekommen, als eine echte innere Kraft nämlich.

Der traumatische Schmerz besteht in der Trauer über die demütigenden Momente, in denen man geschwächt wurde. Wir leiden weniger unter Ereignissen und Dingen, die uns angetan wurden, als unter der Tatsache, dass wir enorm geschwächt worden sind, dass andere, mächtigere Elemente uns kontrollieren und bestimmen konnten. Wenn wir uns selbst als Opfer erleben, dann ist dieses Gefühl Ausdruck der Enttäuschung, dass unser eigener Wille durch einen mächtigeren Willen vereitelt wurde.

In einem Prozess mit White Light Expansion hebeln wir diesen Zustand des Leidens aus: Die Person kommt in einen Zustand echter innerer Kraft und ist so in der Lage, ihre einst verlorene Macht wiederzubekommen. Sie kann nun in ihrem Innern die Erinnerung überwinden, kann über das Leben selbst und die Welt der Machtkämpfe hinauswachsen, und auf diese Weise ‘heilen‘.

Damit das passieren kann, muss das Bewusstsein der Person größer und stärker als die Erinnerung sein; es muss im wahrsten Sinne ‘mächtiger‘ als die Erinnerung werden, um sie zu überwinden. Wenn das Bewusstsein mächtiger ist, kann es die Erinnerung, die zuvor enorm groß und überwältigend schien, in sich halten, genau wie ein großer Kreis einen kleinen Punkt in sich bergen kann. Wenn wir dagegen selbst wie kleine Punkte sind, die darum kämpfen, den großen Kreis einer Erinnerung in uns zu halten, so können wir uns lediglich in kompensierende Konzepte flüchten, wie etwa ‘Akzeptanz‘ und ‘Vergebung‘.

 

Maximale Stärke als Heilung für Traumata

Nach dem Prinzip der Macht-Psychologie ist ein Trauma ein Zustand drastischer Schwächung, der nur durch einen Zustand maximaler Stärke geheilt werden kann (das heißt also, dass der Zustand der Stärke auf die traumatische Erfahrung der Machtlosigkeit angewandt wird). Im Herzen jedes Traumas steckt die Erfahrung des Menschen, seiner eigenen Macht zeitweise völlig beraubt worden zu sein. Er überwindet diese Erfahrung, indem sein eigenes Selbst größer, ja unendlich viel weiter als das Ereignis wird. Denn das Gefühl des eigenen Selbst ist mit dem Gefühl der eigenen Macht gleichzusetzen. So kann die Person die Erinnerung sogar positiv für ihr eigenes Wachstum nutzen, statt sie immer weiter als Symbol der eigenen Schwäche zu behalten.

Während des Traumas hat bis zu einem gewissen Grad Dissoziierung und unbewusstes Handeln stattgefunden. Bei der Heilung passiert das genaue Gegenteil, die Person erreicht einen Zustand vollkommener Intaktheit und Bewusstheit. Eine vollkommene, bewusste Präsenz kann den einstigen Mangel an Bewusstsein und Präsenz wettmachen. Wenn das Bewusstsein ganzheitlich funktioniert und ausgeweitet ist, kann es Teile der Psyche loslassen, die das begrenzte Denken für unverzichtbar hält. Es kann dann offen und ‚ungeschützt‘ sein und braucht weder zu kompensieren, noch sich abzulenken oder andere ‘Überlebensstrategien‘ anwenden.

In einem solchen Prozess sind ‘Akzeptanz‘ und ‘Vergebung‘ unnötig, es gibt keinen Bedarf für kompensatorische Vorstellungen oder eine göttliche Stütze. Der Mensch springt von der Wippe herunter, die ewig zwischen den Polen von Macht und Schwäche hin- und herschwingt, und nimmt seine neue Position echter innerer Stärke ein, von der aus er ganz einfach seine psychologischen Erinnerungen entwirrt. Aus dieser Haltung erscheint ihm eine vorübergehende Schwäche als natürlicher Teil des Lebensfluss, der jeden von uns einschließt. So ist er wieder bereit, am Leben teilzuhaben. Mehr noch, er ist bereit, seinen eigenen Willen anzunehmen.

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2 Responses

  1. Ulrike Kretzmer

    Lieber Shay Tubali,
    danke für diesen wunderbar bündig zusammengefassten Text über das (vor allem in Deutschland) so lange missverstandene Thema „Macht“.
    In meiner Transformationsarbeit begegnet mir dieses Thema auch sehr häufig. Ich nenne es gerne die Eigenmacht zurück zu gewinnen, in dem alle Zepter, die man einst in bestimmten Aspekten seines SEINS abgegeben hatte zu sich zurück holt.
    Nur so können wir wieder zu dem Wissen gelangen, wer wir wirklich sind.
    Vielen Dank!

    Antworten
  2. LSDream

    In anderen Worten, man soll nachdem man gesehen hat das man keine Kontrolle hat anfangen wieder zu glauben man hat Kontrolle über die Dinge die geschehen?
    Nein, der Mensch hat keine Macht! Er hat nur eingebildete Macht, der Mensch ist nur ein kleiner Wurm in der existenz wie eine Ameise und Gott tretet manchmal in einen Haufen wir nennen es Naturkatastrophen oder sonstwas.

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