Zusammensein in Wahrheit: Die Sehnsucht nach Erleuchtung und die Suche nach dem Ich…

von Mario Hirt

Satsang ist eine Sanskrit-Bezeichnung und setzt sich aus den Silben Sat und Sangha zusammen. Jeder, der sich schon mal mit indischen Schriften beschäftigt hat, weiß, dass ein einziges Wort oder eine Silbe unzählige Bedeutungen haben kann – von daher hier eine einfache, aber den Kern treffende Erklärung. „Sat“ bedeutet so viel wie ultimative Wahrheit und „Sangha“ bezeichnet die Gemeinschaft von Gleichgesinnten. Also könnte man es frei übersetzen als „Zusammensein in Wahrheit“. Das, was spricht, und das, was hört, sind eins.

Durch Ramana Maharshi, den bekanntesten indischen Guru und Weisen der Neuzeit, und seine diversen Schüler, die ebenfalls zu Lehrern wurden, wurde die Advaita-Vedanta- und Satsang- Bewegung im Westen bekannt. Viele Suchende, auch berühmte Namen wie Hermann Hesse, C.G. Jung und andere, pilgerten zum Heiligen Berg Arunachala und erfuhren dort durch die Worte und die schweigende Präsenz des Weisen die Wahrheit. Begriffe wie Selbsterkenntnis, Erwachen und Erleuchtung prägen seitdem die stetig wachsende „Satsang-Szene“. Wer Teil dieser Szene wird und sich vom Satsang angezogen fühlt, bestimmt, wie alles andere auch, das Schicksal. Viele „Satsang-Profis“, also Menschen, für die das Besuchen von Satsangs zum Wichtigsten ihres Lebens gehört, haben ein intensives weltliches Leben und ausgiebiges, aber unter dem Strich erfolgloses spirituell- therapeutisches Workshop-Hopping hinter sich. Andere, die zu diesen Treffen kommen, hat „es“ völlig unvorbereitet beim Zähneputzen erwischt und sie erfahren dann erst im Nachgang, was da eigentlich passiert ist.

Absolute und individuelle Wahrheit

Diese Wahrheit, um die sich im Satsang alles dreht, ist die absolute Wahrheit und hat nichts mit unserer menschlichen Wahrheit zu tun. Unsere individuelle Wahrheit, die dadurch entsteht, dass wir durch „unsere Brille“, unsere Ich-Prägungen und Konditionierungen aus der Kindheit in die Welt schauen, lässt uns die Realität nicht so sehen, wie sie in Wahrheit ist, sondern nur so, wie es eben diese Brille erlaubt. Die absolute, ultimative Wahrheit ist jedoch für alle gleich gültig und besagt, dass wir nicht das sind, was in die Welt schaut!

Wir sind keine sterblichen Wesen, sondern das Sein selbst. Das All-Eine. Die in den Satsangs vertretene Weltsicht Advaita ist die Lehre vom Nondualismus, das heißt, es gibt keine zwei, sondern alles ist eins – das All-Eine, dessen Sein mit keinem Wort der Welt transportiert werden kann. Wir sind weder der Körper, noch unsere Lebensgeschichte, noch unsere Gedanken, Gefühle, Wünsche, Sorgen, noch alles, was wir wahrnehmen können. Alles, was kommt und geht, alles, was wir wahrnehmen können, kann nicht das sein, was wir sind! Lasst uns einen kurzen Augenblick anhalten und das innerlich überprüfen … „Alles, was ich wahrnehme, kann nicht das sein, was ich bin!“ Stimmt das? Ich nehme meinen Körper wahr, meine Stimmung, meine Gedanken, die Zeitschrift in meinen Händen, den Laptop vor mir, den Boden unter meinen Füßen, Gegenstände, Menschen, Pflanzen, Sonne, Wärme und so weiter … Wer nimmt das alles wahr? „Ich“ Wer ist „Ich“? Das ist die zentrale „Satsang-Frage“, die zur ultimativen Wahrheit führen kann, wenn das Schicksal es so vorsieht.

Überleben ohne einen Überlebenden

Satsang ist ein Frage-Antwort-Setting zwischen einem Guru und der nach Antworten, Heilung und Sinn suchenden Gemeinschaft. Guru, ebenfalls Sanskrit, bezeichnet einen spirituellen Lehrer/Meister, dem die Gnade den ich-haften Kopf von den Schultern geschlagen hat. Diese „Erleuchtung“ ist die größte Kalamität für das Ego-Ich, wie der erwachte Lehrer U.G Krishnamurti es beschrieb, die größte Katastrophe und gleichzeitig das einzig Erstrebenswerte. Es ist eine absolute Todeserfahrung, die paradoxerweise überlebt wird – jedoch ohne einen Überlebenden. Im Satsang dienen die Worte des Meisters dieser „Todeserfahrung“. Sie vermitteln kein zusätzliches Wissen, sondern, ganz im Gegenteil, helfen dabei, das angesammelte vermeintliche Wissen als falsch zu erkennen.

Allem voran das Wissen vom „Ich“. Dieses “Ich“, das wir denken zu sein, ist nichts weiter als ein limitierender und einschränkender Gedanke. Es ist eine Erinnerung, ein in der Kindheit mit dem Erlernen der Sprache entstandenes falsches Selbstbild, welches uns illusorisch mit unserem Körper hat identifizieren lassen und uns so bis dato das Dasein, die Existenz, das „Ich bin“ vorgaukelt. Ein Gedanke glaubt einem anderen Gedanken … Existenz – die Basis allen Leidens. „Wenn du denkst, du bist, dann irrst du. Wenn du nicht bist, dann hast du recht“ ist eines von unzähligen Zitaten Gautama Buddhas, welches ebenfalls auf das absolut Unverständliche hindeutet – die persönliche Nichtexistenz.

Hab keine Angst vor der Nichtexistenz. Hab keine Angst vor dem, was du bist. Es gibt dich nicht relativ, als getrennt existierender Körper, es gibt dich nur absolut. Du bist das unwahrnehmbare All-Eine, das Absolute. Du bist Nichtexistenz… die Abwesenheit von jeglicher individueller Wahrnehmung.

Nichtexistenz bedeutet „Tod“! Die größte Angst jeden „Ichs“. Alles auf diesem Planeten, absolut alles, dient entweder der Ablenkung oder der Abwendung von dieser vermeintlichen Tatsache. Im Satsang wenden wir uns direkt oder indirekt genau dieser Todesangst zu und erfahren, dass das Einzige, was sterben kann, der Ich-Gedanke ist, das „ich bin“.

Das Kunstwerk war schon immer da

Die Worte des Meisters im Satsang pieken gnadenlos liebevoll genau in diese „illusorische Ur- Wunde“. Genauso wie wir uns an einen Splitter, unsichtbar unter der Haut, bei Berührung wieder erinnern, öffnet der Satsang ein energetisches Feld für die eigene Erinnerung. Es ist ein Nach-innen-Gehen und Überprüfen, wo denn das „Ich“ wahrnehmbar ist! Die Hülle, die Form, das Drumherum, das Wissen über uns und die Welt wird ad absurdum geführt und die Wahrheit kann zum Vorschein kommen. „Ich muss nur das entfernen, was nicht dazugehört. Das Kunstwerk an sich ist schon da“, war Michelangelos Antwort auf die Frage, wie er es fertigbringt, aus einem rohen Steinblock eine wundervolle Skulptur herauszumeißeln. So auch bei uns: Das, was wir sind, können wir niemals nicht sein. Es ist alles bereits da und muss nur wieder freigelegt werden.

Das ist auch der grundlegende Unterschied zwischen Satsang und allem, was der „Heilungsmarkt“ an spirituellen, psychotherapeutischen und ähnlichen Events, Therapien und Workshops anzubieten hat. Satsang führt zum „Erwachen“ und alles andere macht „den Traum eine Zeitlang etwas schöner“. Workshops, Therapie und Ähnliches geben dir Methoden und Möglichkeiten, um das Leiden zu mindern. Satsang nimmt dir alles – vor allem denjenigen, der leidet! Beide „Wege“ führen schlussendlich zwar zum gleichen „Ziel“ – das eine hält einen jedoch wesentlich länger im Leiden. Denn zum „Leiden“ und „Heilen-Wollen“ braucht es ein „Ich“. Dieses „Ich“ wird von der meist unbewussten Suche nach sich selbst angetrieben und geht so unzählige Irrwege in der Sehnsucht nach dieser Wiedervereinigung mit dem „Göttlichen“. Mit dem Erwachen/der Selbsterkenntnis endet diese Suche und eine heilsame Desillusionierung findet statt, die alle Verstandeskonzepte „durchschaut“… Ich, die anderen, die Welt, Heilung, freier Wille, Heiligkeit, selbst Gott… nichts bleibt übrig – absolut nichts.

Paradoxerweise ist genau diese absolute Abwesenheit die vorher so verzweifelt gesuchte Erfüllung. Ein freier Fall, ohne jemals irgendwo aufzuschlagen. Wir sind dann wieder alleine – das All-Eine, was wir sowieso schon immer sind. Wir sind wieder zu Hause, obwohl wir nie einen Schritt von dort weg gemacht haben. Das Paradoxon „Realität“ nimmt weiterhin seinen determinierten Lauf und die Ich-Rolle spielt sich spielerlos weiter, wie sie soll. Ein gleichgültiges Staunen begleitet den schrittlosen Weg und die absolute Lebendigkeit ist das Salz in der täglichen Suppe.

Still werden und aufhören zu tun

Es gibt natürlich, wie in jedem Bereich, auch hier genügend „Scharlatane“, die das Erwachen/ Sterben noch nicht erfahren, sondern nur „intellektuell verstanden“ haben und die dann den Satsang zum Beispiel mit Heil-Methoden kombinieren und dadurch verwässern; sie propagieren, wir könnten etwas tun, um zu erwachen, um dem Realitäts-Traum zu entkommen. Dabei können wir höchstens mit allem Tun aufhören und körperlich und geistig still werden – absolut still! Ob uns das jedoch gelingt, liegt nicht in unserer Hand. Der freie Wille und die vermeintliche Kontrolle über das, was passiert, verschwindet zusammen mit der Ich- Identifikation. „Der Mensch kann wohl tun, was er will. Er kann aber nicht wollen, was er will“, wusste schon Schopenhauer.

Von daher können wir niemandem einen Vorwurf machen, da alle nur gemäß ihrer Rolle gespielt werden und niemand der Täter seiner Taten ist. Es passiert niemals irgendwas wirklich, auch wenn es sich so realistisch anfühlt. Realität – der Ich-Traum – die Realisierung des Absoluten. Kein Wort der Welt kann transportieren, was im Satsang oder in Retreats erfahren wird, bei denen sich die Aufmerksamkeit auf einen wahrhaftig desillusionierten/“gestorbenen“ Lehrer richtet – das Mysterium kann nur erfahren werden.

Nächste Events mit Mario Hirt:
15.-22. August 2018 „Satsang, Stille & Meer“ – das Sommer-Retreat auf Hallig Hooge in der Nordsee
Offener Satsang-Abend jeden 1. und 3. Freitag im Monat im Spandauer Kiez

Über den Autor

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Was kann Mario dir geben? Geben kann er dir nichts… wozu auch – du hast bereits von allem viel zu viel. Zu viel falsches „Wissen“ über dich und die Welt und zu viele ungefühlte Emotionen in dir. Diese Kombination lässt dich unentwegt leiden. Von daher kann er dir nur alles nehmen – bis absolut Nichts mehr übrig bleibt. Es ist Advaita – alltagstauglich! Bei Mario geht es nicht um heiliges Getue oder die große Show, in der die „Besonderheit“ des Lehrers mit Verehrungskult und Ähnlichem im indirekten Mittelpunkt steht. Er sieht sich nicht als Lehrer, kommt aber – wie alle anderen auch – nicht drumherum, die Rolle des „leerenden Lehrers“ spielerlos zu spielen. Wer nur jammern will, ist an der falschen Adresse. Wer aber bereit ist für Entwicklung und Änderung, ist mit all seinen Sorgen und Schmerzen bei ihm – mitfühlend, aber gleichgültig und gnadenlos ehrlich – an der richtigen Adresse. Sowohl in seinen Einzel-Terminen als auch in seinen regelmäßigen Satsangs und Retreats ist man „mitten im Leben“ und gleichzeitig auf seine unwahrnehmbare Essenz zurückgeworfen… „IN der Welt aber nicht VON der Welt“ wird erfahrbar. Mit der Mischung aus gefühlvoller Klarheit, kindlicher Unbefangenheit, Humor und Wortgewandtheit hat jede Begegnung mit ihm Erwachenspotential. „Der kann quatschen und stille sein – und das absolut!“ Durch seinen Lebenslauf ist er ein Weltenwanderer, der sowohl in der Psychotherapie, im Schamanismus, in den energetischen Heilmethoden als auch im Advaita- Vedanta zu Hause ist und so bei jedem Ich jeg – liches Existenzdenken ad absurdum führen kann.

Kontakt
Tel.: 0173-232 95 00




Eine Antwort

  1. Michel
    Wo es nichts zu geben gibt , gibt es auch nichts zu nehmen

    Schon im ersten Satz der Selbstdarstellung wird klar das es Nummer 13545 im Satsang Zirkus ist.
    So lautet der erste Satz : „Was kann Mario dir geben ? Du hast von allem Zuviel…. usw. „
    Er kann dir nichts geben , will dafür aber 20€ für ein „Satsang „verdienen unter dem Deckmantel Nachteilsausgleich.
    Wo es nichts zu geben gibt , gibt es auch nichts zu nehmen. Werder spirituell noch materiell. Wann endlich wird Satsang wieder frei vom Thema Geld ? Ich verneige mich vor allen Wesen die nie etwas für Vermittlung verlangt haben und sich nicht zu fein waren neben ihrer Arbeit kostenlos Gespräche anzubieten.

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