Wie sieht ein erwachtes Leben ohne Ego, ohne Ich-Zentriertheit aus?

von Ludmilla und Roland

Bevor wir damit beginnen zu beschreiben, wie sich ein erwachter, „egoloser“ Alltag erfährt, muss deutlich gesagt werden, dass das Erwachen einen radikalen Perspektivwechsel darstellt und die Selbst-und Welterfahrung sich dadurch gänzlich verändert. Es muss klar unterschieden werden zwischen den verschiedenen möglichen Erfahrensweisen des eigenen Selbst, des Lebens und der Welt, die wir als Menschen haben. Die normale Sichtweise, die wir heutzutage zumeist leben, ist die ich-zentrierte „Ego“-Perspektive, in der sich eine Person als von anderen und von der Welt abgetrenntes Individuum erfährt und von hier aus auf das eigene Selbst schaut. Ich betrachte mich selbst. Hier bin ich und dort sind die anderen, und wir alle bewegen uns zusammen in dieser Welt. Das ist die meist vertretene Alltagsrealität, die wir leben und teilen.

Darüber tauschen wir uns jeden Tag aus und das bringen wir auch unseren Kindern bei, indem wir es ihnen genau so vorleben. Es gibt aber auch eine andere Seinsweise, die ein völlig anderes Erleben des Selbst, der Welt und des Lebens zur Folge hat. Und die nennen wir hier die erwachte, spirituelle Perspektive. Ohne sie gäbe es nicht das, was wir seit Jahrtausenden als Erwachen und Erleuchtung bezeichnen. Wie der Alltag in der erwachten Sphäre aussieht, kann aus der begrenzten Ich-Sicht nicht verstanden und nicht imaginiert werden. Die erwachte Perspektive wird erst dann greifbar und vorstellbar, wenn Erwachen oder auch ein kurzfristiger Einblick in diese andere Wahrheit geschieht.

Ohne Ego im Alltag?

Aus der begrenzten Sicht des normalen Alltagsbewusstseins werden zumeist falsche Vorstellungen damit verbunden, wenn davon die Rede ist, dass mit dem Erwachen das Ego verschwindet. Spekulationen werfen berechtigte Fragen auf, wie zum Beispiel: Wie ist es, im Alltag egolos zu leben? Wie gehe ich ohne Ego mit den Dingen, mit anderen Menschen, mit mir selbst um? Gibt es noch Ängste, Wut und Schmerz? Wie ist das alltägliche Leben ohne Ego überhaupt möglich? Dies sind verständliche Fragen, denn alle Punkte, die im „egobehafteten“ Alltag immer und immer wieder Probleme bereiten, stecken in diesen Fragen drin. Es geht um andere Menschen, die Probleme bereiten, oder mich selbst als unverstandenes Wesen, das mir zwar vertraut ist, aber doch auch immer mal wieder unberechenbar erscheint, und die ganze große Welt mit ihren vielfältigen Problemen. Niemand kann sich dieses komplexe Dasein erklären, geschweige denn es kontrollieren. Und dann sind da noch die ganzen unschönen Gefühle in uns, die immer mal wieder auftauchen und uns das Leben schwer machen.

Da ist es nur verständlich, dass wir uns fragen, ob und wie eine „egobefreite“, erwachte Existenz uns ein leichteres Leben bescheren kann. Um die oben gestellten Fragen glaubhaft zu beantworten, muss zuerst einmal beschrieben werden, worin eigentlich dieser Perspektivwechsel besteht, wenn das Erwachen geschieht. Was ist genau gemeint, wenn davon gesprochen wird, dass das Ego verschwindet? Das Ego als Ich-Bewusstsein fällt nicht weg. Ich-Bewusstsein bleibt. Was aber geschieht, ist, dass die Identifikation mit der begrenzten Person, mit dem „kleinen Ich“ wegfällt, bzw. sich verlagert auf die Unbegrenztheit und die Unendlichkeit, die wir sind, auf das „große Ich“ oder auch das kosmische Ich. Die Ich-Adresse zieht dauerhaft um von der relativen Welt der Formen zum Absoluten. Aber was heißt eigentlich relativ und absolut? Und was bedeutet das für das Individuum?

Relatives und Absolutes

Alles im Kosmos unterliegt einer ständigen Wandlung. Das ist das ewige Gesetz des Lebens. Das Einzige, was dem nicht unterliegt, ist der Bereich der Schöpfung, aus dem der ganze Kosmos entstanden ist. Wir nennen ihn das Absolute. Dieses Absolute, auch Transzendenz genannt, ist nicht mit Worten beschreibbar, weil alle Sprache und auch das Ego am Tor zum Absoluten zurückbleibt. Sowohl die Schöpfung um uns herum als auch unser subjektives Bewusstsein entsteht ständig aus diesem unbegrenzten Reservoir an Energie und Intelligenz. Im Absoluten existiert nur das unbegrenzte Potential aller Dinge und allen Lebens, und das schon immer und ewig. Es hat das Absolute immer gegeben.

Seit Urzeiten nennen die Menschen diesen Bereich der Schöpfung auch einfach Gott und verbinden es oft mit dem inneren Bild einer menschlichen Person – einfach, weil wir uns das Unfassbare auf diese Weise besser vorstellen können. Alle Religionen berichten davon. Wenn wir nicht religiös sind, können wir diesen Bereich der Schöpfung, der tief in uns verborgen und auch im Außen überall ist, der Einfachheit halber das Absolute nennen. Alle spirituellen Wege führen dort hinein, und wenn wir das erfahren, nennen wir das Erwachen oder Aufwachen oder Transzendieren. Wir überschreiten eine deutliche Grenze von der Sphäre des Relativen und konkret Manifestierten hinein in das Absolute, die unwandelbare, ewige Quelle des Lebens. Und damit einher geht eine Bewusstseinsveränderung, die einen großen Wandel in uns selbst und in unserem Leben anstößt.

Wie gesagt: Unsere „Ich-Adresse“ zieht um. Weg von der einseitigen Fixierung auf unser Ego, des kleinen Ichs, hin zu unserem wahren Selbst, das auch einfach als reines Bewusstsein in den Tiefen unseres Selbst existiert und als solches erlebt wird. Im Individuum wird das Selbst in seiner Begrenzung als Illusion erkannt und erfährt sich fortan als kosmisches Ich, in dem alles erscheint. Die Welt, als aus sich selbst heraus bestehend, wird als Illusion erkannt, sie fällt in dich als Bewusstsein hinein als eine Erscheinung in dir selbst – als Unendlichkeit. Das Ich-Zentrum verändert sich, du erfährst dich als alles und überall seiend, nicht endend an der Körpergrenze. Was dann ganz natürlich geschieht, ist, dass die kleinen dich betreffenden Dinge, die sonst so wichtig erschienen, an Bedeutung und Wichtigkeit verlieren. Du nimmst dich selbst nicht mehr so wichtig und siehst die Dinge nicht mehr so eng. Prinzipien und Glaubenssätze fallen weg, die Anhaftung an deine persönliche Geschichte ebenso. Befreiung.

Die Individualität bleibt

Das kleine Ich erfährt sich selbst zunehmend als das kosmische Ich. Es lebt sich als kosmisches Ich-Bewusstsein, wobei die Individualität bleibt. Was also verloren geht mit dem Erwachen, ist nicht das Ego, sondern die Identifikation mit der Begrenztheit. Und dieser Switch in die Unbegrenztheit lässt die Bedeutung und Wichtigkeit des kleinen Ich mit seinen festlegenden Strukturen schwinden. Dieses Wechseln der Perspektive, das auch Erwachen genannt wird, kann schrittweise erfolgen oder einfach ganz plötzlich in einem Rutsch. Was dann natürlich sehr überraschend ist und sehr schnell einen großen Wandel im Leben hervorbringt. Die Erfahrung zeigt, dass in unserer westlichen Kultur das Erwachen oftmals in kleinen Schritten geschieht, wir also genug Zeit haben, uns daran zu gewöhnen. Wenn der große Sprung dann geschehen ist, gibt es in dem Sinne keine Alltagssorgen mehr. Es gibt nicht mal mehr einen Alltag.

Alles, was es gibt, ist die unmittelbare Erfahrung, dass alles vollkommen eingebettet ist in totale Schlüssigkeit und Liebe. Jede Sinneswahrnehmung bereitet Freude, wie es in der Kindheit war, wenn man an einem sorgenfreien Tag in ein schönes Leben geschaut hat. Jeder Tag ist eine große Freude und die Begegnung mit anderen Menschen und der Welt auch. Es ist ein radikaler Switch. Erwachen ändert alles. Das heißt, die Grundlage allen Handelns und Erlebens ist ab diesem Zeitpunkt die tiefe innere Freude und Sicherheit der Geborgenheit im absoluten Sein. Und wenn einmal Probleme auftauchen, sind sie immer Teil eines sinnvollen Großen und Ganzen und werden sofort durchschaut und verstanden. Sie werden auch nicht mehr so scharf erlebt. Sie dringen nicht mehr so tief ein, sie finden innerlich nicht mehr so viel Halt, auch wenn sie es versuchen. Es gibt einfach keine versteckten, krummen Dinger mehr im Leben.

Das ganze Leben befindet sich im Flow und wird als ein riesiges Geschenk in unbegrenzter Fülle erlebt. Das Absolute, das zum eigenen Ich geworden ist, oder andersherum, das Ich, das sich im Absoluten aufgelöst hat, durchdringt alles so sehr, dass alle inneren Wahrnehmungen und Empfindungen überschwemmt sind von Liebe, Gleichmut und Zufriedenheit. Probleme können das nicht verdrängen oder überlagern.

Die Schöpfung macht Sinn

Die ordnende Kraft des Absoluten glättet alles sofort und harmonisiert auch unsere Umgebung. Und diese Kraft wird durchaus auch mal deutlicher, wenn gewisse Entwicklungsschritte im Leben gemacht werden sollen und auch ungewöhnliche Änderungen erforderlich werden. Dazu gehört auch die spirituelle Erfahrung der dunklen Nacht der Seele, in der letzte Reste des alten Lebens ausgelöscht werden und starke Empfindungen und körperliche Reinigungen stattfinden können. Die Entwicklung wird beschleunigt, großes Wissen wird offenbart und Frieden taucht auf. Und so wird im erwachten Zustand des Lebens schlussendlich klar, dass die ganze Schöpfung einen Sinn hat und aus dem Blickwinkel eines erwachten Seins immer schon so gemeint und angelegt war.

Das relative Leben in seiner vielfältigen Polarität lässt sich im Grunde durch das im eigenen Bewusstsein erwachte Absolute viel stärker in einer schönen und erfüllten Art und Weise erfahren. Die einseitige Fixierung auf die relative Welt des Egos wird uns Menschen immer wieder durch bittere und schmerzhafte Erfahrungen daran erinnern, dass etwas viel Größeres auf uns wartet und wir eigentlich auf die Welt gekommen sind, um DAS wieder zu finden und uns mit IHM wieder zu verbinden. Und so erinnern sich immer wieder Menschen zu allen Zeiten daran, was der größte Schatz des Lebens ist und wo er sich tief in uns selbst versteckt hält. Sie zeigen uns den Weg dorthin und sorgen dafür, dass dieses heilige Wissen niemals verloren gehen kann. Es ist jetzt an der Zeit, dies immer mehr zu offenbaren und der Welt ein großes Erwachen zu bescheren.

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