Holm Andree Jochmanns Betrachtungen einer Menschheit auf der Suche nach sich selbst…

Hans Christian Andersen beschreibt in seinem Märchen „Die Schneekönigin“, wie der liebe Gott (und ich nehme an, mit großzügiger Unterstützung seiner Frau) eine wundervolle Welt erschuf: Mit Regenbogen und Mistkäfern, jeder Teil Ausdruck des vollkommenen Ganzen. Und über all dem und jedem Teil davon lag die Zustimmung und Liebe Gottes, denn der sah bekanntlich, dass es gut war. Der Teufel aber konnte das nicht ertragen und baute einen Spiegel, in dem sich alles hässlich spiegelte. Er flog damit zum Himmel, um ihn über der Welt zu befestigen, darin sollte die ganze Welt so schlecht aussehen, wie er sich fühlte. Der Spiegel fiel aber herunter und zerbrach in Millionen Splitter. Die fliegen seither herum. „Au! Es stach mich in das Herz, und mir flog etwas in das Auge!“ sagte der kleine Kai. Von da an konnte er weder in sich noch in der Welt etwas Schönes sehen. –

Ich denke, dass Andersen selbst der kleine Kai war, alle seine Märchen durchzieht eine tiefe Verzweiflung und Traurigkeit. Ein Kind kommt auf die Welt und spiegelt sich zuerst in den Augen der Mutter. Kann die Mutter allem, was zu dem Kind gehört, zustimmen, dann fühlt es sich geliebt. Ist die Mutter bedürftig oder mit sich selbst im Unfrieden, ist das Kind in diesem Spiegel nie genug, es sieht sich hässlich und unvollkommen. Anne Marie, die Mutter von H. C. Andersen, war alkoholkrank.

Ego: verstümmelte Ausgabe des eigenen Selbst

Liebe ist das Maß dafür, wie umfassend man jemandem zustimmen kann. Liebende Eltern können allem zustimmen, was zu ihrem Kind gehört: Das Kind fühlt sich ganz und als Teil der wundervollen Welt. Bedürftige Eltern stimmen nur einem Teil des Kindes zu und geben ihm zu verstehen: „Sei soundso, dann lieben wir dich!“

Dem Kind bleibt nichts anderes übrig, als sich diesem Wunschbild anzupassen. Es ist, so gut es kann, „Soundso“ und sperrt alles weg, was anders ist. Was dabei herauskommt, ist das Ego: Das Ego ist eine verstümmelte Ausgabe des eigenen Selbst, die vieles ausschließt und ablehnt, in sich und damit auch im Außen, in Anderen. Das Ego ist eine Konstruktion aus den Elementen der Persönlichkeit, die Zustimmung erfuhren, und aus einigen angelernten Eigenschaften, die für den Menschen, der sie hat, gar nicht stimmen, die eigentlich anstrengende Lebenslügen sind. Nun gibt es mehrere Möglichkeiten, aus dieser Konstruktion wieder auszubrechen. Einige Drogen sind in der Lage, die Käfigtür für einen Moment zu öffnen und ein All-Eins-Gefühl herzustellen, das heißt, man ist endlich wieder Mistkäfer und Regenbogen und so schön und herrlich wie alles auf der Welt. Leider hält das meistens nicht lange an.

Eine andere wunderbare Möglichkeit ist die Liebe zu einem anderen Menschen. Manchmal geschieht es, dass man sich in jemandem erblickt, mit allem, was dazugehört. Zum geliebten Menschen kann man „Ja“ sagen und sich selbst sozusagen im Anderen in den Arm nehmen. Solange der Zustand anhält, wird man so vollkommen und schön, wie man den anderen sieht. „Und sie erkannten einander.“ Leider setzt sich auch hier das Ego oft wieder allmählich durch. Man sieht nach einer Weile immer noch die eigenen Eigenschaften im Anderen, aber man erkennt sie nicht mehr als etwas Verbindendes, und so wird das Gegenüber zur Sondermüll-Deponie für alles, was man an sich nicht ertragen kann. Sozusagen zu einer emotionalen Bad Bank. Das führt zu einer anderen Möglichkeit, das Ego zu vergessen.

Leidenschaftliche Ablehnung

Wie die Liebe ist auch das Gefühl leidenschaftlicher Ablehnung ein Indiz, dass man sich gerade selbst begegnet ist. Ich war vor vielen Jahren mal in einem Workshop mit Byron Katie. Für mich war es eine Offenbarung. Ihre ganze Arbeit beruht auf der liebevollen Einsicht: „Was du am anderen ablehnst, bist du selbst!“ Weniger radikal, aber doch auf einer ähnlichen Ebene sehe ich auch die Arbeit mit Aufstellungen. Was in der Familiengeschichte ausgeschlossen wurde, wird angeschaut und nach Hause geholt. Damit immer auch Anteile, die über das bisherige Ego-Konstrukt des Klienten hinausgehen, das heißt, man wird ein bisschen ganzer. Sich auf leidenschaftliche Ablehnung als Einladung zur Annahme einzulassen, ist eine hohe spirituelle Leistung. Auf diesem Weg sind wir als Menschheit ganz am Anfang.

Ein Motto wie „#Unteilbar“ (Eine Aktion für eine offene und freie Gesellschaft, ohne Rassismus und Menschenverachtung) finde ich darum großartig. Schade nur, wenn daraus wird: „Wir hassen die da drüben, denn wir sind tolerant und die nicht!“ Finde den Fehler… Der bekannte Hashtag „MeToo“* hätte auch noch viel größeres Potential. Ich finde es gut, wenn sich wie in diesem Falle in einem ersten Schritt bisher sprachlose Opfer verbünden und ein wichtiges Thema endlich angesprochen wird. Aber ich kann mir auch einen weiteren Schritt vorstellen. Nämlich dass man innerlich dem in die Augen schaut, der einem etwas angetan hat, und ihm sagt: „Me too“. Heißt: Was er gemacht hat, ist schlimm, er soll die Verantwortung tragen, keine Frage. Aber auch: „Die Verzweiflung, die Bedürftigkeit, die Einsamkeit, die dich dazu getrieben haben, habe ich ebenfalls in mir.“ In diesem Zusammenhang ist es interessant, dass der MeToo-Gründerin Asia Argento von ihrem zwanzig Jahre jüngeren Kollegen Jimmy Bennett sexueller Missbrauch vorgeworfen wird.

„Nachspiegeln“ lassen

Eine weitere Möglichkeit, wieder alles und ganz zu sein, ist es, zu meditieren. Meditation ist der Versuch, zu vergessen, was man sich zurechtgelegt hat darüber, wer oder was man angeblich ist. Wenn das alte, halb erlogene Märchen, dass wir von anderen, vom Leben und von Gott getrennt sind, weicht, kann das ganze Universum einströmen und sich wohlig im durstigen Gefäß ausbreiten. Jeder von uns ist ein kleiner Teil der großen Seele. In jedem stecken das ganze Wunder und die ganze Vielfalt. Das Universum schämt sich nicht für ein bisschen Schimmel, Fäulnis oder eine schmutzige Kanalratte. Es bildet sich auch nichts ein auf Orchidee und Eisvogel. Es gehört einfach alles dazu und alles hat seine besondere Kraft. Wer sein Leben diesem Weg gewidmet hat, kann immer mehr und mehr ja sagen zu allem um ihn herum und in sich selbst.

Das führt zu einer weiteren Möglichkeit: Man geht zu so einem Menschen und lässt sich von ihm spiegeln. Wenn ich recht habe mit der These, dass man als Sparausgabe seiner selbst herum läuft, weil von den Eltern nicht das ganze Potential gespiegelt, man könnte auch sagen: gesegnet wurde, liegt es ja nahe, dass man sich sozusagen „nachspiegeln“ lässt. Diese Möglichkeit gibt es bei guten Lehrern – wenn man die Augen offenhält im Leben, findet man sie. Das kann der Klavierlehrer sein, der Coach oder Oma Lehmann von nebenan. Oder man sucht sich einen Guru. Das ist auch sehr interessant: Da sitzt dann einer, der „Ja“ sagen kann zu allem. Und einer setzt sich vor ihn hin, mit seiner ganzen Kraft und Liebe, von der er aber nichts weiß, weil er unter den Begrenzungen seines Ego leidet.

Der Schüler schiebt sozusagen unbewusst seine ganze Liebe, Kraft und Vollkommenheit zum Meister hinüber. Der Meister nimmt das an, sagt „Ja“ zum Schüler und zum ganzen Universum in ihm und alles fließt zurück. Für den Schüler fühlt es sich an, als hätte er Liebe empfangen vom Meister. Das stimmt auch. Aber gleichzeitig ist es auch seine eigene, die er endlich fühlt. Vielleicht könnte man sich auch jeden Morgen die Hand auf den Kopf legen und sagen: „Ich bin gesegnet!“ Aber besser ist es, rauszugehen und in alle Spiegel zu schauen, die man findet, und immer ja zu sagen. Am Ende auch zum Ego.

*MeToo ist ein Hashtag (Schlagwort), das sich ab Mitte Oktober 2017 in den sozialen Netzwerken verbreitete. Es sollte Frauen, die von sexueller Belästigung betroffen sind, ermutigten, es in ihren Beiträgen zu verwenden und damit auf das Ausmaß sexueller Übergriffe aufmerksam zu machen.

Nächste Veranstaltungen:
Aufstellungswochenenden vom 7.-9.12.2018 und 8.-10.2.2019 in 15324 Letschin, Wilhelmsauer  Dorfstraße 24. Aufstellungen und Übernachtung auf dem Mühlenhof. Außerdem offene Abende immer am jeweils dritten Donnerstag des Monats um 19 Uhr. Nächste am 15.11.2018, 20.12.2018, 17.1.2019

Author: Oliver Bartsch

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