Holm Andree Jochmann ist auf der Suche nach den echten Gefühlen…

Wenn ich in einem alten Fotoalbum blättere, sehe ich einen hölzernen Jungen mit geschnitztem glücklichem Lächeln und angemalten roten Bäckchen: mich. Meine Eltern waren Kriegskinder und bauten sich ihre duftende Rosenlaube, in der es nie wieder Angst und Böses geben sollte. Sie haben sich nie gestritten, es gab Kuchen und Spaziergänge, Urlaub auf Hiddensee und getrocknete Pilze für den Winter. Doch irgendwas stimmte nicht. Es war, als ob das glatte Tischtuch im Wohnzimmer stumme Blasen schlägt, wenn keiner guckt. Oder als ob unter dem bunten Teppich ein schwarzer Sumpf heimlich wabert. Ein Gedanke wie: „Blöde Mama!“ wäre mir nie in den Sinn gekommen.

Meiner Schwester schon, wie sie mir später erzählte, und sie hat sich dann wochenlang schuldig gefühlt. Irgendetwas fehlte, etwas stimmte nicht an mir, und ich stürzte mich in viele Abenteuer, weil ich ein echter Junge, ein echter Mann werden wollte. Ich war hungrig nach ehrlichem Ausdruck und wahrem Gefühl. Anfang der Neunziger geriet ich in eine Ausbildung in Körpertherapie nach Reich. Dort erlebte ich unglaublich schöne spontane Bewegungen, wie gesteuert von Meereswellen oder vielleicht gar vom fernen Nordlicht. Dazu gab es vulkanartige Gefühlsausbrüche. Man wusste zwar nie genau, was man da eigentlich gerade erlebt hatte, aber es war wie Panzerknacken. Ein Workshop innerhalb der Ausbildung wurde geleitet von Myron Sharaf, Weggefährte und Biograf von Reich. Er war schon sehr alt und recht gebrechlich. In der Gruppe damals war ich wahrscheinlich einer der Jüngsten.

Wahrhaftigkeit und echte Gefühle gesucht

Einige Teilnehmer erinnerten mich an meine Eltern. Myron stand in der Mitte des Raumes, wir traten nach und nach vor ihn hin. Er starrte jedem Einzelnen in die Augen, fühlte sich ein und begann dann, Mütter, Väter und Geschwister darzustellen, wie er eben meinte, dass die gewesen wären. Nach wenigen Minuten fielen die Leute einfach um, auf eine bereit liegende Matratze, manche strampelten wie mit Ärmchen und Beinchen und viele weinten wie kleine Kinder. Myron Sharaf kniete sich dann ächzend daneben, nahm den, der da gerade lag, in den Arm, wiegte ihn und brummte: „That’s it, that’s it…“

Ich fand das alles ganz unglaublich. Erstens: Wohnte denn in jedem so ein verzweifeltes Kind? Offensichtlich! Zweitens: Wie kann es sein, dass ein alter Mann, auf Englisch vor sich hin murmelnd, glaubhaft jemandes Mutter darstellt, die er noch nie gesehen hat? Die Antwort auf die zweite Frage fand ich später im Phänomen Familienaufstellung. Für jemanden, der Wahrhaftigkeit und echte Gefühle sucht, sind Aufstellungen natürlich eine Offenbarung. Atemlos verbrachte ich ein Wochenende mit Familienaufstellungen bei Jacob Robert Schneider in München und war abwechselnd verliebt, todtraurig, glücklich oder wütend.

Am Ende schwebte ich federleicht aus dem Haus und war erfüllt von dem seligen Gefühl: „Ich bin nicht schuld!“ Ich war meinem Großvater begegnet und hatte gesehen, wie er sich schuldig fühlte als Angehöriger der SA und wie mein Vater ihm beim Umgang damit helfen wollte, ich meinem Vater beim Umgang mit seinen Schuldgefühlen und mir damit schon wieder mein Sohn. Heute weiß ich, dass auch dort ein wichtiges Siegel, ein eiserner Ring um mein Herz gebrochen wurde. Ein Schuldgefühl sitzt wie eine dicke Kröte auf jedem anderen Gefühl. Wer sich schuldig fühlt, will nicht auffallen und vermeidet Gefühlsausdruck. Als ich sah, wie meine Aufstellung sich in kurzer Zeit wundersam auf die Gesundheit meines damals kleinen Sohnes auswirkte, begann ich eine Ausbildung zum Familienaufsteller bei Laszlo Mattyasovszky.

Den emotionalen Kern freilegen

Aber vorher hatte ich noch ein anderes, sehr beeindruckendes Erlebnis. Jemand nahm mich mit zu einem Einführungsabend mit Akinobo Kishi, einem leider inzwischen verstorbenen Shiatsu-Meister. Ich hatte und habe keine Ahnung von Shiatsu. Aber der bescheidene Mann, der da seinen Vortrag hielt, zog mich in seinen Bann. Er erzählte uns, dass er viele Jahre traditionelles Shiatsu praktiziert habe. Mit den Jahren sei er dazu übergegangen, die Menschen nicht mehr zu berühren, sondern sich nur noch für sie zu öffnen. In jedem Menschen gäbe es einen emotionalen Kern, eine wahrhaftige Essenz, die mehr oder weniger gefangen oder verschüttet sei. Durch Traumata, gute Erziehung oder auch durch die Familiengeschichte. Mit diesem Seelenkern würde er in Resonanz gehen, dessen Schwingung aufnehmen und verstärken und sie dann wieder zurückschicken, bis das Geröll aufbricht, herunterrieselt und der Kern wieder nach außen leuchtet.

Das sind jetzt meine Worte. Ich glaube, so viel hat er gar nicht gesagt, aber so habe ich es damals verstanden. Akinobo wählte einen Freiwilligen aus, der legte sich auf eine Matte, und der Meister sagte, er werde sich jetzt für ihn öffnen. Gespannt sah ich mir den Mann an. Der lag da und sein Gesicht wirkte wie angehalten. Ich kannte das gut: Das Lächeln wie geschnitzt und die Wangen wie angemalt. Solides Holz. Akinobo machte Bewegungen, als ob er seinen Atem in die Luft malte. Er wirkte konzentriert, friedlich und liebevoll. Zehn Minuten lang konnte ich zusehen, wie aus der Holzpuppe ein richtiger Junge wurde. Der Mann fing an, tief zu atmen, sein Gesicht schmolz geradezu, Tränen rollten über seine Wangen, wuschen die falsche Farbe ab und er sah – mir fällt kein besseres Wort ein – heil aus.

Das verpasste Portal

Während ich noch ganz verwirrt und berührt da saß, sagte Akinobo: „So, jetzt wisst ihr ja, wie es geht. Jetzt findet euch in Paaren und übt das mal!“ Ich sah mich dazu nicht in der Lage, wurde aber ausgewählt von einer Frau, die sich öffnen wollte. Ja, mich hinzulegen, das konnte ich mir vorstellen. Auf der Matte dachte ich über das Erlebte nach und döste vor mich hin. Plötzlich packte eine gewaltige Kraft etwas in meinem Inneren und wollte es nach außen ziehen. Das durfte nicht passieren, das war ganz klar, also zog ich von der anderen Seite, bis alles wieder sicher verstaut war. Verstört klappte ich hoch auf meiner Matte und sah, dass die Frau und Akinobo die Plätze getauscht hatten. Offensichtlich hatte er sich gerade geöffnet für mein Innerstes und ich musste um mich schlagen, als dürfte davon nie etwas heraus. Der Holzkasper hatte noch einmal gewonnen.

Heute frage ich mich, warum ich nicht gleich am nächsten Tag wieder hingerannt bin. Aber so ist es eben, alles braucht seine Zeit. Aufstellungen, weite Reisen, Schicksalsschläge und glückliche Zufälle begleiteten mich auf dem Weg zum echten Jungen, bis mir endlich klar wurde: „Verdammt! Das war ein Portal! Ich habe es verpasst!“ Leider war Akinobo Kishi gerade gestorben, als ich endlich so weit war, mich im Innersten berühren zu lassen. Aber wenn man bereit ist, ist man eben bereit, und dann muss es auch kein Großmeister mehr sein. Mittlerweile weiß ich, was der Junge mit seiner äußeren Verholzung im Inneren verstecken wollte: Es war nur eine kleine Wut. Blöde Mama, scheiß Rosenlaube! Sehnsucht nach Dreck und Krach und bösen Wörtern. Nichts stimmt, wenn man es nie in Frage stellt. Nicht einmal Himbeereis!

Ich weiß noch, wie sich die trübe Brühe in mir zum ersten Mal in fetten Schlamm und herrliches Kristallwasser teilte, als ich endlich fühlen konnte: Ein Teil von mir hasst meine Eltern. Wenn das sein darf, brandet sofort eine Woge von Liebe auf, die sich endlich frei bewegen darf.

Die Eltern hassen dürfen

Bert Hellinger möge mir verzeihen, ich sag´s nochmal: Ein Teil in mir hasst meine Eltern. Und ein viel größerer Teil liebt sie von ganzem Herzen. Die gute Fee lügt, dass Pinocchio ein echter Junge wird, wenn er immer brav ist. Soll sie mal eine Nacht mit dem räudigen Straßenkater durchsaufen, das täte ihr gut. Und Geppetto könnte ruhig mal einen Hammer durch die Werkstatt schmeißen und aus tiefster Seele fluchen. Um als bewusstes Wesen durch die Welt zu gehen, muss man sein Inneres erforschen. Es gibt viele Gründe, warum jemand einen Teil seiner emotionalen Wahrheit in sich einschließen musste. Und es lohnt sich, danach zu suchen, denn erstens kann man nicht ein Gefühl wegsperren, ohne alle anderen zu dimmen. Und zweitens: Es gilt der Energieerhaltungssatz der Emotionen. Wer ein Gefühl nicht lebt, das zu ihm gehört, bürdet es seiner Umwelt auf. Wer nicht böse sein darf, verletzt seine Lieben aus Versehen und ohne es zu merken. Wer immer zur Verfügung stehen muss, ist zwar da, aber nicht greifbar. Wer nicht traurig sein darf, nervt mit seiner ewigen guten Laune. Wer zu seiner Kraft nicht stehen kann, manipuliert. Und wer keine Lust haben darf – was Gutes kommt dabei nicht raus. Das ist das, was in den Kirchenbüchern nicht drin steht. Wie schön, Verantwortung zu übernehmen für das, was in einem wohnt – weil man es kennt und ins eigene Herz genommen hat!

Nächste Veranstaltungen:
Aufstellungswochenenden am 12.-14.10.2018 und 7.-9.12.2018
in 15324 Letschin, Wilhelmsauer Dorfstraße 24.
Aufstellungen und Übernachtung auf dem Mühlenhof.
Außerdem offene Abende immer am jeweils dritten Donnerstag des Monats um 19 Uhr

3 Responses

  1. Tanja
    Liebe und Wut - Beides gleichzeitig ist nicht möglich

    Lektion 68 aus ein Kurs in Wundern: „Die Liebe hegt keinen Groll“.

    That´s it. Solange ich Groll hege, bin ich von der Liebe abgeschnitten. Ich kann nicht beides in mir zur selben Zeit erleben. Entweder entscheide ich mich weiterhin in der Wut zu leben oder ich gebe mich dem Leben und der Liebe hin und lasse meinen Groll hinter mir. Zugegeben das ist das sicher mit das Schwerste was es im Leben zu erledigen gibt 🙂

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    • Birgit Siegmund
      Wut ODER Liebe?

      Ich halte das für schwarz-weiß-Denken. Bei Entweder – Oder-Konstellationen nötigt man den Mind da nicht, ergebnisorientiert ( rationell linke Gehirnhälfte nutzend) zu arbeiten? Es sollte möglich sein, seine Wut zu fühlen, ihr auf adäquate Weise -heißt ohne jemanden zu verletzen, Ausdruck zu verleihen- und die Ursache der Trigger rauszufinden ( was verbirgt sich hinter der Wut- warum macht mich genau „Dies“ so wütend? Die andere Vorgehensweise halte ich für esoterischen Quatsch und landet in Mind Kontrolle , “ vorgegeben“ durch “ immer in der Liebe sein und bleiben“ .Wenn ich meine Wut in Liebe annehmen kann und mit Ihr Sein kann, ohne zu jammern, dass ich nicht in der Liebe wäre, dann bin ich in der Liebe und kann Sie transformieren oder besser noch, das Gefühl( und das dazugehörige Ereignis oder die Situation , den Auslöser) hinter der Wut finden und fühlen. Liebend wütend sein ( ohne den “ Anderen“ oder DAS, auf WAS ich wütend bin zu hassen- Ist auch Liebe).:-)

      Antworten
      • Tanja

        Das, liebe Birgit, ist die allgemein gültige Antwort des Ego. Wodurch entstehen Kriege? Durch Wut. Die Geschichte mit dem Indianer und den beiden Wölfen kennt glaube ich mittlerweile jeder. Welcher Wolf gewinnt, der böse oder der gute? Der, den du fütterst. Energie folgt der Aufmerksamkeit und wie bereits von mir geschrieben: dieses Fokussieren auf das Gute in uns allen ist die schwierigste Lernaufgabe im Leben.

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