Die Arbeitswelt von heute ist ein hartes Pflaster: Alles muss sofort passieren, in bestmöglicher Qualität, bei gleichzeitig starker Konkurrenz und schlechter Bezahlung. Wer da unter die Räder kommt, steht schnell am Rand der Gesellschaft. Auch Gefühle haben weder Platz, noch sind sie erwünscht. Es soll schließlich alles möglichst (verstandes)kontrolliert, sachlich und objektiv zugehen. Inzwischen wissen wir jedoch, dass weder der Mensch noch die Welt auf diese Weise gut funktionieren. Aber wie lässt sich dies ändern? Hochsensibilität kann helfen, wegweisende Impulse zu setzen.

von Cordula Roemer

Das Problem

Julia steht vor dem Modell des neuen Wohnungsprojekts. Eine Mehr-Generationenanlage wurde in Auftrag gegeben. Der Investor hat klare Vorstellungen und Julia hat gemeinsam mit ihrem Team nun schon seit Monaten daran gearbeitet. Alle sind zufrieden – nur Julia nicht. Die Außenanlagen sind ihr Ressort. Grübelnd betrachtet sie die Platte mit den kleinen Häusern, Bäumen, Wegen und Spielgeräten von allen Seiten. Irgendetwas stimmt noch nicht, das fühlt sie. Noch kann sie nicht genau sagen, was sie irritiert, aber das wird sie schon herausbekommen. Sie vertraut ihrem Gefühl und setzt sich erneut an ihre Unterlagen.

Die Lösung

Julia hat nun seit Stunden am Computer gegrübelt, gerechnet und geschoben. Was stimmt da bloß nicht? Diese Unzufriedenheit lässt ihr einfach keine Ruhe. Da sie inzwischen ziemlich müde ist und ihren Kopf wieder frei bekommen möchte, surft sie im Internet nach unterhaltsamen Videoclips. In der Vorankündigung sticht ihr ein Beitrag über die heilige Geometrie ins Auge, den sie sich neugierig anschaut. Plötzlich fällt es ihr wie Schuppen von den Augen: Manche Aufteilungen der Freiflächen sind unharmonisch gestaltet! Umgehend beginnt sie, die relevanten Informationen am Rechner zu überprüfen und zu verändern. Das Ergebnis befriedigt sie zutiefst, jetzt wird die Sache rund! Ihre Kolleginnen und Kollegen sind überrascht und über die nun noch angenehmere Ausstrahlung der Anlage erstaunt.

Arbeitswelt – besser mit Gefühl?

Die neuen Erkenntnisse der Neurowissenschaften haben deutlich gemacht, dass Gefühle in der Arbeitswelt bei Weitem kein solches Schattendasein führen, wie wir es über Jahrhunderte hinweg angenommen und praktiziert haben. Gerade in beruflichen Kontexten wurde objektives, rational erklärbares Verhalten verlangt, eine Beteiligung von Gefühlen tunlichst vermieden und deren Nutzen geleugnet. Wer sich „aus dem Bauch heraus“ für bestimmte Schritte entschied, wurde oftmals verlacht oder mit stichhaltigen Argumenten niedergemacht. Gefühle gehörten in den privaten Raum – ausschließlich. Allmählich wendet sich das Blatt, es darf wieder gefühlt werden. Dieser Trend – so es denn ein Trend und nicht vielmehr eine notwendige menschliche Entwicklung ist – liegt vor allem den hochsensiblen Menschen. Denn sie sind diejenigen, die meist ohne größeren Kraftaufwand über die nötigen Fähigkeiten verfügen, Situationen intuitiv und gefühlvoll zu gestalten.

Was ist Hochsensibilität?

Hochsensibilität bezeichnet das Phänomen eines reizoffenen neuronalen Filtersystems. Das heißt, der betreffende Mensch nimmt per se deutlich mehr Reize und Informationen wahr als andere – innerliche und äußerliche Reize. Das können visuelle, akustische, taktile oder eben auch emotionale und energetische Signale sein. Gerade weil die Antennen Hochsensibler auch auf kleinste Impulse ausgerichtet sind, sind sie in der Lage, auch die feineren Informationen „zwischen „den Zeilen“ aufzunehmen – eine Vorbedingung, um schnell, tiefgründig und achtsam auf situative Gegebenheiten eingehen zu können. Die wissenschaftlich vermuteten 15 bis 20 Prozent der hochsensiblen Menschen sind sich jedoch ihrer Veranlagung nicht immer bewusst, und so treibt die innere Vielfalt häufig ein für die Selbstwahrnehmung nicht nachvollziehbares Eigenleben. Ungewöhnliche Bedürfnisse, merkwürdige Verhaltensweisen, aber auch ungeahnte Fähigkeiten verunsichern daher den hochsensiblen Menschen selbst wie auch seine Mitmenschen. Diese Verunsicherung führt leider häufig dazu, dass die Betreffenden sich „verkehrt“ fühlen, sich zurückziehen und ihre ungewöhnlichen Gaben verbergen. Dies muss und sollte jedoch nicht so bleiben. Im Kasten erfahren Sie, was Sie für sich tun können, um Ihre hochsensiblen Seiten aktiv zu leben.

Ausgebremst

Bei allen Problemen, die durch Überreizung, Spannungen im Miteinander oder durch unpassende Arbeitsinhalte entstehen können, ist es jedoch in beruflichen Kontexten auch wichtig, gezielt auf die speziellen Ressourcen Hochsensibler zu schauen. Neben der zentralen Fähigkeit, Emotionen – vorzugsweise die anderer Menschen – schnell und deutlich wahrzunehmen, kommt meist noch ein guter Zugang zur eigenen Intuition hinzu, die jedoch aus den oben genannten Gründen häufig nicht angemessen eingebracht wird. Zusätzlich erschwert die Situation, dass wir derzeit in einer Kultur leben, in der unser Augenmerk wesentlich stärker auf die äußeren Geschehnisse gerichtet ist, den intuitiven Ausdruck. Die Innenwelten bleiben meist so lange verborgen, bis wir uns ihnen bewusst zuwenden. Dies ist auch bei hochsensiblen Menschen nicht anders.

Trotz aller Hindernisse sind Hochsensible dennoch jene Menschen, die aufgrund ihrer Veranlagung frühzeitig auf emotional oder energetisch begründete Schieflagen hinweisen oder intuitiv Situationen, Prozesse und Entscheidungen harmonischer gestalten könnten! Im Zuge der zukünftigen Entwicklungen in der Arbeitswelt wäre es daher durchaus für beide Seiten – Arbeitgeber und Mitarbeiter – sowohl sinnvoll als auch heilsam, nicht nur die Gefühlswelt wieder in den Arbeitsprozess zu integrieren, sondern auch den hochsensiblen Menschen als Visionären und Warnern des Systems den ihnen gebührenden Aktionsradius zuzugestehen. Am Beispiel von Julia wird deutlich, welchen Nutzen dies bringen kann. Ohne ihre Achtsamkeit für ihr inneres Gefühl der Unzufriedenheit und des Zweifels hätte sie die Daten nicht noch einmal überprüft und somit das Ergebnis um eine wichtige und auf Dauer wirksame Komponente erweitert: die harmonische Ausstrahlung in der Wohnanlage.

Hochsensible bewusst einsetzen

Die Herausforderungen unserer gesellschaftlichen Zukunft verlangen danach, die neuen Erkenntnisse der Wissenschaften in der Praxis umzusetzen. Die meisten von uns haben jedoch in jahrelanger Erziehung und Anpassung gelernt, genau das Gegenteil zu tun und Gefühle eher auszuschließen. Umlernen tut not, lässt sich aber nicht so einfach von jetzt auf gleich und von allen Menschen gleichermaßen umsetzen. Unbewusste Strukturen, Glaubenssätze und verinnerlichte Haltungen blockieren leider häufig diese Veränderungen. An dieser Stelle ist der bewusste Einsatz hochsensibler Menschen mit ihren wie für diese Herausforderungen geschaffenen Fähigkeiten mehr als hilfreich. Er ist nötig!

So können sie beispielsweise Spannungen im Team schneller erkennen und angehen. Auch erkennen sie Sackgassen in Planungsentwicklungen früher und können sie mit Hilfe ihres hochsensiblen Detailblicks leichter auflösen. Arbeitgeber haben in ihnen zudem Mitarbeiter, die auf besondere Weise die Bedürfnisse der ihnen anvertrauten Menschen erkennen und kreativ darauf eingehen können. Der gute Zugang zur Intuition ermöglicht zusätzlich eine Entspannung in den täglichen kleinen und großen Entscheidungsprozessen.

Denn je mehr eine Entscheidung aus dem Verstand heraus gefällt wird, umso anstrengender ist es, sie zu treffen. Anders als das Un bewusste kann der Verstand die Unzahl der zu beachtenden Aspekte kaum angemessen hand haben, was zu Erschöpfung, begrenzten Sichtweisen und damit suboptimalen Ergebnissen führt. Interessant an dieser Stelle ist die mittlerweile gut untersuchte Tatsache, dass erfolgreiche Menschen große und wichtige Entscheidungen überwiegend intuitiv fällen. Hochsensible, so denn ihre Intuition und ihre anderen Gaben nicht zu sehr von alten Verletzungen oder bremsenden Glaubenssätzen blockiert sind, können somit auf der Basis ihrer speziellen Kompetenzen für die dringend notwendige Entstressung im Arbeitsalltag und in der Gesellschaft sorgen.

Hochsensible – die Anti-Stress-Manager

Leistungs- und Zeitdruck, Konkurrenz und (existenzielle) Unsicherheiten erzeugen Stress – Dauerstress. Dies betrifft jeden Menschen, egal in welchem Kontext. Nicht ohne Grund sind die psychischen Erkrankungen seit Jahren rasant auf dem Vormarsch. Ein achtsamer Umgang sowohl in Bezug auf die Arbeitsinhalte als auch unter den Mitmenschen würde für eine enorme Entspannung und weniger Stress sorgen. Auch hier leisten hochsensible Menschen als Vorreiter und Seismographen der Gesellschaft einen wertvollen Beitrag. Sie sind diejenigen, die als Erste spüren – und als Erste darunter leiden –, wenn zu viele Spannungen aufkommen. Sie sind diejenigen, die die Fähigkeit haben, aufgrund ihres intuitiven Zugangs innerhalb komplexer Themenfelder tiefgründige und komplizierte Aufgaben zu lösen. Sie sind auch diejenigen, die aufgrund ihres Bedürfnisses nach Harmonie, Stille und Konzentration Arbeitsprozesse ausgleichend gestalten können. Allerdings sollten die Rahmenbedingungen für die oder den hochsensiblen Mitarbeiter stimmen. Ein Traktor braucht Diesel, ein Rennwagen dagegen Spezialbenzin.

Hochsensible Menschen sind äußerst leistungsfähig, aber nur, wenn sie den „richtigen Treibstoff“ erhalten, also die Rahmenbedingungen ihren speziellen Bedürfnissen angepasst sind. So sollte die Pausengestaltung beispielsweise individuell regelbar sein, denn durch die intensive Arbeitsweise verbrauchen Feinfühlige schneller mehr Energie und benötigen daher öfter und manchmal auch längere Pausen. Auch Einzelbüros, kleine Teams, Stellwände oder Gehörschutz sind unterstützende Maßnahmen. Das Arbeitsergebnis gleicht diese „Extrawürste“ allemal aus. Was genau für die hochsensible Kollegin oder den feinfühligen Kollegen ein stimmiger Rahmen ist, sollte immer mit der betreffenden Person einzeln besprochen werden, denn auch hier variieren die Bedürfnisse. Inzwischen wissen immer mehr Arbeitgeber um die Vorzüge hochsensibler Mitarbeiter und sorgen für die entsprechenden Arbeitsbedingungen. Letztlich weist diese Entwicklung in eine Richtung, die mittel- und langfristig auch allen anderen arbeitenden Menschen zugute kommt. Denn auch sie leiden zunehmend unter den belastenden Bedingungen und könnten bei sanfteren und gefühlvolleren Arbeitsbedingungen ihre Arbeit wieder mit mehr Freude und Engagement angehen.

Was tun, wenn Sie hochsensibel sind?

Hochsensibel zu sein ist eine feine Sache! Oder? Leider empfinden doch recht viele Hochsensible ihre Veranlagung eher als Fluch denn als Segen oder gar Quell eines bereichernden Lebens. Zu schnell und zu häufig kommen sie in eine emotionale und/oder energetische Schieflage und die Lebens- und Arbeitsbedingungen des normalsensiblen Umfeldes mit seinem Höher-Schneller-Weiter- Schöner gereichen leider nicht dazu, diese Lasten zu verringern, eher im Gegenteil. Was tun Hochsensible dann? Sie errichten innere Mauern, schon in der Kindheit. Diese sollen helfen, von überreizenden oder unstimmigen Situationen nicht permanent verletzt zu werden. Nicht wahrnehmen, nicht fühlen, nicht drüber nachdenken müssen.

Der Volksmund nennt es „sich ein dickes Fell anschaffen“. Das machen prinzipiell alle Menschen, doch je höher die Sensibilität, desto massiver muss die Mauer sein. Und funktioniert dies? Anfangs ja – ein bisschen. Aber je älter der Mensch wird, umso hinderlicher werden diese alten Gemäuer. Um die eigene Sensibilität und die damit in Verbindung stehenden Kompetenzen wieder freizulegen, müssen die inneren Hürden aufgelöst werden. Der wichtigste Punkt dabei ist, sich mit ganzem Herzen zu diesem „Umbau“ zu entscheiden, völlig egal, ob er drei Monate oder drei Jahrzehnte dauert. Dieser Schritt ist gerade für Feinfühlige so wichtig, da die innere Komfortzone – und somit auch die Fähigkeit des Aushaltens misslicher Lagen – wesentlich geringer ist als bei normalsensiblen Menschen. Wie kann dieser Weg aussehen?

In meinem Buch „Hurra, ich bin hochsensibel! Was nun?“ beschreibe ich ihn in vier Phasen, die aufeinander aufbauen, aber zu unterschiedlichen Themen unterschiedlich lange dauern können und sich zeitlich auch überlappen.

Phase 1: Sie erkennen, dass bzw. ob Sie hochsensibel sind (beispielsweise über das oben erwähnte Buch). Zu wissen, dass Sie mit einem reizoffenen Filtersystem ausgestattet sind, erklärt viele Ihrer „eigenwilligen“ Empfindungen und Handlungen. Erst wenn Sie die Hochsensibilität bei sich selbst erkennen und akzeptieren, können Sie die weiteren Schritte gehen, um Ihr Leben und Ihre Arbeit an Ihre Bedürfnisse und Kompetenzen anzupassen. Ob dies ein selbstbewussteres Auftreten Ihren Kollegen gegenüber ist oder das Vertrauen in Ihre Wahrnehmungen oder intuitiven Entscheidungen – stets brauchen die folgenden Schritte die Erkenntnis als Grundlage.

Phase 2: Als Nächstes beginnt der Prozess des Reframing, der Neubewertung Ihres bisherigen Lebens. Habe ich mich immer zurückgezogen, weil mir die Reize in der Klasse zu viel waren? Wurde ich gehänselt, weil ich so anders war? Habe ich meine Fähigkeiten versteckt, weil ich sonst im Mittelpunkt gestanden hätte, was ich nicht mag? Oder weil andere mich wegen meiner Handlungen verlacht haben? Überprüfen Sie, an welchen Stellen Sie in Ihrem Beruf nicht das leben, was in Ihnen steckt. In diese Phase gehört auch die Wiederent – deckung Ihrer hochsensibilitätsspezifischen Kompetenzen wie Detailblick, Tiefgründigkeit, Vorausschau (Planung) oder eine hohe Kreativität. Mehr zu diesem Thema finden Sie in meinem Buch „Perlen im Getriebe – Hoch sensibel im Beruf“. Die Erkenntnisse aus Phase 2, dem Reframing, sind Ihre Wegweiser für die Umgestaltung Ihrer Arbeitsbedingungen.

Phase 3: Jetzt wird’s konkret. Um sich nicht weiter an Bedingungen und Menschen anzupassen, die nicht zu Ihnen passen, brauchen Sie Menschen Ihres Schlages – Hochsensible. Suchen Sie sie in Ihrem Umfeld oder im Internet. Sie brauchen es ruhig bei der Arbeit? Passen Sie Ihre Arbeitsbedingungen bestmöglich an dieses Bedürfnis an. Sie sind von Ihren Aufgaben gelangweilt oder nicht (mehr) daran interessiert? Suchen Sie sich neue Aufgaben. Wo immer Sie spüren, dass etwas „nicht passt“, beginnen Sie, es nach Ihren Möglichkeiten passend zu machen. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, also lassen Sie sich von den vermeintlich realen Grenzen nicht zu sehr einschüchtern.

Phase 4: Irgendwann kommt bei vielen Hochsensiblen der Zeitpunkt, an dem sie ihr Wesen nicht mehr im Stillen und unsichtbar leben wollen. Das ist gut so. Gehen Sie nach außen, zeigen Sie Ihren Kollegen oder Vorgesetzten, was wirklich „in Ihnen steckt“. ABER: Seien Sie achtsam und respektvoll mit sich selbst! Nicht jeder findet Ihre Wandlung wunderbar und kann mit den nun offensichtlichen Unterschieden umgehen. Gerade weil in der Berufswelt Gefühle meist noch ein Schattendasein fristen, kommen unter Umständen Neid, Unsicherheit oder Angst beim Gegenüber auf. Stellen Sie sich daher darauf ein, bereiten Sie sich auf Gespräche gut vor und gestatten Sie sich, nicht jedem davon erzählen zu müssen. Auch dieser Respekt und die Achtsamkeit Ihnen selbst gegenüber gehört zu der genesenden Entfaltung Ihrer hochsensiblen Persönlichkeit.

Seminar für HSP: Was in mir steckt – Potenzialentfaltung für Hochsensible
Zeit: Sa, 13.10.2018, 10-16 Uhr
Ort: Nachbarschaftsheim Schöneberg, Holsteinische Str. 30, Berlin
Kosten: 30 € / 15 € ermäßigt.

Author: Oliver Bartsch

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