„Wohin du auch gehst, geh mit deinem ganzen Herzen.“ Bereits der weise Konfuzius wusste, dass ein intensives und erfülltes Leben nur auf dem Heilungsweg des Herzens möglich ist. Wie aber können wir, die wir so oft im Kopf leben, uns der Weisheit des Herzens öffnen? Wie können wir seinen Ruf vernehmen? Und woher nehmen wir das Vertrauen, unser empfindsames Herz furchtlos dem Leben und anderen Menschen zu öffnen?

von Christa Spannbauer

Das weise Herz

In allen Weisheitstraditionen der Welt gilt das Herz als das Zentrum von Liebe, Mitgefühl und Weisheit und damit als das Tor zum wahren Selbst. „Wenn du das Geheimnis des Buddhismus wissen möchtest, hier ist es: Alle Dinge sind im Herzen“, schrieb Zen-Meister Ryokan, und der indische Weise Ramana Maharshi erkannte: „Das ganze Universum ist im Körper enthalten, der ganze Körper im Herzen. So ist das Herz der Kern des ganzen Universums.“ Sowohl die christliche als auch die jüdische und islamische Mystik sind der Überzeugung, dass das Herz der Ort ist, an dem die Begegnung mit dem Göttlichen in uns möglich ist.

So sind die Sufis davon überzeugt, dass Gott in seinem Schöpfungsakt in das Herz eines jeden Menschen einen göttlichen Funken legte. Diesen göttlichen Funken zu finden, ihn zu entfachen und zum Brennen zu bringen, sodass er den ganzen Menschen mit seinem Feuer erfasst und sein Wesen aufgeht in allumfassender Liebe, darin erblicken sie die Lebensaufgabe eines jeden Menschen. Und so führt uns die leidenschaftliche Suche des Herzens durch alle Höhen und Tiefen des Seins, sie mündet in beglückende Zeiten der Einheit und wirft uns heraus in schmerzvolle Zeiten der Trennung. Diese Suche währt ein Leben lang und ist nie zu Ende. Doch wer diesen Funken in seinem Herzen hütet und schürt, das bezeugen die Liebesmystiker aller Traditionen, ist ein Wissender und sein Weg führt ihn unweigerlich immer tiefer in das Zentrum der Liebe.

Das vernetzte Herz

Dass das Herz weit mehr ist als die mechanische Pumpe, auf die es seitens der modernen Medizin reduziert wurde, bestätigt uns heute die Neurowissenschaft. Deren Forschungen brachten zutage, dass das Herz über ein eigenes Nervensystem verfügt, das eine große Ähnlichkeit mit dem des Gehirns zeigt. Das Herz fühlt also nicht nur, es denkt auch. Seine Zellen besitzen ein eigenes Gedächtnis und sind dazu in der Lage, Informationen zu speichern und mit dem Gehirn auszutauschen. Über das autonome Nervensystem sind Hirn und Herz bestens miteinander vernetzt. Das Gehirn reagiert auf die Signale, die vom Herzen kommen und es pulsiert sogar im Rhythmus des Herzens.

Experimente am kalifornischen HeartMath-Institut machten darüber hinaus sichtbar, dass das Herz ein elektromagnetisches Feld erzeugt, das noch mehrere Meter vom Körper entfernt wirkt und von dessen Wellen Informationen übertragen werden. Die elektrische Komponente des Herzens ist an die 60-mal stärker als die des Gehirns, die magnetische sogar bis zu 5000-mal so stark. Wenn wir in Kontakt mit unserem Herzen sind, so legen diese Forschungsergebnisse nahe, werden wir Teil eines mächtigen Energiefelds, das nicht nur unser eigenes Leben intensiviert, sondern uns zugleich mit den Menschen um uns herum tiefgehend verbindet.

Dem Ruf des Herzens folgen

„Brich auf, solange du kannst, zum Land deines Herzens,“ Der persische Liebesdichter Melvana Rumi wusste, dass die Antworten unseres Lebens im Herzen zu finden sind. Doch wie können wir, die wir die meiste Zeit im Kopf leben, wieder in Kontakt mit unserem Herzen kommen und dessen Stimme vernehmen? Alle spirituellen Traditionen kennen Meditationen und Mantras, die uns bei der Herzensöffnung unterstützen und Liebe und Mitgefühl stärken. Im Christentum ist es das Herzensgebet, eine Meditationsform, die bewusst die Liebe im Herzen aktiviert, indem die Meditierenden ihre Aufmerksamkeit im Herzensraum sammeln und ein mit Liebe aufgeladenes Wort wie „Jesus Christus“ still rezitieren. Im Buddhismus finden wir die Metta-Meditation der liebenden Güte, mit der wir das Herz weiten und wärmen.

Der buddhistische Meditationslehrer Jack Kornfield empfiehlt hierfür die Meditation der Herzenswärme, eine Variante der Metta-Meditation. Darin rezitieren wir innerlich die folgenden Worte, deren Wünsche wir dann, wenn unser Herz sich öffnet, auch auf andere Menschen ausweiten können. Rezitiere diese Worte in einer klassischen Sitzmeditation oder nimm sie wie ein Mantra mit auf deinen Weg und wiederhole sie dann, wenn du spürst, dass dein Herz verschlossen ist: Möge ich mit Herzenswärme erfüllt sein. Möge ich gesund sein. Möge ich mich friedlich und gelassen fühlen. Möge ich glücklich sein.

Der Heilungsweg des Herzens

Zweifelsohne ist es eine mutige Entscheidung, den Weg des Herzens zu wählen und ihn entschlossen zu gehen. Denn den Weg mit Herz zu gehen heißt, sich furchtlos dem zu stellen, was wir auf diesem vorfinden. Und damit auch dem, was wir in uns selbst vorfinden. Denn unser Herz ist nicht nur die Heimat der Liebe, in der wir die glücklichsten Momente unseres Lebens aufbewahren, es ist zugleich auch der Ort unserer frühesten Verletzungen und größten Kränkungen. Wer sein Herz öffnet, öffnet sich damit auch unweigerlich dem Schmerz, der in diesem beheimatet ist. Indem wir ihn wahrnehmen, uns ihm mitfühlend zuwenden anstatt uns abzuwenden, indem wir den Schmerz in unser Leben integrieren und ihn letztlich sogar als Wachstumschance begreifen, bringen wir Heilung in unser Leben.

Unsere Verletzlichkeit ist es doch, die uns zum Menschen macht. Und es ist unsere Furcht vor genau dieser Verletzlichkeit, die Gewalt und Hass fördert. Der Benediktinermönch David Steindl-Rast weiß, dass der Frieden immer im eigenen Herzen beginnt: „Es ist mein eigenes Herz, in dem ich Angst, Unruhe, Kälte, Abneigung und Regungen von blinder Wut erkennen muss. Hier in meinem Herzen kann ich Furcht in mutiges Vertrauen, Unruhe und Verwirrung in Stille, Abgetrenntheit in ein Gefühl der Zugehörigkeit, Abneigung in Liebe verwandeln“.

Um dies einzuüben, rät Bruder David zu den folgenden fünf Schritten im täglichen Leben:

  • Mobilisiere den Mut deines Herzens, wie es die wahrhaft Erwachten tun.
  • Sage heute ein Wort, das einer ängstlichen Person Mut gibt.
  • Wende dich aus der Stille deines Herzens nach außen, halte jemandes Hand und verbreite Ruhe.
  • Blicke einem Fremden in die Augen, und erkenne, dass es keine Fremden gibt.
  • Schenke heute jemandem ein unerwartetes Lächeln, und trage so deinen Teil zum Frieden auf Erden bei.

Das Potenzial des Herzens

„Wir sehen nur mit dem Herzen gut“, lehrte uns der kleine Prinz bereits als Kind. Oft haben wir auf unserem späteren Lebensweg diese klugen Worte aus den Augen verloren und sind wider besseres Wissens dem Kalkül der Vernunft und Rationalität gefolgt. Nun aber ist es an der Zeit, zur Weisheit unseres Herzens zurückzukehren. In ihrem Weltbestseller „Geh, wohin dein Herz dich trägt“ rät Susanna Tamaro hierfür: „Und wenn sich viele verschiedene Wege vor dir auftun werden und du nicht weißt, welchen du einschlagen sollst, dann überlasse es nicht dem Zufall, sondern setz dich und warte. Lausche still und schweigend auf dein Herz. Wenn es dann zu dir spricht, steh auf und geh, wohin es dich trägt.“

Denn ein gelingendes Leben heißt nichts anderes, als das Potenzial des Herzens zu entfalten und sich dabei anderen Menschen verbunden zu fühlen. Denn wer kennt es nicht, das Gefühl, mit ganzem Herzen für eine Sache zu brennen, begeistert zu sein von dem, was man tut, sich mit vollem Engagement für etwas einzusetzen, gemeinsam mit anderen Menschen über sich selbst hinauszuwachsen und sich in Wertschätzung miteinander verbunden zu wissen? „Selbsttranszendenz“ nannte der Psycho – analytiker Viktor Frankl diese Fähigkeit des Menschen, aus sich herauszutreten und in der Hingabe an etwas Größeres aufzugehen. Dies sind die bewegenden Momente unseres Menschseins. Je mehr wir davon erleben, desto erfüllter ist unser Leben.

Wir erfahren ein tiefes Gefühl von Sinnhaftigkeit und Verbundenheit. Und genau darum geht es doch: Vertrauen in das Leben und die Menschen zu setzen. Die Liebe zu stärken und die Angst zu schwächen. Sich verbunden zu wissen mit anderen. Sich den Menschen fürsorglich und mitfühlend zuwenden. Bereit zu sein, sich auch einmal fallen zu lassen und zu erfahren, dass das Leben trägt. Sich in einem größeren Ganzen aufgehoben und geborgen zu wissen. Die Achtung und Ehrfurcht vor allem Lebendigen wieder zu entdecken. So wird die Einkehr in das eigene Herz zur Heimkehr in den tiefen Urgrund des Lebens.

Tagesseminar in Berlin
„Der Heilungsweg des Herzens“ am 13. Oktober im buddhistischen Zentrum Lotos Vihara.

Author: Oliver Bartsch

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