Die Welt befindet sich in einer Phase großer Veränderungen. Gerade im Arbeitsbereich werden in den nächsten Jahren große Herausforderungen an uns gestellt, die Höchstleistungen in Bezug auf vernetztes und komplexes Denken verlangen – und die nicht jeder bewältigen kann. Doch es es gibt Menschen, die genau dafür geschaffen sind – es oft aber überhaupt nicht bemerken und ihre Potenziale nicht kennen: die Hochsensiblen und Hochbegabten. Ein Job-Coaching für Hochsensible hilft ihnen, ihre Talente zu erkennen und passende Arbeitsplätze zu finden.

von Cordula Roemer

Frau S. sitzt mir gegenüber, höflich, zurückhaltend. Sie wirkt unsicher und aus einfachen Verhältnissen kommend. Wir kommen trotz dieser formellen Vorstellungssituation schnell in ein anregendes Gespräch – nicht nur über den Grund ihres Wunsches nach einem Jobcoaching. Sie überrascht mich mit einer auffallend gewählten Sprache, schnellen Denkzügen und rascher Auffassungsgabe. Gut, denke ich, heutzutage rutschen leider etliche gut gebildete Menschen und Akademiker in berufliche Krisen oder gar ins berufliche Aus. Im Laufe des Gesprächs frage ich sie dann nach ihrer Berufsausbildung. Keine! Aha. Ich frage sie nach ihrem höchsten Schulabschluss – Sonderschule! Oh …?! Was ist da passiert? Um dies besser zu verstehen und mehr über das Pilot-Projekt „(Job)Coaching für Hochsensible und Hochbegabte“ der Erfolgsmanufaktur Berlin (EM) zu erfahren, hilft ein Blick hinter die Kulissen.

Die Perlen entdecken

Wären Frau S. und ich im Gespräch nur von den – nicht vorhandenen – Zertifikaten und den bisherigen Berufs- bzw. Joberfahrungen ausgegangen, hätte Frau S. möglicherweise ein klassisches Jobcoaching mit den entsprechenden Standard- Bausteinen erhalten. Ihre verdeckte Veranlagung wäre dabei nicht zum Thema geworden und man hätte sie daher auch nicht berücksichtigen können. Die jedoch im Erstgespräch zu Tage getretene Diskrepanz zwischen (beruflicher) Lebenssituation und bestimmten Verhaltensweisen von Frau S. ließen mich hellhörig werden und anderes vermuten. Anhand speziell entwickelter Fragebögen für das Pilot-Projekt der Erfolgsmanufaktur Berlin sowie gezielter Fragen und Beobachtungen im Gespräch formte sich ein genaueres Bild, das die Vermutung einer Hochsensibilität nahelegte. So erhielt Frau S. ein Coaching für Hochsensible und Hochbegabte.

Das Pilot-Projekt

Im April 2019 startete in der Erfolgsmanufaktur Berlin das erste Berlin- und wohl auch bundesweite Pilot-Projekt zur Förderung arbeitsloser hochsensibler und hochbegabter Menschen. Ausgangspunkt ist, dass diese Menschen in der Regel aufgrund ihres sehr begrenzten Budgets kaum die Möglichkeit haben, sich ein Coaching zu leisten. Noch seltener ist jedoch die Kombination, ein Coaching unter der spezifischen Berücksichtigung der erwähnten Veranlagung(en) im Zuge einer beruflichen Orientierung oder Integration zu erhalten.

Ziel des Projekts ist es daher, diese Menschen zu entdecken, sofern sie selbst von ihren Veranlagungen noch nichts wissen, um mit ihnen dann im Coaching einen wesensgerechten beruflichen Weg zu entwickeln sowie einen passenden Arbeitsplatz zu finden. Was braucht es dafür? (Unerkannte) hochsensible und/oder hochbegabte Klienten, hochsensible und/oder hochbegabte Coaches sowie Firmen, die sich dieser Thematik bewusst sind und sich dafür engagieren.

Die Details machen den Unterschied

Beginnen wir aber zuerst beim Ursprung der Herausforderung: den beiden Dispositionen. Hochsensibilität und Hochbegabung sind Veranlagungen, also genetisch bedingt. Bei der Hochsensibilität nimmt die Person überwiegend unbewusst mehr innere und äußere Informationen wahr und verarbeitet sie wesentlich komplexer, tiefer und intensiver, als dies bei Normalsensiblen geschieht. Dieser Prozess findet in der Regel unbemerkt statt, so dass selbst die Betroffenen oft nicht wissen, was da bei ihnen alles im Gange ist. Was sie und auch ihr Umfeld jedoch bemerken, ist das „Anderssein“, das stets wie kleine Lichtpunkte durch einen löchrigen Lampenschirm schimmert. Auch bei einer Hochbegabung wird vermutet, dass ihr eine Hochsensibilität zugrunde liegt. Die Psychologin A. Brackmann hat in ihrem Buch “Jenseits der Norm – hochbegabt und hoch sensibel?” eine Brücke zwischen beiden Dispositionen dergestalt geschlagen, dass sie davon ausgeht, dass ein Organismus, der zu Höchstleistungen in der Lage ist, dafür im Vorfeld ein entsprechend hochleistungsfähiges neuronales System benötigt, das die entsprechenden Grundlagen zur Verfügung stellt.

Das Anderssein kommt im alltäglichen Leben allerdings nur bedingt zum Tragen. Wie bereits aus der Forschung bekannt ist, ist eine Veranlagung tatsächlich erst einmal nicht mehr als eine Veranlagung, die nur zur Entfaltung kommt, wenn sie entsprechend berücksichtigt und genutzt wird. Sie zieht sich in dem Maße zurück, in dem ihr nicht die gebührende Beachtung widerfährt. Dieser Rückzug hat jedoch seinen Preis!

Unterfordert statt überfordert

Stellen Sie sich bitte vor, Sie haben ein Auto gewonnen, eines mit einem starken Motor. Jetzt können Sie ihr altes, aber mittlerweile schon etwas rauchendes Schätzchen in den Ruhestand schicken. Das neue Auto fährt gut und wenn Sie mögen, auch schnell. Aber da Sie die Umwelt nicht so stark belasten wollen, fahren Sie immer sehr niedertourig und langsam. Eine Weile wird Ihr Wagen das mitmachen, aber irgendwann beginnt er Macken und Ausfallserscheinungen zu zeigen. Auch hat er seine Spritzigkeit verloren und ist lahm geworden, kann also sein eigentlich angelegtes Potenzial nicht mehr erbringen. Denn auch ein Motor muss immer mal wieder in dem für ihn festgelegten Grenzbereich gefahren werden, damit er seine Power behält. Das bedeutet: Durch die dauerhaft zu geringe Auslastung ist Ihr Auto kaputt gegangen. Ebenso funktioniert das mit den Veranlagungen Hochsensibilität und Hochbegabung.

Es ist inzwischen durchaus bekannt, welch gravierenden Ausfallerscheinungen bei den nicht erkannten Hochbegabten, den sogenannten Underachievern, auftreten können. Eine permanente Unterforderung kann zum Beispiel Unruhe, Konzentrationsprobleme, Unsicherheit, mangelndes Selbstvertrauen oder auch massive Selbstzweifel, Ängste, Lebensuntüchtigkeit und chronische Erschöpfung auslösen. Für eine unerkannte Hochsensibilität gilt das Gleiche! Wenn diese Menschen sich selbst und ihre innewohnenden Potenziale nicht erkennen oder sie gar für nicht existent halten, schätzen sie auftretende Probleme im eigenen Leistungsbereich tendenziell eher als Überforderung – „Ich bin nicht in der Lage zu …“ – denn als Unterforderung ein. Eine fatale Fehleinschätzung, die übrigens auch oftmals vom Umfeld geteilt wird. Die Folgen sind häufig mangelndes Selbstvertrauen, defizitäre Selbsteinschätzung, Vermeidung von Herausforderungen sowie wachsende Unsicherheiten und Ängste. Die Abwärtsspirale nimmt ihren Lauf. Dies tritt zwar nicht immer in einer solchen Dramatik wie bei Frau S. auf, aber auch in abgeschwächter Form kann es das Leben stark beeinträchtigen.

Sinn und Zweck von 300 PS

Möglicherweise stellt sich Ihnen die Frage, wofür – sinnbildlich – ein 300 PS starker Motor überhaupt nötig wäre. Diese Überlegung bringt uns zu dem Punkt der Unterschiedlichkeit der Dinge und Menschen. Warum sollten also manche Menschen über ein stärker vernetztes und aktiveres neuronales System verfügen als andere? Die Antwort ist recht einfach: Weil uns das Leben unterschiedliche und auch unterschiedlich schwierige Aufgaben stellt. Einen Acker zu bewirtschaften und die Ernte einzubringen ist harte Arbeit und existenziell wichtig. Hierfür sollte der Landwirt körperlich robust und beständig sein, Routineaufgaben mögen und ein Händchen für Natur und Tiere haben. Das Erkennen der Zusammenhänge von Landwirtschaft und Umwelteinflüssen sowie die Entwicklung innovativer umweltfreundlicher Verfahren ist allerdings eine völlig andere Aufgabe und erfordert ganz andere Kompetenzen.

Hier sind vernetztes Denken, die Fähigkeit, auch große Zusammenhänge in großen Strukturen zu überblicken, und das Vermögen, qualitativ hochstehende und komplexe Lösungen zu entwickeln, notwendig. An dieser Stelle kommen Hochsensible und Hochbegabte ins Spiel, denn ihre Kompetenzen sind genau für solche Herausforderungen ausgelegt – in jedem Berufsfeld. Und interessanterweise können sie dies in der Regel ohne einen größeren Kraftaufwand leisten, denn das Lösen derart komplexer Aufgaben liegt ihnen im Blut – es sei denn, sie haben diese Kompetenzen in der Vergangenheit nicht entfalten dürfen oder können.

Was tun wir im Job-Coaching?

Ziel im Job-Coaching hochbegabter und hochsensibler Menschen ist die Entdeckung dieser brachliegenden Ressourcen sowie die Entwicklung eines neuen, angepassten Wirkraums. Neben dem wachsenden Verständnis über die eigene Wesensart, der Stärkung des angeschlagenen Selbstwertes sowie der Erlaubnis, die veranlagungsbedingten Bedürfnisse und Grenzen zu leben, gehört auch der akzeptierende Umgang mit aufkeimenden Ängsten und Zweifeln dazu. Diese können entstehen, wenn sich die Person aus der zwar schmerzhaften, aber gewohnten Zone bewegt. Werden diese Themen auch im Jobcoaching berücksichtigt, entwickelt sich die Arbeitssuche bzw. Neuorientierung deutlich und klar am eigenen inneren Potenzial und den damit verbundenen Bedürfnissen. Die bisherige Resonanz gecoachter Klienten ist eindeutig: Sie fühlen sich gesehen, angenommen und haben – teilweise zum ersten Mal in ihrem Leben – den Eindruck, wirklich das zu leben und auszudrücken, was in ihnen steckt. Es gibt fraglos auch Hochbegabte und Hochsensible, die sich gut im (Berufs-)Leben zurechtfinden, jedoch kann es auch bei ihnen im Leben Phasen geben, in denen sie ihre berufliche Ausrichtung überdenken oder anpassen wollen. Zudem kommt es vor, dass sich die eigene Veranlagung als wegweisender Aspekt im Leben erst im Laufe des Arbeitslebens bemerkbar macht und nach Gehör verlangt. Diese Menschen finden im speziellen HSP/HB-Jobcoaching ebenfalls Unterstützung.

Was tun mit den Perlen im Getriebe?

Ein für Hochbegabte und Hochsensible spezialisiertes Coaching wäre nur bedingt hilfreich, wenn nicht auch die Seite der (zukünftigen) Arbeitgeber berücksichtigt würde. Für Unternehmen, Teams und Organisationen stellt sich die Frage, wie ein solcher Mensch in sinnvoller und effektiver Weise und dennoch organisationsfreundlich ins Arbeitsgeschehen integriert werden kann. Eigentlich ist die Lösung ganz einfach: Es braucht die Schaffung von Arbeitsplätzen, in denen Hochsensible und Hochbegabte nicht nur Aufgaben im Bereich ihres Kompetenzspektrums erhalten, sondern auch Rahmenbedingungen, in denen sie sich wohlfühlen und sowohl ihr Höchstleistungssystem ausreizen als auch hin und wieder entspannen können. Denn im Laufe eines Arbeitstages muss ein Höchstleistungs- Organismus anhalten können, um den Motor abzukühlen und wieder aufzutanken. Ansonsten kann er ausfallen oder ausbrennen.

Welche Bedingungen hierfür wichtig sind, das variiert zwar von Mensch zu Mensch, aber es gibt einige grundlegende Kriterien, wie zum Beispiel eine ruhige Arbeitsumgebung, die Reduzierung sensorischer Reize (Geräusche, Gerüche, Licht etc.), transparente, achtsame und respektvolle Kommunikation, individuell regulierbare Arbeitszeiten, klare Strukturen, an Ergebnissen und nicht an Arbeitszeiten orientierte Leistungsbemessung sowie Wertschätzung der betreffenden Person inklusive ihrer ungewöhnlichen Wahrnehmungen und der daraus resultierenden Handlungen. Dies erfordert ein Umdenken bei den Kollegen, aber vor allem auch bei den Führungskräften. Wer mit hochsensiblen und hochbegabten Menschen zusammenarbeiten möchte, braucht Innovations- und Integrationsgeist. Hochsensible und Hochbegabte sind nicht unbedingt einfache und bequeme Mitarbeiter, aber unter den richtigen Arbeitsbedingungen können sie Ungewöhnliches schaffen und damit wertvolle Beiträge für ein Unternehmen oder Projekt leisten.

Ein Coaching für New Work

Zurück zu Frau S.: Im Laufe des Coachings in der Erfolgsmanufaktur konnte sie nicht nur mehr über ihre unerkannte Disposition erfahren, sondern auch deren belastende Auswirkungen besser verstehen. Dies war für sie nicht immer ein einfacher Prozess, denn auch sie musste ihre alten Glaubenssätze über sich selbst verabschieden und umdenken. Aber sie entschied sich im Coaching, dieses Wagnis einzugehen, denn ihr wurde immer deutlicher, dass im Bergen ihrer schlummernden Potenziale die Lösung für ihre ständige latente Unzufriedenheit im Leben liegt.

Inzwischen hat sie bei einer kleinen Firma, die bewusst Hochsensible und Hochbegabte für bestimmte Aufgaben engagiert, mit einer Teilzeitstelle begonnen. Ihre natürlich auch aufkeimenden Zweifel, Unsicherheiten und Ängste werden im berufsbegleitenden Coaching aufgefangen, überwiegen aber nicht ihre Freude über den beglückenden Zustand, sich endlich viel mehr selbst zu finden und eingeladen zu sein, sich auf ihre ganz eigene Weise beruflich auszudrücken.

Author: Redaktion

Über den Autor

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Cordula Roemer ist Dipl. Pädagogin, HSP-Beraterin u. –Coach, Dozentin und Autorin. Seit 2007 weiß sie von ihrer eigenen Hochsensibilität und gründete 2009 das Offene Berliner HSP-Treffen, das seither monatlich stattfindet. Vorträge, Fortbildungen für pädagogische Fachkräfte, Beratungen für Betroffene und Sachbücher folgten.

Mehr Infos

Bücher:
Cordula Roemer: Hurra, ich bin hochsensibel! Und nun?, Springer 2017
Cordula Roemer: Perlen im Getriebe – Hochsensibel im Beruf, Humboldt 2018
Cordula Roemer und Anne Oemig: Ein hochsensibles Jahr mit Gustav, Springer 2018

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