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Wertewandel ist kein äußeres Geschehen, sondern vielmehr ein immer klarerer Zugang zur Quelle unseres Seins. Wer Liebe in sich spürt statt Angst, Neid und Hass, kann auf künstliche Werte wie Moral und Gesetze verzichten.

Die meisten von uns orientieren sich an Werten wie Toleranz gegenüber anderen, Mitgefühl, Vertrauen und Hilfsbereitschaft. Woher kommen eigentlich diese Werte? Sie sind im Grunde alle Qualitäten der Liebe, eine Reflexion unserer wahren Natur. Da aber die wenigsten in diesem natürlichen Zustand leben und aus ihm heraus automatisch liebevoll agieren, benötigen wir Krücken in Form von Regeln und Geboten, die uns sagen, was „gut“ und was „böse“ ist. Die Lehren von Jesus wandten sich vor 2000 Jahren an eine Gesellschaft, die sich ohne derartige Direktiven wahrscheinlich über kurz oder lang die Köpfe eingeschlagen hätte (das „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ des Alten Testamentes stellte das ja als durchaus richtig dar). Da unsere Gesellschaft dieses friedliche Miteinander auch 2000 Jahre später noch nicht leben kann, sorgen nach wie vor Gesetze dafür, dass die einzelnen Individuen nicht über die Stränge schlagen. Wer sich sehr schlecht benimmt, wird aus dem Spiel genommen und landet hinter Gittern. Diese Maßnahme soll die Allgemeinheit schützen und „Quertreiber“ davon abhalten, das Spiel des Rests zu behindern. Wer mit offenem Herzen sieht, erkennt zwar die Unbewusstheit und Verzweiflung hinter Mord und Vergewaltigung – hinter diesen Taten steht immer ein inneres, unbewusstes Muster -, doch auch hier fehlen unserer Gesellschaft Bewusstheit und finanzielle Mittel, um für jeden Häftling eine intensive psychotherapeutische Behandlung sicherzustellen, damit eine echte Entwicklung und Hinwendung zu positiven Werten geschehen kann. Die Rückfallquoten sind daher oft sehr hoch. Um die allgemeinen Werte zu schützen, werden „Gesetzlose“ dann wieder und wieder weggeschlossen. Da viele Menschen aufgrund einer verkorks-ten Kindheit in ihren ganzen Leben noch keinen gefühlsmäßigen Zugang zu urmenschlichen Werten wie bedingungsloser Liebe hatten, bleiben für sie Gesetze reine Verstandes- gebilde und werden als Handlungsanweisungen von ihnen nicht akzeptiert. Die Folge: eine ständige Wiederholung des kriminellen Verhaltens.

Die Erfahrung zählt

In den siebziger Jahren wagte daher der Psychologe Timothy Leary von der Harvard-Universität in den USA einen spannenden Versuch, um dem rein intellektuellen Wissen um das Gute eine entsprechende Erfahrung hinzuzufügen: er gab in gut vorbereiteten Sitzungen Häftlingen im Gefängnis psychedelische (bewusstseinserweiternd wirkende) Pilze zu essen. Die Trips bewirkten bei vielen eine unglaubliche innere Wandlung: durch die Erfahrung der Heiligkeit der Existenz und das Gefühl der tiefen Verbundenheit mit den Mitmenschen änderte sich die Sichtweise dieser Gesetzesbrecher fundamental. Wie kann ich auch einem anderen Menschen noch Leid zufügen, wenn ich eine Einheitserfahrung mache, bei der ich erkenne, dass es keinen Unterschied zwischen mir und dir gibt, dass beide eins sind? Es wäre, als ob ich mich bewusst selbst verletzte. Da Leary mit seinen Experimenten, die die Menschen für die Freiheit ihres wahren Seins öffneten, die Werte des Establishments (vor allem Machterhaltung) auf Dauer bedrohte (denn wer innerlich frei ist, hört auf, die verkrampften Spiele unserer Gesellschaft zu spielen und ist nicht mehr manipulierbar), wurde er nach einiger Zeit von der Uni geworfen, jahrelang von den Bundesbehörden verfolgt und die revolutionäre Therapie der Sträflinge wurde eingestellt.

Die Quelle freischaufeln

Für die meisten Menschen gestaltet sich der Prozess der Werteintegration allerdings in einem weniger extremen Rahmen. Es geht vor allem um Persönlichkeitsentwicklung. Das heißt, die innere Quelle dieser Werte durch verschiedene Methoden immer mehr freizuschaufeln, so dass wir die äußeren Hilfsmittel zur Wertevermittlung irgendwann nicht mehr brauchen. In einem Interview, das ich neulich mit dem Satsanglehrer Premananda führte, sagte er in diesem Sinne: „Erwachte Menschen sind völlig ohne Moral.“ Das heißt nicht, dass sie keine Werte haben, sondern einfach, dass sie die Krücken in Form von Gesetzen und Geboten, die uns helfen, miteinander einigermaßen klarzukommen, nicht mehr brauchen. Wenn sie wirklich in einem authentischen Erleuchtungszustand leben, sind sie Ausdruck unserer wahren Natur, der Liebe. Und die bringt einander nicht um oder vergewaltigt die Frau des Nachbarn (wie im Krieg im ehemaligen Jugoslawien geschehen), sondern trägt aus einem inneren, natürlichen Gefühl für den Nächsten Sorge – egal wie der andere sich verhält.

Die Projektionen beenden

Man kann unserer Gesellschaft viele Mängel vorhalten, wie eine immer größere Spaltung in Arm und Reich, eine zunehmende Verrohung oder Demontage sozialer Errungenschaften. Über den durchaus gerechtfertigten Beschwerden vergessen wir aber andererseits, Dinge zu schätzen, die uns zwar normal erscheinen, die aber keineswegs selbstverständlich sind. Wir leben in einem Land, in dem es seit 60 Jahren keinen Krieg mehr gibt. Da unser Leben nicht ständig bedroht ist, haben wir überhaupt erst Kapazitäten frei, uns bewusst um unsere Persönlichkeitsentwicklung zu kümmern. Wenn wir krank sind, hilft uns eine Versicherung, wenn wir nicht arbeiten können, trägt uns das soziale Netz, auch wenn nicht alles perfekt ist und die Maschen immer größer werden. Aber das Außen ist immer ein Spiegel der eigenen Schwingungsmuster, der Glaubenssätze und Vorstellungen, aus denen wir uns bewusst und unbewusst zusammensetzen. Wir sind diese Gesellschaft, die Gedanken und Gefühle und die damit zusammenhängenden Werte.
Die Aufdeckung unserer Projektionen („die anderen sind immer schuld“) und unbewussten Strukturen, ihre Auflösung („die anderen sind nicht schuld, ich veranstalte das Drama selbst“) und irgendwann das Erkennen unserer wahren Natur sorgt dafür, dass wir irgendwann die Krücken in die Ecke werfen können. Eine Wandlung, die das Leben fundamental transformiert und die von uns gewünschten Werte lebendig werden lässt, kann daher nicht von außen inszeniert werden, sondern nur in unserem Inneren geschehen. Wer mit sich selbst im Frieden ist, verhält sich auch friedlich zur Welt, und nur wer sich selbst liebt, kann andere lieben.

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